Bruno Rosetti

Rosaly

Es war in den Semesterferien Sommer 1985, Nachtwachen ausgebucht, die Studentenbörse schon
abgegrast, da sah ich in der Zeitung die Anzeige: >> Patenschaft für alleinstehende Senioren gesucht<<,
von der Caritas wars wohl, ich weiss nicht mehr genau, und...Aufwandsentschädigung...stand noch dabei.
Am vorgesehenen Termin war ich da , zu spät, wie so oft, die Einführungsrede des Verantwortlichen schon fast vorbei, im Raum vielleicht 50 Personen , im Halbkreis stehend.
An einem langen Holztisch die Senioren, silbergrau bis kahl, Gesichter wie zusammengeknüllte Zeitungen,
hoffnungsvoll lebendig , auch stumpf und leer, Männlein und Weiblein bunt gemischt, sicherlich niemand diesseits der 70, möglicherweise einige schon jenseits der 90, um den Hals Schilder mit fortlaufenden Nummern.
Der dicke Caritastyp sprach gerade noch von der sozialen Verantwortlichkeit eines jeden Einzelnen, der Wichtigkeit eines funktionierenden Gemeinwesens...blablabla...und der Aufwandsentschädigungspauschale von 50 DM für jeden Besuch! bei den Alten zu Hause, denn jeder dieser Senioren hatte noch einen eigenen Haushalt und durch die „Patenschaft“ wird das auch noch ein Weilchen so bleiben und die Kosten für einen Aufenthalt im Altenheim werden eingespart.
Vielleicht war es so, vielleicht auch nicht, mir war es egal, für 50 Mäuse/Besuch wollte ich versuchen, einen der Grufties abzubekommen, so was kann man auch während des Semesters weitertreiben, netter Nebenverdienst ...so dachte ich, damals...
Die Zuteilung der „Partner“ erfolgte per Losverfahren, ich zog eine hohe Nummer, sah den Silberrücken, der mich freundlich anlächelte, wollte ihn schon ansprechen...da tauchte sie auf. Sie sass neben dem Silberrücken,
verdeckt durch ihn, klein und zierlich, die Haare dunkel, an den Ansätzen weiss, das Gesicht seltsam glatt und die Augen,...die Augen, schwarz wie Kohle.
Sie starrte mich an, dieser ersten Blick, unvergesslich ...und :“ Ja, du bist es...“ , stand auf, nahm meine Hand und wir gingen.
Sie wohnte in einer Hochhausschlucht auf halber Höhe irgendwo auf dem Fasanenhof in einem 2 Zimmer Appartement. Ich fuhr sie mit meinem klapprigen Fiesta und wollte eigentlich gleich wieder gehen, aber sie
bestand drauf, dass ich noch kurz mit in die Wohnung komme.
Hell eingerichtet, Furnier, nicht übermässig teuer, aber geschmackvoll, auf einem kleinen Beistelltisch ein Samowar, der einzige ältere Einrichtungsgegenstand, den ich erkenne.
Sie fragte, was ich trinke, hatte doch tatsächlich Bier im Kühlschrank, und nahm selbst Mineralwasser.
Ich sagte „Sie“ zu ihr und Frau Szby.... irgendein wildes Konsonantengemisch bildete ihren Nachnamen, ...“Nenn mich Rosaly....was machen wir morgen?...
Am nächsten Tag holte ich sie gegen 9 Uhr ab, sie hatte sich hübsch gemacht, geschminkt, nicht zuviel, gerade so, dass es nicht wie eine Maske wirkte aber doch etwas Alter verbarg. Sie trug einen Hosenanzug, ich dachte automatisch an Krampfadern und eine dunkel getönte Brille.
Es war Sommer, wir fuhren auf den Killesberg, einen Höhenpark, nicht so weit, dachte ich , wollte mich gegen Mittag absetzen, ins Inselbad und dann abends mit den anderen zu „Onkel Otto“ in die Weinberge.
Rosaly erzählte aus ihrem Leben...wir schlenderten durch den grossangelegten Park und Rosaly erzählte, wir assen zu Mittag im Höhenrestaurant, spazierten, setzten uns auf Parkbänke, später ins Cafe, es wurde Abend und Rosaly hörte nicht auf zu erzählen und ich vergass alles, konnte nicht aufhören zu zuhören...
Sie war in einem Zirkus aufgewachsen, vor dem 1. Weltkrieg, der durch die ehem.kuk Monarchie zog, ihre Mutter, Drahtseilartistin, starb nach einem Sturz als Rosaly gerade 3 Jahre alt war ihren Vater hat sie nie gekannt, angeblich ein Feuer schluckender Zigeuner, der mit der Zirkuskassiererin durchgebrannt sei, so hänselten sie auf jeden Fall die anderen Kinder. Auch Rosaly wurde zur Artistin ausgebildet und blieb im Zirkus bis zum Krieg, danach wurde der Zirkus aufgelöst, Rosaly ging nach Berlin arbeitete im Variete musste dann vor den Nazis fliehen, weil die Augen zu schwarz und ihre Vergangenheit zu undurchsichtig war,
wanderte über die Schweiz in die USA aus, schlug sich im Baugewerbe durch, war Dank ihrer Schwindelfreiheit beim Bau etlicher Wolkenkratzer beteiligt, dann nach dem Krieg Rückkehr nach Deutschland, Lehre als Buchhalterin, in mehreren Firmen gearbeitet, Abendgymnasium, Abitur, danach Soziologiestudium angefangen, SDS, mit der RAF in Verbindung gebracht(...die verlorene Ehre der Katharina Blum), kurz im Untergrund, gut aus der Sache rausgekommen...Rosaly erzählte mit einer weichen, warmen Stimme, die süchtig machte, mit einer Fülle von Anekdoten zu den einzelnen Lebensabschnitten, ein Buch darüber zu schreiben hätte nicht gereicht.
Doch eins fehlte in ihrem Leben, es kam keine Liebesgeschichte darin vor, keine Männer oder auch Frauen, die ihr nahe standen.
Ich getraute mich nicht danach zu fragen.
Es war schon Nacht, als ich sie nach hause brachte, sie wirkte müde und abgespannt und ich verliess sie an der Wohnungstür mit einer Verabredung für den nächsten Tag.

Es folgten Wochen, an denen wir uns jeden Tag sahen, Ausflüge unternahmen, die Alb, Reutlingen, Tübingen, sie erzählte, wusste über so viele Dinge Bescheid, faszinierte mich von Tag zu Tag mehr, ich vernachlässigte meine anderen sozialen Kontakte, sie blühte auf, wir gingen abends aus, sie brachte mir Standarttänze bei, ich schleppte sie in ein paar Rockschuppen...ausserhalb der Stadt, ich wollte nicht erkannt werden, irgendwie war es mir peinlich...ihr gefiel besonders Bob Seger and The Silver Bullit Band „Hollywood Nights“, beinahe sei sie selber Schauspielerin geworden, damals,...in den USA, ich glaube es ihr sofort. Ich hatte den Eindruck, sie wird jünger, von Tag zu Tag, ein frischeres Gesicht, weniger Falten.
Dann, eines abends, so nach 4 Wochen rief sie mich zu hause an. Ich wunderte mich, waren wir doch den ganzen Tag zusammengewesen und für den nächsten Tag morgens verabredet.
„Komm morgen erst gegen abend, Rob, so gegen 20 Uhr und...zieh was nettes an, nicht eben so ein weisses T-shirt, das du gerade trägst“.
Ich hatte gerade geduscht, was frisches angezogen, w:oher konnte sie wissen, was ich anhabe?
Mein verwirrtes: „ja, wie du meinst“ und schon hatte sie aufgelegt.
Am nächsten Abend, Punkt 20 Uhr, stand ich in sauberen Jeans, weissem Hemd und einziger Krawatte vor Rosalys Tür und klingelte.
Sie sah so schön aus wie noch nie.
Die Haare, frischgefärbt, tiefschwarz bis zum Ansatz ,fallen locker duftig auf ihre zerbrechlichen Schultern, eingehüllt in ein weisses Seidenkleid, so jung wie noch nie begrüsst sie mich.
Der Tisch ist festlich gedeckt, Kerzen, die zitternde Schatten an die Wand werfen.
Sie nimmt meine Hand, führt mich zum Tisch, meine Krawatte streift eine Kerze, fängt beinahe Feuer, wir setzen uns.
Rosaly hat ein köstliches Mahl vorbereitet, Fleisch, so zart, dass es auf der Zunge schmilzt, dazu allerlei Gemüse und andere Beilagen, bei Gott, Büchsenkost gewöhnt weiss ich nicht mehr, was es alles war, aber ich hatte bis dahin in meinem Leben noch nie so gut gegessen.
Dazu gab es Rotwein, der sanft in die Nase stieg und ab der zweiten Flasche ein wohliges Feuer im Bauch entzündete.
Nach dem Essen setzen wir uns aufs Sofa.
„Ich habe dir viel aus meinem Leben erzählt, aber nicht alles. Als ich damals, kurz vor dem 1. Weltkrieg im Zirkus arbeitet lernte ich während eines Auftrittes in Wien einen Mann kennen,Albert, er war Schriftsteller, wollte über das Zirkusleben schreiben, so kamen wir ins Gespräch.
Wir mussten uns wiedertreffen, aber die Umstände waren gegen uns, wir schrieben uns zwar, sahen uns aber erst Monate später wieder.
Wir liebten uns, das wussten wir vom ersten Augenblick an, doch es gab keine Erfüllung, wir hatten kein Geld, er wartete auf die Zusage eines Verlages, sein Buch herauszubringen.
Ein paar Tage später bekam ich ein Telegramm von ihm, sein Buch sei angenommen, wir waren glücklich, wir wollten so schnell als möglich heiraten.
Einen Tag später fielen die Schüsse in Sarajewo, der Krieg brach aus und er wurde gleich zum Militär eingezogen.
Wir trafen uns nicht mehr, aber ich habe ihn nochmal gesehen.“

Ich war etwas ratlos, warum erzählte mir Rosaly das, gerade jetzt. Sie schaute mich an, mit ihren schönen schwarzen Augen, in denen kleine Funken glommen und lächelte.

„ Ich stamme von Zigeunern ab, vermutlich, und bei den Zigeunern ist es bekannt, das zweite Gesicht, das Fenster der Liebe. Es heisst, wenn sich 2 Menschen wirklich lieben, dann können sie sich sehen, egal w:o sie sind, können in Gedanken und Träumen miteinander sprechen und füreinander da sein.
Ich habe Albert wieder gesehen, 2 Wochen, nachdem er nach Frankreich an die Front ging.
Er stand eines nachts an meinem Bett, lehmverschmiert, blutüberströmt.
Ich hatte seltsamerweise keine Angst, empfand aber eine tiefe Trauer, denn ich wusste, dass er tot war.
Er sprach zu mir, sagte, dass er nicht wiederkommen könnte, lange Zeit nicht, aber dass wir zusammengehörten für immer. Eines Tages hätten wir unsere Nacht, er würde zurückkehren und dann wären wir für immer zusammen.“
Rosaly steht auf, sieht mich mit einem Blick an, der mich ins Herz trifft und geht Richtung Schlafzimmer.
Unter der Tür dreht sie sich um:“ Kommst Du, Albert...?“
Diese Nacht bin ich nicht nach hause gefahren.
 
2 Tage später war Rosaly tot.
Die Putzfrau fand sie auf ihrem Bett , eingewickelt in weisse Nylongardinen, die Hände vor der Brust gefaltet.
Rosaly wurde 87 Jahre alt.
Ich ging nicht zur Beerdigung, denn was soll die ganze Trauer, wenn sie jetzt glücklich ist.

Ein Jahr später legte ich mein 3. Staatsexamen ab.



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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.02.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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