„Nächste Station – Neumünster. Ausstieg nach links.“ Mein Nachbar
zündet sich eine Zigarette an. Das Nichtraucherwagon füllt sich mit
Rauchwolken. „Ich kann nie abwarten. Insbesondere die letzten Minuten
fallen mir schwer…“
Mein Blick registriert vorbei fliegende Bäume, weiße Felder und
traurig-graue Häuser. „Sie ist gestern abgereist. Ich habe sie zum
Bahnhof gebracht.“
Ich hole meine Fahrkarte raus und gucke nach, wie lange sie noch gültig
ist. Noch zwei Tage. Ich muss Geld für eine neue leihen. „Ich sehe sie
nicht mehr so oft. Sie raucht. Ihre Zigaretten sind sehr leicht. Sie
holt sie aus ihrem rotem Zigarettenetui und raucht zwei
hintereinander.“
Bei wem könnte ich eigentlich leihen? Josi? Nein, ihr schulde ich schon
zwanzig Euro. Maraike? Hatte sie nicht selber Schulden bei ihrem
Vermieter? „Unseren letzten gemeinsamen Abend haben wir beim Rauchen
verbracht. Sie wollte schon immer „die Nacht bei Kerzenschein
verbringen“. Mein Nachbar drückt die Zigarette aus. Holt ein
Taschentuch raus und putzt seine Nase. „Sie hat immer von einem neuem
Leben geredet. Jeden Tag wollte sie etwas ändern Sie hat mit einem
neuem Buch angefangen und das hat sie ins neue Land gebracht.“
Ich meine Tasche auf, hole einen Spiegel raus. Gucke mich an. Nach so
einem Wochenende benötige ich dringend Urlaub. Meine Augenringe,
blassen Lippen und rote Nase sagen deutlich, dass die vorherige Nacht
aktiv verbracht habe. „Sie hat wunderschöne lange Finger. Beim Rauchen
beobachte ich immer, wie elegant sie mit ihren rotlackierten
Fingernägeln mit der Tischdecke spielt. Sie hat rote Locken. Sie sind
bezaubernd geheimnisvoll. Und jedes Mal, nachdem sie sie gewaschen hat,
probiert sie hoffnungslos, die Locken rauszubügeln. In einer halben
Stunde sind die Locken wieder da. Aber sie macht das trotzdem wieder.
Und sie hat einen sehr langen, dünnen Hals. Sie lacht immer und
scherzt, dass sie für ihren Hals einen fünf Meter langen Schal
braucht.“
Ich muss niesen. Das ist schon das sechste Mal heute. Ich nehme ein
Bad, sonst kriege ich eine Erkältung. Was ich nicht zulassen kann. Ich
möchte morgen gesund ins Kino gehen. „Sie hatte schon immer Migräne,
musste zahllose Mengen von Aspirin schlucken. In der letzten Zeit ist
das besonders schlimm geworden. Als wir uns trafen hat sie nur müde
gelacht und erzählt, dass der Apotheker schon ein Rabatt für sie hat.
Ihre Augen… Die sind immer müde. Auch wenn sie weint, glaubt man zu
sehen, dass ihre Augen sich dagegen weigern. Sie wollen ihre Probleme
nicht mehr wahrnehmen!“
Mein Nachbar wird still. Er spielt mit einer Zigarette, vielleicht
überlegend sie anzuzünden. Ich kann Tränen in seinen Augen sehen.
Schon wieder kitzelt es in der Nase. Ich frage meinen Nachbar um ein
Taschentuch. Er holt für mich und für sich eins. Ich putze meine Nase.
Er probiert heimlich seine Tränen abzuwischen.
Die Frau von links guckt unruhig auf die Uhr. Der Zug scheint sich zu
verspäten.
Mein Nachbar atmet Luft ein um weiter zu erzählen. „Sie hat mir alles
erzählt. Sie hat auch früher alles erzähl. Ihr neues Leben, ihre neue
Liebe, ihre Wünsche, Träume, Erwartungen. Ich habe geweint. Dann musste
ich schreien. Ich habe sie noch nie angeschrieen. Aber da musste ich
das tun. Für mich oder auch für sie. Ich habe gesagt, dass sie sich nur
falsche Hoffnungen macht, dass sie sich selber anlügt, dass ihr Leben
kein Märchen ist. Und sie… Sie hat mich mit ihren müden Augen angeguckt
und melancholisch angelächelt. Und gestern musste ich sie zum Bahnhof
bringen, damit sie ein Zug in ihr neues Leben nimmt.“
Ich schaue meine Schuhe an. Die muss ich mal waschen. Der Stoff ist
sehr veraltet. Am Wochenende gehe ich arbeiten, dann könnte ich für
mich neue kaufen. Schade nur, das die Größe von den Schuhen, die ich
mag, ausverkauft ist.
Ich sehe meinen Nachbarn an. Redet er mit mir? Sein Blick richtet sich
in die Leere. Er putzt wieder seine Nase und schaut mir in die Augen.
Ein leerer kalter Blick. Seine Stimme klingt abwesend:
„Sie hat krebs. Meine Mutter kann nicht länger als für ein Jahr
planen.“
Er zündet eine Zigarette an. Macht paar Züge Vielleicht wartend auf meine Reaktion. Guckt mich ein letztes Mal an und geht.
Ich mache das Fenster zu. Es zieht. Ich krieg noch eine Erkältung.
Irgendwo in der Nähe geht die Ansage an: „Neumünster. Dieser Zug endet hier.“
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Anna Pikart).
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.02.2007.
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