Es gibt eine Welt, klein und zerbrechlich, irgendwo
zwischen hier und dort, zwischen jetzt und gleich, die Welt der Lunies. Ich
habe noch nie jemandem davon erzählt, doch ich finde die Zeit ist reif. Du
wirst sagen: „Welt der Lunies? Noch nie gehört!“ Und dann wirst du sagen, dass
ich dir einen Bären aufbinde. Aber dann weißt du nicht, wie schwer so ein Bär
ist. Außerdem sind Bären sehr gefährlich, und ich sehe keinen Sinn darin, dir
einen aufzubinden.
Du musst wissen, dass die meisten Menschen noch nie von
dieser Welt gehört haben. Das ist auch kein Wunder. Die Welt der Lunies ist
nämlich so klein, dass sie auf keiner Landkarte zu finden ist. Und stünde sie
auf einer Landkarte, wäre sie nicht viel größer als ein Staubkorn. Außerdem
sind die Lunies sehr scheu und verlassen nur selten ihre kleine Welt. Du fragst
dich vermutlich, woher ich von dieser Welt weiß. Nun, sagen wir, dass ich vor
langer Zeit einem Lunie begegnet bin.
Bevor ich dir aber davon berichte, möchte ich dir noch etwas
über ihre Welt erzählen. Die Welt der Lunies ist unserer ganz ähnlich. Die
Lunies wohnen in kleinen Häusern, fahren kleine Autos und arbeiten jeden Tag
außer sonntags (die Lunies sind ein sehr fleißiges Volk). Manche Dinge sind
aber auch ganz anders. So wird ein Lunie niemals krank. Das ist nämlich
gesetzlich verboten (die Mehrheit der Lunies hatte sich für dieses Gesetz
entschieden). Umso mehr fällt es natürlich auf, wenn ein Lunie nicht zur Arbeit
erscheint. Du kannst dir sicher vorstellen, wie groß die Aufregung war, als ein
junger Lunie eines Morgens nicht, wie sonst auch immer, seine Arbeit in einem
Reisebüro antrat (sein Vater hatte ihm zu diesem Beruf geraten). Viele Lunies
konnten an diesem Tag nicht verreisen. Die Mitarbeiter befürchteten schon das
Schlimmste, als sie auf seinem Schreibtisch einen Brief vorfanden. In diesem
Brief stand nur ein Satz: Bin verreist.
Die Mitarbeiter dachten sich nichts weiter. Der
Geschäftsführer war aber sehr wütend. Schließlich hätte der Lunie den Urlaub
fristgerecht, also rechtzeitig, beantragen müssen. „So geht es nicht!“ sprach
der Geschäftsführer und nahm sich fest vor, den jungen Lunie noch heute zu
entlassen. Da der Samstag aber schon zu Ende ging, und es in der Welt der
Lunies für alles eine feste Zeit gibt, verschob er dies auf Montag. Doch wie
sich am Montag herausstellen sollte, wusste scheinbar niemand, wohin der junge
Lunie gegangen war. Er war einfach verschwunden. Also konnte der
Geschäftsführer ihn auch nicht entlassen.
Aber wohin war der junge Lunie gegangen? Nun, vielleicht
erzähle ich dir erst einmal, wer dieser junge Lunie überhaupt war. Sein Name
war Toid. Ein merkwürdiger Name, ich weiß. Die Eltern des jungen Lunie fanden
ihn aber sehr schön, und so blieb ihm keine Wahl.
Toid war aber noch auf eine ganz andere Art und Weise
merkwürdig. Unentwegt stellte er Fragen: „Warum darf ich nicht mit offenem Mund
essen? Warum muss ich mein Zimmer aufräumen? Und warum muss ich zur Schule
gehen?“ Toids Eltern hatten es wirklich nicht leicht, zumal sie häufig keine
Antwort hatten. Da sie die Fragen aber leid waren, sagten sie irgendwann nur
noch: „Weil es halt so ist!“ Toid mochte dieses Wort halt nicht. Er verstand nie, was es bedeutet. Dieses Wort führte
aber dazu, dass Toid bald keine Fragen mehr stellte.
Dann kam Toid in die Schule. Dort sagten ihm die Lehrer was
gut und was schlecht sei, was sich gehöre und was nicht. Einmal, als der Lehrer
gerade erklärte, warum Lunies keine Tiere seien, fragte Toid aber doch nach. Er
war überrascht, als die Antwort des Lehrers nicht lautete: „Weil es halt so
ist!“ Der Lehrer antwortete stattdessen: „Wenn du einmal groß bist, wirst du es
verstehen!“ Toid hat es nie verstanden. Aber auf diese Weise wurden ihm von
klein auf alle wichtigen Entscheidungen abgenommen.
Toid wurde älter und dann - ganz plötzlich sollte Toid
eigene Entscheidungen treffen. Dabei hatte er doch gar keine Übung darin,
eigene Entscheidungen zu treffen. Deshalb war Toid anfangs noch sehr unsicher
und hörte häufig auf das, was andere sagten.
Wie ich ja bereits gesagt habe, arbeitete Toid nach der
Schule in einem Reisebüro. Er mochte es, andere Lunies zu beraten, ihnen
Urlaubsziele zu zeigen und ihnen schließlich einen schönen Urlaub zu wünschen. Lange
Zeit fehlte es Toid an nichts.
Doch obwohl Toid viele Freunde hatte, fühlte er sich hin
und wieder ganz einsam. Er fragte sich, ob es im Leben nicht mehr gebe, als
jeden Tag, außer sonntags, von morgens bis abends zu arbeiten und er konnte
nicht verstehen, dass all die anderen Lunies mit ihrem Leben zufrieden waren.
Tief in sich hielt er eine Sehnsucht verborgen, eine Sehnsucht, die er
scheinbar mit niemandem teilen konnte.
Manchmal hatte Toid das große Bedürfnis mit anderen Lunies
über seine Sehnsucht zu sprechen. Doch Toid fand niemanden, der so dachte wie
er und somit auch niemanden, der ihn verstand. Und da er sich niemandem
anvertrauen konnte, beschloss er bald selbst nicht mehr darüber nachzudenken.
Toid lernte ein schönes Lunie-Mädchen kennen und heiratete
sie wenig später. Es entwickelte sich alles so, wie man es vom ihm erwartet
hatte und Toid fand viel Anerkennung - nur fühlte es sich nicht so an. Toid war
nicht stolz auf sein Leben. Was hatte er schon erreicht? Er hatte immer nur die
Erwartungen anderer erfüllt. Und da er nicht wusste, was er selbst von seinem
Leben erwartete, konnte er seine eigenen Erwartungen nicht erfüllen.
Einige Jahre vergingen, als Toid eines Morgens aufwachte
und durch das kleine Fenster seines kleinen Hauses einen Regenbogen sah. Er
leuchtete in allen Farben und spannte einen großen Bogen, der auf einem Hügel
zu enden schien.
Diesen Hügel hatte nie ein Lunie bestiegen. Die Lunies
mochten keine Abenteuer und scheuten das Risiko. Das Besteigen eines Berges war
viel zu gefährlich. Man konnte sich verletzen und das war gesetzlich nicht
verboten (da man nicht annahm, dass jemals ein Lunie auf den Berg stieg, hielt
man es nicht für nötig ein solches Gesetz zu beschließen). Und wer macht dann
die Arbeit? Nein, nein, ein vernünftiger Lunie tut so etwas nicht.
Toid war aber kein gewöhnlicher Lunie und die Neugier
packte ihn. Er fragte seine Frau, was wohl auf dem Hügel sei. Die zeigte aber
wenig Interesse und fragte nur, warum er das denn wissen wolle. Da fühlte Toid
sich wieder ganz einsam.
Wie jeden Morgen las Toid die Zeitung, schmierte sich ein
Brot, gab seiner Frau einen Kuss und fuhr zur Arbeit. Aber der Hügel ging ihm
nicht aus dem Kopf. Bei der Arbeit angekommen begrüßte er einen Kollegen:
„Guten Morgen. Haben Sie auch den Regenbogen gesehen?“ Doch der Kollege
antwortete nur: „Regenbogen? Da habe ich wohl noch geschlafen …“ Toid war
enttäuscht, aber wenig überrascht. Er setzte sich auf den Stuhl hinter seinem
Schreibtisch, drehte sein Namensschild so, dass man es lesen konnte und
verschob die Gegenstände auf seinem Schreibtisch so lange hin und her, bis er
genauso aussah, wie vorher. Das machte er jeden Morgen.
Morgens war im Reisebüro nicht viel los. Und da die
Hauptsaison gerade zu Ende ging, nahm sich Toid die Zeit und schaute sich in
dem kleinen Reisebüro um. Er ging ein paar Schritte und beobachtete die anderen
Lunies. Viele von ihnen hatten nichts zu tun und starrten auf eine große Uhr,
die über der Tür angebracht war. Auch Toid hatte sie bald in ihren Bann
gerissen. Er konnte förmlich sehen, wie der Zeiger Sekunde für Sekunde für
Sekunde weiterlief. Dann schüttelte Toid den Kopf und ging weiter.
Er kam am Büro des Geschäftsführers vorbei. Die Tür war
immer verschlossen, aber Toid konnte ihn brüllen hören. Der Geschäftsführer
hatte nie gute Laune.
Der Tag ging zu Ende und Toid fuhr nach Hause. Er aß zu
Abend, putzte sich die Zähne, las noch ein paar Seiten und schlief bald ein. In
dieser Nacht träumte Toid von dem Hügel. Er konnte sehen, wie er selbst den
Hügel hinauf kletterte und ganz oben, auf der Spitze des Hügels, sah er ein
Schild mit der Aufschrift: ABFAHRT. Dann wachte Toid auf und schaute aus dem
Fenster auf den Hügel. Doch er konnte kein Schild erkennen.
Toid stand auf, las in der Zeitung, schmierte sich ein Brot,
gab seiner Frau einen Kuss und fuhr ins Reisebüro, allerdings nicht um zu
arbeiten. An diesem Morgen fanden die Mitarbeiter den Brief auf dem Tisch. Du
erinnerst dich? Der Brief, auf dem stand: Bin verreist.
Und du kannst dir bestimmt denken, wohin der Lunie gereist
war. Zum Hügel, genau. Doch der Hügel war aus der Nähe viel größer, als Toid es
angenommen hatte. Zum Glück war er recht eben und mit weichem Moos bewachsen.
Toid steckte sein Brot in die Tasche und begann den Hügel hinaufzusteigen. Er
war im Bergsteigen nicht geübt und hatte einige Schwierigkeiten, auf den Hügel
zu gelangen. Die Neugier trieb ihn aber stets voran und nach einiger Zeit
erreichte er die Spitze des Hügels. Ein Schild war weit und breit nicht zu
sehen.
Aber die Aussicht war unbeschreiblich schön. Toid setze
sich auf einen Stein und blickte auf die kleinen Häuser hinab. Er konnte sogar
sein eigenes erkennen, winzig klein. Toid geriet ins Träumen und vergaß die
Zeit. Dann passte er einen Moment nicht auf und geriet ins Wanken. Der Stein,
auf dem Toid saß, kippte zur Seite und Toid fiel auf die Nase. Er stand aber
gleich wieder auf. Und als er den Stein wieder richtig hinstellen wollte,
entdeckte er unter dem Stein plötzlich einen Brief. Toid konnte nicht
verstehen, wie hier ein Brief liegen konnte, war doch vor ihm noch nie ein
Lunie auf diesem Hügel gewesen, oder etwa doch?
Vorsichtig öffnete er den Brief und las die erste Zeile. Da
stand:
Lieber Lunie,
diese Welt hält
nur wenige Antworten parat und sie interessiert sich nicht dafür, wie viele
Fragen du hast. Ich hatte immer schon viele Fragen, Fragen, die sich andere
Lunies scheinbar nicht stellten. Für sie war es einfacher mit den wenigen
Antworten auszukommen, die ihnen angeboten wurden. Doch mir genügte dies nicht.
Eines Tages
beschloss ich, auf diesen Hügel zu steigen. Zu meiner Überraschung fand ich
hier einen Weg diese Welt zu verlassen und meine Antworten an einem anderen Ort
zu suchen. Du musst einfach nur …
Doch Toid hielt plötzlich inne. Ein Brief, der ihm so
vertraut schien, an diesem einsamen Ort, berührte ihn sehr und das Angebot
diese Welt zu verlassen war sehr verlockend. Doch er konnte sein Leben nicht
einfach hinter sich lassen, oder etwa doch? Was wird aus seiner Frau, seinen
Freunden, seinen Eltern … Toid las weiter.
… auf die Spitze
des Hügels steigen und dich von einem der Sonnenstrahlen davontragen lassen. Du
kannst ihnen trauen, sie sind immer warm und freundlich. Vielleicht sehen wir
uns in einer besseren Welt wieder,
ein Freund.
Von einem Sonnenstrahl davon tragen lassen? Das klang für
Toid absurd. Obwohl … Lunies waren wirklich sehr klein, so klein, dass sie auf
einem Sonnenstrahl reiten könnten, rein theoretisch natürlich. Toid mochte die
Theorie, weil in der Theorie vieles möglich war, das in der Praxis doch nicht
funktionierte.
„Was soll’s?“ dachte sich Toid und kletterte auf den
höchsten Punkt des Hügels. Er streckte seine Hände aus und konnte tatsächlich
spüren, wie die warmen Sonnenstrahlen ihn zur Seite drückten. Er nahm all
seinen Mut zusammen und sprang hoch in die Luft. Ehe er sich versah, wurde er
von einem grellen Lichtstrahl davon getragen. Er sah den Hügel, wie er immer
kleiner und kleiner wurde. Dann wurde es plötzlich ganz dunkel um ihn herum,
aber niemals kalt. Nach einiger Zeit wurde es wieder hell und dann, ganz
plötzlich, nahm die Reise ein Ende.
Ich weiß nicht, wie lange Toid bereits in unserer Welt war
und warum er ausgerechnet mich ausgesucht hatte. Und ich hätte ihn wohl auch
nie bemerkt, wenn ich nicht eines Nachts eine ganz feine, kaum wahrnehmbare
Stimme gehört hätte. Sie sprach zu mir: „Ich bin auf der Suche nach einer
besseren Welt …“ Ich muss gestehen, dass ich ein wenig verwirrt war und, da ich
niemanden sehen konnte, an meinem Verstand zweifelte. „Wer ist da?“ fragte ich
ein wenig verängstigt. „Ich heiße Toid, und ich komme von einer weit entfernten
Welt.“ „Aber wo bist du? Ich kann dich nicht sehen.“ „Ich sitze direkt auf
deiner Nase. Bist du denn blind?“
Angestrengt versuchte ich die eigene Nasenspitze zu
betrachten. Ich nahm auch einen Spiegel zu Hilfe. Doch so sehr ich mich auch
anstrengte, ich konnte nichts erkennen.
Ich zweifelte nun noch an mehr an meinem Verstand und
wünschte mir, die Stimme würde wieder verschwinden. „Ich bin auf einem
Lichtstrahl in diese Welt gelangt. Ich hatte gehofft in dieser Welt Antworten
zu finden. Doch ich fand nur noch mehr Fragen.“ „Verschwinde!“ sagte ich. Dann
war es plötzlich still.
Wenig später hörte ich ein leises Schluchzen. Toid, oder
wie auch immer er hieß, schien zu weinen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen und
fragte ihn: „Warum weinst du?“ Er antwortete: „Ich sehne mich nach meiner Welt.
Erst wollte ich sie unbedingt verlassen und jetzt fehlt sie mir.“ Er erzählte
mir seine Geschichte, wie er seine Welt verließ um eine bessere zu finden.
Wir unterhielten uns die ganze Nacht, doch auch ich hatte
leider keine Antworten für ihn und Toid fühlte sich in unserer Welt noch
einsamer. Vielleicht tröstete ihn aber, dass ich ähnliche Fragen hatte. Er
vermisste seine Welt, seine Frau, sein Reisebüro und sogar den schlecht
gelaunten Geschäftsführer.
Irgendwann muss ich wohl eingeschlafen sein. Und am
nächsten Morgen war die Stimme verstummt. „Toid?“ fragte ich. Doch ich erhielt
keine Antwort. Ich erinnere mich aber, wie diese feine Stimme, kurz bevor ich
einschlief, etwas von einem Brief erzählte. Ich konnte keinen Brief finden, bin
mir aber sicher, dass er einen Satz enthielt: Bin verreist.
Ich weiß nicht wohin Toid gegangen ist. Ob ihn die
Sonnenstrahlen nach Hause trugen oder ob er noch immer auf der Suche nach einer
besseren Welt ist. Ich weiß nur, dass dieser kleine Lunie mein Leben
grundlegend verändert hat. Und wer weiß, vielleicht bekommst auch du irgendwann
mal Besuch von einem Lunie. Und vielleicht kannst du ihm dann mehr Fragen
beantworten.
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Thomas Lüthje).
Der Beitrag wurde von Thomas Lüthje auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.03.2007.
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Infinity: Zeitgenössische, zärtliche Lyrik aus Wien - Hietzing
von Heinrich Soucha
Mit dem Schreiben und Dichten, ist das so eine Sache.So war ich oft der Meinung, nur lyrisch Schreiben zu können, falls ich mich in einem annähernd, seelischen Gleichgewicht befände, erkannte aber bald die Unrichtigkeit dieser Hypothese.Wichtig allein, war der Mut des Eintauchens.Das Eins werden mit dem kollektiven Fluss des Ganzen. Meine Gedanken, zärtlich zu Papier gebrachten Gefühle,schöpfte ich stets aus diesem Fluss.
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