Marina Braun

Chatterus domesticus

 
(Die in Latein bewanderten Leser und Leserinnen mögen bitte über die Fehler in der folgenden Kolumne hinweg sehen)
Der Chatterus domesticus (gezämter Chatter) ist ein recht possierliches und harmloses Internet - Tierchen und treibt sich mit Vorliebe in mehreren Chats gleichzeitig herum. Er ist vorwiegend tagsüber anzutreffen. Erst am Abend widmet er sich seiner Familie.
Der Chatterus domesticus bevorzugt für sich am liebsten die einfache Bezeichnung „Chatter“, während sein größter natürlicher Feind, der Chatterus Pottsauus (Internet-Pottsau) die Bezeichnung „User“ für sich in Anspruch nimmt.
Chattera domestica (die Weibchen Form des Chatterus domesticus) gehört zu der Spezies „Sekundäre Ovabetüdeler“ (vernachlässigte Eierbetreuung), denn zwischen chatten, realer Hausarbeit, realer Kinderbetreuung und dem Zumüllen aller vorhandenen Internet-Haushaltsforen mit ihren gut gemeinten Ratschlägen und Kochrezepten bleibt ihr kaum noch Zeit, sich um die Probleme ihrer Nachkommenschaft zu kümmern.
Allerdings präsentiert sich Chattera domestica im Internet immer und zu jeder Gelegenheit als Mater omnipotenta (allmächtige Mutter), ungeachtet dessen, dass während ihres Chattens das Essen (in der realen Küche) anbrennt, sich die Schmutzwäsche schon bis zur Decke stapelt, ihr Mann sie schon seit Monaten verlassen hat, weil sie die Chattersprache real übernommen hat (lol, mom. away, rofl) und sie am liebsten die Türschlösser austauschen will, solange ihre Kinder noch in der Schule sind.
Der Chatterus domesticus ist ständig den Machtkämpfen des Chatterus pottsauus, sowie der Geduld des Chatterus omnipotentus (auch Forenbetreiber genannt) ausgeliefert, denn erst Genannter gehört zur Kategorie der Intelligenzbesserwisserklugscheißer (die eifrigen Kolumnenleser unter Ihnen können mir geistig folgen) und zweit Genannter hat die Macht, sämtliche mit Blut und Schweiß aus anderen Foren kopierte Einträge des Chatterus domesticus mittels „alles markieren“ und „entfernen“ zunichte zu machen.
Der Chatterus domesticus ist außerdem ein fleißiger Hausbauer. Zuerst beschränkt er sich dabei auf den Bau eines einzigen Heimes, das er liebevoll „Home“ nennt und stellt sein Home auf eine „Page“. Voller Stolz präsentiert er seine „Homepage“ im Internet und verlinkt deren Adresse auf jede Nickpage seiner zahlreichen Comeunityzugehörigkeiten.
Seine Homepage wird von Tausenden von blinkenden Lichtlein illuminiert, beziehungsweise angestrahlt. Der Hintergrund besteht aus entweder riesigen Blumen (wie sie meine Großmutter vor ca. 50 Jahren auf ihren Kleidern zu tragen pflegte), gif.-animierte, winkende oder hüpfende Teddybärchen oder sonstigen Tüdelkram oder aber er hat einen pechschwarzen Hintergrund, (mit nur wenigen blinkenden Sternchen) auf dem in dunkelblauer Schrift die Einzelheiten seines geistigen Unvermögens aufgeführt sind. Bei letzterem Verbrechen kann man den Text nur lesen, wenn er markiert ist.
Natürlich besitzt der Chatterus domesticus auf seiner Homepage auch ein eigenes Haushaltsforum, aus dem er allerdings akribisch alle unliebsamen Beiträge der anderen entfernt, mit denen er selbst jeden Forumsbetreiber zur Verzweiflung bringt. Er hat schließlich die Macht!
Ist der Bau des ersten Heimes abgeschlossen, beginnt der eifrige Bau weiterer Doppelhaushälften für seinen Nachwuchs. Angetrieben von folgendem Dialog im Chat: „Ich bin schwanger.“ - „Geil! Mach doch schon mal ne Homepage für dein Kind.“ begibt sich Chatterus domesticus auf die Suche nach weiteren HTML vorgefertigten Bauwerkzeugen, um eine noch scheußlichere Homepage erstellen zu können.
Wie Eingangs erwähnt, ist Chatterus pottsauus der größte Feind des Chatterus domesticus. Er macht sich einen persönlichen Spaß daraus, die Unzulänglichkeiten des Chatterus domesticus bloß zu stellen, knackt dessen Internetzugang mittels dafür eigens erstellter Programme und präsentiert der Internet - Öffentlichkeit alle intimen Daten. (inklusive Chatlogs mit einem virtuellen Liebhaber, zu dem sich der Chatterus domesticus in einem schwachen Moment gutmütiger weise hingezogen fühlte)
Spätestens nach dieser Blamage löscht Chatterus domesticus seinen „Nickname“, um sich ganze 7 Sekunden später wieder mit einem ähnlich klingendem Namen in besagter Community anzumelden. So erhält „SchwarzeRose“ (nur als Beispiel genannt) im Laufe der Zeit alle möglichen Farben und „Mutter“ wechselt ihren Namen in Mommy, Mom, Madre, Mami, Mutti oder auch Oberglucke.
Chatterus domesticus hat ein riesiges Mitteilungsbedürfnis und meldet jede seiner Aktivitäten schriftlich an.
C-D hat sich abgemeldet (Klo)
C-D hat sich abgemeldet (duschen)
C-D hat sich abgemeldet (Brot backen)
C-D hat sich abgemeldet (Suppe streng beobachten)
C-D hat sich abgemeldet (... und aus einer tiefen weiten Höhle erklingt ein schauriges: „Mama, ich muss mal“
Chatterus pottsauus (User) dagegen protzt mit Abmeldungen wie:
C-P hat sich abgemeldet (5. Rechner neu konfigurieren)
C-P hat sich abgemeldet (MP3-Player installieren)
C-P hat sich abgemeldet (Pics downloaden)
Wen zum Teufel interessiert es, warum sich ein Chatter abmeldet? Ein einfaches „afk“ (away from Keyboard) tut es auch.
Nein! In diesem einem Punkt sind sich Chatterus domesticus, sowie Chatterus pottsauus einig. Jeder Internet-Fuzzi hat ein Recht darauf zu erfahren, warum sich „BlackRose“ oder „Filewalker“ abgemeldet haben. Schließlich ist die Funktion der Abmeldung nicht nur als solche anzusehen, sondern auch als einer weiteren Quelle von Information, die die Welt nicht braucht.
In der freien Internet-Wildnis meidet der Chatterus domesticus den Lebensbereich des Chatterus pottsauus, obwohl er ihn heimlich bewundert. Gerne hätte er seine Macht und Stärke.
Allerdings gibt es zwei Ausnahmen, in denen er die Hilfe des Chatterus pottsauus erfleht und auch in Anspruch nimmt.
1. Chatterus domesticus hat ein technisches Problem mit seinem Computer oder Internetzugang und kein Geld für einen Techniker.
2. Ein Chatterus intrigus (extrem fieser Chatter) oder ein Chatterus flavus (Blondtussi) taucht im Chat auf und bringt den natürlichen Lebensweg aller Chatter durcheinander.
In diesen beiden Fällen gibt es eine außergewöhnliche Verbrüderung der beiden Todfeinde. Allerdings hält diese Symbiose nur solange an, bis die Probleme gelöst sind.
Sie fragen sich, warum Chatterus pottsauus Chatterus domesticus bei einem Computerproblem behilflich ist? Ganz einfach. Auch der Chatterus pottsauus hat ein natürliches Geltungsbedürfnis und nimmt von daher jede Gelegenheit wahr, sich im Internet profilieren zu können.
Was Punkt 2 anbetrifft, so wissen beide, Chatterus domesticus, sowie auch Chatterus pottsauus, dass ein Chatterus flavus mit nur wenigen Sätzen im Chat soviel Unruhe stiften kann, dass dem bedauernswerten Chatterus omnipotentus schlussendlich nichts anderes übrig bleibt, als seinen Chat zu schließen. Und wo sollten sich dann Chatter und User weiterhin bekriegen können?
Bleibt zum Schluss allen Chattern zu wünschen übrig, dass sie die Raffinesse des Chatterus flavus besitzen, die Kenntnisse des Chatterus pottsauus, aber die Gutmütigkeit des Chatterus domesticus.
In diesem Sinne: chattet und vermehret euch.
 
Copyright by Maina Braun. Nachdruck und Vervielfältigung bedürfen meiner schriftlichen Genehmigung.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.02.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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