Jabl Williams

Zufall oder Schicksal? (3)

 
 
„Ich dachte, du gehst gar nicht gerne schwimmen?“
 
Lea
schaute ihn leicht verduzt an. Mit dieser Frage hatte sie beim besten Willen nicht gerechnet! Woher konnte er das nur wissen? Gestern Abend hatten sie sich doch zum ersten Mal gesehen und viel miteinander gesprochen, hatten sie auch nicht gerade. Oder waren sie sich schon einmal begegnet? Nein, daran würde sie sich erinnern! Oder vielleicht doch nicht? Doch, sie würde! Sie war verwirrt.
 
Er
wurde etwas unsicher, weil sie auf seine Frage nicht antwortete. Er hätte sie nicht ansprechen sollen. Sicherlich hatte er sich doch geirrt und sie war es gar nicht. Vielleicht wollte er es einfach so sehr, dass er die realen Gesichtspunkte aus den Augen verloren hatte. Doch eigentlich war er gar nicht der Typ, der seinen Träumen nachhing.
 
„Woher wissen Sie das?“, fragte sie schließlich zurück.  
 
Er
musste sie verwirrt haben. Normalerweise war sie es, die ihn konfus machte. Vielleicht sollte er ihr noch ein paar Hinweise geben.
„Du hast gestern gar nicht erwähnt, dass du hierher fährst.“
 
Er sah ihr förmlich an, wie sie in ihrem Kopf nach einer Erklärung für sein Wissen suchte.  
 
Das
konnte doch nicht sein. Wie sollte er sie denn erkannt haben? Das... nein. Wollte er sie jetzt auf den Arm nehmen? Lea wollte auf der Stelle aufhören, ihn so entgeistert anzustarren, aber es ging einfach nicht.
 
„Ich habe das Problem mit den Rahmenrichtlinien übrigens jetzt gelöst.“, versuchte er sie aus ihrer Verwirrung zu befreien.  
 
Also doch! Er... er war es tatsächlich. Lea war trotz ihrer Vorahnung sichtlich überrascht. „Was machst du denn hier?“, stieß sie noch immer etwas perplex hervor.
 
„Das sollte ich dich lieber fragen! Ich bin schließlich fast jeden Sonntag hier.“, grinste er sichtbar erfreut darüber, sie kurzzeitig in die Irre geführt zu haben.  
 
Lea
versuchte vergeblich ihren Blick von ihm abzuwenden. Es wollte ihr einfach nicht gelingen. Dieses Grinsen auf seinen Lippen... er musste es schon tausend Mal gehabt haben, wenn er sie hochgenommen hatte. Kann man nach etwas süchtig sein, was man in Natura gar nicht kennt? Ja... sie konnte. Und sein Lächeln stillte diese Sucht, die mit jeder Sekunde, in der sie ihn länger betrachtete, nur noch mehr anwuchs. Insgeheim hoffte sie, er würde nie aufhören, sie auf diese Weise anzuschauen. Denn das würde bedeuten, dass auch sie ihren Blick von ihm abwenden müsste, doch dazu war sie momentan unmöglich in der Lage. Plötzlich schoss ihr der Realitätsblitz durch den Kopf. Er war es. Er, der sie in Rage bringen konnte wie kein anderer. Er, der auch gleichzeitig der Innbegriff ihres Glücks geworden war, obwohl er sich noch nicht einmal besonders anstrengte. Ohne ihr eigenes Einwirken waren sie sich hier begegnet. Daniel hatte sie erkannt, dabei kannte er nur eine Zeichnung von ihr, an der er noch nicht einmal den Grad der künstlerischen Freiheit beurteilen konnte. Sie chatteten doch nur... er hat sie nur durch ihr Handeln erkannt. Oh Gott, war sie so auffällig? Er musste sie schon sehr gut kennen. Und sie? Sie hatte ihn nicht erkannt. Hätte ihn vermutlich nicht einmal wahrgenommen, wären sie sich nicht auf diese unsanfte Weise begegnet. Sie erschrak.  
 
Ihm
war unwohl zu Mute. Plötzlich hatte sich ihr Gesichtsausdruck schlagartig verändert. So schrecklich war er nun wirklich nicht. Ob er sie lieber wieder in Ruhe lassen sollte? Am besten er ginge einfach, als ob nichts gewesen wäre. Es war die falsche Entscheidung. Er hätte seinen Gefühlen nicht nachgeben und sie ansprechen sollen. Das kam nun davon, wenn er sentimental wurde. Er ärgerte sich, doch noch zögerte er... „Ähm, ich gehe jetzt wohl besser wieder. Ich wollte in die Sauna.“ Er ging an ihr vorbei. Das ungute Gefühl wurde stärker. Ganz klar – er bereute es. Dabei war es noch nicht einmal direkt schlecht gelaufen. Wieso mussten sie auch wieder ineinander laufen? Wieso schaffte es diese Frau immer wieder, ihn um den Verstand zu bringen? Sie brauchte noch nicht einmal etwas tun. Ihre bloße Anwesenheit reichte aus. Seine Spindschlüssel kamen ihm wieder in den Sinn. Er musste zurück. Diese dämlichen Schlüssel waren sowieso schuld an diesem ganzen Schlamassel, dennoch drehte er sich um.  
 
Wieso ging er
denn jetzt einfach weg? Dieser Mann machte sie noch wahnsinnig! Hatte sie ihn mit ihrem entsetzten Blick etwa verscheucht? Dachte er, er hätte etwas falsch gemacht? Dachte er, sie freute sich nicht ihn zu sehen? Sie wollte es unbedingt aufklären! Nein, sie konnte einfach nicht ertragen, wenn er es denken würde. Aber die Sauna... keine 10 Pferde brächten sie dort hinein. Dennoch drehte sie sich entschlossen um. Er war umgekehrt. Wieso kam Anna eigentlich immer im ungünstigsten Moment wieder? „Lea! Ich bin soweit! Es kann losgehen.“, rief sie euphorisch. Sie konnte ihn doch jetzt nicht gehen lassen. Nein, jetzt war er dran. „Ja, gleich... ich brauche noch einen Moment.“, antwortete sie etwas abwesend, doch ohne den Blick von ihm abzuwenden. Sie ging langsam auf ihn zu. Was wollte sie ihm jetzt eigentlich sagen? Was tat sie hier eigentlich?  
 
Was ist denn jetzt los?
Warum kam sie zurück – direkt auf ihn zu? Würde sie doch bloß aufhören, ihn so anzusehen. Nein, bei diesem Blick war er chancenlos. Alles könnte sie von ihm haben. Sie kam näher. Was dachte er da bloß für einen Schwachsinn? Er säuselte wie ein verliebter Teenager.  
 
Sie
stand direkt vor ihm und er sah sie wieder mit diesem Ich zerschmelze sogar Eis – Blick an. Nein, sie schmolz jetzt verdammt noch mal nicht dahin... sie begann energisch gegen ihre inneren Stimmen anzukämpfen, die sich nicht ganz einig waren, ob sie nun zerfließen sollte oder doch nicht. Sie setzte an:
 
„Ähm... ich...“ Was wollte sie eigentlich sagen? Die ‚doch-Stimme’ hatte gewonnen. Sie war gerade dabei willenlos zu werden.
 
„Du?“, hakte er nach.
 
„Ich war... äh, bin überrascht.“
 
„Das war in der Tat nicht zu übersehen.“
 
„Ich habe in keiner Weise damit gerechnet dich hier zu treffen. Und selbst wenn ich dich getroffen hätte, wäre es mir ja gar nicht aufgefallen, weil ich dich nicht erkannt hätte.“
 
„Du hast mich nicht erkannt.“, stellte er wahrheitsgemäß fest.
 
Mein Gott, was redete sie denn da für ein sinnloses Zeug?
 
„Äh, richtig. Dafür scheine ich mich ja auffällig genug verhalten zu haben.“  
 
Er grinste, verzichtete allerdings auf eine ausführlichere Antwort. Sie hasste es, wenn er sie so in der Luft schweben ließ.
„Du bist umgekehrt...?“, versuchte sie zaghaft das Gespräch fortzuführen.
 
„Jo, ich muss meine Spindschlüssel verlegt haben.“
 
„Nanu, das passiert dir doch sonst nicht.“
 
Richtig, sonst passierte ihm das nicht. Aber sonst war sie auch meilenweit entfernt.
„Hm.“
 
Wieso
war dieser Mann nicht einmal in der Lage etwas Vernünftiges zu antworten? Immer dieses „hm“, das konnte doch alles heißen... er schien genau zu wissen, wie er sie aus der Fassung bringen konnte. Sie sah auf den Boden – auf ihre Füße. Moment mal, da glänzte doch etwas. Sie bückte sich und hob den Schlüssel auf.
„Dein Schlüssel vermute ich mal.“
Mit diesem Worten reichte sie ihm den soeben noch vermissten Gegenstand.  
 
„Oh, danke. Der muss eben aus dem Handtuch gefallen sein.“, er lächelte. „Dann kann ich ja jetzt endlich in die Sauna gehen. Falls wir ausnahmsweise nicht mehr ineinander laufen heute, lesen wir uns voraussichtlich heute Abend!“
 
„Ja, bis später.“
 
Der
hatte es aber plötzlich eilig. Sie wusste nicht warum, aber dieses „endlich in die Sauna gehen“ lag ihr schwer im Magen. Jetzt ärgerte sie sich schon wieder über ihn... und das mal wieder grundlos.
 
Er
drehte sich schnell herum und verließ das Schwimmbecken in Richtung Saunalandschaft. Vermutlich hatte es wie Flucht ausgesehen, dabei wollte er das gar nicht. Naja, vielleicht doch. Sie musste ihre Begegnung vielleicht erst mal verdauen. Sowas passiert einem ja auch nicht alle Tage. Heute Abend ist etwas Zeit vergangen und dann konnte man weitersehen. Sehen... ob sie ihn überhaupt noch sehen wollte? Er zog sich aus, band sich das Handtuch um und öffnete die Glastür, durch die er die Sauna betrat. Noch einmal drehte er sich reflexartig um, obwohl dort niemand war, atmete dann tief ein und schloss die Tür leise hinter sich.
 
„Woher kanntest du den?“,
wollte Anna mit von Neugier gefüllter Stimme wissen.
„Ach, ursprünglich kennen wir uns von ICQ, aber wir haben uns gestern zufällig schon im Italiener getroffen.“
 
„Wie jetzt? Nochmal ganz langsam. Du chattest mit dem bei ICQ? Kanntest du den vorher irgendwoher?“
„Nein, nur von ICQ. Wir sind uns zuvor noch nie begegnet.“
„Oh mein Gott!“, stieß Anna ganz aufgeregt hervor. „Sowas gibt’s doch sonst nur in Filmen! Das habe ich ja noch nie erlebt!“
„Stimmt, es ist ja auch mir passiert.“, antwortete Lea augenzwinkernd.

Anna rollte mit den Augen und sprang vom Beckenrand kopfüber ins Wasser. Klasse, jetzt war Lea wieder nass. Vorhin dieser dämliche Opa und jetzt Anna. Zur Strafe erläuterte sie ihrer Freundin eindringlich, warum es verboten war, vom Beckenrand zu springen. Lea mochte Vorschriften. Sie hielt sich an die meisten auch sehr gerne, obwohl sie zugeben musste, dass ihr ihre eigenen am besten gefielen. Warum konnte sie bloß so gut Regeln aufstellen? Damit irgendeiner kam und alles durcheinander brachte... So kam ihr diese seltsame Begegnung wieder in den Sinn. Doch sie war eigentlich zum Schwimmen hier. Und da sie auf der Heimfahrt mit Sicherheit noch genug über den heutigen Tag nachdenken würde, zog sie es vor, über die Leiter in das Schwimmbecken einzusteigen. Das Wasser war kalt. Nein, die Sauna war ihr zu warm, versuchte sie ihren Gedanken entgegenzuwirken.


 
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.02.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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