Inhaltsangabe: Lernen Sie den achtzehnjährigen Alexander, er ist Stricher auf Moskaus Straßen. Lernen Sie den siebenjährigen Sergej kennen, der ebenfalls auf der Straße lebt. Ihnen dienen Keller und die Moskauer Kanalisation als Schlafplatz.
Lernen Sie auch Jürgen kennen, der in Moskau ist und nach Ideen für ein neues Buch sucht. Alle drei Schicksale sind miteinander verknüpft.
Eine Geschichte von Freundschaft, aber auch dem menschlichen Elend. Der Gleichgültigkeit der Gesellschaft und der Menschlichkeit einiger weniger. Eine Reise, die in Moskau beginnt und Sie bis nach Sibirien führt. Leider ohne Happy End! (DRAMA) Bitte bei Kapitel 1 beginnen!
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Kapitel 11
Frühling
Als Alexander wieder in Moskau angekommen war, suchte er weiter nach seinem Freund. Jeden Tag, und jede Nacht, klapperte er die Keller und Kanalsysteme der Stadt ab. Fragte Obdachlose, Straßenkinder und Passanten, aber niemand schien ihn gesehen zu haben! Durch die monatelange Sucherei verlor er stark an Gewicht. Kunden kamen ebenfalls selten. Selbst Pavel hielt mit seinem Wagen nur kurz und fuhr weiter.
An diesem Freitag Nachmittag, war das Wetter wunderschön, und für den April fast ein wenig zu warm. Alexander saß in einem Park und lies sich die Sonne aufs Gesicht scheinen. Auf der anderen Bank, zehn Meter entfernt, spielte ein kleines Mädchen mit seinem Ball. Die Mutter saß daneben und las in einer Zeitschrift. Er warf einen kurzen Blick zu den beiden hinüber. Wie unbeschwerlich dieses kleine Mädchen spielte!
Heute hatte er beschlossen die Suche aufzugeben. Sein bester Freund was sicher längst tot. Es gab viele Möglichkeiten auf der Straße umzukommen. Einige Kinder wurden entführt, getötet und ihre Organe verkauft. Ihm war das bekannt. Es war auf den Straßen kein Geheimnis. Einige andere erfroren oder nahmen sich das Leben.
Plötzlich fiel ein Ball vor seine Füße! Es war der Ball des kleinen Mädchens, welches jetzt angerannt kam. Alexander gab ihr den Ball zurück. Sie blieb dennoch stehen und sah ihn an. >>Geht es dir gut?<< ,fragte sie. Er schaute sie nun ebenfalls an und nickte. >>Es geht mir gut, alles in Ordnung!<<
Die Mutter sah das und rief sofort ihr Kind her. Als das kleine Mädchen bei ihr angekommen war, schimpfte die Frau mit ihrer Tochter, anschließend verließen sie den Park. Was sie sagte war unwichtig, denn es drehte sich eh nur um den Penner auf dieser Bank.
Dann besah er seine dünnen Finger und befühlte sein Gesicht. Für ihn war das Leben ein einziger Schrotthaufen! Innerlich fühlte er sich leer, kaputt und ausgelaugt. Die Zeit des Glücks war vorbei. Jetzt schlief er nachts wieder allein. Aber in jeder Nacht waren seine Gedanken bei Sergej. Jetzt war sein Freund tot, warum sollte er sich das weiter antun? Jeden Tag betteln, seinen Körper zu verkaufen, das war alles, was das Leben ihm noch bieten würde. Nein, er würde Schluss machen! Die Schienen lagen nicht weit von hier!
Hier an dieser Stelle! Vorsichtig kletterte er den Hügel hinunter. Was sich allerdings als nicht ganz einfach erwies, denn dieser war nicht nur steil, sondern durch das Gras rutschig. Auf einmal rutschte Alexander ab und kullerte nach unten. Mit voller Wucht schlug er auf dem Schotter auf. Sofort besah er seinen Arm, eine Schürfwunde. Sein Bein war ebenfalls verstaucht. Humpelnd lief er die Gleise entlang um dann stehen zu bleiben. Hier würde er auf den nächsten Zug warten.
>>Hallo!<<
Erschrocken drehte er sich um. Die Stimme kam aus dem Busch hinter ihm. Dimitri streckte seinen Kopf hervor.
>>Hallo, Dimitri!<<
Dieser kam nun hervor. >>Ich habe verpennt! Hier schlaf ich manchmal. Was machst du hier? Ich habe dich hier unten nie gesehen.<<
>>Mein Freund ist tot und ich habe keine Lust mehr.<< Er machte eine Pause, um dann zum Himmel hoch zu brüllen. >>Ich habe genug von diesem scheiß Leben!<<
>>Gleich kommt ein Zug, dann kannst du dich aus dem Leben befördern. Aber du hast die Grenze noch nicht überschritten und wirst es nicht tun!<<
>>Ich werde es tun!<<
>>Gut, ich werde dich nicht aufhalten<< ,entgegnete Dimitri und setzte sich ins Gras.
Der Zug war bereits zu hören! Alexander stellte sich näher an das Gleis. In diesem Moment kam der Zug schon um die Ecke. Mit jeder Sekunde näherte er sich einige Meter mehr. Plötzlich quietschten die Bremsen auf. Trotzdem würde es der Lokführer nicht schaffen. Alexanders Herz klopfte, einfach auf das Gleis stehen und die Sache war in wenigen Sekunden erledigt.
Dimitri erhob sich. >>Ich mache mich davon, sonst bekomme ich nachher nur Ärger.
Er schaute ihm kurz nach, dann glitt sein Blick wieder zu den Schienen. Wenige Meter waren es nur noch, dann war der Zug an ihm vorbei. Jetzt oder nie! Sein Herz pochte immer stärker. Die Lok war bereits vorbei! Dimitri hatte Recht behalten! Er, Alexander, war zu feige! Der Zug kam zum Stehen. Zeit zum Nachdenken blieb nicht, sonst gab es Ärger. Schnell humpelte Alexander davon.
Trotzdem wollte er sein Vorhaben nicht so einfach aufgeben. Mit etwas Alkohol konnte man sich Mut antrinken. Dann würde es auf jeden Fall klappen. Nur besaß er kein Geld um welchen zu kaufen, also hieß erstmal betteln!
Nach vier Stunden war das Geld endlich zusammen. Jetzt saß er auf dem Boden eines Bürgersteigs, die Wodkaflasche daneben. Immer wieder nahm er einen Schluck. Zahlreiche Passanten liefen an ihm vorbei. Manche machten dumme Bemerkungen, aber das war ihm egal, sollten die Leute reden. >>In einigen Stunden wird es keinen Alexander mehr geben.<< ,murmelte er vor sich hin.
Es war bereits dunkel. Alexander erhob sich und warf die leere Flasche weg. Sie Als auf dem Asphalt aufschlug zerfiel sie in viele Teile. Irgendwie war keine Wirkung zu spüren. Humpelnd lief er die Straße entlang, auf einmal drehte sich alles. Der ganze Boden begann zu schwanken. Alexanders Arme griffen nach einem Halt, aber da war keiner. Mit einem Schlag landete er auf dem Boden und es wurde dunkel um ihn.
>>So ein Abendspaziergang tut gut!<< ,meinte Jürgen.
>>Ja, besonders nach dem Hähnchen<< ,stellte sein Nachbar fest.
>>Ich glaub, dass ich mehr davon gegessen habe als sie.<< Plötzlich blieb er stehen und zeigte nach vorne. >>Sehen sie da liegt einer!<<
Anton musste schon zweimal hinsehen. Tatsächlich, da lag eine Person am Boden. Die Straße war nur wenig bevölkert. Aber keiner machte sich die Mühe, nachzuschauen, ob dem oder der Fremden etwas passiert war. >>Der wird besoffen sein! So was sieht man hier oft.<<
Jürgen lief näher heran. Die Gestalt am Boden bewegte den Arm um sich wieder aufzurichten. Dann nahm sie den zweiten Arm, schaffte es aber nicht hoch. Endlich war Jürgen nahe genug heran. Das Schaufensterlicht war hell genug um mehr erkennen zu können. Der Kleidung nach musste es ein Mann sein. Doch nur ein heftiges atmen war jetzt zu vernehmen. Jürgen winkte seinem Nachbarn zu. >>Kommen sie, wir müssen ihn umdrehen.<<
>>Ach herrje, dieser Deutsche wieder!<< ,ärgerte sich Anton.
Vorsichtig drehten sie die Person um. Das Gesicht war mit Blut beschmiert. >>Er muss aufgeschlagen sein!<< ,stellte Anton fest.
>>Ich kenne den Jungen!<< ,sagte Jürgen geschockt. >>Wir müssen ihn in die Sitzstellung bringen!<<
>>Na von mir aus!<< So packten beide nochmals an und brachten ihn in die gewünschte Stellung. >>Er sieht ja schlimm aus! Woher kennen sie den Jungen?<<
>>Ich habe ihn im Cafe das erste Mal gesehen, dann nochmals mit einem Straßenkind. Damals habe ich den beiden etwas Geld gegeben. Sie taten mir einfach Leid.<<
>>Jetzt sehen sie was sie mit dem Geld machen. Der eine kauft sich Wodka davon, der andere Klebstoff.<<
>>Hm<< ,brachte Jürgen nur heraus.
Endlich öffnete Alexander seine Augen. >>Sergej!<< ,lallte er. >>Mein Freund!<<
Jürgen suchte derweilen nach einem Taschentuch, fand aber keins. >>Können sie mir ein Taschentuch geben? Ich muss sein Gesicht sauber machen.<<
>>Mein schönes Taschentuch, für sein Gesicht?<<
>>Bitte!<<
Anton holte ein Stofftaschentuch aus seinem Mantel und beugte sich zu dem Jungen um ihm selbst das Gesicht abzuwischen. Nachdem die Säuberungsaktion beendet war, wandte er sich wieder seinem Nachbarn zu. >>Dann können wir jetzt gehen!<<
Dieser machte eine abweisende Handbewegung. >>Kannst du mich hören?<< ,fragte er den Jungen. Eine Wodkafahne wehte ihm entgegen. >>Sergej?<<
>>Ich bin nicht Sergej! Sergej muss sein Freund sein. Sicher dieser kleine Junge.<<
>>Man ist der dicht!<< Kaum hatte Anton dies gesagt, übergab sich der Junge. Jürgen konnte nicht schnell genug zurückweichen und seine Hose bekam etwas ab. >>Haben sie noch mal das Taschentuch?<< Sein Nachbar lächelte. >>Sie können es behalten!<<
Sorgfältig wischte er seine Hose ab, dann den Mund des Jungen. >>Er hat nur flüssiges erbrochen und bestimmt seit Tagen nichts mehr gegessen. Ein Elend ist das! Sein Gesicht ist ebenfalls ganz mager. Damals sah er besser aus.<<
>>In zwei Stunden wird es ihm besser gehen, dann kauft er sich eine neue Flasche und in vier Stunden liegt er wieder so da.<<
>>Hier liegen lassen, können wir ihn ja schlecht. Helfen Sie mir ihn aufzurichten, er kann heute Nacht bei mir schlafen.<<
Sein Nachbar glaubte sich verhört zu haben. >>Haben sie denn immer noch nichts gelernt? Wollen sie wieder bestohlen werden?<<
>>Es sind nicht alle so!<<
>>Es macht keinen Sinn ihnen das dauernd erklären zu müssen.<< Anton machte eine Pause und erhob den Zeigefinger. >>Nochmals helfe ihn ihnen nicht, wenn sie bestohlen werden.<< Innerlich wusste er, dass er trotzdem helfen würde. >>Glauben sie mir, es ist besser ihn da liegen zu lassen. Geben sie ihm von mir aus etwas Geld, wenn es ihr Gewissen beruhigt.<<
>>Das kann ich nicht, helfen sie mir bitte? Alleine schaffe ich es nicht.<<
Anton schaute ihn traurig an. Er schien zu überlegen. Dann kam er näher und half. >>Ich muss verrückt sein ihnen zu helfen!<<
>>Danke trotzdem!<<
Leider stellte sich gleich heraus, dass sie es nicht einmal zu zweit schafften. Der Junge sackte immer wieder ab. So setzten sie ihn wieder hin.
>>Ich möchte nicht wissen, wie viel Promille der hat.<<
Jürgen zog sein Handy heraus und rief die Auskunft an. Sofort meldete sich eine weibliche Stimme. >>Können sie mich bitte mit einem Taxiunternehmen in Moskau verbinden, vierter Bezirk!<<
Es dauerte gut zehn Minute bis sie es zur zweiten Etage geschafft hatten. Jürgen öffnete die Wohnungstür und machte Licht. Während sein Nachbar den Jungen mit Mühe und Not stützte.
>>Wir legen ihn gleich auf das Sofa!<<
Gesagt, getan! Als endlich auch das geschafft war, setzten sich die beiden erschöpft hin. Anton wischte sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn. >>Jetzt merke ich erst, dass ich nicht mehr der jüngste bin.<<
>>Ich werde ihm gleich eine Decke holen. Sonst friert er heute Nacht.<<
>>Wecken sie mich aber morgen nicht so früh, wenn ihr Geld wieder weg ist!<< ,meinte Anton sarkastisch.
Jürgen ging zum Schrank und holte eine schöne dicke Decke und ein Kissen hervor. Damit lief er zum Sofa, schob das Kissen unter Alexanders Kopf und legte die Decke über ihn. >>So, jetzt friert er nicht!<<
Anton wurde nachdenklich. >>Wissen sie, dass sie ein guter Mensch sind. Ich hoffe sie werden nicht wieder enttäuscht.<<
>>Ich weiß nicht, ob ich ein guter Mensch bin, aber ich kann nun einmal nicht -Nein- sagen. Wenn jemand so da liegt muss ich helfen. Vielleicht wird er mich beklauen, dann hab ich wieder Pech gehabt. Aber ich würde es mir nie verzeihen, nichts getan zu haben. Verstehen sie das?<<
Ob er das verstand? Er versuchte es zumindest. >>Ein wenig verstehe ich sie, aber nur ein wenig!<<
>>Warum hilft niemand diesen armen Menschen, das ist, was ich nicht verstehe. Wenn nur jeder ein klein wenig mehr für seinen nächsten tun würde. Ein Jammer!<<
In dieser Nacht blieb Jürgen neben dem Sofa sitzen und dachte über diese Welt nach, bevor der Schlaf ihn übermannte.
Das Licht fiel in seine Augen und für einen Augenblick musste sich diese erst daran gewöhnen. Ein Blick auf die Wanduhr verriet Jürgen, dass er lange geschlafen hatte. Der Junge öffnete ebenfalls die Augen. >>Wo bin ich?<<
>>Du bist in meiner Wohnung! Ich und mein Nachbar haben dich letzte Nacht auf der Straße aufgelesen. Um es jetzt vorsichtig auszudrücken, so ganz nüchtern warst du nicht mehr.<<
Alexander richtete sich auf und fasste an seinen Kopf. So ein entsetzliches Kopfweh hatte er noch nie gehabt. >>Sie hätten mich ruhig da liegen lassen können.<<
>>So was darfst du nicht sagen. Ich helfe immer, ich kann mich nun einmal nicht ändern und würde nie jemand einfach liegen lassen. Ist Sergej dein Freund?<<
Alexander nickte. >>Aber Sergej ist wahrscheinlich tot!<<
>>Tot?<<
>>Ja, ich habe ihn monatelang in der Stadt gesucht und nicht finden können.<<
>>Vielleicht ist er in einer anderen Stadt.<<
>>Nein, er wollte zurück nach Moskau. Sie haben ihn bei einer Razzia in ein Heim gesteckt und da ist er abgehauen.<<
>>Der Kleine bedeutet dir anscheinend sehr viel.<<
>>Er hatte niemand und ich hatte niemand. Jetzt bin ich wieder allein.<<
>>Ich verstehe! Deswegen hast du dich gestern betrunken?<<
Alexander nickte. >>Ich wollte gestern ..<< Nein, das konnte er diesem Fremden nicht sagen. Es war besser nicht so viel zu sagen. >>Kann ich vielleicht etwas Leitungswasser haben?<< ,fragte er stattdessen.
Jürgen schüttelte den Kopf. >>Ich gebe dir kein Leitungswasser!<< Nach dieser Antwort lief er in die Küche, um einige Sekunden später mit einer Flasche Cola und einer Flasche Mineralwasser zurückzukommen. >>Das ist besser als Leitungswasser!<< ,lächelte er.
>>Vielen Dank!<<
>>Ist schon gut! Möchtest du ein Glas?<<
>>Ja, das wäre nett. Ich trinke nicht alles, dann können sie nachher noch davon trinken.<<
Eigentlich war ihm das egal, so schnell überkam ihn kein Ekel, wenn derjenige nicht gerade Lippenherpes hatte. Aber er sagte nichts und holte ein Glas.
>>Entschuldige, wo bleiben meine Manieren, ich habe mich gar nicht vorgestellt, ich bin Jürgen!<<
>>Mein Name ist Alexander!<<
>>Es ist schön dich kennenzulernen Alexander, wenn auch unter tragischen Umständen.<<
Alexander trank fast die halbe Colaflasche aus. Sprach allerdings nichts mehr, was Jürgen wunderte. >>Du redest wohl nie viel.<<
>>Ja!<<
>>Ist es weil ich Ausländer bin oder weil ich dir geholfen habe? Vielleicht sogar beides?<<
>>Nein, ich bin nur traurig.<<
>>Er kommt sicher wieder!<< Innerlich wusste er natürlich, damit die Chancen schlecht standen. In der Tat verschwanden jedes Jahr zahlreiche Kinder. Keiner trauerte ihn jedoch nach. Weder ihre Eltern, weder die Gesellschaft und die Stadtverwaltung schon gar nicht. Immerhin stellten sie für den Tourismus nur ein Problem dar. Ja, so war und ist das!
Alexander fing an zu weinen. >>Er kommt nie mehr!<<
Jürgen reichte ihm ein Papiertaschentuch. >Die haben mir letzte Nacht gefehlt!<< ,stellte er dabei fest. >>Ich besorg uns etwas fürs Frühstück. Ich hoffe, dass du nachher noch da bist wenn ich wiederkomme.<<
Alexander wischte sich die Tränen aus den Augen. >>Kann ich einmal aufs Klo?
>>Du brauchst nicht zu fragen.<< Er zeigte zur Küche. >>Gleich neben der Küche.<<
>>Danke!<< Langsam erhob er sich. Sein Knöchel tat jetzt höllisch weh. Langsam humpelte er Richtung Bad.
Der Junge war in keinem guten Zustand. Sollte er sein Notebook zu Anton bringen? Nein, sicher sind nicht alle so. Alexander kam zurück und setzte sich wieder auf das Sofa.
>>Wie ist das passiert?<<
>>Ich bin ausgerutscht!<< Die Antwort war nicht einmal gelogen.
>>Wenn du möchtest hole ich nachher meinen Nachbarn, der war einmal Sanitäter. Vielleicht kann er was tun.<<
Alexander schüttelte den Kopf. >>Das ist nicht nötig, es wird bald wieder gehen. Ist nur etwas angeschwollen.<<
>>Ich habe schon einmal einen Jungen hier übernachten lassen, er hat mich beklaut. Ich hoffe du bist nicht so. Versteh das aber jetzt nicht falsch!<<
>>Sie müssen keine Angst haben, ich nehme ihnen nichts weg, habe nie jemanden etwas weggenommen.<<
Jürgen holte seinen Mantel und zog ihn über. >>Ich bin in einer halben Stunde wieder da, dann können wir frühstücken!<< Die Tür knallte ins Schloss und weg war er.
Heute Mittag oder Morgen würde ihn dieser Fremde wieder wegschicken, danach landete er wieder auf der Straße. Betteln und seinen Körper anbieten war dann wieder angesagt. Mehr Alternativen gab es für ihn nicht, um Geld zu verdienen. Das gestern war zu viel Wodka, nächstes mal würde er weniger trinken, beim nächsten Mal würde es klappen!. Er wollte nicht mehr so leben. Diese Einsamkeit, keiner mehr da mit dem er reden konnte. Vielleicht gab es auch eine andere Möglichkeit sich aus dem Leben zu befördern, Alexander dachte nach!
Mit der Papiertüte von der Bäckerei stand Jürgen jetzt im Flur. Neugierig streckte er seinen Kopf durch die Tür. >>Da bin ich wieder!<< Sein Blick fiel zum Sofa hinüber, es war leer, das Notebook war noch da! >>Alexander!<< ,schrie er. Ein heulen war zu hören, es kam aus dem Bad. Sofort lief er zum Bad und öffnete die Tür.
Geschockt blieb Jürgen stehen! Alexanders Arm war voll Blut. Auf dem Badezimmerplatten lag ein Küchenmesser. Der Junge wollte sich umbringen. Blut tropfte ins Waschbecken. Sofort holte er ein Tuch aus der Küche und band damit den Arm ab. >>Du bleibst hier, ich hole Hilfe!<<
Mit schnellen Schritten lief er zur Nachbarwohnung und klingelte.
Diesmal war Anton schon angezogen. >>Lassen sie mich raten, sie wurden bestohlen!<< ,lächelte er missgünstig.
>>Nein, der Junge hat sich die Plusader aufgeschnitten, kommen sie schnell!<<
>>Himmel, Herrgott, bei ihnen ist ja immer etwas los!<< So schnell die beiden konnten rannten sie in Jürgens Wohnung. Anton wunderte sich einen kurzen Moment weil das Zimmer leer war.
>>Er ist im Bad!<<
Durch die Küche führte der Weg sie ins Badezimmer. Am Arm des Jungen und an der Hose, überall Blut. >>Hallo, ich bin sein Nachbar, darf ich mir deinen Arm mal ansehen?<< Der Junge weinte nur. >>Es wird alles wieder gut!<< ,beruhigte ihn der ehemalige Sanitäter, dann nahm er vorsichtig seinen Arm. >>Wir müssen zuerst das Blut abwischen, das ich es besser sehen kann. Bringen sie ein paar Tücher! Dann gehen sie in meine Wohnung, im Schlafzimmerschrank ist ein kleines weises Köfferchen, das bringen sie mir bitte!
Jürgen war ganz aufgeregt, beinahe wäre er jetzt das Treppenhaus runtergelaufen. Mit dem weisen Koffer kam er ins Bad zurück. Anton öffnete ihn und holte ein kleines Fläschchen und einen Tupfer heraus. >>Es sieht schlimmer aus als es ist. Ich werde die Wunde desinfizieren. Danach legen wir einen Verband an, den ich heute Abend nochmals wechseln werde.<<
Endlich war das Bad wieder sauber. Jürgen legte den Putzlappen weg und ging ins Zimmer. Der Junge saß nur da und starrte an die Wand. Immer noch lag die Tüte auf dem Tisch. >>Ich habe ein paar Brötchen besorgt, möchtest du eins?<<
>>Nein Danke! Heute Mittag gehe ich! Dann sind sie mich los.<<
Jürgen setzte sich neben ihn. Alexander sah weiter auf die Wand. >>Denkst du, dass ich dich loswerden will?<<
Jetzt schaute der Junge ihn ernst an. >>So Leute wie ich und Sergej sind nirgends gern gesehen.<<
>>Alexander, du bist hier Willkommen und das meine ich ehrlich.<<
Sein Gegenüber zeigte keine Reaktion auf sein Angebot.
>>Von was lebst du denn?<<
>>Vom Betteln.<< Das er seinen Körper anbot, verschwieg er absichtlich, es war ihm peinlich.
>>Das ist bestimmt nicht leicht, ich könnte das bestimmt nicht.<<
>>Wenn man auf der Straße lebt, lernt man es. Ich habe es schnell gelernt. Manchmal nimmt man nicht genug ein, dann musst du in Containern und Tonnen nach Essen suchen. Das lernt man genauso schnell.<< Dann stellte er einen Gegenfrage. >>Leben ihre Eltern noch?<<
>>Nein, beide sind bereits tot.<<
>>Waren sie nett zu ihnen?<<
Jürgen wunderte sich über die Frage. >>Natürlich waren sie nett zu mir. Meine Mutter hat manchmal geschimpft, aber nur wenn ich was angestellt habe.<< ,lächelte er. >>Da du mir diese Frage stellst, nehme ich an, deine Eltern waren nicht nett zu dir.<<
>>Sie hatten keine Zeit nett zu sein, einfach keine Zeit!<<
>>Hast du über mein Angebot nachgedacht?<<
>>Ich will niemand zur Last fallen, ich kann schon für mich selbst sorgen, konnte ich bis jetzt immer.<<
>>Zwingen kann ich dich nicht, hier zu bleiben. Aber es ist besser als auf der Straße zu betteln und zu schlafen. Findest du nicht?<<
>>Bis jetzt habe ich es geschafft.<<
>>Vorher sah es aber nicht danach aus, du wolltest dich umbringen.<< ,entgegnete Jürgen besorgt.
>>Ist egal, es interessiert niemanden ob ich lebe oder tot bin. Vermissen würde mich eh keiner.<<
>>Doch, mich interessiert es!<<
Jetzt war Alexander überrascht. >>Warum?<<
>>Ich finde, du hast ein besseres Leben verdient, und nicht nur du, sondern alle die auf der Straße leben.<<
Gegen Mittag war Alexander eingeschlafen. Jürgen wollte die Zeit nutzen um sich bei seinem Nachbarn einen Rat zu holen. Leise schlich er sich aus der Wohnung, im Glauben der Junge würde schlafen. Aber glauben heißt nicht wissen!
Alexander war schnell aus dem Bett. Ebenso schnell humpelte er zur Tür hinaus. Das Gelenk schmerzte bei jedem Schritt. Weit würde er damit nicht kommen. Es blieb nur eine Wahl, der Keller des Hauses! Auf den Treppenstufen ging es ziemlich langsam.
>>Er will gehen, ich weiß nicht wie ich ihn überzeugen kann.<<
Anton dachte nach. >>Nun wollen sie von mir einen Rat?<<
>>Ja, sie sind älter und sind Russe. Sie kennen die Menschen hier besser als ich.<<
>>Es ist ganz einfach, der Junge hat seinen Stolz, es ist ihm peinlich, sich helfen zu lassen. Bisher hat er alles alleine gemacht und sich nie auf fremde Hilfe verlassen. Ganz abgesehen, das ihm wahrscheinlich nie jemand half.<<
>>Wissen sie denn nicht, wie ich ihn überzeugen kann?<<
Sein Nachbar schüttelte den Kopf. >>Wenn er gehen will, lassen sie ihn gehen.<<
>>Und wenn er sich wieder etwas antut?<<
>>Das werden sie so oder so nicht verhindern können, ob hier oder wo anders.<<
Einige Zeit herrschte Schweigen. Jürgen war seine Traurigkeit anzusehen.
Anton wollte ihn auf andere Gedanken bringen. >>Ich werde gleich was aufwärmen, wollen sie mitessen? Es gibt Eintopf, ist übrig von gestern und am zweiten Tag schmeckt der immer besser.<<
>>Nein, ich muss wieder in meine Wohnung!<<
>>Ich verstehe, aber halten können sie ihn nicht, glauben sie mir!<<
>>Ich weiß, und das ist das traurige an der Sache. Guten Appetit ihnen!<<
>>Danke, den werde ich haben!<<
Jürgen wunderte sich, er hatte die Tür nicht zugemacht. Hastig öffnete er sie wieder und sah zuerst ins Bad, dann in sein Zimmer. Der Junge war weg! In die Küche warf er vorsichtshalber ebenfalls einen Blick. Weit konnte er nicht sein. Mit seinem verstauchten Knöchel schon gar nicht. Schnell rannte er zur Nachbarwohnung und klingelte. Anton war diesmal schneller an der Tür als erwartet. Der Duft von frischem Eintopf stieg ihm in die Nase. >>Der Junge ist weg, weit kann er mit dem Fuß nicht sein! Können sie mir bitte suchen helfen?<<
>>Sie lernen es wohl nie! Gehen sie schon vor, ich mache nur den Herd aus, sonst kocht alles über.<<
>>Danke!<< Schnell stürmte Jürgen die Treppenstufen hinunter, riss die Tür auf und sah die Straße entlang. Links niemand, rechts niemand. Die Tür wurde aufgerissen und sein Nachbar stand vor ihm. >>Hier ist keiner! Rennen sie die linke Seite entlang, ich die rechte!<<
Beide rannten so zweihundert Meter entlang. Doch es war kein Alexander zu sehen. Vor ihrem Haus trafen sie sich wieder. Jürgen dachte nach. >>Denken sie das selbe wie ich?<<
>>Richtig, wenn er nicht schnell laufen kann ist er noch im Haus. In einem Nachbarhaus könnte er ebenfalls sein, aber das halte ich für unwahrscheinlich, wie soll er da reinkommen.<<
Jürgen nickte. >>Machen wir es so, ich sehe auf dem Dachboden nach und sie im Keller!<<
>>Gut!<< Während Jürgen nach oben rannte, ließ sich Anton Zeit die Treppen zum Keller in Angriff zu nehmen. >>Ach, dieser Mensch. Nun wird mein guter Eintopf weiter warten müssen.<< Langsam nahm er die Treppenstufen und öffnete die Kellertür und drehte den Lichtschalter nach rechts. Der Raum erhellte sich. Nur vier Mieter nutzten den Keller. Ein großer Sack mit Kartoffeln stand darin. Ein Regal, auf welchem einige leere Einmachgläser standen und ein altes Fahrrad, das war alles. Hinter dem Real wollte er nachsehen und sich dann seinem Eintopf widmen. Ein Schreck durchfuhr ihn, als er Alexander erblickte, denn er erwartete nicht wirklich ihn hier unten zu finden. Dieser saß zusammengekauert in der Ecke, mit der Hoffnung, dass ihn niemand finden würde.
>>Wie geht es deinem Arm?<< ,fragte Anton zuerst.
>>Danke gut!<< ,antwortete dieser leise.
Anton setzte sich neben ihn. >>Mein Nachbar war vorher bei mir und hat mir berichtet, dass du gehen willst.<< Er senkte den Kopf, dann redete er weiter. >>Er ist sehr traurig darüber.<<
>>Mir braucht keiner zu helfen!<<
>>Du irrst, er hilft nicht nur dir, sondern sich selbst!<<
>>Was meinen sie damit?<<
>>Mir sagte er neulich, dass es ihm nichts ausmacht alleine zu sein, das glaube ich aber nicht. Er freut sich über etwas Gesellschaft, oft kommt er zu mir und wir reden ein bisschen. Ich denke nicht, dass er viele Freunde hat. Sein Telefon hat nie geklingelt, als er bei mir war. Du kannst jetzt auf die Straße zurück, dann bist du wieder allein. Vielleicht willst du dein Leben beenden, dann bleibt jemand anderer weiter allein oder du machst mit ihm einen neuen Anfang. Zu verlieren hast du nichts, du kannst nur gewinnen!<<
Der Junge zeigte keine Reaktion, er schien aber darüber nachzudenken.
>>Keine Angst, ich werde dich nicht verraten. Ich sage ihm nicht, dass du hier unten bist. Ich hoffe du wählst den richtigen Weg. Falls du gehst, wünsch ich dir alles Gute! Aufwiedersehn Alexander!<< Mit diesen letzten Worten verließ Anton den Keller.
Nun war er wieder allein!
>>Auf dem Dachboden ist niemand, ich haben jeden Winkel durchsucht.<<
>>Im Keller ebenfalls niemand. Ich werde mich jetzt meinem Eintopf warm machen, sicher ist er schon wieder kalt. Das dritte Mal schmeckt er sicher noch besser!<< ,scherzte er.<<
Jürgen verzog sich wieder in seine Wohnung und setzte sich auf das Sofa. Dieser Junge, warum wollte er sich nicht helfen lassen. Nun war er wieder da draußen und vielleicht würde er sich was antun. Er tat ihm unendlich leid und dass er nichts machen konnte. Durch das klingeln an der Tür wurde er aus seinen Gedanken gerissen.
Bestimmt sein Nachbar, dem wieder einmal Salz oder Pfeffer ausgegangen waren. Als er die Tür öffnete war er nicht überrascht. >>Was brauchen sie diesmal?<<
Anton lächelte. >>Nichts, ich wollte sie nur zum Essen einladen!<<
>>Gut, ich habe ja nichts besseres zu tun, ich komme gleich.<<
Er lief ins Zimmer zurück und faltete die Decke zusammen. Die und das Kissen sollten wieder an ihren gewohnten Platz, nämlich in den Schrank! So würde er nicht dauernd an Alexander erinnert werden. Dann sah es wieder so aus wie vorher.
>>Hallo!<< Die Begrüßung kam von Alexander, der sich gegen den Türrahmen lehnte.
Jürgen wusste vor Freude nicht so recht was er sagen sollte. >>Es freut mich, dass du wieder da bist!<< ,brachte er nur heraus.
>>Wenn ich etwas hier bleiben darf, würde ich mich freuen. Ich weiß aber nicht wie lange ich bleiben werde. Wenn sie mich wieder los werden wollen, dann sagen sie es bitte, ich gehe dann.<<
>>Alexander, du kannst hier bleiben solange du möchtest, ich werde dich nie fort schicken.<<
>>Leute, entschuldigt wenn ich eure Unterhaltung unterbreche, der Eintopf wartet. Alexander du bist natürlich auch eingeladen!<< Es war Anton der jetzt hinter dem Jungen stand.
Wenig später saßen alle drei in Antons Küche und ließen sich seinen Eintopf schmecken. Für Alexander würde jetzt die schönste Zeit seines Lebens anbrechen. Ach ja, und der kleine Sergej liegt immer noch im Koma!
Kapitel 12 Die Reise
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Günter Kienzle).
Der Beitrag wurde von Günter Kienzle auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.03.2007.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
gmx.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)Günter Kienzle als Lieblingsautor markieren

75 Tage Donnerstag (Gedichte)
von Edith van Blericq-Pfiffer
Der Liebe kann man immer und überall begegnen, auch donnerstags; sie kündigt sich nicht an.
Sie ist von einer auf die andere Sekunde da. Sie kennt weder Gesetze noch Grenzen. Sie stellt augenblicklich alles und jeden auf den Kopf. Alter hat für sie keine Bedeutung. Allerhöchstens die von ihr Getroffenen fühlen sich mitunter in ihre Teenager-Zeit versetzt, verstehen sich selbst am wenigsten und fragen mit einem
Kribbeln im Bauch und ziemlich verwirrt: „Warum?“
Die poetische Antwort der Autorin, die hierbei auf Erlebtes zurückgreift, lautet hingegen: „WARUM NICHT!“
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