Katarina Niksic

Unschuldig

Klein, süß und schön war das kleine Mädchen. Wie eine wohlduftende Rosenknospe stand sie vor dem Altar in der prachtvollen Kirche, im einfachen Kommunionkleid aus dem schneeweißen, dünnen Chiffon von fleißigen Nonnen genäht. Alle Mädchen trugen an diesem Tag die gleichen Kleider, nur ihre Lebensgeschichten haben sich voneinander unterscheiden. Sonnenhafte Kindheit, Gottes Segen und der Duft des Weihrauchs füllten die kirchliche Atmosphäre. Ernste Menschen saßen auf den Holzbänken und ihre Gesichtskonturen waren mit Ruhe überzogen, fest ineinander gefaltete Hände auf dem Schoß ruhend und unversiegbare Gedanken, die gleichzeitig und fließbandmäßig in fremden Köpfen kreisten, Tausende von verschiedenen Bildern bewegten sich in fremden Augen. Aber diese Ruhe, dieses Stillsitzen dauerte zu kurz, trügerisch zeichnete sich das Leben der Mütter, der Väter, der Kinder.

 

 

Bis zu ihrem neunten Lebensjahr wusste das kleine Mädchen, namens Nina, nicht, wie grausam, gefühllos, voller Undankbarkeiten  und Lügen die Welt da draußen sich zeigte, ohne Schamgefühl, ohne Skrupel, ohne Liebe, im Mangel an Träumen und Hoffnung, ohne Aussicht auf Besserung, als ob der Teufel eben das Kommando übernommen, und die Richtung der folgenden Geschehnisse festgesetzt hätte.

 

„Mein Vater liebt mich über alles“, dachte das ahnungslose, kleine und unberührte Kind. „Er streichelt oft mein Haar, mein Gesicht, küsst meine Augen, meine Stirn, meine kleinen Finger. Und jeden Tag bekomme ich ein neues Spielzeug, und mein Vater erfindet jeden Tag ein neues, aufregendes Spiel. Und alles ist feenhaft schön, die Liebe hat keine Grenzen, kennt weder Rast noch Pausen.“ Ja, dieser Vater liebte seine Tochter, die kleine, zarte Prinzessin und ihren angenehm duftenden Körper. Diese Liebe, diese Zuneigung war schattig, verdorben, vulgär und tief verletzend. Diese Liebe erzeugte Schmerz, Schreie, Tränen, Ohnmacht und Schrecklähmung. Niemand sah diese Tantalusqualen, niemand hörte diese stillen Aufschreie in der finsteren Nacht, die hoch in den Himmel zu hören waren. Nur die Augen dieses kleinen Mädchens wurden immer trüber, Nacht für Nacht, Tag für Tag verloren sie ihren Glanz, ihre Unschuld und jede Lebhaftigkeit. In ihnen reflektierte sich das Weltbild, in dem sie vollkommen verloren war, verurteilt dazu, sich nicht wehren zu dürfen.

 

 

Es war Sonntag. Ein aufgewühlter Tag, der traurige Wahrheit und dringende Veränderungen mit sich bringen sollte.

 

Aus der Ferne hörte man Lärm von heulenden Sirenen des Notarztwagens. Bedrohliche Sekunden, die sich in einer offensiven Wildheit voneinander entfernen. Eine Arzttasche, eilende Schritte. Ein Zimmer, ein Bett, ein Laken, weißrot schimmernd, eine scharfe Rasierklinge daneben und zwei leblos hängende Unterarme. Spuren der Verzweiflung. Ein blasswangiges Mädchengesicht, halb geschlossene Augenlider. Wie aus einem Tunnel widerhallten die Takte eines Klagelides. Erst ist Nina dreizehn. „Ich kann nicht mehr, ich bin so todmüde, ich will diese anarchistische Liebe nicht mehr." Das war eine einzige Strophe dieses unvernehmbaren Klagelides. Wo ist Ninas Mutter geblieben? Diese „ahnungslose" Rabenmutter, die doch über die ganze Situation Bescheid wissen musste. Wo versteckte sie sich vor der Wahrheit? Warum hat sie nie etwas dagegen unternommen? Drei Jahre lang wurde Nina vom eigenen Vater körperlich und sexuell missbraucht; regelmäßig, still, spielend und sooft brutal, schnell, blutig und zum Wahnsinnigwerden. Ein Vater, ein Vierzigjähriger, ein chronischer Alkoholteufel, der alle seine Gehirnzellen zur Zerstörung freigegeben hatte. Bewusst und freiwillig.

 

Ist die Liebe ein Weg oder ein Resultat? Was ist ein INZEST? Wie sieht eine kleine Seele nach einem solchen Akt aus? Wie tief müssen die Verletzungen sein, wann werden sie ausheilen, wenn sie es schaffen, als auskuriert zu gelten, und nur noch in blasser Erinnerung zu existieren? Das Leben ist sogar immer noch da, wenn wir den ganzen Planeten in die Luft jagen. Aber was für ein Leben? Es bleibt eine mühsam tragende Gegenwart, eine furchtsame und düstere Zukunft.

 

 

Ein kleines Mädchen steht da alleine, voller Schamgefühle und  Minderwertigkeitskomplexe, traumatisiert und halb daseinsfähig. In der Bibel ist die Inzestgeschichte als eine recht „abenteuerliche" Situation offenbart worden. Die Geschichte über Lots Töchter. Beide Töchter hatten Angst, dass ihr weibliches Geschlecht vom Aussterben bedroht wäre, und sie werkten einen Plan aus. Mit Wein machten sie den eigenen, vertrauten Vater betrunken und vergingen sich beide einer nach der anderen an ihn. In seiner Trunkenheit merkte Lot nichts davon, und am nächsten Tag konnte er sich kaum an etwas erinnern. Beide Töchter wurden schwanger, beide bekamen einen Sohn. Der eine hieß Moab („von meinem Vater") und der andere Ben-Ammi ("Sohn meines Vaters"). Was hat Nina mit Lots Töchtern zu tun? In Ninas Geschichte ist alles anders. Und doch bleibt ein INZEST ein INZEST. Verurteilt von Gott, von der Bibel, verabscheut von jeder Moral und Ethik, ohne festen Platz in unserem Lebensbereich, und doch ist er da. Sichtbar und unsichtbar, mit tausend Masken, mit tausend Konsequenzen. Und ständig lauert er: im eigenen Familienhaus, in der Nachbarschaft, allerorts, mächtig und doch zu oft unbemerkbar. Ein wahrer Meister der Tarnung ist er geworden. „Wer beobachtet mich, wer will noch bewusst meine Taten sich ansehen?", eine rhetorisch gestellte und doch zugleich eine nie gestellte Frage, denn die Antworten bringen Wahrheit mit sich, die nicht angenommen werden will, nicht erkannt werden möchte.

 

 

Nach ein paar Tagen wurde Gina aus dem Krankenhaus entlassen. Ihre aufgeschnittenen Pulsadern verheilten nur äußerlich. Nur zwei Narben sind als ein Mahnmal und ein Warnungszeichen auf ihren Unterarmen geblieben. Und noch größere Narben lagen auf ihrer Seele. Ihr Blick war stets zu Boden gerichtet. Vater und Mutter wurden nur noch zwei schwarz-weiße Silhouetten, zwei Figuren ohne Verstand, zwei Fleischkörper ohne Seele und Empfindungen, zwei Kreaturen, die sich Menschen nennen, die sich noch Eltern nennen dürfen. Mit welchem Recht? Oder sind sie auch zum Sklaven des eigenen Lebensgefühls geworden?

 

 

Drei Jahre danach hörte Nina auf, in die Schule zu gehen.  Da fand sie auch keinen Lehrmeister der Tugend und Moral. Vater trank weiter, jeden Tag ein wenig mehr. Ihre, mit der Zeit hysterisch gewordene Mutter führte ihren alltäglichen Kampf mit Ginas drei jüngeren Geschwistern. Sie kämpfte und ließ los. Nein, sie ließ öfter los, als sie zu einem autoritären Erziehungskampf bereit wäre. Allmählich vernachlässigte die Mutter stufenweise alles und jeden. Um welchen Preis, mit welchem Ergebnis? Während Nina im Krankenhaus war, wurde zu Hause die ganze Küche mit einem Beil zertrümmert. Hannes war wieder Mal brutal betrunken. Zwei Schichten nacheinander musste er arbeiten, um eine neue Küche und das restliche demolierte Mobiliar wieder zu beschaffen. Das war eine, sich immerfort wiederholende Situation in dem Elternhaus von Nina. Gestank der Trunkenheit war stets in der Luft, eine geschlagene und sich nicht wehrende Frau und Mutter bewegte sich leise und ohne jede Widerrede, immer wieder und ohne Grund geschlagene Kinder lebten in diesem laut gewordenen Haus, in dem jeder auf seine Art in einer Ecke sich stimmlos beklagte.

 

 

Angst und Schrecken wohnten in diesem Haus. Neue Möbel zu beschaffen,  war kein Problem für Hannes, aber die  Schmerzen, die er im Alkoholrausch seiner Familie zugefügt hatte, konnten so leicht nicht ausgeglichen werden, nur noch neue Schmerzen würden sicherlich dazu kommen. Eine Höllentür öffnete sich. Jeden Tag um einen Spalt breiter.

 

 

Nina veränderte sich. Ihr Gesicht war nicht mehr mit einer Rosenknospe zu vergleichen. Ihre Nächte, in welche sie flüchtete, wurden zu einem Albtraum. Sie gab sich langsam und sicher auf, sie war sich egal geworden. Sie dache, dass jedermann sieht, wie es um sie steht und was ihr angetan worden war.

 

 

Ohne ein Ziel vor Augen zu haben, lief sie durch die geheimnisvolle Stadt, verschmutzt und ausgehungert und nahm jede fremde Einladung an. Bald machte sie Bekanntschaft mit Alkohol und mit Menschen, von denen jeder etwas zu verbergen hatte. Eine nieder drückende Musik begleitete sie dabei. Sie wurde zu einem Straßenkind und ließ sie nur noch selten zu Hause blicken. Ihre zwei Brüder sind ein wenig älter geworden, haben schon Pickel und einen kleinen Flaumbart auf dem Gesicht und bewegen sich gemeinsam den verbotenen Wegen zu. Ohne Liebe, Fürsorge und Aufsicht entwickeln sie sich zu Drahtziehern einer langfingrigen Clique und begehen jeden Tag aufs Neue, eine andere Straftat, in der Versuchung ihre Courage und Männlichkeit zu beweisen. Kurze Zeit danach wurde eine nahe gelegene Verbesserungsanstalt ihr Zuhause. Und wieder versagten eine Mutter, eine Schule und eine verantwortungslose Gesellschaft. Und es gibt keine Ausreden. Basta! Nina ertrug das Ganze nicht mehr lange. Sie wurde zwar nicht mehr geschlagen und nicht mehr berührt, aber die Angst um ihre kleinere Schwester würgte sie ständig und allerorts. Was passiert mit dem „Schneewittchen", wenn es schon nicht passiert worden war? Wie konnte Nina ihre Schwester bloß ausforschen? Denn dann musste sie selbst einiges enthüllen, etwas melden, eigene Geschichte beichten, welche sie am liebsten in eine Schublade einschließen wollte. Nina traute sich nicht. Eines Nachts kam sie nicht mehr daheim an. Auch die darauf folgende Nacht nicht. Wie ein Wind zog sie sich zurück und hatte Sehnsucht nach dem Abstand. Nina wollte sich einfach nicht mehr erinnern, an gar nichts mehr erinnern, als ob sie nie klein gewesen war, unbefleckt und mit einem Engelsgesicht, lachend und schwebend, mit einem weißen oder rosa Kleidchen bekleidet.

 

 

Später hörte man, Nina hat im Ausland einen jungen Mann geheiratet. Die Ehe stand unter keinem gesegneten Zeichen. Zuerst verweigerte sie sich ein Jahr lang, wurde später doch schwanger und bekam im siebten Monat einen kleinen, kaum lebensfähigen Jungen. Turbulenzen, Problemen und Streit wechselten sich ab. Ihr Mann war ein fauler Nichtsnutz, konnte und wollte nicht für ihre kleine Familie sorgen. Alles ging den Bach runter. Oh, du Ausweg, wo bist du? Wo soll ich den hin? Schweren Herzens nahm sie ihren Sohn auf den Arm, das kleine, wehrlose Bündel und klopfte eines Tages an die Tür des Hauses, wohin sie nie mehr zurückkehren wollte. Als wollte sie ihre Mutter einkerkern, überlies sie ihr stillschweigend das Kind. Sie hatte keine andere Wahl. Bezaubernd war das kleine Baby, hatte schwarze, dichte Haare und besaß eine wilde Lust zum Leben. Nina sprach nicht. Voller Aufmerksamkeit schaute sie ihrer kleinen Schwester in die Augen. Brillant und fröhlich blickten diese braunen Augen zurück. „Oh, lieber Gott, ich danke dir", dachte Nina und fühlte sich überglücklich. Es ist nichts passiert. Sie ist noch ein ganzes Kind, ein unbeschwertes, verspieltes Mädchen ohne dunkle Augenringe. Der Blick der Schwester war direkt, hell und nicht verheimlichend. Die Kleine hatte nichts zu verbergen, musste sich keinesfalls vor etwas schämen oder sich beugen. Schmerz, Tränen und Wut haben sie nicht begleitet. Sie ist verschont worden. Nina küsste ihre kleine Schwester, drückte sie fest an sich und sagte leise und flüsternd: „Pass auf dich auf, Kleine! Lebe wohl!“  Die Tür fiel erneut ins Schloss. Es war, als stünde Nina auf einer Kreuzung, auf dem kein Wegweiser befindlich war. Links, rechts, zurück oder geradeaus. Ist doch egal wohin, dachte sie, alle Wege kreuzen sich früher oder später wieder.

 

 

Eine junge Frau ist Nina, eine Mutter ist sie geworden. Spürt sie eigentlich eine Liebe in sich? Bei der Geburt ihres Sohnes ist sie fast gestorben, hat sich nie richtig erholt und ist schwächer, als sie es je zuvor war. Langsam und sicher geriet sie in die Fänger der Gesellschaft. Wechselte nach Lust und Laune ihre vorübergehenden Arbeitgeber und sammelte strebsam ihre Erfahrungen. Auf einmal spürte sie das schnell spielende Leben in sich. Die Straße und ihre „ausgewählte" Gesellschaft beeinflussten ihren Charakter. Jeden Tag lernte sie neue Tricks, und ihre kleinen Finger waren flink und wendig geworden und passten nicht mehr zu dem naiven Mädchen, das sie früher mal war. Langsam wurde sie zu einer Diebin, zur Betrügerin und zur Fälscherin, zu einem eiskalten Engel, der bereit war, über Leichen zu gehen, um seine Ziele zu verwirklichen. Liebe, Anstand und Verantwortung waren nur leere Worte, die sie mit zynischem Lachen ignorierte. Mit ihren Spielchen wurde sie auch für einen kurzen Augenblick wohlhabend. Dank ihrer flinken Fingern fand Nina einen Job. Es war nicht irgendein Job. Ihre Arbeitsbühne befand sich in einem Casino, in einer Spielhalle, wo die Farbe des Geldes zum Vorschein kommt. Nina trug die schönsten  und teuersten Kleider, kaufte sich viel Schmuck und überschüttete ihren Sohn mit leblosem Luxus. Alles wie im gedankenlosen Vorbeigehen. Päckchen wurden abgeladen, der Sohn bekam einen dicken Kuss und Tschüss. Armer Junge, der seine Mutter kaum kannte. Seine Grandma war in Wirklichkeit seine richtige Ma. Und erstaunlicherweise kümmerte sich die Großmutter um ihn, als wollte sie einiges wieder gutmachen. Fünfzehn Jahre lang kümmerte sich diese Großmutter um ihren Enkelsohn.

 

 

Nina ist eine Geschäftsfrau geworden, sogar eine Geschäftsführerin, hat jetzt keine Zeit und ist andauernd in Eile. Ihr Blick ist dennoch noch nicht aufgerichtet, ihr Kopf ist halb nach unten gesenkt. Geistesarm ist sie nicht, doch weiß sie, dass das, was sie macht, nicht einwandfrei ist, aber sie meint, für sie bietet sich keine andere Alternative. Ein wenig reifer ist sie geworden, die ersten Fältchen klebten auf ihrer Stirn und um ihren Mund.

 

 

Einige Zeit verging. Obwohl Nina edel gekleidet war, mit Gold geziert, waren ihre Gebärden, die Gesten eines Straßenmädchens, die ihre Handbewegungen in Gaststätten und Schenken übte. Ihre Augen glänzten wieder, sie brillierten gierig und gefährlich, sie wirkten kleiner als sie waren, und ihre dünnen Lippen pressten sich auf eine gefahrdrohende Art zusammen. Der ganzen Welt will sie etwas präsentieren, und wo früher sie neidig war, sollen nun andere auf sie neidig werden. Und dennoch war sie immer noch naiv und vertrauensselig und glaubte von nun an nur an die Autorität des Geldes. Das Geld bedeutet Macht und erlaubt gewisse Freiheiten. Plötzlich und unerwartet kam sie nach Hause, voller Zielsetzungen und Veränderungen für die ganze Familie. Da sie längst keine Skrupel mehr besaß, kam sie auf ihren geächteten Vater zu und gab ihm etwas in die Hand. Es war klein, länglich, aus blauem Papier. Ein Flugticket. Für eine Zwanzigtausendmeilen-Reise, welches er, ohne mit den Wimpern zu zucken, angenommen hatte. Nina setzte vielerlei in Bewegung. Stolz war sie auf sich, und das Geld hatte etwas Magisches an sich. Die große Wohnung der Eltern wurde in einem Tag leer geräumt und die Wände wurden mit zarten Pastellfarben gestrichen. Möbelpacker steigen nun die Treppen herauf, bis zur dritten Etage. Alles glänzt in neuer Frische, alles duftet nach Geld und Wohlstand. Übereifrig wurde alles auf den richtigen Platz gerückt. Schränke, Tische, Stühle, Regalen, Vitrinen, alles aus edlem Holz, stabil, kostspielig und langlebig. Die Wohnung bekam ein neues Bild, eine neue Visitenkarte, ein neues Flair. Nina schaute sich um, zeigte eine leidenschaftliche und zufriedene Miene. Regelrecht lachte sie innerlich, fühlte eine Göttin in sich, einen Zauberer, der für jeden Wunsch zugänglich war.

 

Das reichte aber nicht. Das Geld juckte weiter. Es muss ausgegeben werden. Karibik ruft, den Duft des Meeres spürt sie schon in ihrer kleinen, schön und gerade geformten Nase. Palmen biegen sich in warmen Wind, wie zu einer Begrüßung bereit. Und Nina möchte willkommen gegrüßt werden. Punkt.

 

Noch ein Mal ins Reisebüro. Nicht ein Ticket soll sie bestellen, nicht zwei, nicht drei, nicht vier … gleich mehrere. Ninas Bruder, die inzwischen aus der Anstalt für schwer erziehbare Kinder zurückgekehrt sind, wollen ebenfalls etwas von der weiten, unbekannten Welt sehen. Spendabel ist Nina. Eine gutmütige, kleinwüchsige Fee steht in voller Größe da. Auf sie kann man greifen, bei ihr ist man in Sicherheit, natürlich, so lange die Magie der grünen Scheine anhalten würde. Ist es nicht zur Regel geworden, dass alles, was schön ist, nur für kurze Zeit angenehm klingelt. Jeder Traum endet mit Morgendämmerung. Drei Wochen waren um. Der Vater war auf einem Kontinent, der Rest der Familie auf einem anderen. Und die Rückreise führte über Ozeane, begleitet von verschiedenen Winden und verschiedenen Melodien und von den tollsten Eindrücken wieder nach Europa zurück. Schön ist das Leben. Gnädig ist Gott im Himmel. Paradoxerweise mischt sich der Herr des Himmels in nichts mehr ein. Lässt uns genießen und schweigt.

 

 

Still ist es geworden. Zu still.

 

Zwei bis drei Jahre vergingen. An der Haustür ertönt ein nervöses Klingeln, lang andauerndes, ohrenbetäubendes Klingeln. Bim-Bam-Bum! Eine ganze Truppe von der Kriminalpolizei trampelt in die Wohnung im dritten Stock. Keiner durfte sich bewegen. Hausdurchsuchung. Wie ein Echo breitet sich Ninas Name fort. Die „gute Fee“ wohnt gar nicht mehr hier. Wer weiß, wo sie wohnt? Nina war ungefähr ein Meter und fünfzig groß, hatte schöne, schwarze und wie ein Kristall glänzende Haare. Auch mit fünfundzwanzig waren ihre Hände und ihre Finger winzig klein, wie bei einem Kind. Zu hoch schien die Decke des Raumes, wo sie sich befand.  Wie ein Tier im Käfig, aufgedreht und angsterfüllt, bewegte sie sich stolpernd hin und her. Glanz aus ihren Augen schwindet dahin, kleine dünne Falten auf ihrem Gesicht bekommen eine seltsame Tiefe. Allein ist sie. Ihre Träume haben sich wie ein herbstlicher Nebel aufgeklärt. Weinen kann sie nicht und flüchten kann sie jetzt auch nicht mehr. Die Lippen bewegen sich nicht, zu einer Strichlinie werden sie modelliert. Ihre Augen strahlen die Kälte aus. Wo ist Nina? Was ist mit dem kleinen Mädchen passiert? Das Haus hatte viele Fenster, geschmückt mit dunkelroten Ziegelsteinen und von allen Seiten mit den grauen Betonmauern geschützt. Ein in die Länge gezogener Hof, ohne Vorgarten und ohne Blumen rundete das ganze Bild dieses traurigen und leider notwendigen Quartiers. „Gefängnis“ heißt das Haus. In dem Haus ist alles wunderbar organisiert, da läuft alles nach Plan, da herrschen Strenge und Ordnung. In diesem Haus kommt man sich wie eine kleine Maus vor, so klein, dass man nie kleiner werden könnte. Interessant für das Haus sind ihre Bewohner. Jeder, der hier zwingend und auf Zeit ein Zuhause findet, bringt mit sich nur das, was er anhat, und jeder bringt eine große Entschuldigung mit. Alles andere ist das Schweigen. Steuerhinterziehung, Geldwäsche, Betrug,  und vieles mehr füllte Ninas Anklageakte. Ein dunkelblauer Kittel versteckte ihre mädchenhafte Figur, ihre kleinen Fingerchen trugen keine Goldringe mehr, das Haar glänzte nicht und fiel schwer auf ihre schmale Schulter.  Von einer Nacht in die andere plagte sie eine dämonische Schlaflosigkeit. Mit wem könnte sie sich später über ihre Gefühle und Erlebnisse im Gefängnis unterhalten? Es fiel ihr schwer zu denken. Sie wollte gar nicht mehr denken, gar nichts begreifen, nur still abwarten.

 

 

Ein paar Monate später öffnete sich das große Tor und Gina ging mit langsamen Schritten heraus, atmete kellertief ein und wagte nicht, sich umzudrehen. Jede Woche musste sie sich bei der Polizei melden. Woche um Woche wurden ihre Träume blasser. Ist Nina traurig? Nein, sie ist von ihren Leben enttäuscht, sie ist verbittert. Alle ihre möglichen Chancen sind verflogen. Das ist aber nicht wahr! Sie klaute sich selbst ihre Träume und ihre Aussichten, sie klaute sich ihre eigene Zeit und Kraft. Nun steht sie da, traut ihren eigenen Schatten nicht mehr, die Schritte sind schwer und ihr Atem mit tiefem Stöhnen vermischt. Nun ist sie vorbestraft und trägt einen Schuldenberg auf ihrem Rücken.

 

 

Sehr lange Zeit wird Nina brauchen, um ihr Leben in Ordnung zu bringen. Sie wird Kriege führen müssen, mit sich selbst und mit der restlichen Welt. Kann sie es aus eigener Kraft schaffen? Allein ist sie in diesen Stunden, allein muss sie ihrem Leben eine Richtung geben. Allein war sie auch nach der ersten Kommunion. Allein war sie in den Nächten, wo sie ihres Vaters schweren und nach Alkohol übelriechenden Atem über sich erdulden musste. Gibt es in der Hölle einen Ausgang? Kann Nina noch einmal die Fähigkeit aufspüren, fröhlich zu sein, stauen zu dürfen und einen neuen Weg wählen, auf dem nichts zu bereuen wäre. Mann kann den Weg nicht ändern, aber die Richtung schon. Und später irgendwann kann man wieder lernen, wie man lacht, wie man träumt, wie man liebt und wie das Leben sich wunderbar spüren lässt. Der Wille muss Kommando übernehmen, alles andere ist schon längst vorhanden und alles hat einen Sinn und eine Bedeutung. Jede Erfahrung ist eine Lektion, aus der wir lernen sollen, sonst hat sie überhaupt keinen Wert in sich.

 

Ist Ninas Geschichte alltäglich? Nein, sie wird zu einer Alltäglichen gemacht. So eine Geschichte entwickelt sich kontinuierlich hinter vielen Fenstern und Türen, geheimnisvoll, vernichtend, unbewacht, traurig und war. Eine Geschichte, die Schmerz und Wut verbreitete, von Schmerz und Wut handelt.

 

Viele dieser Geschichten ähneln sich, aber jede ist einzigartig, jede schmerzhafter als die anderen. Ohne Schmerz und Wut wäre das Leben lebenswerter.

 

 

Zehn Jahre später.

 

Nina heiratete zum zweiten Mal und bekam eine wunderschöne Tochter. Jede Nacht bevor sie einschläft, kommt ihre Geschichte und ihre Angst zu ihr zurück. Sie wird aber für ihre Tochter da sein, sie wird auf sie Acht geben und sie mit ihrer ganzen Liebe beschützen. Nina nahm endlich ihren Sohn zu sich und versuchte mit aller Kraft das Beste aus ihrem Leben zu machen.

 

 

Das Leben schreibt jeden Tag eine Geschichte, sie hat ein Anfang und ein Ende, aber so eine herzbrechende und  klagende Geschichte ist jedes Mal schon mit ihrem Anfang, eine Geschichte zuviel.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.03.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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