Karl-Heinz Fricke

Die Wurst vom Brot genommen

Der 3. März war ein besonderer Tag. Es war der Tag des Abschieds von unserem Sohn und unserer Tochter, die für mehrere Wochen zu unseren Geburtstagen, nach Hause gekommen waren. Beide leben seit Jahren mit ihren Angehörigen im großen Los Angeles. Den Reiseproviant für die Autofahrt in die 220 Kilometer entfernte Stadt Spokane im Staate Washington hatten wir schon am Vorabend zurecht gemacht, denn wir wollten um 9 Uhr am Grenzübergang sein, den wir dann auch nach 20 Minuten Fahrzeit erreichten.

Es ist kein Wunder, dass viele Wagenbesitzer aus Sparsamkeitsgründen diese Grenze täglich aufsuchen, um das billigere Benzin an der nahen US Tankstelle zu tanken. Man spart immerhin fast 20 Cents am Liter. Um den großen Andrang zu meiden, kamen wir pünktlich dort an. Nur zwei Fahrzeuge warteten vor uns auf das Öffnen der Schranken um Punkt neun Uhr.

Zunäcxhst zeigten wir dem Zollbeamten unsere Reisepässe. Nachdem er sich nach dem Grund unseres USA Besuches erkundigt hatte, wollte er wissen, was wir in die Staaten einführten. Als unsere Tochter unseren Reiseproviant erwähnte, den wir während der Fahrt zu verzehren gedachten, wollte der Beamte wissen, um was es sich da handelte. Unsere Tochter erklärte ihm, dass wir Butterbrote mit Salamischeiben belegt, bei uns hatten. Zu unserem Erstaunen erfuhren wir, die Salamiwurst könnten wir entweder gleich verzehren, oder nach Kanada zurücknehmen, da für jegliche Wurstsorten ein Einfuhrverbot bestände. Da wir gerade gefrühstückt hatten, sahen wir allerdings davon ab, und nachdem uns eine Plastiktüte gereicht wurde, gingen die Wurstscheiben dort hinein. Im Gesicht des Beamten entdeckte ich eine gewisse Besitzerfreude und beinahe hätte ich "Guten Appetit" gesagt. Wir wollten den Beamten jedoch nicht provozieren, er hätte dann vielleicht verlangt, die Koffer zu untersuchen, in denen sich zwar keine weiteren einfuhrverboteten Waren befanden, aber es hätte uns kostbare Zeit gekostet, denn wir hatten nicht viel Zeit zu verlieren, um den Flug nicht zu verpassen. So wurde uns buchstäblich die Wurst vom Brot genommen und wir mussten uns mit den Butterbroten begnügen.

Drei Stunden später erreichten wir den Spokaner Flugplatz und verabschiedeten uns von unseren Kindern. Während unser Sohn die Hinfahrt gemacht hatte, war es nun an mir, denselben Weg zurückzufahren. Die Straße war trocken, das Wetter klar und der Verkehr leicht. Unwillkürlich, ohne groß auf das Tempo zu achten, fährt man schneller als erlaubt, und in den meisten Fällen geht es ja auch gut. Das erlaubte Tempo auf der Straße war mit 60 Meilen per Stunde ausgeschildert, ein Hohn für deutsche Verhältnisse. Aber Gesetz ist nun einmal Gesetz, und niemand hat das Recht, es zu übertreten. Plötzlich kam uns ein weißes Auto entgegen, und im Vorbeifahren las ich POLICE. Das passierte mir schon öfter, aber jedesmal hatte ich das Glück, dass der Kelch vorüberging. Dieser allerdings nicht. Ich sah im Rückspiegel, dass der dienstbewusste Beamte umdrehte, und mit allen Lichtern blinkend hinter uns her kam. Ich wollte nun kein Rennen veranstalten und ergab mich in mein Schicksal. Der Beamte näherte sich vorsichtig, die rechte Hand am Pistolengriff. Man kann ja nie wissen, mit welchen Terroristen man es zu tun haben könnte. Als er jedoch unsere weißen Haare sah, fragte er freundlich, ob ein Grund für unsere Eile vorliege. Wahrheitsgemäß verneinten wir es. Nachdem er meinen Führerschein und Versicherungspapiere empfangen hatte, zog er sich für mehrere Minuten in den Streifenwagen zurück, um den Strafzettel auszufüllen. Zurückgekommen erklärte er, ich sei 10 Meilen pro Stunde zu schnell gefahren, aber er hätte auf dem Zettel nur 5 Meilen zu schnell angegeben, was für uns eine Bußerleichterung von etwa $50 sei. Nun müssen wir innerhalb von 18 Tagen diese Buße zahlen. Im Weigerungsfalle würde uns der Eintritt in die Staaten verweigert. An jeder Grenzstelle wird ja nun mit Computern gearbeitet und man stellt sofort fest, ob etwas gegen den Grenzübertreter vorliegt. Natürlich lag es uns fern, mit dem Strafzettel von $71 Buße vor Gericht zu gehen. Der Beamte warnte uns, den Rest unserer Fahrt nicht weiter straffällig zu werden, und ich bemühte mich, mit vielen Blicken auf den Tachometer, dieser Warnung gerecht zu werden. So kamen wir wohlbehalten etwas später als geplant zu Hause an.

Unsere Kinder hatten Glück ziemlich pünktlich von Spokane loszufliegen, nachdem ihre Gepäckstücke gründlich untersucht und durchleuchtet worden waren. Auch hier gab es einen kleinen Verdruss. Unser Sohn hatte eine kleine Flasche Maggi im Koffer, die mehr Flüssigkeit aufwies als die erlaubten 3,5 Unzen. Sie wurde beschlagnahmt.

Wir hatten wieder etwas gelernt, denn nach jeder Reise, und wenn sie auch nur wenige Stunden dauert, kann man immer was erzählen.

Karl-Heinz Fricke 08.03.2007

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