Giulia Eber

Der letzte Tanz


Ich trug das Tablett aus der Küche und schlich in das Schlafzimmer um Yima ihr Essen zu bringen, doch sie lag nicht wie vom Arzt verordnet in ihrem Bett. Mein Schwan war ausgeflogen. Ich stellte das Tablett auf den Nachttisch und betrachtete ein Bild auf der Kommode. Yima schlang lachend ihre Arme um meinen Bauch. Ihr Gesicht war schon etwas kantiger, doch ihre schönen langen Haare waren ihr noch geblieben. Nun hatte sich der Krebs auch diese genommen. Ich stellte das Bild wieder zurück und stand auf um Yima zu suchen. Ich schob die Tür zum Schlafzimmer zu, lief in den Flur und hörte Musik aus dem Tanzsaal. Ich lächelte schwach, schob die Tür vorsichtig auf und trat ein. Yima stand vor dem großen Spiegel und betrachtete sich. Schließlich hob sie den Blick und sah mich an.
„Daisuke...tanzt du mit mir?“
Ich nickte und stellte mich mit ein paar Meter Abstand hinter Yima, die das Lied zum Anfang spulte, dann stellte sie sich mit dem Rücken zu mir und hob ihre zierlichen Hände. Langsam, im Takt der Musik, kam ich auf Yima zu, umfasste vorsichtig ihre zierlichen Handgelenke und legte ihre Hände um ihren Bauch. Ich drehte sie zu mir, legte eine Hand in ihre Hand, mit der anderen Hand umfasste ich ihre Hüften. Ein Schritt nach hinten andeuten, ein Schritt nach vorne andeuten. Yima dreht sich um in die eigene Achse. Ich schloss kurz die Augen und stellte mir vor wie ihre schwarzen Haare um ihren Kopf wirbeln würden, doch als ich die Augen wieder öffnete, betrachtete mich eine Yima mit einem Tuch auf dem Kopf. Es war weiß mit der aufgehenden Sonne Japans. Der Refrain des Liedes ertönte und wir schwebten mit großzügigen Schritten über das Parkett. Yima ließ mich im richtigen Moment los, wirbelte alleine durch den Saal, strauchelte und winkte ab, als ich zu ihr stürzen wollte. Ich nahm ihre Hand, zog sie im Laufen zu mir und wir tanzten wieder zusammen...Mou doresu wo nugi saa nemurou! Taemanaku nagashita ai shiawase ni to negau negao ni shoujo wa mou inai.(Zieh dein Kleid aus, lass uns schlafen! Das Mädchen auf dessem schlafenden Gesicht der Wunsch nach Glück steht, ist nicht mehr!)
Wie schön sie war...meine Yima. Plötzlich wurden ihre Hände schwitzig und kalt. Sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Ich wollte stoppen.
„Weiter...Daisuke, weiter.“
Ich tanzte mit ihr weiter bis sie umfiel. Ich fing sie gerade noch so auf und presste ihren Körper an mich. Ihr Atem ging schnell, stoßweise. Schweiß stand auf ihrer Stirn, doch ihre Augen sahen friedlich aus.
„Hab keine Angst“, flüsterte ich.
Yima legte schwach ihre Arme um meinen Hals.
„Ich hab...ich hab keine Angst.“
Ihre Augen sahen trotzig aus...wie früher, wenn sie jedem beweisen wollte, dass sie es schaffen konnte. Ich lächelte und kniete mich auf den Boden um Yima auf den Rücken zu legen. Sie sah mich an und grinste leicht. Ich beugte mich über sie, stützte mich auf den Handflächen ab und lauschte ihren Atem, der mein Ohr berührte. Bald war es still, nur noch die Musik animierte zum Weitertanzen. Ich berührte Yimas Ohr mit meinen Lippen und sang die letzten Zeilen des Liedes mit: „Fuhai to doresu to kataashi no shoujo dakikakae.“

Verwesung und das Kleid und das einbeinige Mädchen nehme ich in die Arme...
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.03.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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