Klaus-D. Heid

Wer ist hier blöd?

Anke Bremer – das mit Abstand schönste Mädchen in der Stadt und gleichzeitig der Schwarm meiner schlaflosen Nächte – knutschte wie doof mit diesem Idioten aus ihrer Berufsschulklasse. Was dachte sie sich nur dabei, in aller Öffentlichkeit zu demonstrieren, wie wenig Geschmack sie hatte? Konnte es sein, dass Anke optisch tausendmal mehr zu bieten hatte, als man von ihrem Verstand erwarten durfte? Selbst wenn ich jetzt schweren Herzens zugebe, dass Rüdiger (der Typ, der sich an Ankes Lippen festsaugte!) nicht unbedingt schlecht aussieht, weiß doch jeder im Viertel wie dämlich dieser Schwachkopf ist. Den Umstand, dass er überhaupt noch die Berufsschule besuchen darf, hat er lediglich seinem Herrn Papa zu verdanken, der in der Stadt so viel Einfluss hat, dass sich sogar der Bürgermeister vor ihm verbeugt. Wie blöd der Herr Vater ist, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass Rüdiger die Dummheit mit Löffeln gefressen hat. Böse Zungen behaupten sogar, dass man Rüdiger in der Firma seines Vaters nur ‚Vakuum’ nennt, solange niemand zuhört, der das dem Chef steckt. Und Anke? Anke lässt sich vom Vakuum abschlecken, als sei er Antonio Banderas persönlich. Igitt! Sieht sie denn nicht, dass er gleich mit seinen ekligen Griffeln an ihren Hintern tatscht? Wie sollte sie’s auch sehen, da sie ja eifrig dabei ist, Rüdigers Zunge abzuknabbern. Widerwärtig! Abstoßend! Wenn sie schon heiß auf diesen verkappten Zungenbrecher ist, hätte sie doch wenigstens ein Plätzchen zum Knutschen suchen können, an dem sie nicht von der ganzen Stadt – und von mir! – gesehen wurde. Stattdessen tut sie so, als wenn es das Normalste der Welt wäre, es vor allen Leuten zu treiben. Was kommt wohl als nächstes? Wann streift sie ihm die Hose runter, um ihm...

So etwas zu sehen, tut echt weh.

Seit vier Jahren träume ich von Anke. Seit vier Jahren beobachte ich sie bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit. Seit vier Jahren ist es Anke, die mir meine nächtlichen Phantasien bereichert, bis ich erleichtert zum Taschentuch greife. Vier lange, harte, grausame und unerfüllte Jahre.

Ich darf gar nicht daran denken, wie oft ich Anke schon ansprechen wollte, um ihr meine Liebe zu gestehen. Eine Million mal? Sicher öfter. Ich habe mir sogar schon schriftliche Konzepte ausgearbeitet, die ich auswendig gelernt habe, um sie dann Anke in freier Rede vorzutragen. Briefe habe ich geschrieben. Ich habe die wunderschönsten Liebesbriefe geschrieben, die jemals verfasst wurden. Ich habe all meine zärtliche Zuneigung in Worte gepresst, um bei Anke Eindruck zu schinden. Bis zum heutigen Tag stapeln sich mindestens tausend Briefe in meinen schränken, die Anke niemals gelesen hat, da ich sie niemals abgeschickt habe. Immer wieder habe ich gewartet, gehofft und habe geduldig darum gebetet, dass sie irgendwann bemerkt, wie wahnsinnig verliebt ich in sie bin.

Nimm Deine verdammten Pfoten von ihr!

Natürlich hört er nichts, da ich ja nichts gesagt habe. Und selbst, wenn er es gehört hätte, wären seine Finger da geblieben, wo sie momentan auf Wanderschaft gingen. Rüdiger ist etwa anderthalb Köpfe größer als ich. Er hat ein breites Kreuz und man sieht ihm an, dass er regelmäßig die Knete seines Vaters im Fitness-Studio verplempert. Hätte er mich also gehört, konnte es durchaus sein, dass er mich – vor Anke! – windelweich prügelte. Diese Blamage hätte ich nicht überlebt. Wahrscheinlich hätte ich auch die Prügel nicht überlebt. Ich bin nun mal nicht der Typ, der sich gerne schlägt. Ich bin schon gar nicht der Typ, der sich gerne schlagen lässt! Ich bin eher der Typ, der still und heimlich seinen Kummer in sich hineinfrisst, bis er eines Tages wie eine Atomrakete in mir explodiert.

Ich bin eine Atomrakete.

Bin ich nicht! Wäre ich eine Atomrakete, wäre ich jederzeit abschussbereit. So aber verstecke ich mich hinter dem stinkenden Müllcontainer und sehe mir jammernd an, wie sich Anke von Vakuum den Arsch massieren lässt. Schande! Schande, dass es nicht meine Hände auf Ankes Hintern sind, die diese herrlich festen Backen durch den enganliegenden Stoff der Jeans liebkosen. Ach, wie gerne würde ich nur ein einziges Mal meine Lippen auf Ankes Lippen pressen und ihre süße Zunge mit meiner Zunge berühren. Wie unsagbar müsste es sein, mit meinen Händen durch Ankes langes dunkelbraunes Haar zu fahren, ihren Nacken zu küssen und ihre entzückenden Brüste an meiner Brust zu spüren...

Wäre, hätte, könnte, müsste. Ist aber nicht!

So intim, wie die beiden sich hier geben, haben sie’s bestimmt schon miteinander getrieben. Logisch! Heutzutage wird ja erst mal zusammen gevögelt, bevor man sich sagt, wie man heißt. Dieses Rüdiger-Vakuum ist ein Musterbeispiel dafür, wie ein Kerl sein muss, auf den die Mädchen hereinfallen. Groß muss er sein. Blöd muss er sein. Reich muss er sein. Drei Kriterien, die Vakuum wie kein Anderer erfüllt. „Hey, mach die Beine breit, Baby...!“ – so oder ähnlich gibt sich ein Vakuum, nachdem es zum ersten Mal ein Mädchen auf der Straße anspricht. Das logische denken solcher Klappstühle reicht gerade noch aus, daran zu denken, dass ein Mädchen nur zwei Möglichkeiten zur Antwort hat. „Verpiss Dich, Arsch!“ oder aber „Und wo wollen wir’s treiben?“. Ja oder Nein. So einfach ist das. Zumindest machen sich’s die luftleeren Vakuums dieser Stadt so einfach. Und so, wie aussieht, klappt es dann auch mit einigen wenigen Mädchen.

Aber warum klappt es ausgerechnet bei Anke?

Ob Anke scharf auf die Kohl von Rüdiger ist? Ist Anke tatsächlich so berechnend, dass sie den Brechreiz beim Knutschen unterdrückt, weil sie sich von Rüdiger aushalten lassen will? Reizt sie der Gedanke, eines Tages als Schwiegertochter vom Kuchen Rüdigers Familie zu naschen? Oder ist alles viel, viel einfacher?

Ist Anke geil auf Rüdiger?

Warum sollte sie es sein? Auch andere Jungs stecken sich nicht immer eine Cola-Dose in den Slip, bevor sie zum Tanzen gehen. Auch andere Jungs wissen, was man alles mit den Händen anstellen kann. Auch andere Jungs möchten irgendwann die ersten Live-Erfahrungen machen.

Ich zum Beispiel!

So wie’s aber aussieht, sieht’s gar nicht gut aus. Es sieht eher so aus, als ob ich mich nach einer alternative umsehen sollte, oder? Oder warte ich noch ein paar Jährchen? Das Spiel ‚Sie liebt mich – sie liebt mich nicht’ mit zehn Fingern zu spielen, geht immer voll daneben, wenn man mit ‚Sie liebt mich’ anfängt. Vielleicht sollte ich mal mit ‚Sie liebt mich nicht’ starten? Und wenn sie mich wirklich nicht liebt? Ich meine, was ist, wenn ich ihr irgendwann meine Liebe von Angesicht zu Angesicht gestehe – und sie bekommt einen Lachanfall? Hänge ich mich dann auf? Schneide ich mir die Pulsadern auf? Werfe ich mich vor den Zug? Stütze ich mich in die Tiefen eines Baggersees?

Oder geht’s mir dann besser?

Das Vakuum und Anke schleichen Hand in Hand von dannen. Wohin sie wohl schleichen? Will ich das wissen? Will ich’s wirklich wissen? Ich werde die Antwort dem Zufall überlassen. Ich werde nun das berühmte Spiel ‚Sie liebt mich – sie liebt mich nicht spielen. Ich spiele dieses spiel mit meinen zehn Fingern.

„Sie liebt mich...“

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