Elfie Nadolny

Die Verlockung

Ja, sie war schön, wunderschön und ihre Stimme klang verlockend.
„Nein, ich folge dir nicht, ich vertraue dir nicht.
Nie mehr, hörst du? Nie mehr!“ Vor seinem geistigen Auge tauchte ihr Bild auf. Sie hatten eng umschlungen getanzt, gelacht, sie hatte ihm so viel versprochen. Er hatte gewartet, gehofft, geglaubt. Mit niemandem hatte er darüber gesprochen, seine Gedanken und Gefühle wollte er nicht teilen, sie gehörten nur ihm, nur ihm allein. Früher hatten sie auch ihr gehört, das ist lange her. Nie mehr, nie wieder.
Und nun stand sie hier vor ihm: „Komm zu mir, komm, komm. Es ist ganz leicht. Ich warte auf dich. Stehe auf von der Bank, auf der du sitzt. Folge mir. Ich warte auf dich und das weite Meer auch, komm nur. Wir erwarten dich und das spürst du ganz genau. Du weißt es, habe Mut, habe Vertrauen!“ „Vertrauen?“, fragte er sich und bemerkte die Sperre, die er früher nicht gekannt hatte. „Es ist leicht, ganz leicht, folge mir, vertraue mir...“, hörte er sie verlockend flüstern.

Sein Widerstand begann zu brechen. Langsam stand er auf und ging auf das Meer zu, in das allmählich die Sonne als rote schöne Kugel eintauchte. Er sah die Wellen, hörte das Rauschen, spürte den leichten Wind, der ihn nicht mehr frösteln ließ. Nur weiter, immer weiter....

Weit hinten im offenen Meer stand sie mit geöffneten Armen und wartete und wartete.....

"Komm schnell, es wird kühl, der Wind...“, hörte er hinter sich.
Zwei Freundinnen, die er schon seit Tagen bemerkt, aber nicht wirklich beachtet hatte, eilten an ihm vorüber auf den Hafen zu. Sie grüßten kurz, er versuchte seinerseits einen Gruß. Seine Stimme brach und das: „Wartet bitte!“, kam nicht wirklich aus seiner Kehle heraus. Es war ihm klar, sie würden ihn nicht beachten, schließlich hatte er sie ziemlich arrogant abblitzen lassen, als sie ihn damals ansprachen, ob er sich ihnen nicht anschließen wolle.

Dennoch drehten sie sich zögerlich herum: „Es ist kalt, wir möchten in die Wärme, du wirkst ganz verfroren, komm mit!“



Ja, Wärme, das wollte er eigentlich.

Er drehte sich noch einmal herum, sah ihr noch einmal in ihr schönes Gesicht, er würdigte ihr einen letzten Blick, ihr, der Melancholie, die er so inständig geliebt hatte und dann drehte sich ruckartig herum. Nein!



„Wartet!“ rief er und folgte den beiden Freundinnen in die kleine Hafenkneipe, an deren Eingang die Skulptur einer Nixe stand, er drehte ihr sehr bewusst den Rücken zu, schaute die Frauen fragend an und eine sagte fast flüsternd: „Ja, Wasser kann Leben und Tod bringen, aber anders als wir es in deinen vernebelten Blicken sahen, spielt hier das wahre Leben.“
Er war betroffen, aber sie lächelten nur und die Wärme kam zurück.

(c) Elfie Nadolny, April 2005 
 
 

 

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