Günter Kienzle

Die größte Reise unseres Lebens (Kapitel 3)

Kapitel 3

Jürgen

Anschließend warf Jürgen noch einen Blick in die Küche. Sie war zwar klein, für seine Ansprüche aber völlig ausreichend.

Die Vermieterin, eine kleine, korpulente Frau zeigte auf den Schrank. >>Es ist alles vorhanden, da sind die Töpfe, Pfannen und Geschirr drin!<<

>>Alles sehr schön!<< ,stellte Jürgen zufrieden fest.

>>Für wie lange brauchen sie die Wohnung?<< ,erkundigte sich die Frau, während sie die Schlüssel aus ihrer Küchenschürze zog.

Er begann zu überlegen. >>Ich denke, ungefähr drei Monate, da wird mein neues Buch dann wohl fertig sein.<<

>>Oh, sie sind Schriftsteller!<< ,stellte sie erstaunt fest und bohrte sogleich weiter. >>Was schreiben sie denn?<<

>>Ich lege mich nie so genau fest. Zu Zeit bin ich auf der Suche nach einem neuen Thema, über das ich schreiben könnte. Deswegen bin ich extra Moskau gekommen, um mich hier etwas inspirieren zu lassen.<<

>>Ich bin sicher, hier werden sie genug Themen finden<< ,erwiderte sie.

Als sie weg war, fiel sein Blick auf den Koffer. Er musste ja auspacken! Sein wichtigstes Arbeitsgerät, ein Notebook, lag gleich an oberster Stelle. Darunter alles was man für einen längeren Aufenthalt in einem fremden Land braucht oder nicht braucht. Drei Tage war er mit dem Zug unterwegs gewesen. Die letzte Nacht verbrachte er in einem Hotel. Da dies aber auf Dauer zu teuer würde, mietete er sich nun diese kleine, möblierte Wohnung an. Zehn Minuten später war alles verstaut und er klappte das Notebook auf und schaltete es ein. Während der Rechner hochfuhr kam er ins grübeln. Sein letztes Buch war nun ein Jahr her und das Geld ging langsam zur Neige. Schreiben konnte er noch, die Frage stellte sich nur was ? Ihm kamen einfach keine guten Einfälle mehr. Bei jedem Autor gab es solche Phasen, allerdings dauerte seine nun schon zu lange. Das Textverarbeitungsprogramm war gestartet. Im Zehnfingersystem tippte er ein: KAPITEL 1. Zwanzig Minuten später standen auch viel nicht auf dem Bildschirm. Jürgen gab es auf und schaltete ab. Er würde jetzt erstmal in ein Cafe gehen. Vielleicht kam ihm ja da ein Einfall was man schreiben könnte. Man kann nie wissen, wie er immer zu sagen pflegte. Schnell erhob er sich, packte seinen Mantel und öffnete die Tür.

Draußen wehte ihm eine kalte Brise entgegen. Da wird was kommen, dachte er sich. Bestimmt würde es heute schneien, im Wetterbericht war jedenfalls die Rede davon. Ein alte Mann mit Handwagen, auf welchem sich zwei vollbepackte Einkaufstüten befanden, kam ihm entgegen. Jürgen fragte ihn freundlich nach dem nächstgelegenen Cafe.

„Gleich um die Ecke !" ,entgegnete dieser und lief mit seinem Handwagen weiter.

Er hörte nicht einmal mehr Jürgens Danke. Die Leute hier schienen es sehr eilig zu haben. Aber das war ja überall so, keiner hatte mehr für den andern Zeit, was Jürgen sehr traurig fand. Trotz den Mantels fror er. Er wollte sich beeilen und im Cafe etwas warmes zu sich zu nehmen, das würde ihm bei dieser verdammten Kälte gut tun.

Eigentlich wollte Alexander zu Mc Donalds gehen, entschied sich dann jedoch anders. Nun saß er in einem kleinen Cafe, ganz alleine an einem Tisch und gönnte sich den Luxus eines Stücks Sahnetorte und eines warmen Tees. Ja, für ihn war selbst das schon ein Luxus. Für andere war das etwas ganz selbstverständliches.

So rechte Freude wollte bei ihm allerdings nicht aufkommen Andrej war tot und er war traurig darüber. Er konnte diesen wunderschönen Mittag, den sie gehabt hatten, nicht vergessen. Eine halbe Stunde ist er weinend durch die Straßen gelaufen. Einige Passanten haben ihm dumm nachgeschaut. Einer fragte was los sei, er beachtete ihn gar nicht und lief einfach weiter. Nun brauchte er Ablenkung. Zudem wollte er auch nicht alleine sein. Hier waren wenigstens Menschen, wenn auch keiner dieser Leute mit ihm sprach. Er schaute sich um, ob niemand seine Trauer bemerken würde. Weiter vorne saß eine blondhaarige, junge Frau und schlürfte an einer Tasse Kaffee. Weiter hinten, zwei ältere Männer, welche sich eifrig unterhielten. Sicher laberten sie über frühere Zeiten, wo alles besser gewesen war. Über die Zeiten des Kommunismus, als für alles gesorgt war. Heute musste jeder für sich selbst sorgen und nicht wenige blieben dabei auf der Strecke. Zu dieser Gruppe zählte sich Alexander ebenfalls. Keiner bemerkte also was an ihm, alle waren mit sich beschäftigt, jetzt war ein wenig beruhigter.

Ein weiterer Mann, mittleren Alters, betrat das Cafe. Bekleidet mit einem feinen Anzug und in der rechten Hand einen Aktenkoffer. Sicher ein Geschäftsmann, dachte sich Alexander. Dieser nahm gegenüber der Blondine Platz. Das war ja klar und er konnte darüber nun sogar ein klein wenig schmunzeln. Er selbst bevorzugte den Platz am Eingang, so konnte er aus dem großen Fenster schauen. Die große Scheibe reichte immerhin vom Boden bis hin zur Decke. Das Cafe gab es noch nicht lange, früher war hier ein Schuhladen untergebracht. Mit der Torte ließ er sich Zeit, denn draußen war es kalt und hier drinnen warm und gemütlich. Zudem wollte bei ihm, wegen Andrejs Tod, kein rechter Appetit aufkommen.

Sein Blick glitt wieder zum Fenster. Draußen hasteten die Leute mit ihren vollen Einkaufstüten vorbei, alle voll im Einkaufsstress. Plötzlich hielt ein brauner Jaguar vor dem Cafe. Alexander kannte diesen Wagen, er gehörte Pavel. Der Stammkunde, bei welchem er die letzte Nacht pennte. Nun sah er ihn wieder. Pavel stieg allerdings nicht allein aus dem Fahrzeug, zwei Männer begleiteten ihn. Alle trugen sie Anzüge. Die drei Männer liefen in Richtung Cafe. Sicher eine Geschäftsbesprechung mit gleichzeitigem Frühstück, dachte sich Alexander. Tatsächlich, sie kamen herein. „Hallo !" ,grüßte Alexander. Pavel sah kurz zu ihm hinüber, schaute dann aber schnell wieder weg und tat so als würde er ihn nicht kennen. Die beiden anderen machten es sich gegenüber von ihm bequem. Pavel wandte sich den beiden Männern zu und sprach dabei sehr leise, machte aber keine Anstalten sich zu setzen. Dafür zeigte er nun mit mit der Hand zu den hinteren Tischen. Beide Männer erhoben sich wieder und folgten Pavel nach hinten. Genau wie er es sich letzte Nacht ausmalte war es auch. Keiner wollte etwas mit ihm zu tun haben. Pavel würde sich erst wieder an ihn erinnern, wenn er Sex haben wollte. Wieder kam er ins Grübeln, denn eine weitere Frage stellte sich ihm. Wo sollte er heute Nacht schlafen? Sicher, er besaß dreitausend Rubel, wenn er sich jetzt aber ein Zimmer nehmen würde, war das Geld schnell aufgebraucht. Die Entscheidung war also gefallen, er würde heute Nacht kein Zimmer nehmen.

Die beiden Bedienungen an der Theke sahen zu ihm herüber. Jedenfalls glaubte er dies im ersten Moment. Bis einige Wortfetzen, in der das Wort Schnee vorkam, an sein Ohr drangen. Er drehte den Kopf zum Fenster. Es schneite! Das war schlecht für ihn. Im Freien schlafen war also nicht möglich. So eine Kacke ! Sollte er zu dem alten Haus zurück? Nein, das würde ihn zu sehr an Andrej erinnern. Er musste auf jeden Fall was warmes für die Nacht finden, soviel war sicher. Es galt also was ausfindig zu machen, wo man schlafen konnte. Zum Glück blieb ihm dafür der ganze restliche Tag. Gearbeitet wurde heute nicht. Er rührte mit dem Löffel in seinem Tee herum, der inzwischen lauwarm war.

In diesem Augenblick ging abermals die Tür auf und ein Mann mit langem Mantel kam herein, begleitet von einem kalten Luftzug. Der Fremde zog seinen Mantel aus und setzte sich gegenüber von ihm hin. Anschließend winkte er der Bedienung zu, die sofort angetanzt kam. Die Frau zog lustlos einen kleinen Block aus ihrer Schürze und notierte ebenso lustlos die Bestellung.

Viel Betrieb herrschte um diese Zeit nie, was sich aber zur Mittagszeit ändern würde. Dann kamen Schüler und Studenten und stürmten im wahrsten Sinne des Wortes die Bude. So wie Alexander es aus den wenigen Wortfetzen entnehmen konnte, sprach der Mann mit leicht ausländischem Akzent, vermutlich Deutsch. Nach wenigen Sekunden war die Bestellung aufgegeben und die Tussi zog wieder ab.

Der Typ sah plötzlich zu ihm hinüber, er hätte ihn wohl nicht so anstarren sollen. Der Fremde lächelte jedoch freundlich und sagte mit etwas lauter Stimme: „So eine Sahnetorte hab ich mir auch bestellt."

Alexander nickte nur, wie er es meistens tat. Mit seiner Vermutung war er wohl richtig gelegen, der Fremde war Deutscher. Er schien aber nett zu sein und nette Menschen waren selten in seiner Welt Wann beachtete ihn schon mal jemand. Eigentlich nie! Das hier war eine Ausnahmesituation. Ob alle Deutschen so nett waren?

Der Fremde stand auf und kam an seinen Tisch. „Ist alles in Ordnung mit dir, du machst so einen traurigen Eindruck ?" ,fragte er mit leiser Stimme, so dass niemand anders es hören konnte. Alexander hörte aus der Frage einen besorgten Unterton heraus. Was sollte er diesem Fremden sagen? Dass er auf den Strich ging und auf der Straße lebte. Sein Kumpel Andrej sich vor den Zug geworfen hatte. Nein, das würde er nicht tun! Er wollte nicht das Mitleide anderer Leute, sondern musste selbst mit seiner beschissen Situation klarkommen, so. Er sah dem Fremden nicht ins Gesicht als er nickte. Es war alles klar, es war alles wunderbar!

In Wirklichkeit hätte er in diesem Augenblick wieder heulen können, aber das Leben lehrte ihn, sich zu beherrschen. „Gut!" ,entgegnete der Fremde und ging wieder an seinem Tisch zurück.

Konnte man es ihm also ansehen, dass er traurig war? Das Gefühl ließ ihn einfach nicht los, er wurde beobachtet und zwar von diesem Ausländer. Sicher waren seine Augen weiterhin auf ihn gerichtet. Er wagte es nicht hinüber zu sehen. Es galt nun, sich nichts anmerken zu lassen. So tun, als wäre alles ganz normal. Kein anderer hatte etwas bemerkte, nur diese Fremde, warum? Nein, nein, seine Sorgen behielt er stets für sich. Niemand brauchte etwas über sein Leben zu erfahren!

Dann fiel ihm sein Geld ein. Er musste es in seinen Schuhen verstecken, da war es sicherer als im Mantel. Langsam erhob er sich und marschierte Richtung Toilette. Die selbige war recht klein und bestand aus zwei Pisswar’s und zwei abschließbare Toiletten. Alles wirkte sauber, was nicht überall der Fall war. Außer ihm war niemand hier. Beide Türen standen offen. Alexander nahm die rechte und schloss schnell hinter sich ab. Hastig zog er seinen linken Schuh aus und holte das Geld hervor. Zweitausend Rubel davon steckte er in den Schuh, den Rest wieder zurück in den Mantel. Als er wieder das Cafe betrat, sah er, dass der Fremde das gleiche bestellt hatte wie er. Ein Stück Sahnetorte und einen Tee. Ewig konnte er nicht hier bleiben, die Bedienung an der Theke warf bereits einen missfälligen Blick zu ihm hinüber.

„Schmeckt wirklich gut !" ,wandte sich der Mann wieder ihm zu. Alexander nickte wieder. Gleich würde er wieder draußen in der Kälte stehen und zu allem Unglück fiel auch noch Schnee. In die U Bahn Station konnte er nicht. Da wurde alles mit Kameras überwacht und Obdachlose wurden da nicht geduldet. Es kamen gleich Sicherheitsbeamte die ihn vertreiben würden. Diese Erfahrung musste er schon mehrmals machen. Bissen für Bissen genoss er das Stück Torte. Zwischendurch immer ein kleiner Schluck des kalt gewordenen Tees. Als er fertig war winkte er die Bedienung her, um zu bezahlen. Die Dame war nicht gerade das was man freundlich nennen konnte. Normal gab er immer Trinkgeld, selbst wenn er wenig besaß, aber diesmal nicht. Er fand Unfreundlichkeit musste nicht noch belohnt werden. Als sie wieder hinter der Theke verschwunden war erhob er sich und ging zur Tür. Mit einem Tschau verabschiedete er sich von dem Fremden. Dieser erwiderte es ebenfalls mit einem Tschau.

Als sich die Tür hinter ihm schloss stand er wieder in der eisigen Kälte. Jeder der kein Zuhause hatte fürchtete diese Temperaturen. Nur umgeben von menschlicher Hektik und menschlicher Kälte stand Alexander jetzt da und war am Überlegen. Sein nächstes Ziel würde das Kaufhaus sein. Eine Mütze, so wie sie Andrej besessen hatte, war jetzt recht praktisch bei diesen Temperaturen. Zudem konnte er sich im Kaufhaus einige Stunden aufhalten und brauchte nicht ziellos in der Kälte rumlaufen. Also machte Alexander sich auf den Weg. Seine Seine Gedanken waren wieder bei dem armen Andrej.

Er schaute dem Jungen nachdenklich hinterher. Dieser blieb stehen und schien zu überlegen. Dann lief er weiter und geriet aus Jürgens Blickfeld. Dieser steckte die Gabel in die Torte und dachte dabei über den Jungen nach. Er war freundlich gewesen. Das genaue Gegenteil zu der unfreundlichen Bedienung hier. Verabschiedete sich sogar höflich So etwas sah man in der heutigen Zeit selten. Trotzdem machte er auf ihn den Eindruck, dass er müde und traurig aussah. Irgendwas schien mit dem Jungen nicht zu stimmen. So als habe er Nächtelang nicht geschlafen und etwas schlimmes erlebt. Reich schien er bestimmt nicht zu sein, sein Mantel sah abgetragen aus. Sicher, in Russland gab es viele arme Menschen, das war Jürgen schon bekannt. Dieser Junge gehörte wohl ebenfalls zu diesen armen Menschen. Ob er überhaupt ein Zuhause hatte? Fragen über Fragen, auf die er keine Antwort finden konnte. Nur der Junge könnte ihm seine Fragen beantworten, aber der war weg. Jürgen gehörte zu jener Sorte Menschen, die sehr feinfühlig waren und nicht gleich weg sahen, sondern halfen.

Die Auswahl in dem großen Kaufhaus war riesig. Hier gab es wirklich fast alles zu kaufen, wenn man genug dafür Geld besaß. In der Elektronikabteilung blieb Alexander vor einem der LCD Fernseher stehen. In seinem früheren Zuhause gab es früher auch einen Fernseher, nur funktionierte dieser nie. Da seine Eltern alles versoffen, war nie Geld da ihn zu reparieren. Oft war ihm deswegen langweilig. Alle anderen in seiner Klasse konnten fernsehen und erzählten oft was am Vortag gutes lief. Er konnte da nicht mitreden. Einmal fragte ihn ein Klassenkamerad wie er Airwolf fand. Um nicht als arm zu gelten log er einfach und sagte, dass er die Serie super fände und sie jede Woche sehen würde.

In der LCD Glotze lief gerade die Dog Show. Da kamen Besitzer mit ihren Hunden ins Studio. Diese mussten Kunststücke machen. Der beste Hund bekam als Gewinn ein Fresspaket und sein Besitzer einen kleinen Fernseher. Als er neun Jahren alt war, wollte er auch gerne einen Hund. Einmal fragte er seine Mutter, die versprach, er würde zum Geburtstag einen bekommen. An seinem Geburtstag gab es aber keinen Hund und sonst ebenfalls keine Geschenke. Seine Oma lebte da schon nicht mehr. Keiner gratulierte ihm an diesem Tag. Daran erinnerte sich Alexander in diesem Moment. Er sah sich die ganze Sendung an und fand sie echt süß.

Anschließend schlenderte er weiter Richtung Bekleidungsabteilung. Er hatte alle Zeit der Welt und brauchte sich nicht zu beeilen. Ganz hinten, am Ende der Kleiderabteilung, stand ein Korb, in dem sich unzählige Mützen befanden. Es gab rote, gelbe, blaue, kurz gesagt alle Farben und Formen. Die Biberfellmütze gefiel am Besten, leider war sie zu teuer! Er musste sich sein Geld einteilen. Alexander wusste ja nicht wann er wieder was verdienen würde. Die meisten zahlten zudem mies. Pavel bildete da eine rühmlich, seltene Ausnahme. Er probierte einige billigen Mützen an und entschied sich zum Schluss für ein einfaches Model. Diese braune hier gab auch warm und passte perfekt. Mit der Mütze in der Hand stolzierte er weiter. Hier war es wenigstens warm. Um zwanzig Uhr würde das Kaufhaus schließen, solange wollte er hier verweilen.

Wieder bei den Fernsehern angekommen, schaute er sich nun einige Musikvideos an. Es lenkte ihn alles ein bisschen ab. Anschließend ging es zu den Spielekonsolen. Davor tummelten sich viele Kinder und Jugendliche. Manche von ihnen kamen jeden Tag hierher, nur um gratis spielen zu können. Es gab viele die sich so etwas nicht leisten konnte. Die einzige Möglichkeit für sie, so was zu spielen, war eben nur hier. Alexander wartete geduldig bis eine Konsole frei war, dann ging er hin und nahm den Joypad. Es war ein Autorennspiel, in dem es darauf ankam eine gute Zeit zu fahren, was sich nicht gerade als leicht erwies. Er versuchte es immer wieder. In jeder Runde wurde seine Zeit besser.

Plötzlich ertönte eine Lautsprecherdurchsage. >>Liebe Kunden, wir schließen in zehn Minuten! Bitte beenden sie ihre Einkäufe und gehen sie zur Kasse.<< Wir danken für ihren Einkauf und wünschen ihnen noch einen angenehmen Abend." Himmel, war es schon so spät! Während des Spiels hatte er völlig die Zeit vergessen. Schnell legte er das Joypad auf die Ablage und marschierte zur Lebensmittelabteilung. Eine Dose Fisch und zwei Brötchen, sowie ein Joghurt. Das würde für heute genügen. Irgendwo in einer einsamen Ecke würde er nachher sein Abendbrot zu sich nehmen. Mit der Mütze und den Lebensmitteln ging es zur Kasse. Er war der letzte Kunde. Kaum war er draußen wurden hinter ihm die großen Glastüren abgeschlossen.

Es war bereits dunkel. Die Laternen spendeten jedoch genügend Licht um alles überblicken zu können. Immer noch schneite es heftig und ein eisiger Wind wehte ihm ins Gesicht. Da heute ein Samstag war, waren jede Menge Menschen auf den Beinen. Viele von ihnen gingen essen, einige ins Kino, wieder andere in einen der zahlreichen Clubs. Die meisten beeilten sich, keiner wollte länger als nötig in der Kälte verweilen. Die Autos dagegen fuhren im Schneckentempo. Erstens weil man durch den heftigen Schneefall kaum was sehen konnte und zweitens, weil dauernd Leute die Straße überquerten ohne groß auf den Verkehr zu achten. Andere waren eifrig damit beschäftigt den Bürgersteig vom Schnee frei zu räumen. Es bildeten sich somit kleine Häufchen Schnee am Rande der Bürgersteige. Wenn es weiter schneien würde, konnten diese kleinen Haufen schnell zu größeren anwachsen. Hin und wieder kam dann ein Räumfahrzeug und schüttete wieder alles auf den Gehsteig. Alexander setzte seine neu erworbene Mütze auf. Vor einem Haus bleib er stehen und schaute durchs Fenster. Drinnen brannte Licht und die ganze Familie saß gemütlich am Tisch und aß Abendbrot. So schön war es bei ihnen früher niemals gewesen. Manchmal war nicht einmal was zu essen im Haus. Einige Sekunden sah er zu, dann lief er weiter. Weiter vorne, bei der Apotheke, war ein Thermometer angebracht. Es zeigte Minus neun Grad. In dieser Nacht würde es bestimmt noch kälter werden und es war immer noch keine Schlafgelegenheit gefunden. Es gab von der Kirche organisiert im Winter immer Notschlafquartiere für Leute wie ihn. Da zu übernachten war allerdings nicht sehr ratsam. Es wurde viel gestohlen. Wenn man Morgens aufwachte konnte es gut sein, dass die Schuhe weg waren. Zudem kam es oft zu Schlägereien weil die Leute zu besoffen waren.

Auf einmal blieb Alexander stehen, sein Blick fiel auf das gegenüberliegenden Mietshaus. Die Tür stand offen. Das Haus war ihm bekannt. Einige Male pennte er da schon. Die Situation musste Alexander ausnutzen. Meist war die Tür abgeschlossen. Heute musste wohl sein Glückstag sein. Das Schicksal meinte es gut mit ihm. Schnell überquerte er die Straße und eilte durch die offen stehende Tür in den Hausflur. Rechts war eine Treppe die nach unten führte. Er machte das Licht an und ging vorsichtig die Stufen hinunter. Unten war ein großer Keller, der durch Holzlatten in viele kleine aufgeteilt war. So gehörte zu jeder Wohnung auch so ein abgeteilter Keller. Die meisten davon waren mit Ketten und Madenschlössern gesichert, einige davon nicht. Alexander suchte sich den hintersten Keller aus. Der war immer offen. Es befand sich nur ein alter Tisch und einige Säcke mit Abfall darin. Die dazugehörige Wohnung schienen wohl leer zu stehen, folglich gehörte der Keller niemandem. Er setzte sich hinter die Säcke, so wurde er nicht gleich gesehen falls jemand kam. Zuerst nahm Alexander die Mütze ab und schüttelte den Schnee von ihr ab. Nun hatte er sich aber was zu essen verdient. Aus seiner Manteltasche kamen die zwei Brötchen und die Fischdose zum Vorschein. Vorsichtig öffnete er den Pullverschluß der Dose und holte seinen kleinen Löffel hervor. Seit heute Morgen hatte er nichts mehr gegessen und nun meldete sich der Hunger schlagartig zurück. Zum Nachtisch gab es den Erdbeerjoghurt. Nachdem alles verzehrt war, säuberte er den Löffel mit einem Papiertaschentuch und verstaute ihn wieder. Die Mütze legte er auf den Boden, sie diente ihm jetzt als Kopfkissenersatz. Langsam legte er sich hin und wartete darauf, dass der ihn der Schlaf ihn übermannte. Leider kam dieser nicht so schnell wie gewünscht. So war genug Zeit über sein beschissenes Leben nachzudenken. Über seine Oma, welche er sehr mochte und die ihn ebenfalls geliebt hatte. Über seine bekackten Eltern, denen der Wodka wichtiger war als er. Ob er sie hasste? Nicht richtig, trotz allem was sie ihm angetan haben. Vielleicht hasste er sie zeitweise, aber sie waren trotzdem seine Eltern. Dann musste er wieder an Andrej denken, wie schön er immer auf seiner Mundharmonika spielen konnte. Nie wieder würde er ihn spielen hören. Eines Tages würde er Andrej folgen und da hingehen wo er jetzt war. Denn irgendwann würde er sein beschissene Leben nicht mehr länger ertragen können. Wie hieß es so schön, die Tür zum Tod stand immer offen. Dies waren seine letzten Gedanke, dann fielen seine Augen zu und er träumte von einer besseren Welt.

Jürgen stolperte mit vollbepackter Tüte in die kleine Küche und stellte sie auf der Spüle ab. Völlig außer Atem hielt er erstmal inne. Sein ganzer Kopf war mit Schnee bedeckt. Er nahm eins der Geschirrspültücher und fegte den Schnee von seinem Haupt. Man konnte nur ein paar Meter weit sehen, so sehr schneite es draußen. Aber der Einkauf musste sein. Es war ja nichts zum Essen im Haus. Einen Augenblick musste er wieder an den Jungen in dem Cafe denken. Er konnte sie spüren, diese unermessliche Traurigkeit, die von dem Jungen auszugehen schien. Er wollte ihm gerne helfen. Vielleicht hätte er nicht so schnell locker lassen sollen. Der fremde Junge, den er nicht kannte, tat ihm leid. „Schade !" ,bedauerte er. Sicher würde er ihn nie wieder in seinem Leben sehen. Er sollte sich irren, doch das wusste Jürgen zu diesem Zeitpunkt nicht.

Nun ging es ans auspacken. Das erste was zum Vorschein kam, war eine Tüte Pelemeni. Dies waren Russische Maultaschen. Im Gegensatz zu den schwäbischen Maultaschen hatten diese keine Hackfleisch, Spinat Füllung, sondern nur Hackfleisch. Eine Spezialität, welche gern von den Einheimischen gegessen wurde. So wollte er diese Spezialität heute einmal probieren. Er war schon des öfteren in Russland und es wunderte ihn selbst, dass er diese Köstlichkeit bisher nie gekostet hat. In der Küche war zum Glück alles vorhanden. Er holte einen Topf aus dem kleinen Schränkchen, füllte ihn mit Wasser und stellte ihn auf den Herd. Wenn man Singel war, so wie er, musste man wenigstens ordentlich kochen können. Das konnte er, denn kochen war seine größte Leidenschaft. Das er allein lebte war dabei nicht hinderlich. Öfter probierte er neue Rezepte aus.

Die meisten entschieden sich mehr unfreiwillig für ein Singelleben. Er entschied sich ganz gezielt dafür und war glücklich damit. Neunundvierzig Jahre alt war er. Dreißig Bücher trugen seinen Namen, worauf er ebenfalls ein wenig stolz war. Als Schriftsteller war man die Einsamkeit gewohnt. Schreiben war nun mal eine einsame Arbeit. Um gut schreiben zu können musste man allerdings alleine sein. Da er es nun von seiner Arbeit her gewohnt war, konnte er dies leicht auf sein Privatleben übertragen. Es machte ihm nichts aus einsam zu sein, so glaubte er zumindest.

Irgendwie war es hier zu ruhig, das störte ihn jetzt, also kramte er sein kleines Transistorradio aus dem Koffer hervor. Die Antenne war schnell ausgezogen und ein Sender, der Musik spielte, schnell gefunden. Irgendeine russische Sängerin sang etwas von Liebe. Jürgen fiel auf, dass so viele Lieder von Liebe handelten. Einer seiner Bücher war ebenfalls eine Liebesgeschichte gewesen. So Sachen verkaufen sich gut. Vor allem Frauen gehören zur Zielgruppe solcher Romane. Da konnte es nicht schnulzig genug sein. Nun kam ihm endlich die rettende Idee, eine Liebesschnulze. Sein nächster Roman würde seine zweite Liebegschichte werden. Endlich war etwas gefunden ! Am liebsten hätte er sich gleich vor sein Notebook gesetzt und angefangen zu schreibe, aber das ließ er jetzt besser sein.

Das letzte Mal, als er kochte und schrieb, ging es schief. Vor lauter schreiben vergaß er die Spaghetti. Als er wieder die Küche betrat, war alles verraucht, man konnte kaum die eigene Hand vor Augen sehen, so viel Rauch befand sich im Raum. Die Nudeln waren nur noch ein Stück Kohle. Den Topf wieder sauber zu bekommen wäre zur zeitaufwendigen Arbeit verkommen. So landete der Topf in der Restmülltonne. Aber wie sagt man so schön, aus der Erfahrung lernt man. Er lernte daraus, niemals beides gleichzeitig zu tun.

Das Wasser fing zu kochen an. Schnell öffnete er die Tüte und warf die Pelemenin in das sprudelnde Wasser. In ein paar Minuten würden sie fertig sein. In der Küche konnte er jedoch nicht essen, es war weder Tisch noch Stuhl vorhanden, also blieb ihm nichts anderes übrig als sich die Pelemenin im anderen Zimmer schmecken zu lassen.

Dreißig Minuten später schob er gesättigt den Teller beiseite und schaltete wieder sein Notebook ein. Diese Maultaschen schmeckten nicht schlecht. Leider konnte er die Mengen nie richtig abschätzen. So waren jetzt noch genügend übrig, aber denen würde er sich später noch widmen. Nun eine lange, arbeitsreiche Nacht vor ihm. Er begann zu tippen. ERSTES KAPITEL IHR NAME WAR CHRISTINE ... . Einige Minuten später war er voll und ganz in seinem Element und vergaß die Welt um sich herum.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.03.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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