Brigitte Hanisch

Mitten ins Herz

Bettina stand am Bahnsteig und wartete auf ihren Zug. Ihr Blick fiel auf einen großen, dunkelhaarigen Mann, der zwei Einkaufstüten so ungeschickt im Arm hielt, dass sie jeden Moment drohten herunterzurutschen. Sie musste lachen.
In diesem Moment sah er zu ihr hinüber und lachte ebenfalls. Er hatte bemerkt, über was sich Bettina so amüsierte. Neben ihm stand eine zierliche, blonde Frau. Sie trug ein blassblaues Kleid aus Leinen, dass zu groß für sie wirkte und sie noch farbloser erscheinen ließ. Bettina vermutete, dass die Frau schwanger war. Sie schätzte sie um die vierzig und viel zu alt für ein Baby.
Die Frau sah Bettina mit zusammengekniffenen Lippen an. Sie hatte das flüchtige Lächeln zwischen ihrem Partner und Bettina gesehen.
Armer Kerl, mit dieser Frau wirst du noch dein blaues Wunder erleben, dachte Bettina, als sie die wütenden Blicke der Frau bemerkte.
So eine Beziehung hatte sie hinter sich. Ihr Freund hatte sie mit seiner Eifersucht fast kaputt gemacht. Mit keinem männlichen Wesen durfte sie sprechen, geschweige jemanden anlächeln. Bettina hatte ihn daraufhin kurzer Hand verlassen. Ohne gegenseitiges Vertrauen konnte und wollte sie nicht leben.
Der Mann stieg mit der Frau in den Zug und beide setzten sich ans Fenster. Er schaute auf Bettina und die blonde Frau ihm gegenüber beobachtete ihn. Der Blick des Mannes ging wie ein Blitz durch Bettinas Körper.
Der Zug war schon lange aus dem Bahnhofsgelände gefahren, aber Bettina stand immer noch in Gedanken versunken an der gleichen Stelle.
Was war geschehen? Eigentlich nichts! Aber den Blick aus seinen grauen Augen spürte Bettina immer noch. Ein wohltuender Schauer rann ihr über den Rücken. Es prickelte wie schon lange nicht mehr. Sie hatte Schmetterlinge im Bauch, aber gleichzeitig war sie wütend auf sich selbst.
Sie sah die blonde, schwangere Frau vor sich und verbat sich an ihn zu denken, obwohl ihr Herz dabei stark klopfte.
„Wie eine pubertierende Göre benehme ich mich“, beschimpfte sie sich. Es kam Bettina albern vor, aber dieser Mann ließ sich einfach nicht aus ihrem Kopf verdrängen. Selbst als sie zu Haus war und ihre Arbeit verrichtete, tauchte sein Gesicht immer wieder vor ihr auf.
In der darauffolgenden Nacht träumte Bettina von ihm. Sie hatte im Traum die Begegnung am Bahnsteig weitergeträumt und war mit ihm nach einem wundervollen Essen im Bett gelandet. Es wurde eine stürmische Liebesnacht und sie war so glücklich wie schon lange nicht mehr. Im Traum hatte er keine Frau.
Er war zärtlich und ging auf jeden ihrer Wünsche ein. Er war so, wie sich Bettina immer einen Mann, den sie lieben konnte, vorstellte. Schweißgebadet wachte sie auf.
Bettina lebte seit ihrer letzten Beziehung schon drei Jahre allein. Den Richtigen hatte sie noch nicht gefunden, obwohl sie oft mit ihren Freundinnen ausging.
„Wo halten sich die Männer auf, die zu mir passen“, fragte sie sich dann immer. Beim Tanzen? Das waren Lebemänner, die jedes Wochenende tanzen gingen und immer mit einer anderen abschwirrten. Diese Typen hatten bei Bettina keine Chance und in Kneipen ging sie grundsätzlich nicht.
Bei ihren Spaziergängen hoffte sie den Mann fürs Leben zu finden und obwohl einige Herren hinter ihr herschauten, angesprochen wurde sie nie.
Zu Haus stand Bettina dann vor dem großen Spiegel und musterte sich von Kopf bis Fuß. Was habe ich nur an mir, dass mich keiner will! Sie konnte es nicht begreifen. Sie war 168 groß, schlank, dunkelhaarig, hatte schöne Beine, grüne Augen und einen Mund, der immer lächelte.
Warum spricht mich niemand an, rätselte sie. Auf jeden Topf passt ein Deckel, wo ist meiner? Jünger werde ich auch nicht!
Vielleicht sollte ich…? Aber das war nicht Bettinas Art. „Dann versauere ich eben mit meinen 4o Lenzen“, schrie sie in den Spiegel.

Die Arbeit in der Boutique nahm Bettina in den nächsten Wochen so sehr in Anspruch, dass die Begegnung mit dem netten Herrn im Bahnhof verblasste.

Eines Tages stand sie nach Feierabend am Bahnsteig um ihre Heimreise anzutreten, da fiel ihr ein, dass sie noch eine Zeitschrift mitnehmen könnte. Schnell lief sie zum Zeitungsladen und stieß, als sie die Tür öffnete, mit dem Mann aus ihrem Traum zusammen. Sämtlichen Zeitungen, die er in den Händen hielt, fielen beim Zusammenprall auf den Boden. Beide bückten sich gleichzeitig, um die verstreuten Exemplare aufzuheben. Während sie das taten, blickten sie sich unverwandt in die Augen. Für Bettina stand es in diesem Augenblick fest. Der ist es, und kein anderer!
Sie hatte die Zeitschrift, Spektrum in der Hand. „Die habe ich mir auch vor einigen Tagen gekauft“, sagte sie zu ihm, „und der Artikel über die chinesische Sprache hat mich besonders interessiert.“ Erstaunt sah er sie an und sagte: „Das freut mich, denn diese Fachzeitschrift liest nicht jeder.“
Nachdem er alles vom Boden aufgesammelt hatte, stellte er sich als Werner Lehmann, vor, und fragte, ob sie eine Tasse Kaffee mit ihm trinken würde. Bettina nahm seine Einladung an.
Den Weg zum Kaffeeshop und auch beim Kaffeetrinken gab es nur ein Thema für ihn, seine Zeitschriften. Er erzählte, dass seine Leidenschaft in diesen Fachzeitschriften läge. Er redete und redete und Bettina schaute fasziniert auf seine vollen Lippen und lauschte seinen Ausführungen. Er streichelte während er sprach sanft ihre Hand, die wie zufällig auf dem Tisch lag. Wenn das Gespräch zu verstummen drohte, verstand es Bettina hervorragend, es durch einige Fragen wieder in Gang zu bringen. Die Berührung seiner Finger taten ihr gut und sie wollte nicht, dass er mit dem Streicheln aufhört. Lange schon hatte sie auf diese Art von Zärtlichkeit verzichten müssen.
Beide Züge waren abgefahren und es wurde schon dunkel, aber keiner von ihnen wollte es wahrhaben. Schließlich gingen sie schweigend zum Bahnsteig.
Werners Zug kam als erster. Bettina fühlte sich wie eine verlassene Frau, als der Zug mit Werner langsam aus dem Bahngelände fuhr.
Erst jetzt bemerkte sie, dass keiner von ihnen daran gedacht hatte, eine Anschrift oder eine Telefonnummer auszutauschen. Auch ihre Zeitschrift hatte sie vergessen zu kaufen. Verärgert fuhr sie nach Hause.


Als Werner seine Wohnung betrat, rief er ins Wohnzimmer: “Hallo, Schatz!“ Ich bin wieder da? Seine Frau stürzte auf ihn zu und schrie hysterisch: „Wo warst du so lange. Ich warte und warte, aber der Herr lässt sich ja Zeit. Hast du dich wieder mit irgendeinem Flittchen herumgetrieben?“
Werner kannte diese Überfälle bereits. Er wusste, dass seine Frau sehr eifersüchtig ist. Selbst wenn er nur einen Blick auf eine andere Frau warf, machte sie ihm gleich eine Szene. Er verstand sie einfach nicht, liebte sie aber immer noch.
Diesmal aber ist alles anders. Jetzt hatte er endgültig die Nase voll, immer verdächtigt und angeschrieen zu werden und sagte deshalb zu ihr: „Ja, du hast recht, ich habe mich mit einer sehr netten Dame unterhalten und dabei den Zug verpasst.“
Seine Frau sah ihn sprachlos an. Sonst hatte er immer alles abgestritten, wenn sie ihm vorwarf, sie zu betrügen. Das war neu für sie, deshalb schrie sie wie von Sinnen: „Du Mistkerl, ich habe es immer schon gewusst, dass du eine andere hast.“ Tränen rannen ihre Wangen herab und Werner wollte sie in die Arme nehmen und ihr erklären, wie sich in Wirklichkeit alles zugetragen hatte, aber sie ließ ihn nicht an sich heran.
„Hau endlich ab“, schrie sie ihn an, „ich will dich nicht mehr sehen.“ Heftig stieß sie ihn zurück. „Jetzt ist endgültig Schluss“, sagte sie wütend und stürzte aus dem Zimmer.
Werner ging ins Schlafzimmer, packte einige Sachen in seinen Koffer und verließ wortlos die Wohnung.
Er ist Architekt und konnte einige Tage in seinem Büro übernachten. Wenn sich seine Frau wieder beruhigt hatte, wollte er in Ruhe mit ihr über alles reden. So war es bis jetzt immer gewesen und jedes Mal hatte sie ihn wegen ihrer Wutanfälle um Verzeihung gebeten.


Einige Monate später bummelte Bettina durch den Stadtpark. Sie setzte sich auf eine Bank und schaute den Schwänen und Enten zu, die sich im See unter der Fontäne tummelten.
Plötzlich stockte ihr der Atem. Bettina sah ihn schon von weitem. Ihr Traummann schlenderte langsam den Weg entlang, direkt auf sie zu. Er war allein. War es gar nicht seine Frau, die sie neben ihm am Bahnsteig gesehen hatte? Er ging, in Gedanken versunken und wäre fast an ihr vorbei gegangen.
„Hallo, auch bei diesem schönen Wetter unterwegs?“, sprach Bettina ihn an. Werner schaute überrascht auf. Bettina lächelte und er ergriff voll Freude ihre Hände. Er sah ihr dabei so liebevoll in die Augen, dass Bettina froh war, dass sie saß, sonst wäre sie sicher umgefallen, so weiche Knie hatte sie. Er setzte sich zu Bettina auf die Bank und sie unterhielten sich, als ob sie sich schon ewig kannten.
Werner fragte, ob er sie zum Essen einladen dürfe, aber Bettina hatte einen besseren Vorschlag. Sie lud ihn zu sich ein. Sie hatte einige Delikatessen eingekauft und war froh, dass sie diese an diesem Abend nicht allein essen musste.
Ohne sich Gedanken zu machen wie dieser Tag enden würde, ging sie mit ihm in ihre Wohnung.
Auf dem Weg dorthin hatte Bettina nur einen Gedanken, sie wollte ihn unbedingt.
Als beide den Tisch deckten, wurde sie immer unruhiger. Ihre Stimme zitterte, während sie mit Werner sprach. Plötzlich nahm Werner, Bettina ihn die Arme und küsste sie. Seine Küsse raubten ihr den Verstand und es kam wie es kommen musste, beide landeten auf der Couch und rutschten vor lauter Leidenschaft auf den weichen Teppich. Sie genossen ihre Zuneigung in vollen Zügen. Beide waren nicht mehr zu bremsen.
Es wurde ein sehr romantischer Abend. Sie aßen die Leckereien die Bettina auftischte, tranken Rotwein und liebten sich bis tief in die Nacht hinein. Erst als Werner gegangen war, konnte Bettina wieder klar denken.
Werner hatte so viel erzählt, warum nichts über sich? Das kam Bettina sehr verdächtig vor.
Ich hätte ihn ja einiges fragen können, dachte sie enttäuscht. Ach, vielleicht ist es besser, wenn ich nicht allzu viel von ihm weiß. In Bettinas Kopf drehte sich alles. Sie war glücklich und unglücklich zugleich. Was hat er nur, dass mich so anzieht, überlegte sie.
In den nächsten Tagen machte sich Bettina viele Gedanken über Werner. Warum meldete er sich nicht? Er wusste wo sie wohnte. Bettina wusste nichts von ihm. „Wollte er nur eine Nacht mit mir verbringen?“, fragte sie sich. „Ich habe ja selber Schuld“, schimpfte sie. „Ich hätte mich nie mit einem verheirateten Mann einlassen dürfen.“
Warum gerade er? Es war überhaupt nicht Bettinas Art so schnell den Verstand bei einem Mann zu verlieren. Sie war eher reserviert, Männern gegenüber.
Jetzt hatte er, was er wollte. Jetzt lässt er sich nicht mehr blicken. Typisch Mann! Vielleicht ist er es nicht wert, dass ich auch nur einen einzigen Gedanken an ihn verschwende. Diese Möglichkeit verwarf sie aber schnell wieder. Er doch nicht! Bettina spürte einfach, dass Werner sie liebte, genau so, wie sie ihn. Sie war von ihren Gefühlen zu ihm hin und her gerissen.
“Jetzt kann ich nicht mehr auf ihn verzichten, obwohl ich ihn gar nicht richtig kenne“ jammerte sie sich in den Schlaf.
Wieder vergingen einige Monate. Bettina hatte Werner schon abgeschrieben, da klingelte es an ihrer Wohnungstür.
Als sie öffnete, sah sie einen riesigen Blumenstrauß, hinter dem ein lächelndes Gesicht hervorblinzelte. Werner überreichte ihr die Blumen und fragte, ob er eintreten dürfe. Bettina riss die Tür weit auf und ließ Werner herein. Seine Küsse wollten nicht enden und Tränen des Glücks liefen ihr über die Wangen. Endlich war er bei ihr und sie wusste, dass ist der Anfang einer wundervollen Beziehung.
Er erzählte ihr dann, dass seine Frau schon vor einem Jahr die Scheidung eingereicht hatte. „Und was wird aus eurem Baby?“, konnte sich Bettina nicht verkneifen zu fragen. „Wie kommst du darauf, dass wir ein Baby haben?“, fragte er und schaute Bettina erstaunt an. Ihr fiel ein Stein vom Herzen.
„Ich wollte erst das Scheidungsjahr abwarten, bevor ich mich bei dir melde“ sagte er und nahm sie fest in seine Arme.
„Könntest du dir vorstellen, mit mir eine Beziehung einzugehen?“, fragte er und schaute Bettina erwartungsvoll an. Sie beantwortete seine Frage mit einem langen Kuss.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.04.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Buch von Brigitte Hanisch:

cover

Das Mädchen aus Oberschlesien von Brigitte Hanisch



Das kleine Mädchen Brigitte wächst wohlbehütet in einer Großfamilie im katholischen Oberschlesien auf. 1938 siedeln die Eltern mit Brigitte nach Kiel um. Dort wird Ihre Schwester Eva-Maria geboren. 1939 beginnt der Krieg und Kiel wird besonders gebeutelt. Entsetzliche Jahre für das kleine Mädchen. Tag und Nacht Bombenangriffe. Hungersnot und immer die Angst um den Vater. Das Mädchen ist seelisch in einem so schlechtem Zustand, dass die Eltern Brigitte nach Oberschlesien zur Schwester der Mutter schicken. Dort wird sie eingeschult und geht auch in Schomberg zur ersten heiligen Kommunion. In den nächsten Jahren pendelt sie hin und her. Kinderlandverschickung nach Bayern, Kriegserlebnisse in Kiel, danach wieder zurück nach Oberschlesien zur Erholung. Dort aber hat sie große Sehnsucht nach ihrer Schwester und den Eltern und fährt deshalb Weihnachten 1944 nach Kiel zurück. Das ist ihr Glück, denn im Januar 1945 marschieren die Russen in Beuthen ein.
Die Nachkriegsjahre und der Aufbau der jungen Bundesrepublik prägen Brigitte. Sie lernt einen Flüchtling aus Pommern kennen und lieben. Sie heiratet ihn nach vielen Hindernissen 1954. Ein Jahr später ziehen sie nach Stuttgart. Dort endet das Buch.

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