Ingrid Grote

EIN BESUCH IM ZOO

Gar nicht übel, das Buch! Parallelwelten, und in der anderen Welt sind Affen die vorherrschende Spezies...
Als Max kurz aufblickt, kommt ihm die ganze Gegend ziemlich unbekannt vor. Das beunruhigt ihn aber nicht besonders, manchmal hat er in der S-Bahn geistige Aussetzer, muss sich erst zurechtfinden, und nach ein paar Sekunden erscheinen dann bekanntere wenn auch nicht vertrautere Bilder. Also macht er sich keine Sorgen, sondern schaut sich ein wenig in der S-Bahn um.

Die beiden Typen sitzen eng aneinandergeschmiegt. An was erinnern sie ihn? Tatsächlich, die sehen aus wie Schimpansen. Die platten Nasen, dieser idiotische Mittelscheitel, die schmalen breiten Lippen und die kurzen Beine... Ha! Diese beiden Gestalten haben doch nie im Leben ein Erste Klasse-Ticket! Seltsam, dass kein Kontrolleur in Sicht ist, aber das ist ja normal, immer wenn irgendwelche Arschlöcher sich in der ersten Klasse niederlassen haben, dann kommt garantiert kein Kontrolleur vorbei. Typisch, denkt Max, während er weiter unauffällig die beiden affenartigen Typen mustert. Zu allem Überfluss essen beide Bananen!

Max muss grinsen. Er spinnt den Faden weiter: Die sind bestimmt aus dem Zoo ausgebüchst, haben sich irgendwo Klamotten besorgt und fahren aus Spaß mit der S-Bahn herum. Es gibt schon Typen... Mittlerweile ist er überaus fasziniert von den beiden Schimpansen, und er muss sich bremsen, sie nicht offenkundig anzustarren. Plötzlich sieht er aus den Augenwinkeln, wie der eine dem anderen in das glänzend schwarze Kopfhaar greift, dort schnell irgend etwas herausfischt und es sich dann seinen breiten Affenmund steckt.

Max muss ein wenig würgen. Was zum Teufel treiben die da? Es sieht fast aus, als würden die sich gegenseitig Läuse aus den Haaren sammeln und dann auffressen - wie damals bei Tante und Onkel. Max kann sich erinnern, dass seine Tante auch schon mal in den Bart des Onkels gegriffen hat, einen Krümel herausfischte und dann... igittigitt! Er will nicht daran denken.

Angeekelt wendet er den Blick ab und beschaut sich die anderen Gestalten. Ein seltsam aussehendes Subjekt steht vor sich hinstierend an der Tür. Wieder muss er grinsen. Das sieht wirklich aus wie eine Ziege! Dieser lange Schädel mit der flachen Stirn, die übergangslos in die breite Nase übergeht, diese kleinen Augen, diese schlappigen Ohren, und zu allem Überfluss trägt der Typ auch noch einen dieser so genannten Hippenbärte, diese Teile, die aussehen, als wären sie aus Schamhaaren gewachsen. Oh mein Gott, denkt Max belustigt und schaut sich den Rest der “Ziege“ auch noch an. Ihre Figur ist ziemlich gedrungen, ihre in schwarzen Hosen steckenden Beine sehen recht kurz aus - fast hat er erwartet einen zierlich gespaltenen Huf zu sehen, oder wie nennt man das bei Ziegen, aber nein, die „Ziege“ trägt Stiefelchen in einer anscheinend winzigen Größe...

Noch mal oh mein Gott! Max muss sich beherrschen, um nicht laut loszulachen. Und das alles in der Ersten Klasse! Er ist doch in der Ersten Klasse? Max wirft einen Blick auf die Schrift am Ende das Waggons, klar doch, es ist die Erste Klasse - nur bei näherem Hinsehen sieht die Eins aus wie eine Banane. Nun denn, diese neuen S-Bahnen sind manchmal absonderlich gestaltet. Er hat sich schon beim Einsteigen gewundert, denn die ganz S-Bahn schien höher gelegt zu sein, es gab keine Stufen sondern eine Art Rampe, die ausgefahren wurde. Na ja, es ändert sich laufend was, und das ist bestimmt so eine behindertengerechte Sache.

Trotzdem seltsam alles. Zur Linken gibt es keine normalen Sitzbänke, sondern eine Art Grube. Wofür soll die wohl gut sein? Für Fahrräder? An der hinteren Tür steht eine Frau, die einwandfrei wie eine Kuh aussieht, und neben ihr, die mit dem langen Hals, die hat große Ähnlichkeit mit einer Giraffe. Auf der anderen Seite entdeckt er einen Typen, der mit seinem fetten Arsch aussieht wie ein Nilpferd. Vielleicht sollte der sich in die Grube begeben, der passt bestimmt auf keinen normalen Sitz! Max verzieht das Gesicht, weil er nicht laut herausprusten will. Und hinter dem Nilpferd sieht er eine überaus hübsche Frau mit großen mandelförmigen weit auseinanderstehenden Augen, leider hat sie eine Hasenscharte, die ihre Schönheit aber merkwürdigerweise noch erhöht. So viele tierartige Typen hat Max noch nie gesehen.

Mittlerweile ist Max hellwach und leistet sich einen Blick auf die vorüberziehende Landschaft. Aber was er da sieht, kennt er nicht, so oft er auch weg und wieder hinschaut, es ist alles fremd. Was er da sieht, ist falsch. Hat er aus Versehen am Bahnhof die falsche S-Bahn genommen? Es kommt vor, dass die Anzeigen nicht richtig funktionieren, man steigt in einen fremden Zug und ist auf einmal wer weiß wo. Kann durchaus passieren und war ihm schon öfter passiert.

Aber trotzdem - er ist es gewohnt, durch großstädtische Umgebung zu fahren, manchmal kommen zwar ein paar ländliche Bezirke vor, aber im großen und ganzen ist alles gut besiedelt und vermischt mit Gewerbe- oder Einkaufszentren, aber das was er jetzt sieht, ist nichts dergleichen. Die Landschaft gleicht einer Savanne, sie ist mit Bäumen und Buschwerk bewachsen, Häuser sind kaum zu sehen.

Wann kommt endlich die nächste Haltestelle? Er will raus hier! Er will die nächste S-Bahn zurück nehmen, denn allmählich wird die Zeit knapp. Er wird zu spät ins Büro kommen, das wäre schlecht, denn er hat schon ein paar Abmahnungen wegen Zuspätkommens bekommen. Also, warum hält die verdammt S-Bahn nicht an? Sonst ist doch alle paar Meter eine Station! Aber nein, diese verflixte S-Bahn fährt und fährt und hält einfach nicht an!

Oh, da ist der Zoo! Den Zoo kennt er, das ist der Zoo, aus dem die Schimpansen ausgebüchst sind, und jetzt fahren sie zurück. Quatsch, die Idiotie dieses Gedankens kommt ihm voll zu Bewusstsein. Trotzdem kennt er diesen Zoo, aber der Zug fährt so schnell an ihm vorbei, dass er keine Details erkennen kann, trotzdem bildet er sich ein, er hätte in den Käfigen des Zoos menschliche Wesen gesehen. Absurd, das alles. Natürlich, er hat zuviel Science Fiktion gelesen! Das Buch handelt ja auch von Affen, die in einer Parallelwelt lebten und irgendwie einen Zugang zur Menschenwelt gefunden haben. Nein falsch, nicht die Affen haben den Zugang gefunden, sondern die Menschen... Aber verdammt noch mal, warum hält die S-Bahn nicht an? Max kneift sich heftig in den linken Arm, um aufzuwachen, denn anscheinend träumt er gerade einen Alptraum – aber er kann sich noch so kneifen, die Szenerie verändert sich nicht.

Da ist ein Schlachthof. Die S-Bahn fährt schnell daran vorbei, Max kennt diesen Schlachthof nicht, und meine Güte, Schlachthöfe sollen nicht in der Öffentlichkeit zu sehen sein. Das ist peinlich und verursacht bei sensiblen Menschen ein blödes Gefühl in der Magengegend, denn dieses Blöken, diese Schreie, sie könnten genauso gut von menschlichen Wesen stammen...

Max versucht vergeblich, die unbekannte Landschaft zu fixieren, die sich während der endlosen Fahrt vor ihm abrollt, aber es gelingt ihm einfach nicht. Er kennt nichts davon, und das ist eigentlich ungeheuerlich.
Plötzlich bemerkt er aus den Augenwinkeln, dass die beiden Schimpansen aufstehen und sich ihm nähern. Auch der Ziegenartige kommt auf ihn zu - und sogar das fette Nilpferd wälzt sich bedrohlich näher.

„Er ist wohl ausgebüchst!“ sagt das Nilpferd mit grunzender Stimme, während sich alle vor ihm aufstellen wie... Polizisten, die einen Ausbrecher suchen?

Manchmal hat Max tatsächlich Geistesblitze. Kann es wirklich wahr sein, das mit den Parallelwelten?
Zur Sicherheit sendet er ein geistiges Schnellstoßgebet an irgendeine gerade diensthabende Gottheit:

Hilfe, lieber Gott! Lass mich wenigstens in den Zoo kommen!

 

ENDE?

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.02.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Dieses Buch ist ein Teil meines Lebens, das ich schrieb, als ich gerade mein zweites Kind verloren hatte. Bis dahin war mir unbegreiflich, warum es gerade immer mich traf, dieses viele Pech und Unglück. Mir alles von der Seele zu schreiben, war eine große Erleichterung für mich, zu vergleichen mit einer Therapie. Es half mir einfach . In dem Moment , als ich alles Erlebte niederschrieb, durchlebte ich zwar alles noch einmal und es schmerzte, doch ich hatte mir alles von der Seele geschrieben und fühlte mich erleichtert. Genau dieses Gefühl, möchte ich an Leser heranbringen, die auch vom Pech verfolgt sind, damit sie sehen, das es trotzdem doch immer weiter geht im Leben. Ebenso möchte ich es an Menschen heranbringen, die nicht soviel Pech im Leben hatten, aber sich gar nicht mit anderen Sorgen von Fremden belasten wollen. Und wenn es nur ein einfaches Gespräch oder ein guter Rat ist, das hilft schon sehr viel.

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