Elfie Nadolny

Grenzen überschreitend


Zu Beginn des halbjährigen Abendkurses war Regina die erste, die den Raum betrat. Sie war sehr wissbegierig und damit sie viel von dem Lernstoff mitbekommen würde, setzte sie sich in die zweite Reihe. Die anderen Kursteilnehmer kamen bald auf und nahmen ihre Plätze ein, zunächst wurden überwiegend die hinteren Plätze angesteuert.
In letzter Minute eilte ein junger Mann in den Raum und setzte sich auf den noch freien Platz neben Regina. Erst dann fragte er. „Ich darf doch? Ich bin der Andreas.“ Und er strahlte sie charmant an. Regina stellte sich mit Vor- und Nachnamen vor und gab ihm ein Zeichen, leise zu sein, da der Dozent bereits im Raum war.
Aber statt diesem zuzuhören, schaute Andreas immer wieder zu Regina rüber, die eifrig mitschrieb. Er saß ganz verträumt da und bekam wohl nicht viel von dem Vortrag mit.
In der Pause fragte er Regina, warum sie denn den Kursus absolvieren würde und sie antwortete: „Das mache ich für mich selbst und Sie? Ähm du?“ „Och, ich dachte, es könnte sich bei Bewerbungen gut machen, wenn man vielfältige Interessen vorweisen kann“, antwortete Andreas schelmisch. Sie musste lachen und dachte bei sich: „Er ist wie ein kleiner Junge und so sieht er auch aus.“ Er musste einige Jahre jünger sein als sie.
Während des ganzen Kurses saßen sie nebeneinander. Sie kam immer vorbereitet, er dagegen nie. Dafür dachte sie nie daran, vorher etwas zu essen oder etwas essbares mitzubringen. Im Laufe der Zeit lernten sie, sich zu arrangieren. Sie brachte ihm immer eine Kopie ihrer Vorbereitungen mit und er sorgte für das leibliche Wohl in der Pause.

Die Abschlussprüfung bestanden beide, wie es kam, dass auch er sie bestand, blieb das Geheimnis der Beiden.
Es gab dann auch eine Abschlussfahrt nach Dresden, die die Zugfahrt, Übernachtung in einem guten Hotel und den Besuch der Semperoper beinhaltete. Es wurde die Entführung aus dem Serail angeboten. Für Andreas war der Kursus mit Erhalt des Zertifikates eigentlich beendet, aber da Regina sich angemeldet hatte, fuhr er auch mit.
Sie kamen spät abends an, setzten sich noch in die kleine Bar. Da nur wenige Tische frei waren, setzte sich ein anderes Paar dazu. Der Mann legte gleich los: "Also, von einem Hotel dieser Kategorie hätte ich aber eine größere Bar erwartet und ein Schwimmbad gibt es auch nicht. Das Hotel hat wohl DDR-Sterne erhalten. Hoffentlich gibt es morgen nicht nur Müsli." Regina wollte gerade sagen, dass es sich nicht mehr um die DDR handelt und dass man sich ja über ein Hotel informieren könne, bevor man es buche, aber Andreas schupste sie beschwichtigend mit dem Fuß als wolle er sagen: "Lass, lohnt nicht!" Sie beschlossen dann, ins Bett zu gehen und Regina fragte Andreas, ob er morgens früh mit zu der ersten Führung der Semperoper gehen würde. Gern hätte er ausgeschlafen, aber er schlug ihr den Wunsch nicht ab, viel zu gern war er in ihrer Nähe.
So trafen sie sich morgens beim Frühstück. Während Regina sich das Büffet genau ansah und gezielt kleine Häppchen nahm, häufte sich Andreas den Teller voll mit allen möglichen Leckereien. Bald war es Zeit, sich aufzumachen. Zu der frühen Stunde war außer ihnen nur ein einziges Paar da und die Führerin der Oper erklärte ihnen, dass die Führungen normalerweise mit ca. 30 Personen stattfinden und sie quasi eine Privatführung hätten. Sie wurden durch die Oper geführt und die beiden Damen hörten sehr genau zu und bestaunten alles. Die Herren waren sichtlich noch müde, folgten zunächst mit leerem Blick und separierten sich dann ein wenig. Während die Damen über die Oper sprachen, hörte man von den Herren, die allmählich munter wurden, immer ein paar Worte über Fußball.
Als die Führerin sich verabschiedete, fragte Regina die andere Frau: „Gehen Sie heute auch in die Oper?“ „Nein“, antwortete die andere gedehnt und ein bisschen gequält. „Wir gehen heute nachmittag, aber Sie haben ja gehört, für heute abend sind noch Karten da“, nahm Regina das Gespräch wieder auf. „Ach wissen Sie, ich habe es im Laufe der Ehe aufgegeben. Mir zuliebe ist mein Mann zu der Führung mitgegangen und er würde auch in die Oper mitgehen, aber es bringt doch nichts, wenn er sie nur erträgt. Das Geld gebe ich dafür nicht mehr aus.“
Regina stutzte. So etwas wollte sie nie erleben und sagte noch abschließend: „Eine Mozartoper in diesem Hause ist doch durch kaum etwas zu überbieten.“ Die Andere nickte nur und sagte nichts dazu.
Am Ausgang trafen sie auf die beiden Herren, Regina verabschiedete sich von dem anderen Paar und ging mit Andreas in Richtung Zwinger.
„Sag mal, was möchtest du denn nach der Oper machen?“, fragte sie ihn. Lachend winkte er ab: „Ach, das hab ich alles schon mit Achim geklärt“, antwortete er und sah wieder wie ein kleiner Junge aus. Regina verstand nichts, fragte aber nicht und schaute sich begeistert die Altstadt von Dresden an. Andreas schaute nicht nach den Gebäuden, er freute sich nur über die Begeisterung seiner Begleiterin.
Bevor die Oper begann, trat eine Imitation von August dem Starken auf und machte eine Einführung, die Andreas sichtlich amüsierte. Reginas großer Augenblick kam, als der Dirigent sich erhob und sie genoss die Oper sehr. Andreas klatschte bei jeder Szene, die er für beifallwürdig hielt, was sein Umfeld etwas nervte. Die Frau neben ihm flüsterte ihm zu: „Sie waren wohl noch nie in einer Oper. Sie stören die Musiker, klatschen Sie besser vor der Pause.“ Und ein Gast rief laut: „Ruhe!“, als Andreas immer noch weiter machte. In der Pause bat Regina ihn, sich doch etwas zurückzuhalten und er erwiderte: „Wieso das denn? Man muss die Jungs doch etwas anfeuern.“ Da Regina ihn schon eine Weile kannte, musste sie lachen und flüsterte ihm zu: „Dann klatsche mir zu Liebe bitte erst am Schluss, dafür dann aber um so mehr.“ „Okidoki“, entgegnete er und hakte sich bei ihr ein.
Nach der Veranstaltung fragte Regina: „Es scheint dir ja gefallen zu haben?“ „Och ja“, war seine Antwort „war ganz nett, mal was anderes.“ Die Dienerin war richtig süß, aber die Hauptdarstellerin ein bisschen hysterisch, dieses Gejammer und Gezeter hätte ja nicht sein müssen.“
Regina schwankte zwischen Enttäuschung und Amüsement, sie hätte sich gern ein wenig „fachmännischer“ unterhalten, aber das konnte sie sich abschminken. Dann informierte Andreas sie: „Wir müssen uns beeilen, Achim wartet!“ „Von was für einem Achim redest du eigentlich?“, fragte sie und bekam zur Antwort: „Na, ich red doch von dem Kumpel, der die Semperführung seiner Frau zu Liebe mitgemacht hat.“
Jedenfalls betraten sie bald ein tolles historisches Gewölbe, in dem viel Animation geboten wurde. Das Paar, das sie morgens in der Semper kennen gelernt hatten, hatte einen Tisch reserviert. Wieder trat „August der Starke“ auf und benutzte so ziemlich die gleichen Worte wie vorhin in der Oper. Es folgten noch einige Gaukler und Bänkelsänger, es war ein ziemliches Spektakel, was den Touristengeschmack treffen sollte. Die Herren amüsierten sich köstlich, bestellten ein „Narrenmaß“ Bier und Spanferkel und wurden immer lustiger. Regina, die in Gedanken noch in der Oper war, versuchte umzuschalten und bestellte sich ein kleines Bier und einen kleinen Imbiss. Es war ihr alles ein bisschen zu laut, aber sie bemerkte, dass die anderen sich sehr wohlfühlten und auch die Frau, die Annette hieß, klatschte, sang mit und genoss das Spektakel.
Als sie das Lokal verließen, bat Regina darum, noch einige Fotos von der Altstadt bei Nacht machen zu können. „Null Problemo, gute Idee“, entgegnete Andreas galant, „machen wir“. Während Regina ihr kleines Stativ auseinander klappte und professionelle Fotos machte, knipsten die beiden Herren mit ihren kleinen Kameras mit integriertem Blitz drauf los. Andreas erklärte auf seine schelmische Art: „Auf die Art und Weise kann ich meinen Kumpels zu Hause zeigen, dass ich ab und zu auf Kultur mache.“ Auf dem Rückweg ins Hotel kamen sie am Palais vorbei, aus dem sanfte instrumentale Musik erklang. „Oh bitte, kehren wir hier noch kurz ein“, bat Regina. „Nee, in den Nobelschuppen können wir nicht rein, da müssen wir essen und das kostet uns einen Haufen Kohle“, antwortete Achim. „Och lass das Mädel doch, die wird das schon deichseln“, kam es von Andreas. Und so fragte Regina die Kellnerin, ob sie auf einen Drink reinkommen könnten. „Ja selbstverständlich, hier sind kleine Tische, die nicht eingedeckt sind, nehmen Sie Platz“, antwortete die Kellnerin charmant. Sie bestellten kleine Getränke, die stilvoll serviert wurden und preislich überhaupt nicht überzogen waren. Bei der ruhigen Musik konnte Regina wieder ein Gespräch beginnen und sie fragte Annette: „Meinst du, Mozart war von Lessings Nathan dem Weisen inspiriert? Kommt mir doch etwas überzogen vor, aber immerhin kommt es zur Versöhnung zweier Völker, die zwei verschiedenen monotheistischen Religionen angehören.“ Annette holte aus und nannte aus dem Stegreif mehrere Theorien. Regina horchte auf, Andreas war ganz still und Achim sagte stolz: „Ja so isse, meine gebildete süße Frau.“
Da sie alle im gleichen Hotel untergebracht waren, hatten sie den gleichen Heimweg und sogleich noch einen schönen gemeinsamen Spaziergang. Beim Hotel angekommen, wünschten sich die Paare eine gute Nacht und Andreas begleitete Regina zu ihrem Zimmer. Als sie hineinhuschen wollte, bat er um Einlass, sie gab ihm einen kleinen Wangenkuss, streichelte ihm über sein lockiges Haar, lachte ihn an und gab ihm zu verstehen, dass sie sich nun zurückziehen wollte. „Ich wollte doch nur kurz mit dir alleine reden, ich tu dir nichts“, kam von ihm. „Ich wollte dir sagen, wir können ja auch heiraten wie die Beiden, wäre doch toll, wir passen so gut zusammen!“ Regina schubste ihn raus und musste lachen: „Wir und zusammenpassen?“, dachte sie nur kopfschüttelnd und sagte, bevor sie entschwand: „Lass uns gute Freunde bleiben!“
Als Regina zum Frühstück erschien, sah sie, dass die drei anderen schon beisammen saßen und die Köpfe zusammensteckten. Sie hörte Achim flüstern: „Lass ihr Zeit, sie wird schon....“
Regina schaute auf die aufgehäuften Teller der beiden Männer, sah, wie manierlich Annette ihren Teller angerichtet hatte, holte sich wieder einige Häppchen. Sie bemerkte irgendeine Spannung und sah in Andreas Gesicht, noch nie hatte sie ihn traurig gesehen. Er aß fast nichts. Sie klaute ihm ein Stückchen Lachs vom Teller, fütterte ihn mit einer Traube, schrieb ihre Adresse auf einen Zettel und überreichte diesen Annette und Achim, die Stimmung hellte sich wieder auf.

Was geschehen ist, nachdem sie den Frühstückssaal verließen, entzieht sich der Kenntnis des Beobachters. Tatsache ist, die reservierten Plätze im Zug nach Hause blieben leer.

© Elfie Nadolny

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.04.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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