Martina Brandt

Engelimitation

 
 
Gott gab mir die Haare eines Engels. Jeder sagt es. Alle lieben mich dafür.
Ich wäre das Abbild dieser Himmelswesen mit dieser zierlichen Nymphengestalt. Mein Alabastagesicht mit den tiefblauen Meeresaugen. Und dann dieser Unschuldsblick...
Meine Güte, wie mich das ankotzt!

Warum schaut ihr nur mit den Augen? Ihr lasst euch dermaßen blenden von Schönheit. Ihr vermutet nichts böses, könnt es einfach nicht damit in Zusammenhang bringen. Schwelgt weiter in eurem fatalen Irrtum. Lasst euch weiter blenden. Wie kann man sehend nur so blind sein?
Das Augenlicht möchte ich euch löschen, damit ihr wahrnehmen könntet.

Ich bin kein Engel - wollte nie einer sein. Ihr habt mich da hineingezwängt, in euer Bild, welches nur äußerlich eurer Meinung entspricht. Aber in mir, in meinem Innern, da tobt es, da schreit es, da mordet es.

Meine Verachtung möchte ich euch an den Kopf werfen, damit ihr endlich aufwacht, und ich befreit werde von euren Erwartungen, die ich nicht erfüllen will und kann. Hätte ich auch noch Flügel, wie ein Engel sie hätte, ich würde sie mir herunterreißen, in Stücke brechen und sie euch vor die Füße werfen. Einen wahren Engel würdet ihr nicht mal erkennen, wenn er vor euch stehen würde. Oder warum habt ihr die bucklige, alte Frau ignoriert, die um ein paar lumpige Peseten bat?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.03.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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