Carrie Winter

Ein ganz normaler Schultag...

"Oh mein Gott!"
"Das gibt's nicht!"
"Um Himmels Willen!"
"Rettet euch! Die Welt geht unter!"
In diesem Moment betrat mein Lehrer das Klassenzimmer und sah uns wütend an.
"Was soll das? Wieso schreit ihr so rum?" schrie er. Niemand antwortete.
"Ich warte!" informierte er uns nett. Interessiert betrachtete ich das Geschehen.
Auf der einen Seite die schweigenden Schüler, auf der anderen der wütende Lehrer.
Was würde als nächstes geschehen?
Langsam ging er durch die Reihen und schaute jeden Schüler genau an.
Bei Melissa blieb er stehen und fragte: "Kannst du vielleicht meine Frage beantworten?"
Sie zuckte zusammen und wandte sich hilfesuchend nach den anderen um, die ihrem Blick auswichen. Im Krieg ist sich jeder selbst der nächste, dachte ich belustigt.
"Und?" sagte er langsam und dehnte dabei das U so weit, das es fast schon lächerlich wirkte.
"Ich...Ich weiß nicht..." erklärte sie schnell und starrte auf den Boden.
Er drehte sich um, ging zurück zum Pult und holte etwas aus seiner Tasche.
Als er sich umdrehte konnte man erkennen, das es sich dabei um ein Video handelte.
"Das," er hielt die Kassette hoch, "wurde gestern im Umkleideraum der Mädchen gefunden.
Anscheinend hatte es jemand dort vergessen. Erkennt es eine von euch wieder?"
Ein paar schüttelten den Kopf, andere reagierten gar nicht und die Jungen waren froh darüber aus seinem Schussfeld gekommen zu sein.
"Wir haben es uns heute morgen zusammen im Lehrerzimmer angeschaut um einen Hinweis auf den Inhaber zu finden. Und was glaubt ihr, ist darauf?" fragte er scheinheilig.
Ich musste lächeln. Ich wusste genau, was darauf war.
"Ah! Carrie! Sie scheinen ja bei bester Laune zu sein! Darf man fragen, woran das liegt?"
Ich zog die Augenbrauen hoch und sagte: "Ich musste nur an etwas denken."
Mit langen Schritten kam er zu mir und starrte mich mit funkelnden Augen an.
"An was denn?" fragte er scharf. Ich dachte eine Weile nach. Dann lächelte ich wieder, überschlug die Beine und antwortete: "Daran, das ich gleich etwas einzigartiges erleben werde. Und alle meine Freunde sind dabei." Ich machte eine ausholende Handbewegung durch das Klassenzimmer. Aber so leicht gab er sich nicht geschlagen.
"Und du weißt nicht zufällig was auf diesem Video ist?"
"Nein. Aber es muss ja ganz schön crass sein wenn sie deswegen so einen Aufstand machen."
"Ja, es ist allerdings crass." Das letzte Wort sprach er aus, als ob er Gift im Mund hätte.
"Spielen sie es uns mal vor?" fragte ich unschuldig.
"Auf gar keinen Fall! Dazu ist es viel zu abscheulich! Eure Eltern würden durchdrehen wenn sie das erfahren würden!" dramatisierte er das Ganze.
"Na umso besser!" rief ich begeistert. Mit offenem Mund starrte er mich an.
"Ähm, Herr Buchberger?" Er drehte sich um. An der Tür stand ein Junge, der einen reichlich verunsicherten Eindruck machte.
"Was ist?" Er konnte sich nur mit Mühe beherrschen, das war ihm deutlich anzusehen.
"Der Direktor will sie sprechen." Erklärte er und wich sofort einen Schritt zurück.
"Ja, dann...Dann werde ich mal zu ihm gehen." Sagte er etwas verwirrt.
"Viel Vergnügen!" wünschte ich ihm aber er warf mir nur einen vernichtenden Blick zu.
"Glaubt ihr, das es die richtige Entscheidung war?" fragte Robin, nachdem der Lehrer außer Hörweite war. "Sollen wir das wirklich durchziehen?"
"Jetzt ist es etwas zu spät, um das Ganze abzubrechen." Meinte ich ruhig.
"Aber wir wussten ja gar nicht, wie das alles ablaufen würde! Das haben wir erst gerade eben erfahren! Okay, vielleicht ist es nicht gleich der Weltuntergang..." Er schaute zu Brad.
"Aber es ist doch etwas zu hoch für uns. Wollt ihr das noch machen?"
"Carrie hat recht. Selbst wenn wir wollten, könnten wir es nicht mehr aufhalten. Wir haben die Lawine ins Rollen gebracht und jetzt müssen wir zusehen wie sie alles platt macht."
"Aber das ist doch verrückt!" schrie Robin aufgebracht.
"Und wir alle gehören in die Irrenanstalt." Fügte ich sarkastisch hinzu.
"Okay, wenn ihr meint, das es so besser wäre...Aber ich werde da nicht mitmachen!
Vergesst es! Ich hau ab!" Mit diesen Worten stürzte er sich aus dem Fenster.
"Ist er tot?" fragte Brad leise. Alle Augen richteten sich auf mich.
"Woher soll ich das wissen? Bin ich Arzt? Schaut halt nach!" erklärte ich gereizt.
Aber keiner stand auf. Und da kam Herr Buchberger auch schon wieder.
"Also, wo waren wir? Genau! Ich will wissen, wem dieses perverse Video gehört!"
"Robin hat sich..." Brad brach ab. Sein Gesicht war kalkweiß.
"Was hat Robin? Wo ist er überhaupt?" Sein Blick fiel auf den leeren Platz vor ihm.
"Er hat sich um..." Weiter kam er nicht. Verständnislos sah er Brad an.
"Ist dir nicht gut, Junge? Willst du dich ins Krankenzimmer legen?"
"Nein...Robin hat..." Jetzt reichte es mir! Wenn das noch länger so weitergehen würde, dann...
"Robin hat sich aus dem Fenster gestürzt!" erklärte ich entnervt.
Sein Blick wanderte von mir zu dem Fenster, dessen Glas zerbrochen war.
"Ist er tot?" Ich unterdrückte einen Schreikrampf und sah auf die Uhr. Gleich war es so weit.
Er stolperte zum Fensterrahmen und sah hinunter auf das Pflaster des Schulhofs.
Ein paar Schüler folgten seinem Beispiel.
Unruhig trommelte ich mit meinen langen Fingernägeln auf dem Tisch herum.
Wo blieb sie? Ein ohrenbetäubender Knall war zu hören, der ihn zusammenzucken ließ.
"Was war das?" fragte er entgeistert. Ich lehnte mich lächelnd zurück und legte meine Füße auf den Tisch. Endlich! Schreie durchbrachen die Stille im Klassenzimmer.
Sein Gesicht hatte die Farbe von naturbelassenem Yoghurt angenommen.
Die Tür wurde heftig aufgestoßen und eine Gestalt trat in den Raum.
Sprachlos stand er da und starrte sie an. Seine Augen traten schon richtig aus dem Kopf heraus, stellte ich genüsslich fest und zündete mir eine Zigarette an.
Diesen Moment musste ich richtig auskosten!
Die Gestalt verzog ihren Mund zu einem höhnischen Lächeln und entblößte dabei ein Raubtiergebiss. Lange spitze Zähne, die in der Morgensonne schimmerten.
Herr Buchberger musste sich am Fenster fest klammern um nicht umzufallen.
Seinen Körper hatte ein unkontrolliertes Zittern befahlen und auf seiner Stirn glitzerten Schweißtropfen. Ich holte meinen Notizblock raus und notierte mir das.
Die Gestalt ging langsam und zielstrebig auf ihn zu. Er hatte keine Chance zu fliehen.
Die Schüler waren zurückgewichen und standen jetzt an die hintere Wand gepresst da, nicht fähig ihre Augen von dem grausamen Schauspiel vor ihnen abzuwenden.
Jetzt stand die Gestalt direkt vor ihm. Aus seinem Mund kamen ein paar unverständliche Wörter, die wohl als eine Art flehen zu sehen waren.
Plötzlich sprang Brad auf und schrie: "Hau ab! Wir wollen, das du wieder gehst! Du solltest ihm nur einen Schrecken einjagen aber sonst nichts! Es reicht!"
Die Gestalt warf ihm einen verwirrten Blick zu und wandte sich dann wieder zu ihrem Opfer.
Sie legte die Hand zärtlich um seinen Hals. Das Lächeln wurde breiter.
In ihrer anderen Hand konnte man etwas blitzen sehen und dann schoss ein Schwall von Blut aus seiner Kehle. Fasziniert sah ich zu, wie die Gestalt das lange Messer immer tiefer in seinen Hals drückte, bis er zusammenbrach und stöhnend auf dem Boden lag.
Zufrieden betrachtete sie ihr Werk und wandte sich dann uns zu. Sie war überall mit Blut bespritzt und bot wirklich einen schrecklich Anblick. Einige Schüler übergaben sich, andere waren in Ohnmacht gefallen und ein paar wollten sich auch aus dem Fenster stürzen vor Panik. Kopfschüttelnd sah ich sie an. Sie hatten für ihr Geld mehr bekommen als verlangt.
Darüber sollten sie glücklich sein! Aber nein, stattdessen wollten sie sich umbringen!
Unmöglich die Jugend von heute! Aber was erwartet man auch anderes!
Ich stand auf und tänzelte leichtfüßig durch den Gang zu der Gestalt.
Sie ergriff meine Hand und zusammen gingen wir nach draußen.
"Was ist auf dem Video eigentlich drauf?" fragte sie.
Ich lachte und erklärte: "Genau das! Was eben passiert ist!"
Sie blieb stehen und schaute mich mit rotglühenden Augen verwirrt an.
Ich musste wieder lachen. "Es ist ein Scream Film!"
Sie zuckte die Schultern und ging weiter. Ich warf einen Blick durch die zerstörte Schule und fragte: "Warum hast du das gemacht? Warum warst du so wütend? Das ist ja ein Inferno!"
"Ich hab keine Ahnung. Ich hatte so einen Hass auf all diese Leute hier, die dir dein Leben schwer machen und dich vernichten wollen! Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, das sie dich noch einmal verletzen! Deswegen hab ich sie vernichtet! Nur für dich!"
Kichernd erwiderte ich: "Ach, daddy! Ich liebe dich!"

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.09.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Über den Tag hinaus zu schauen, heißt für mich, neben dem Alltag, dem normalen Alltäglichen hinaus, Zeit zu finden, um das notwendige Leben mit Gefühlen, Träumen, Hoffnungen, Sehnsüchten, Lieben, das mit Lachen und Lächeln zu beobachten und zu beschreiben. Der Mensch braucht nicht nur Brot allein, er kann ohne seine Träume, Gefühle nicht existieren. Er muss aus Freude und aus Leid weinen können, aber auch aus vollem Herzen lachen können. Jeder sollte neben dem Zwang zur Sicherung der Existenz auch das Recht haben auf romantische Momente in seinem Leben.

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