Mea Klein

Blond - ein Fluch 3 ( 4-8)

 
17.
Mit 17 sollte man doch schon mal einen Kuss bekommen haben. Mit 17 sollte man doch wenigstens nicht ungeküsst durch die Gegend laufen. Aber, genau das tat ich. Ich war ungeküsst. Noch immer. Mit 17. Das Leben war nicht gerecht. Während meine Eltern Nacht für Nacht fleißig an Geschwister für mich arbeiteten, war ich immer noch ungeküsst, hatte eine Zahnspange und tierische Angst auch noch eine Brille zu bekommen. Mit 17 fasste ich den Entschluss mindestens einen Jungen zu küssen, meine Jungfräulichkeit endlich zu verlieren und mich von meiner Zahnspange zu befreien. Das alles, vor meiner Volljährigkeit und mit dem Mann meiner Träume.

Mit 17 schaffte ich das alles. Fast.

Partykeller. Martins 18 Geburtstag. Ich hatte schon das eine oder andere Bier getrunken. Ich vertrug viel, trank gerne Bier und war unheimlich stolz darauf so ziemlich jeden Typen unter den Tisch zu saufen. Da ich einer der Jüngsten auf der Party war, kannte ich keinen, wusste nur, alle waren aus der Oberstufe - reifer, erwachsener, als ich. Martin, ein Sitzenbleiber, war gerade in meine Klasse gekommen und stand wohl auf mich. Mir war’s egal, ich wollte einfach nur weggehen. Meine Zahnspange war endlich weg und ich war wieder frei.

Gerade wollte ich mir ein neues Bier holen, als plötzlich irgend so ein Typ in mich reinrannte.

"HEY!" Das tat weh.

"Tschuldige." Diese Augen....dieses Lächeln...diese Grübchen....dieser Typ...

"Vollidiot." Knirschte ich und ging an ihm vorbei.

Wer, in Gottes Namen war das?!

Endlich hatte ich mein Bier, die Musik war gut und ich hatte richtig Lust zu tanzen. Und wohl auch schon deftig einen in der Krone. Denn, als ich ihn sah, ging ich einfach zu ihm, schnappte mir seine Hand und wir tanzten.

Dieses Lächeln....

"Wie heisst du?" Diese Grübchen...

"Stefan." Diese Hände...

"Und du?" Wollte er wissen.

"Mea." Stefan also. Stefan...Stefan.

"Hab dich noch nie vorher gesehen." Nun sah ich ihn mir noch genauer an.

"Ich dich schon." Er lächelte, schon wieder.

"Mich? Wo denn?" Er verwirrte mich.

"In der Schule. Du lachst viel." Das Lied war zu Ende.

"Kann sein." Ich hätte mir doch noch ein Bier mehr gönnen sollen. Unsicher sah ich ihm in die Augen, mein Mut sank mit einem Mal. Was tat ich da eigentlich? Ich kannte ihn doch gar nicht. Auf einmal fiel mir nichts mehr ein, was ich noch hätte sagen können. Verzweifelt suchte ich nach einem Thema, nach irgend etwas, fand aber nichts. Er schon.
 
"Wollen wir uns noch ein Bier holen?" Diese Augen, blau, nein blau-grün...sie änderten die Farbe, waren sie nicht vorher hellblau? Und jetzt? Sowas. Ich war verwirrt.

"Ja, klar." Er zog mich mit sich.

Endlich hatten wir jeder ein neues Bier. Stille. Dabei war die Party im vollen Gange, alle tanzten, unterhielten sich und hatten Spass.

"Du, sag mal, feiert der Martin nicht mit irgend so ‘nem Stefan zusammen seinen 18.?"

"Jo." Wieder dieses Lächeln, fast schon frech. Vielleicht eher ein Grinsen.

"Wer ist das eigentlich?" Als ob mich das interessieren würde.

"HEY!" Jemand hatte mich angerempelt und ich verschüttete fast mein komplettes Bier über ihn. Peinlich!

"Alles klar bei dir?" Er lachte, schien ihn wohl nicht zu stören.

"Ja, und bei dir?" Warum war ich so nervös?

Nervös? Bloss nicht! Ich wollte mutig sein, frech, keck, erwachsen und erfahren.

Tiefer Schluck vom Bier und los.

Ich küsste ihn. Er war genauso überrascht wie ich. Und dann küssten wir uns tatsächlich. Ich konnte es kaum glauben, aber ich hatte ihn geküsst. Und dann nochmal. Und nochmal.

"Du bist eine Verrückte." Er umarmte mich, hielt mich fest an sich gedrückt.

"Klar, verrückt und durchgeknallt." Ich strahlte über das ganze Gesicht.

Ich hatte es getan. Ja, das hatte ich.

"Das war das schönste Geburtstagsgeschenk heute." Seine Augen funkelten verschmitzt.

"Mhmm?!" Wie bitte?

Er küsste mich wieder.

"Danke." Er streichelte meinen Rücken, er war so warm.

"Stefan? ... Stefan." STEFAN?!

Stefan lachte "Ja?"

"Glückwunsch!" Rot wie eine Tomate entschuldigte ich mich kurz, weg zur Toilette.

Na toll. Die Dumme. Das war dann mal wieder ich. Oder?

Ich war verliebt, eindeutig. Bis über beide Ohren, dass ich Stefan meine Jungfräulichkeit nach einigen Monaten schenkte, bemerkte er gar nicht und ich hätte mir eher die Zunge abgebissen, als es ihm zu sagen. Nein, Stefan dachte ich sei leicht zu haben, würde ihn betrügen und trennte sich von mir. Warum? Tja, so ist das in der Schule, Getratsche, Gerüchte und Neid. Für mich brach eine Welt zusammen. Er war nicht der Richtige, aber warum tat es dann so weh, so verdammt weh?!

Als ich schon glaubte, schlimmer konnte es gar nicht mehr werden, traf ich ihn mit seiner neuen Freundin. DIE?! Ich konnte es nicht fassen. Na gut, sie war genauso alt

wie er. Und? Sie war pummelig, gar nicht hübsch und gehörte zu einer Gruppe Zicken, die keiner leiden konnte, der nicht in der Gruppe war. SIE? Mein Herz tat weh. Die Welt war wirklich ungerecht. In der Hoffnung, dies könnte nicht lange halten und er wäre auch bald so am Boden zerstört, wie ich, beobachtete ich das ganze aus der Ferne. Nach zwei Jahren waren sie immer noch glücklich, immer noch verliebt, wollten sogar zusammen ziehen. Aber WARUM?

WAS fand er an ihr? Diesen Entengang? Den fetten Hintern, und dennoch kleine Brüste? Ihren Charakter? Sie war immer fies und ekelhaft zu jedem. Also, was? Das konnte doch gar nicht sein, nicht wegen ihren Haaren. Nein, das ging doch einfach nicht. Nur weil auch sie blond war? Nur deswegen? Ich schluckte meine Tränen herunter, immer wieder. Bitter schmeckte diese Erkenntnis.

Da fing ich mit dem rauchen an. Blond. Wie ich diese Farbe hasste.

 
 
 

Blond – ein Fluch 4

 

"Du siehst aus wie 17." Kritisch beäugte ich über das Lagerfeuer hinweg den blonden Jungen.

"Isch bin abe‘ 20." Er grinste.

Ich glaubte ihm nicht. Er war blond. Das reichte mir. Ob Mann oder Frau, blond verhieß nicht’s Gutes.

Meine Ferienliebe schmiegte sich noch fester an mich. Ich ließ es geschehen. Den Blick aber konnte ich nicht von diesem blonden Jungen abwenden.

"...just a poor boy though my..." Alle sangen, der Blonde spielte Gitarre und sah ins Feuer. Noch immer konnte ich nicht aufhören ihn anzustarren. So ein Lügner.

"Zeig mir deinen Pass." Es ließ mir keine Ruhe.

"Wa’um?" Er lächelte. Ein umwerfendes Lächeln. Aber, ich hatte schon einen Typen neben mir. Der erschien mir plötzlich sehr lästig.

"Ich glaub dir nicht." Immerhin war ich schon 18 und er KONNTE nicht älter als ich sein. Das ging einfach nicht. Ich würde mich nie für einen Jungen interessieren, der jünger war als ich. Und sowieso interessierte ich mich nicht im geringsten für ihn. Ich wollte nur beweisen, das er lügte. Das war alles. Da war ich mir sicher.

"Ach, lass doch." Der Arm, der um meine Schulter gelegt war, spannte sich an und zog mich näher an den dazugehörigen Körper.

"Nein, ich will das jetzt wissen." Den Arm hatte ich schnell abgeschüttelt, stand auf, ging um das Feuer herum und blickte auf den blonden Jungen herunter.

"Du bist komisch." Schmunzelnd sah er mich an.

"Los, wir wollten doch noch das Feuerwerk sehen." Die Gruppe erhob sich und packte schnell alles zusammen. Die Ersten verließen schon das Lagerfeuer.

Ich rührte mich nicht. Würde mich keinen Zentimeter bewegen, bevor ich nicht diese Lüge aufgedeckt hätte. Auch er saß unbeweglich im Sand, die Gitarre fast schon sanft umarmend da und sah mir fest in die Augen.

"Komm schon Mea, wir wollen los." Dieser Flirt wurde mir langsam lästig.

"Ich komm gleich." Murmelte ich. Er hielt meine Hand, zog auffordernd daran.

"Lass das." Zischte ich. Nun nervte er mich wirklich.

"Ich warte dann am Steg auf dich." Endlich ging auch er. Ja, endlich.
Noch immer starrte ich dem Blonden in die Augen. Diese Augen...oje, so grün. Nein, eher grün-golden. Leuchteten sie? Nein, das konnte nur vom Lagerfeuer kommen.

"Isch ‚abe meinen Pass ga‘ nischt ‘ier." Er lächelte schief.

"Blöde Ausrede." Ich würde nicht locker lassen, von wegen.

"Wi‘ können i’n ‘olen ge’en." Dieser französische Akzent ging mir langsam auf die Nerven.

"Und wo hast du ihn?" Gereizt sah ich in die Richtung, in die die Anderen verschwunden waren.

Plötzlich kam mir die ganze Situation dumm vor. Was tat ich hier eigentlich? Könnte mir doch egal sein, ob dieser Typ die Wahrheit sagte oder nicht. Also, warum war es mir aber nicht egal?

"Komm!" Er löschte das Lagerfeuer mit Sand, lud sich seine Gitarre auf den Rücken und ging einfach los.

Sollte ich hinterher? Wusste ich denn nicht, was passieren würde? Aber, ich war doch frei, im Urlaub, in Frankreich, keiner kannte mich, ich war niemanden zu etwas verpflichtet.

Ich rannte los, meine Schuhe in der Hand. Der Sand war noch immer warm von der Sonne, obwohl es schon seit Stunden Nacht war.

"Warte!" Ich war aus der Puste.

"Es ist nischt se’r weit." Er nahm meine Hand und ging weiter. Einfach so. Und ich ließ es geschehen. Einfach so.

Dieser Typ, wie hieß er doch gleich, ging mit mir durch die kleine französische Stadt. Er roch so gut. Nach Sonnencreme. Seine Haut war schön gebräunt, so kam das Blond seiner Haare noch besser zur Geltung. Blond! Ich hätte weglaufen sollen.

Stattdessen hielt ich seine Hand und folgte ihm durch die Straßen.

"Mea?" Ich fühlte, dass er mich ansah.

"Mhmm?" Seine Hand war so warm. Ich spürte die Kraft in ihr.

"Du bist wunde’schön." Er flüsterte es eher, als das er es sagte.

Hatte er das wirklich gesagt?

Ich blieb stehen. Er sah mich an. Und jetzt?

"Ich weiß." Sagte ich ernst.

Er lachte, schüttelte den Kopf. "Isch mag disch wi’klisch."

Wir gingen weiter.

Wunderschön...war er bei Verstand? Vielleicht hatte er was getrunken? Sowas hatte noch nie jemand zu mir gesagt. Niemand, dem ich das glauben konnte. Aber, warum glaubte ich ihm? Ich kannte ihn doch gar nicht. Nicht mal seinen Namen. Hatte er ihn mir überhaupt gesagt? Hatte er? Ich wusste es nicht mehr.

Seinen Pass fanden wir an diesem Abend nicht mehr. Jedoch hatte er nicht gelogen.
Er war 20. Blond. Und fand mich wunderschön.

Nächtelang lagen wir am Strand im Sand auf einer Decke, unterhielten und, küssten uns, erforschten unsere Körper. Er war immer so warm. Seine Augen, jetzt war ich mir sicher, waren durch und durch grün.

T’oma...eigentlich Thomas, aber die Franzosen sind ja anscheinend eh anders.

Die Küsse waren anders, er berührte mich anders und er roch ganz anders.

Er schmeckte so süss, seine Lippen waren so rot, dass ihn jede Frau um sie beneidet hätte. Volle, rote Lippen. Ich musste sie immer wieder berühren. Sie sanft streicheln, sie kosten, sie schmecken.

Ich war zwar keine Jungfrau mehr, jedoch, viel Erfahrung hatte ich nun wirklich nicht. Und T’oma küsste und berührte mich an Stellen, die sich nach mehr sehnten. Er streichelte sanft meine Brüste, meinen Rücken, schmiegte sich verliebt in meine Arme und an manchen Nächten berührte er meine Schenkel, wanderte mit seiner Hand langsam nach oben und erfüllte mich mit einem wohligen Schauer.

"Da’f isch disch küssen?" Er blickte mir tief in die Augen.

"Natürlich." Ich lachte, eine dumme Frage, wir taten fast nichts anderes mehr.

"Darf isch disch küssen, wo isch will?" Er streichelte meinen Nacken, ich bekam eine Gänsehaut.

"Wo du willst, mein Franzose." Ich küsste ihn auf die Nase.

"Dann will isch disch ‘ier küssen." Seine Hand legte sich warm um meine Innenschenkel und seine Finger streichelten sanft meinen Slip.

"Mhmm?!" DA?! Erschrocken zuckte ich zusammen und verstand nicht ganz recht.

T’oma wartete meine Antwort nicht ab, beugte sich langsam zu meinem Schoß runter und schob meinen Rock noch weiter nach oben.

Er streichelte mich. Ein bekanntes Ziehen machte sich in meinem Unterleib bemerkbar.

"Und wenn jemand kommt." Ich versuchte mich zu wehren.

"Schhht!" Er hielt mich fest und küsste mich.

Dieser Kuss war toll, er war einfach unglaublich toll. Der Schönste, Prickelnste und Erotischte, den ich bis dahin bekommen hatte.

Am nächsten Tag fuhr ich nach Hause, die Ferien waren vorbei. Ich weinte bittere Tränen, wir versprachen uns zu schreiben, zu sehen und nie wieder zu trennen.

Ich liebte ihn doch. Ihn und seine französischen Küsse.

Fernbeziehungen sind blöd. Das war die erste Lektion, die ich in Sachen Beziehung lernen musste. Ich hörte nur manchmal was von ihm, ein kurzes Telefonat, ab und zu eine E-Mail und einen Brief, den bekam ich.

Eines Tages rief ich ihn an, ich vermisste ihn, wollte seine Stimme hören, ihm nahe sein.

"T’oma?" Die Verbindung war schlecht, war er auf der Strasse? Ich hörte Verkehr.

"We‘ ist da?" Er klang gereizt

"Mea, ich bin’s." Ich war unsicher, und nun?

"Isch kann jetzt nischt." Er flüsterte, ich verstand ihn kaum. Was hatte er gesagt, er konnte grad nicht? Wieso flüsterte er?

"Ich wollte nur deine Stimme hören." Ich war verzeifelt.

"Mea, isch bin ge‘ade bei meine‘ F’eundin. Isch ‘uf disch späte‘ an." Aufgelegt.

Freundin? Freundin?....
 

Das Telefon Klingelte, ich lag schon lange im Bett. Schlafen konnte ich jedoch nicht, wie denn auch?

"Ja?"

"Mea?" Er war es.

"Was willst du?" Ich war wütend.

"Mea, isch liebe disch!" Hatte er das wirklich gesagt? Spinnte dieser Kerl?

"Und deine Freundin?"

"Isch bin schon so lange mit i’r zusammen, sie bedeutet mi‘ nischt’s." Er war verrückt.

"Du hast sie betrogen." Du hast MICH betrogen.

"Isch weiss." Er seufzte.

"Und jetzt?" Ich hätte auflegen sollen.

"Isch muss disch se’en. Isch bin nächste Woche in Deutschland." Der hatte Nerven.

"Nein, vergiss es." Ich legte auf.

Blond. Wie konnte ich nur wieder so dumm sein. Ich hätte es wissen müssen. Ich nahm mir eine Zigarette, mein Feuerzeug, ging an mein Fenster und setzte mich nach draussen auf die Fensterbank. Diese Zigarette tat wirklich gut. Die Nacht war ruhig und friedlich. Aber, warum war in mir alles so aufgewühlt, so durcheinander? Wegen ihm? Nein, er bedeutete mir nichts, durfte mir nichts bedeuten.

Blond, langsam aber sicher verfluchte ich meine Theorie. Sie durfte, nein, KONNTE einfach nicht wahr sein. Und was, wenn doch?

 

 
 

Blond – ein Fluch 5

 

"Mea!" Erschrocken zuckte ich zusammen. Verdammt, erwischt.

"Ja?" Unschuldig guckte ich in die Augen meines Vorgesetzten.

"Du kannst nicht immer chatten! Wenn du deine Aufgaben fertig hast, dann hol dir Neue." Er konnte mir nicht wirklich böse sein. Schließlich war ich ja nur Praktikantin.

"Ok, mach ich." Ich lächelte so süss ich konnte.

Sowas Blödes, gerade hatte ich so ein schönes Gespräch mit Alex und Claudia. Es war einfach zu lustig. Hauptthema war wie fast immer Sex. Ein tolles Thema, wie ich fand. Der Gesprächsstoff konnte gar nicht enden.

Ausserdem wollten wir gerade über unser Chattertreffen reden, wir wollten uns endlich alle nach über einem Jahr kennen lernen, real.

Und ich konnte eine Ablenkung gut gebrauchen. Ich hatte einen Kellner kennengelernt, mit dem es nicht’s Halbes und nicht’s Ganzes war. Ich brauchte eine Veränderung, eine kleine Fahrt nach Düsseldorf würde mir gut tun.

Claudia kennenlernen, DAS konnte nur ein lustiger Tag werden. Sie war noch verrückter, als ich. Und Alex, ja, Alex, dieses Großmaul, der schien mir sehr interessant. Was hatte ich schon zu verlieren?

Am Bahnsteig in Düsseldorf sammelte sich eine Gruppe von ca. 30 Mann. Gehörten die alle zum Treffen? So viele? Oje, manche waren wirklich komisch... und da, CLAUDIA! Wir fielen uns in die Arme, als ob wir uns schon ewig kannten.

"Wann kommt Alex?" Ich wollte ihn endlich kennenlernen.

"Der kommt gleich hier auf dem Bahnsteig an." Claudia lachte.

Sah man mir meine Aufregung an? Denn langsam wurde ich wirklich unruhig. Was, wenn er nicht käme?

Aber, er kam.

Liebe auf den ersten Blick? Gab es so etwas? Man vergaß die Zeit, alles um einen herum und fühlte sich dem anderen näher, als sich selbst? So etwas gab es wirklich? Ginge das? Noch vor wenigen Minuten hätte ich das lachend verneint. Ja, das hätte ich wirklich.

Bis ich ihn sah. Ich hatte doch die Bilder gesehen, ich wusste doch, wie er aussah und dennoch....es haute mich um, ich war sprachlos. Wir sahen uns nur in die Augen, mehr nicht, kein Wort, kein Lächeln, keine Bewegung.

Dieses Wochenende mit ihm, mit all den Chattern, verging wie im Fluge. Schmetterlinge, nun wusste ich wirklich, was das bedeutete. Alex war Alex. Und Alex war alles was ich wollte, wonach ich mich sehnte. Oft konnten wir uns nicht sehen. Er wohnte in Hamburg, ich in Essen.

Fernbeziehung...ich lernte dieses Wort zu hassen.

Und noch etwas lernte ich zu hassen: Andere Frauen.

Nie war ich jemals eifersüchtig gewesen, meiner Partner war ich mir immer sicher gewesen, selbst mit meinen jungen 20 Jahren war ich selbstbewusst genug, dass ich mir nie Gedanken gemacht hätte.

Aber, bei Alex....Alex zog die Frauen wie ein Magnet an. Ich konnte sie am besten verstehen, war ich doch genauso verrückt nach ihm.

Ich wurde über die Monate immer gereizter, wenn wir zusammen waren. Ständig riefen Frauen an, aus den unmöglichsten und für mich, unsinnigsten, Gründen. Und Alex? Der tat so, als ob sie ihn alle nicht interessierten. Vonwegen, ich glaubte ihm nicht. Wollte ihm glauben, tat es aber nicht.

Ich war wieder zu Hause, erst vor zwei Tagen hatte ich Alex das letzte Mal gesehen. Gestern haben wir zum ersten mal nicht telefoniert. Und heute, kurz nach 8:00 Uhr morgens hatte ich das Bedürfnis mit ihm zu sprechen. Irgendwie wollte ich von ihm loskommen, das konnte doch alles nicht gut gehen. Nie rief ich ihn Vormittags an, er war ein Langschläfer. Und dennoch, diesmal tat ich es.

"Alex?"

"Mea?" Ein Auto hupte. War das ein Bus?

"Wo bist du?" Ich dachte, du schläfst noch.

"Ich ruf dich später an." Aufgelegt.

Da wusste ich es! Wusste, was er getan hatte. Glauben? Nein, glauben konnte ich es nicht.

Zwei Weinflaschen hatte ich noch im Kühlschrank, die schnappte ich mir, fuhr zu einem guten Freund und wir sahen uns den ganzen Tag schnulzige Filme an. Er fragte mich nichts, ich erzählte ihm nichts. Aber, den Wodka und Tequilla, den er noch hatte, nahm ich bereitwillig entgegen. Es war schon abend, fast nachts, als ich den Entschluss fasste, zu Alex nach Hamburg zu fahren - egal wie.

Ich verabschiedete mich, hob etwas Geld von der Bank ab und verpasste den letzten Zug nur knapp. Stundenlang wartend auf den nächsten Zug, trank mir ein Bier nach dem anderen, dass ich von dem Bahnhofskiosk kaufte.

Ein Ticket hatte ich nicht, kontrolliert wurde ich auch nicht und so stand ich irgendwann morgens um 7:00 Uhr in Hamburg vor einer Haustür mit einem Schlüssel in der Hand, durch die Kälte wieder völlig nüchtern, durchgefroren und unsicher, ob ich die Wohnung betreten sollte oder nicht.

Was würde mich erwarten? Wollte ich das wirklich wissen?

Ich wollte ihn aber sehen. Ihn ein letztes Mal sehen. Und so hoffte ich, dass er da wäre, allein.

Als ich die Wohnung betrat wusste ich es schon, aber als ich sie dann sah, traf es mich doch unvorbereitet.

Er war da.

Aber nicht allein.

Völlig regungslos stand ich da und starrte die beiden an. Und dann sah ich ihre Sachen, überall verteilt. Es war wohl eine wilde Nacht gewesen. Weingläser, zwei leere Flaschen, Pizza, Filme aus der Videotheke...

Er wurde wach, sah mich mit müden Augen an, stöhnte und vergrub sich in seiner Decke. Auch sie entdeckte mich und verschwand unter die Decke.

Gleich standen sie auf, sie würde gehen und er mir alles erklären. Gleich würde sie weg sein und ich ihn wieder für mich haben. Ja, gleich würde etwas passieren.

Gleich.

Aber nichts geschah. Ich war fassungslos. Sie schliefen einfach weiter. Und ich stand da. Ich wollte keine Szene machen, dafür war ich zu stolz, aber was hätte ich tun sollen, OHNE eine Szene zu machen? Also tat ich nichts.

Doch, eines: Ich packte meine Sachen, die ich bei ihm hatte, legte seinen Wohnungsschlüssel auf den Tisch.

Noch immer keine Regung der beiden. Ich war doch schon zwei Stunden hier. Wie konnte das sein? So kalt, so gefühllos...das konnte nicht Alex sein, nicht mein Alex.

Und er war es doch. Als ich gerade gehen wollte, sprang sie aus dem Bett, huschte an mir vorbei, murmelte etwas von "Tschuldigung" und verschwand ins Bad.

Sie war nackt. Erst da wurde mir bewusst, wirklich bewusst, was passiert ist. Jedoch die Erkenntnis, die mich im gleichen Augenblick traf war viel schlimmer, als die Tatsache, dass sie nackt war.

Ich musste raus, an die Luft. Ich versuchte zu atmen, meine Lungen mit viel frischem Sauerstoff zu füllen, mein Herz zu befreien von den Schmerzen, die Gefühle abzuschütteln, die Tränen, die sich in meinen Augen ankündigten, zu stoppen und lief los, immer schneller, schließlich fing ich an zu rennen.

Ich verstand das alles nicht, konnte es nicht verstehen. Wie auch? Wie hätte ich verstehen können, dass mir diese Frau und dieser Mann mehr weh getan hatten, als irgend jemand zuvor? Und wie hätten sie auch nur Ansatzweise verstehen können, dass das Schlimmste daran war, dass sie BLOND war?!

 

 

 

Blond – ein Fluch 6

 

"Stehst du auf Blondinen?" Diese Frage stellte ich immer zu erst.

"Nicht wirklich." Er lächelte.

"Welche Haarfarbe hatte deine Ex?" Ich war mißtrauisch.

"Dunkelbraun." Jetzt lachte er mich an.

"Und, du hattest noch nie etwas mit einer Blondinen?" Ich wollte es wissen, es unbedingt ganz genau wissen.

"Doch, klar. Aber verliebt habe ich mich bisher immer nur in Brünette." Er verschlang den Rest seines Eises mit einem mal.

"Mhmm..." Ich hatte keinen Appetit mehr.

"Magst du dein Eis noch?" Schon schielte er verdächtig in Richtung meines kaum berührten Schokoeis‘s.

"Nee, kannst haben." Männer sind alle Nimmersatte.

"Lecker!" Auch dieses würde nur noch Sekunden existieren.

Heimlich betrachtete ich mir mein Gegenüber genauer.

Er hatte braune, strubelige Haare, die lange keinen Frisör mehr gesehen haben konnten. Es stand ihm aber gut, eine Haarsträhne fiel ihm immer wieder ins Auge. Ja, diese Augen hatten mich bewogen auf seine Einladung einzugehen. Blau...so dunkel wie das Meer. Lange schwarze Wimpern, um die ich ihn schon fast beneidete und wegen denen er sich immer ärgerte, sie seien weibisch. Er hatte schon überlegt sie sich zu kürzen. Was für ein Unsinn. Sie waren toll. Aber, gesagt hätte ich das nie.

Nein, ich konnte nicht nett sein. Nie, wenn ich jemanden mochte, dann ging das nicht. Aber, warum? Ich mochte ihn ja nicht, also konnte ich ruhig nett zu ihm sein.

"Schönes T-Shirt." Netter ging einfach nicht.

"Äh...?" Zwei verwirrte, blaue Augen sahen mich fragend an.

"Ich mein ja nur." Wieder toll hingekriegt.

"Sag mal, ist das ein Piercing in deiner Brust?" Sah ich recht?

"Joa, ‘n Ring." Das zweite Eis war verschlungen.

"Darf ich mal?" Jetzt war ich neugierig.

"Wie? Hier?" Er sah sich fragend um.

"Wieso, wir sind doch im Park, stört doch keinen." Jetzt wollt ich’s wissen.

"Ich zieh mich doch nicht in aller Öffentlichkeit aus." Warum nicht?

"Feigling." Ich zog leicht an seinem T-Shirt und grinste ihn frech an.

"Hey!" Eigentlich wehrte er sich nicht, nicht wirklich.

"Das fühlt sich lustig an." Ich spielte an dem kleinen Ring.

"Das ist nicht ‚lustig‘." Er schmollte.

"Doch ist es." Ich liess es durch meine Finger gleiten, auf seine warme Haut fallen und es in der Sonne glänzen.

"Was krieg ich jetzt dafür, dass ich hier nackt vor dir sitze?" Anscheinend hatte er aufgehört zu schmollen.

"Wie? Was? Nicht’s." Wofür?

"Das geht so nicht." Er schnappte sich sein T-Shirt, zog es sich über den Kopf und stand auf.

Diese Schultern, dieser breite Rücken. Ist er mal gerudert?

"Wo gehst du hin?" Er war schon ein paar Schritte gelaufen.

"Komm!" Jetzt lachte er mich frech an.

"Verrückter Kerl." Murmelte ich, schüttelte den Kopf und folgte ihm bereitwillig.

Wir gingen zu seinem Auto und fuhren los.

"Wohin fahren wir?" Ich kannte ihn doch gar nicht.

"Ich muss zum Training." Er fuhr auf die Autobahn.

"Wie Training?" Was hatte ich da zu suchen? So hatte ich mir meinen Nachmittag nicht vorgestellt.

"Ich stell' dich den Anderen vor." Den Anderen? Welchen Anderen? Das versprach nichts Gutes.

"Christian, ich glaub, dass ist keine so gute Idee." Unsicher blickte ich zu ihm rüber.

"Ach was, die werden dich mögen." Jetzt grinste er. Das sah so verdammt gut aus.

Handballer? Ok, daher die breiten Schultern. Wie, Feuerwehrmann? Achso, ein Lebensretter also. Vielleicht konnte er mich retten. Wie ich ihn fand? Ja, ganz nett. Nein, ich war nur eine Bekannte. Nein, wir sind nicht zusammen, kennen uns doch erst seit ein paar Tagen. Woher? Na, er hat nicht locker gelassen, bis ich mich heute mal mit ihm getroffen habe. Wo genau? Bei meinem Nebenjob. Ja, ich bin Kellnerin. Etwas Geld dazu verdienen, macht ja auch Spass.

Hilfesuchend blickte ich mich zu ihm um.

Er verstand mich, nahm mich in den Arm und führte mich von diesen fragenden Blutsaugern weg.

"Hab’s doch gesagt, die mögen dich." Blödmann, ich wollte nur noch weg.

"Willst noch kurz zu mir? Muss die kleinen Viecher füttern, die haben schon seit gestern nix mehr bekommen." Er nahm den Arm einfach nicht weg.

"Klar." Flucht, schnell ins Auto.

"Die denken, ich bin deine Neue." Fragend sah ich ihn an.

"Ich hab nix gesagt." Er schmunzelte.

"Hätteste das nicht klar stellen können?" Was tat ich hier? Wo waren wir überhaupt?

"Sind gleich da." Er parkte am Straßenrand ein.

"Hier wohnst du?" Schickes Haus. HAUS? Er war doch erst 25, ein Haus?

"Allein?" Die Frage passte ihm wohl nicht.

"Nicht ganz." Wich er aus, öffnete die Tür und ging rein.

Na toll, Mama- und Papa–Treffen...mein Tag war echt gelaufen.

"Echt schön hier." Keine Eltern in Sicht, ich strahlte.

"Ja, das will ich auf jeden Fall behalten." Jetzt sah er mich unsicher an.

"Schöne Bilder, hast du die gemacht?" Noch ging ich nicht drauf ein. Wollte ich wirklich wissen, was er meinte? Nein, der Tag war schon aufregend genug.

"Nein, ein Freund, der ist Fotograf." Er machte uns zwei Cola.

"Die Viecher, ja?" Ich deutete auf zwei kleine Kaninchen.

"Ja, die bin ich bald los." Jetzt wich er meinem Blick aus.

"Gehören meiner Ex." Daher wehte also der Wind.

"Wohnt sie noch hier?" Jetzt erst fielen mir die liebevollen, kleinen Details im Haus auf. Dekorationen, die förmlich nach einer Frau schrien.

"Nein, nur ihre Klamotten sind noch da." Jetzt wollte ich wirklich weg.

"Kann ich mal auf’s Klo?" Luft! Ich brauchte Luft.

Wie weit würde ich es schaffen? Aus dem Toilettenfenster über den Balkon und dann das Abflussrohr runter auf die Strasse. Und dann? Wo waren wir eigentlich? Irgendwo auf dem Land, in der Nähe von Gelsenkirchen. Wie konnte ich nur in so einen Schlamassel geraten?

"Alles klar bei dir?" Er klopfte an die Tür.

"Ja, bin gleich fertig." Kurz noch kaltes Wasser ins Gesicht.

Was war schon dabei, sie waren getrennt, sie würde hier nicht auftauchen, wovor hatte ich Angst? Sie war ja nicht blond.

Wir trafen uns immer öfter, bei ihm, bei mir, verliebten uns. Aber, ihre Sachen verschwanden nicht. Ich hatte nicht den Mut nach ihr zu fragen und er erzählte mir nichts von ihr. Nur einmal, dass sie ihn betrogen hätte und jetzt seit einigen Monaten bei dem Neuen wohnen würde, aber genau wissen, nein, das täte er nicht.

Es war ein Sonntag, wir schliefen aneinander gekuschelt in seinem Bett. Von einem Lauten Klopfen an der Tür wurde ich wach, er nicht.

"MACH AUF, DU ARSCH!" Kreischte eine Frauenstimme.

Erschrocken saß ich aufrecht im Bett und rüttelte ihn wach.

"Mhmm...was ist?" Verschlafen kuschelte er sich an meinen Schoß.

"CHRIIIISTIIIIAAAAN!" Spinnte die? Es war doch Sonntag.

Ein kurzer Blick auf die Uhr machte mich langsam wütend. 6:00 Uhr. Blöde Kuh!

"Christian, wach auf, da ist jemand." Eine dunkle Ahnung überkam mich.

"Was?" Er war wieder eingeschlafen. " Wer?" Langsam wurde er doch wach.

"ICH WEISS, DASS DU DA BIST!" Die Frau war hysterisch, ganz eindeutig.

"DEIN AUTO STEHT VOR DER TÜR!" Gleich bricht die Tür ein.

"DAS IST AUCH MEIN HAUS!"

"Meine Ex!" Er war fassungslos.

"Deine Ex." Wiederholte ich matt.

Schnell zog er sich eine Shorts, Jeans, T-Shirt an und rannte zur Tür.

Das konnte doch nicht wahr sein. Nein, das würde er doch nicht tun. Er würde die Tür doch nicht öffnen. Würde er doch nicht, oder?!

Doch er tat es. Schon sprang sie in den Flur, ich konnte noch gerade rechtzeitig die Schlafzimmertür leicht zu stoßen. Und jetzt? Ich war nackt. Meine Klamotten? Oh, Gott, die schreit ja die ganze Bude zusammen. Und Christian? War er noch da? Ich hörte nichts von ihm. Dafür um so mehr von ihr. ‚Versager‘ war noch eines der nettesten Wörter, die ihr über die Lippen kamen.

Wie sollte ich ungesehen an ihr vorbei kommen? Und zu aller erst, wo war verdammt nochmal mein Slip?! Ich suchte fieberhaft, fand ihn schließlich und stieß einen kleinen Jubelschrei aus.

"...NNST MICH MAL!" - Stille - "HAST DU ETWA EINE FRAU IN MEINEM BETT?"

Oje, schnell den Slip an.

Die Tür sprang auf, sie stand vor mir und ich bekam das Gefühl gleich in Ohnmacht zu fallen.

"DU SCHLAMPE!" War das Hass in ihren Augen?

"HÄTTEST DU DIR NICHT EINE HÜBSCHE AUSSUCHEN KÖNNEN? DIESE FETTE KUH LIEGT IN MEINEM BETT!" Sie sprang wieder aus dem Raum, wahrscheinlich zu Christian.

Fette Kuh? Nicht Hübsch? Nun gut, die Nacht war etwas wild, aber ich musste mich vergewissern, ob ich wirklich so schlimm aussah. Der Kleiderschrank war verspiegelt, sehr schön. Nein, ich betrachtete mich. Ich sah sogar sehr sexy aus. Meine dunkelbraunen Locken umgaben mein mädchenhaftes Gesicht. Zwei große, braune Augen strahlten mir entgegen. Eine leichte Röte lag auf meinen Wangen. Mein Busen war schon immer mein ganzer Stolz und dieser Knackpopo, kam nicht von ungefähr. 21 Jahre, nein, ich sah wirklich gut aus.

Gedankenverloren streichelte ich mir meinen flachantrainierten Bauch, suchte meine Sachen zusammen und zog mich in aller Ruhe an.

Ihr Geschrei ging mir langsam auf die Nerven, ihre Stimme überschlug sich jetzt zusehends. Ich ging an beiden vorbei auf den Balkon und gönnte mir eine Zigarette. Dass ich zitterte, bemerkte ich erst, als ich sie mir anzündete. Nein, spurlos ging diese Situation bestimmt nicht an mir vorbei. Worauf hatte ich mich da nun schon wieder eingelassen.

Plötzlich stürmte sie auch auf den Balkon.

‚Gleich scheuert sie mir eine‘ Dachte ich mir.

Stattdessen beschimpfte sie mich auf das Übelste.

Wo war eigentlich Christian? Ach ja, da kam er endlich. Der Grund allen Übels.

"VERSCHWINDE! RAUS AUS MEINEM HAUS, DU SCHLAMPE!"

Ich musste meine Hand mit der Zigarette verstecken, jetzt konnte ich mein Zittern nicht mehr verbergen.

‚Christian, tu was.‘ Ich blickte ihn flehend an.

"Das ist jetzt mein Haus." Sagte er ruhig.

Das erstaunte auch mich.

"DU LÜGST!" Gleich geht sie ihm an die Gurgel.

"Nein, ich hab mit dem Vermieter schon lange alles geregelt. Es gehört mir. Mea bleibt." Jetzt sah ER sie eisig an. War da auch Hass?

"DU ARSCHLOCH!" Sie fing an zu weinen.

"5 JAHRE UND DU WIRFST MICH RAUS?!" Ein Flehen lag in ihrer Stimme.

"DU bist gegangen. Zu IHM!" Sagte er bitter.

"Deine Sachen hättest du schon lange holen können, du hast nie reagiert."

"ICH WERDE MEINE SACHEN HEUTE HOLEN!" Sie nahm ihr Handy und ging wieder rein.

"Sie wird ihren Schlägerfreund anrufen, wir sollten gehen." Unsicher sah er mich an.

"Ja, ok." Mich hielt hier eh nichts mehr.

"Wo wollt ihr hin?" Sie konnte auch in normaler Lautstärke reden? Das verblüffte mich.

"Wir gehen. Nimm deine Sachen und gut ist." Er nahm meine Hand, seinen Autoschlüssel und wir gingen die Treppen zur Haustür runter.

Als unser Auto gerade anfuhr, kam schon gleich die erste Rettung der Ex, die beste Freundin. Zusammen schimpften sie uns hinterher.

Urkomische Situation, ich hätte fast gelacht. Mir war nur nicht zum Lachen zumute.

Ein kurzer Blick nach links. Nein, Christian auch nicht.

"Fahr mich nach Hause." Bat ich ihn.

Schweigend fuhren wir die Kilometer zu meiner Wohnung. An der Haustür drehte ich mich noch mal zu ihm um.

"Fahr nach Hause." Ernst sah ich in seine Augen.

"Aber, warum denn? Ich will nur dich. Sonst wäre ich doch nicht hier!" Er verstand es nicht.

"Ich will allein sein. Ist besser so." Ein kurzer Abschiedskuss und schon hatte ich die Tür hinter mir geschlossen.

Dass er noch einige Minuten vor der Tür wartete, sah ich durch das Fenster. Dass ich ihn nie wieder sehen wollte, wusste er wohl genauso gut, wie ich. Er war es nicht, ihn wollte ich nicht. Einen Lügner? Ich hatte ihm eine simple Frage gestellt gehabt. Wenn er die Wahrheit gesagt hätte, dann hätte ich ihm trotzdem mein Eis gegeben. Warum auch nicht? Es war doch nur eine Farbe. Die Farbe ihrer Haare. Blond.

 

 

 

 

Blond – ein Fluch 7

 

"Ich will nicht’s trinken." Nadine war entnervt.

"Komm schon, ich geb dir einen aus. Was du willst." Der Typ ließ einfach nicht locker.

"Ich will aber nicht." Sie blickte mich mit flehenden Augen an.

"Bitte Nadine, nur noch eine Minute." Die MUSSTE sie mir geben, das war sie mir schuldig.

"Mea...Mea...Mea...Echt, du siehst toll aus." Und er erst.

"Jamie, ich seh genauso aus, wie immer!" Die Musik aus den Boxen dröhnte mir in den Ohren.

"Haben uns vier Jahre nicht mehr gesehen. Siehst wirklich gut aus." Sein weißes Hemd, die blaue Jeans und die braungebrannte Haut standen ihm auch nicht schlecht.

"Mea!" Nadine stieß mir mit ihrem Finger in die Seite. "Die Minute ist um, komm jetzt."

Aber, ich wollte noch nicht. Wollte noch nicht in die andere Halle der Disco zu unseren Freunden gehen. Ich wollte mich noch weiter unterhalten. Mit Jamie.
Vier Jahre.
Ja, damals hab ich ihn noch nicht mal in Erwägung gezogen, nein ich war doch fest liiert und er ein Frauenheld. Aber jetzt, vier Jahre später, sah das alles ganz anders aus. Tat es das?

"Ich geh jetzt!" Nadine kam nicht weit, der Typ stand wieder vor ihr. Man glaubte es kaum, MIT einem Getränk. Das war ein Fehler.

"Hier, ‘ne Cola, weil du doch fahren musst." Er lächelte sie unsicher an.

"Halt die mal gut fest, vielleicht trink ich sie ja später." Sagte sie bissig, drehte sich um und zog mich mit sich.

Aber, ich wollte doch nicht.

Bei unseren Freunden angekommen beschwerte sich Nadine über unsere Bekanntschaft, diesen ‚Jamie‘ und seinen völlig bekloppten ‚Totengräberfreund‘. Totengräber, hatte ich da richtig gehört?

"Ja, Totengräber. Macht er beruflich. Gruselig." Nadine war echt sauer. War mir egal. Ich wollte Jamie wiedersehen.

"Ich geh mal auf’s Klo." Könnte klappen.

"Ich komm mit." "Ich auch." Doch nicht so einfach.

Nadine und Ramona an der Backe hängend blieb mir nichts anderes übrig, als wirklich auf die Toilette zu gehen.

Make-Up Check...zwei Frisösen als Freundinnen, hatte definitiv auch gute Seiten. Ich blickte in den Spiegel und war selbst erstaunt darüber, was ich sah. Was die beiden alles aus meinen Augen zaubern konnten, den lockigen, braunen Haaren und dem Mund. Meine Lippen erschienen voller, als sie es eh schon waren. Ja, ich fühlte mich sexy, selbstbewußt und gewappnet für die Männerwelt. Wovor sollten sie mich schützen wollen? Ich würde das schon schaffen. Den Busen lüpfend, etwas Kleingeld für die Toilettenfrau und ab zu Jamie. Einen Kuss wollte ich mir heute noch holen. Ja, das stand fest.

Ich fand ihn schneller, als ich gedacht hatte. Frech grinste er mir entgegen, betrachtete mich von oben bis unten und grinste noch breiter.

"Hab dich schon vermisst." Waren das zwei Cocktails in seiner Hand?

"Ist der für mich?" Blöde Frage.

"Jetzt schon." Er reichte mir einen.

"Charmanter Lügner." Gurrte ich.

"So etwas Böses denkst du über mich?" Er spielte den Überraschten.

"Ja, genau so denk ich über dich." Der Cocktail schmeckte gut, was war das für einer?

"Mea?" Seine Hand berührte meinen Arm.

"Ja, was kann ich für dich tun?" Keck blickte ich in seine dunklen Augen.

"Ich war schon immer scharf auf dich." Diese ehrliche Aussage überraschte selbst mich. Ich verschluckte mich fast, was dachte der sich? Dass ich mich ihm einfach in so ‘ner blöden Disco an den Hals werfe, wir auf’s Klo verschwinden und das war’s? Dachte er wirklich, ich wäre so eine? Ich konnte es nicht glauben.

"Und jetzt? Was willst du tun?" Ich war empört.

"Mir nehmen, was ich will." Bitte was?

Er schnappte sich meine Hand, zog mich auf die Tanzfläche und schlang seine Arme fest um mich.

Nicht doch, jeder könnte uns sehen. Was tu ich hier eigentlich? Ich wollte mich losreißen, aber er ließ es nicht zu. Er war stärker. Viel stärker, als alle meine Freunde zu vor.

"Du hast ein Kreuz, wie ein Stier." Und er war so sanft, wie ein Engel.

"Du machst wirklich komische Komplimente, Mea. Aber, ja, ich mag dich auch." Er roch so gut, wonach roch er nur, dieses Parfüm...einfach toll.
 

Das ich in dieser Nacht nach Hause kam, verdankte ich meinen Freundinnen. Er lag schon im Bett. Natürlich, es war ja auch schon fast Morgen.

"Hi mein Engel." Wie ich es hasste, wenn er mich so nannte. Nein, ich war kein Engel.

"Du bist noch wach?" Ich versuchte mein Unbehagen zu verbergen und zog mir meine Schlafsachen an.

"Hab auf dich gewartet. Wie war’s?" Meine Lippen waren noch immer leicht angeschwollen von Jamie‘s wilden Küssen, mein Haar stand wirr vom Kopf ab und ich fühlte ein durcheinander in mir, wie schon lange nicht mehr.

"Ganz gut." Ich legte mich zu ihm.

"Du hast noch zwei Stunden, ich stell dir den Wecker." Mist, so wenig nur. Blöde Arbeit, grad am Wochenende.

"Gute Nacht." Er gab mir einen leichten Kuss auf die Stirn und kuschelte sich an mich. Für einen Moment dachte ich, er könnte mehr wollen. Das hätte ich nun wirklich nicht ertragen. Aber nein, Gott sei Dank, er schlief schnell ein.

‚Was hab ich nur getan?‘

Die Frage war eher, was würde ich noch alles tun?

Jamie....Ich musste Phillipp loswerden, das wollte ich doch schon die ganze Zeit. Warum hatte ich nur gewartet? Ach ja, Valentinstag, morgen. Nein, das war ja schon heute. Valentinstag. Hat mir noch nie viel bedeutet. Phillipp schon. Es war sein Geburtstag. So fies konnte niemand sein und sich trennen, nicht am Geburtstag. Noch nicht mal ich.

Der Wecker klingelte. Mühsam stand ich auf, duschte schnell, putze mir die Zähne und war froh ihn erst einmal einige Stunden nicht sehen zu müssen. Dabei war er so lieb zu mir. Liebte mich. Sagte er. Wie konnte man behaupten man liebte jemanden? Nach nur 4 Monaten? Nein, das konnte ich nicht glauben, ich war 22 Jahre alt und nicht mehr ganz so naiv. Nein, ich liebte ihn ganz gewiß nicht.

Die Arbeit ging mir heute sehr schwer von der Hand, aber da musste ich wohl oder übel durch. Phillipp holte mich ab, wie immer. Ich hätte die Uhr nach ihm stellen können, die Zuverlässigkeit in Person. Es nervte mich, ich brauchte Freiheit.

Die würde ich bei Jamie bekommen. Aber, ich hätte nicht zu ihm gehen können. Das wäre nicht gegangen. So viel Unrecht hätte ich Phillipp nicht antun können, nicht noch mehr.

Die Zeit verging, einige Wochen. Von Phillipp wollte ich mich endlich trennen. Er weinte, verstand nichts und ihm die Wahrheit zu sagen? Nein, den Mut hatte ich nicht.

Er sollte endlich aufhören zu weinen.

Er war doch ein Mann.

Ich wurde wütend auf ihn. Endlich ging er. War ich wirklich so kaltherzig geworden? Oder nur fair?

Fair? Ein bitteres Lachen entsprang mir, FAIR?! Blödes Wort, das ganze Leben ist nicht fair. Selbst wenn du wolltest, du könntest nicht immer fair handeln. Ich hatte einen Fehler gemacht und ihn mit dieser Trennung versucht zu bereinigen.

Das Telefon klingelte. Ganz in meine Gedanken versunken hob ich ab.

"Ja?" Wer stört?

"Mea, ich muss dich sehen." Ich hielt die Luft an.

"Wer...wer ist da?" Aber ich wusste es schon.

"Der charmante Mann, dem du nicht widerstehen kannst." Ich konnte sein Grinsen spüren.

"Jamie." Ich stieß die Luft aus.

"Ich hol dich in 10 Minuten ab, bin grad in der Gegend. Bis gleich." Aufgelegt.

Warum legen diese Kerle eigentlich immer einfach auf? Durfte ich mich nicht äußern? Was sollte das. Es machte mich wütend. Überhaupt machte mich Jamie wütend. Auch, dass ich nicht vorbereitet war. Ich sah doch schrecklich aus. 10 Minuten, wie sollte ich das denn schaffen?
 

Als wir im Auto saßen war ich immer noch wütend.

"Siehst angespannt aus." Kluger Kopf.

"Kann sein." Sooo wütend.

"Is was?" Interessierte ihn das wirklich?

"Hab mich grad von meinem Freund getrennt." Was soll’s, jetzt ist es raus.

"Klasse!" Bitte was?!

"Wieso?" Misstrauisch beäugte ich ihn. Er sah mal wieder verdammt gut aus. Dieser 3-Tage-Bart....der stand ihm wirklich gut

"Weil ich dir dann mal meine Bude zeigen kann, ohne Angst zu haben, dein Macker schlägt sie mir zu Brei." Seine Wohnung?
 

"Und jetzt?" Klein aber fein.

"Was trinken? Ne Sprite?" Bloß nicht. Ich schüttelte den Kopf.

"Trink ich nicht mehr." Nie mehr!

"Ich hatte nur hübsche Freundinnen." Hatte ich was verpasst?

"Bitte?!" Verwirrt sah ich in seine funkelnden, dunklen Augen.

"Hübsche halt. Keine Häßlichen." DAS zeichnet dich ja aus.

"Und? Was soll mir das sagen?" Entnervt nahm ich eine Cola entgegen.

"Eine mit Locken hatte ich noch nie." Glanzleistung, ich gratulierte.

"Wirst du auch nicht, wenn du so weiter machst." Funkelte ich ihn zornig an.

"Mea, du bist immer so wütend. Warum?" Wütend? Nein, eher entnervt. Heute nervte mich alles. Vor allem die Männerwelt.

"Was ist hinter dieser Tür?" Fragte ich, um ihn abzulenken.

"Ne kleine Kammer, hab da mal bißchen Gras angebaut." Er zuckte mit den Schultern.

Ich lachte. "Nee, glaub ich dir nicht."

"Doch!" Er zog sein Laptop unter dem Couchtisch hervor und zeigte mir die Bilder.

"Ein bißchen?" Leicht unter trieben, die ganze Kammer war vollgestopft gewesen.

"Ein halbes Jahr lang." Jetzt lächelte er wieder.

"Und, wo ist das Geld hin?" In der Wohnung sicher nicht, die war nur spärlich eingerichtet.

"Hab mir ein Motorrad gekauft, ein Auto, Urlaub, sowas eben." Stimmt, ein Student und dann das dicke Auto. Dachte Mami und Papi haben’s bezahlt. Falsch gedacht.

"Meine Ex hat sich die Brüste machen lassen. Sie hat gemodelt."

"Und, wo ist sie jetzt?" Warum habt ihr euch getrennt?

"Ist ausgezogen, nach Köln. Hat mich betrogen. Nicht richtig, aber halb. Hat mich jeder gewarnt, wenn die sich die Brüste machen lässt, ist sie weg. So war’s dann auch." Irgendwie tat er mir leid.

"Hab 75 B-C und komm auch klar." Sagte ich stattdessen.

"Nie im Leben hast du C." Verwundert schaute er meinen Busen an.

"Doch, klar. Im Winter, wegen Winterspeck." Antwortete ich ungerührt. B bis C, nicht GANZE C!

"Du würdest dir die auch machen lassen, würde jede Frau." Hatte er schon immer diese kleinen Grübchen um die Mundwinkel gehabt?

"Niemals, ich find meine toll." Protestierte ich.

"Dann zeig doch mal." Jetzt lächelte er lausbubenhaft. Daher wehte also der Wind.

"DAS hättest du wohl gerne." Vonwegen.

"Dann können sie nicht so toll sein." Er wandte sich wieder seine Cola zu und fummelte an seinem Laptop herum.

"Doch, sind sie!" Das zu beweisen war schwer. "Frag meinen Ex." Blöde Idee.

Er lachte auf "Ja, klar."

- Stille -

Konnte ich das auf mir sitzen lassen? Ich wusste, was er dachte, dass ich ihn nur reizen, anmachen und dann unverrichteter Dinge sitzen lassen würde. Ich aber wollte nur, dass er mir glaubte. Warum wollte ich das nur so sehr? Ich wusste es nicht.

"Jamie?" Er war ganz auf seinen Laptop fixiert.

"Mhmm?" ‚tip tip tip klapper tip‘

"Glaub mir doch einfach." ‚tip tip tip‘

"Nö, kann ich nicht. Ihr Frauen spielt euch immer so auf." ‚tip tip‘...noch ein ‚TIP‘ und ich würde ausrasten ... ‚tip‘

Ich warf ihn um, er landete in voller Länge auf der Couch und ich auf seinem Schoß sitzend auf ihm. Völlig überrascht sah er mich mit großen Augen an.

"Was soll das?!" War ich mutig genug?

"Hey?!" Ich war’s.

Ich zog mein Oberteil aus, öffnete meinen BH und zeigte ihm das, was er mir nicht glauben wollte. In einem kindlichen Trotz wollte ich es ihm beweisen, ich HATTE Recht.

Er lächelte nur, wollte mich zu sich ziehen, küssen. Aber, ich befreite mich, so hatten wir nicht gewettet. In aller Seelenruhe zog ich mich wieder komplett an, setzte mich aufrecht auf die Couch, trank einen Schluck von der Cola, und tat so, als ob nicht’s geschehen wäre.

Er tat das auch.

‚Tip‘... ‚tiptip‘ ...

Ich runzelte die Stirn. Bitte, kein ‚tip‘ mehr.

"Du...‘räuspern‘...hattest Recht. Sie sind echt umwerfend." GEWONNEN!

Jamie und ich hatten gerne, langen und heftigen Sex. Meistens hob er mich gegen eine Wand, Tür, Tisch oder sonstige Erhebung. Das war seine Vorliebe. Und was hatten wir sonst noch gemein? Eigentlich nicht’s, so gesehen.

Ob er sich in mich verliebte? Nein, ich denke nicht. Jedoch ich, ich tat es. Von ihm loszukommen? War fast schier unmöglich, ich musste es dennoch irgendwie schaffen. Ich suchte nach etwas, damit ich von ihm loskam. Und, als ich es fand, war es im nachhinein wohl doch eher eine Ausrede, als ein wirklicher Grund.

Es waren Urlaubsbilder von ihm und seiner Exfreundin, dem Model. Der Frau, die seine ganzen Wände in seiner Wohnung bedeckten. Sie war seine Ex, auf all diesen Bildern. Wer zum Teufel hängt sich Bilder seiner Exfreundin in die Wohnung? Und ich dachte, es wären normale Bilder von jungen Frauen. Aber, es war immer dieselbe Frau. Falsch gedacht. Mal wieder. Sie war wirklich hübsch. Hübsch und verdammt blond.

 

 
 

Blond – ein Fluch 8

 

"Bist du dir sicher?" Nadine sah nicht begeistert aus.

"Natürlich." Und ob!

"Also, ich find das keine so gute Idee." Ich schon!

Nadine seufzte und begann ihr Werk an mir.

Ich würde es der Welt schon zeigen. Das ging so nicht weiter. Bald wäre ich 24 und dieses etwas kann und wird sich mir nicht weiter in den Weg stellen, den Weg zu meinem Glück.

"Bist du fertig?" In meinem Bauch kribbelte es.

"Ja, Moment noch, Mea. Die fünf Minuten kannst du noch still halten." Nadine schien konzentriert.

"Tadaa!" Fertig.

Jetzt gab es keinen Weg mehr zurück. Und jetzt? Traute ich mich hinzusehen? Bisher war der Spiegel mit einem Handtuch verdeckt gewesen, aber nun...ja, nun musste ich nur noch die Augen öffnen. Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr so sicher. Hatte ich die richtige Wahl getroffen. War das der Einzige Weg herauszufinden, warum alles schief lief?

"Jetzt mach die Augen schon auf." Nadine wurde unruhig. "Ist echt toll geworden." Sie schien stolz zu sein, so schlimm konnte es dann doch nicht sein. Konnte es doch nicht, oder?

"Mea?"

"Ja?"

"Und?"

"Was und?"

"Ja, was sagst du jetzt?"

"Äh...ja, anders."

Anders...ja, genau. Genau das war es. Anders. Und Blond!

Der Wecker klingelte. Schon wieder. Es war doch erst halb fünf. Wie ich das hasste. Meinem Morgenritual folgend machte ich die Kaffeemaschine an, ging ins Bad auf die Toilette und wartete auf meinen Kaffee. Den trank ich mit Genuß, in Ruhe, das brauchte ich morgens. Meinen Kaffee, etwas Musik und, leider Gottes, eine Zigarette – schon morgens. Aber, so war ich eben. Mein Bett rief schmeichelnd nach mir, aber ich würde es erst wieder abends umarmen können. Ich ging ins Bad, machte das kleine Licht am Spiegel an und sah eine Fremde.

Mich.

Wo waren meine dunklen, kleinen Locken geblieben? Ach ja, weg. Nun war ich blond, die Haare fielen mir fast bis zur Hüfte. So lang waren sie? Mich hatte das wohl weniger überrascht als Nadine, die sie geglättet hatte. Was wollte ich nochmal mit dieser blonden Haarpracht anfangen? Ach ja, mir mein Leben nicht mehr davon versauen lassen. Die Farbe hatte schuld. Auf jeden fall, einen anderen Grund konnte es nicht geben.

‚Männer!‘ Ich schüttelte den Kopf.

So einfach konnten sie doch nicht gestrickt sein, aber ich würde es herausfinden. Blond...So sah ihn nun aus. Und innerlich war ich immer noch Brünett. Nicht wahr?

Meinen Arbeitgeber hab ich wohl am meisten überrascht. Er erkannte mich erst gar nicht. Und unsere Kunden waren einfach nur erstaunt. Erstaunt? Wollte ich das? Nein, es sollte toll sein. Blond war doch immer toll. Nicht Wasserstoffblond, nicht Zitronengelb und schon gar nicht Platinblond. Gold-Blond. Wie ein Engel. Ein Engel? Der war ich nun wirklich nicht. Verrückt, ja. Das war jetzt wohl jedem klar.

Einkaufen? Ja, das musste ich wohl langsam wieder, als ich meinen leeren Kühlschrank seufzend betrachtete. Na klasse. Ein Blick auf die Uhr und ich sprintete vor Hunger los. Dumme Idee. Niemals hungrig einkaufen gehen. Hatte das nicht meine Mutter immer gesagt. ‚Man kauft dann viel zu viel‘ Ja, das konnte nur von ihr stammen.

Egal, nun stand ich hier an der Käsetheke und konnte mich nicht entscheiden. Ich liebte Käse über alles und heute wollte ich mir das Fett mehr als einverleiben. DA! Ein Gouda, klasse. Der gehörte mir.

"EY!" Unsanft wurde ich zur Seite geschoben.

"Was soll das?" Blödmann.

"Den musste ich haben." Wo gibt es denn sowas?

"Ich hab ihn aber zuerst gesehen." Das war eigentlich schon lächerlich, es gab doch noch jede Menge anderen Gouda. Aber....nicht MEINEN. Der war der Letzte.

"Tschuldige." Er lächelte kurz angebunden, drehte sich um und war weg. Einfach so.

Ich konnte es nicht fassen. MEIN Käse. Vor mich hin schimpfend nahm ich dafür nicht nur von jeder Sorte eine Packung mit, sondern ging schnurstracks noch zur Süßigkeitenabteilung. DIE hatte ich mir nun wirklich verdient.

Rief Blond etwa rüpelhaftes Benehmen hervor? Naja, böse Blicke einiger Frauen, das anscheinend ja. Aber, warum? Ich war doch noch immer die gleiche Person, nur eben blond.

Ich bezahlte meine Eroberungen plus meinem Lieblingswein und schleppte alles zu meiner Wohnung. Oder versuchte es wenigstens. Wieso war Käse so schwer? Waren das wirklich nur wenige Meter bis zum erlösenden Ziel?

"Soll ich dich mitnehmen?" Ein Auto fuhr langsam neben mir her.

"Hä?" Verwundert drehte ich mich zur Seite und sah den Grobian. "Hmpf!"

"Komm schon. Wegen vorhin, sei nicht eingeschnappt." Dickes Auto, kleiner Piepmatz. Dacht ich mir.

"Los, steig ein!" Er fuhr ein Stückchen vor, hielt an und kam mir zu Fuß entgegen.

‚Ignorieren‘ Ja, das klappte immer.

Vonwegen, er schnappte sich zwei meiner Tüten, die meine linke Hand schon die Blutzufuhr abgewürgt hatten.

"Ey!" Heute war ich wirklich Sprachgewand. "Komm zurück!" Jetzt war ich sauer.

Er packte die vollen Tüten in seinen Kofferraum und streckte die Hand nach den anderen aus. " Gib schon her, Blondie."

BLONDIE?!

Ich bekam keine Luft mehr, gleich platzte ich! Ja, das fühlte ich genau.

"Ich bin nicht blond!" Kam statt dessen.

"Ach nein?" Er lachte, schüttelte den Kopf und schloß nach den letzten verstauten Tüten den Kofferraum.

"Wo wohnst du?" Der Kerl war verrückt.

"Ach, halt den Mund." Ich stieg ein, schnallte mich an und sah finster aus dem Fenster raus.

Ich spürte seinen Blick auf mir ruhen und wurde unruhig.

"Zweite links, dann rechts und bei dem Kippenautomaten kannst mich rauslassen."

Das tat er dann auch, gab mir die Tüten und verschwand. Einfach so.

Und jetzt? Ich dachte, er würde mich nach meinem Namen, meiner Telefonnummer oder einem Treffen fragen. Das taten sie doch immer. Diese Männer. Und da war einer, der selbst mich verblüffte, indem er nichts davon tat. Aus meinem Leben verschwand. War Blond so unwichtig? Noch nie hatte ich so etwas erlebt. Sie wollten sich immer mit mir treffen, mich kennenlernen, mir Nahe sein. War ich jetzt blond, blöd und einfach hilflos?

Plötzlich fühlte ich mich wirklich hilflos, jämmerlich. Ich wollte meine Haare wieder, MICH wieder!
 

"Nadine?" Sie hat wohl schon geschlafen.

"Mea?"

"Du musst mir helfen. Mach es rückgängig."

"Jetzt?" Sie sah mich mit müden Augen ungläubig an. "Komm erstmal rein."
 

Der Wecker klingelte. Wieso das denn jetzt schon wieder? Ich haute drauf. Nicht’s geschah. Wecker? Nein, doch nicht der Wecker. Telefon? Handy? Nein, ich verfluchte die moderne Technik. WAS IN GOTTES NAMEN WAR DAS?

Meine Klingel. An meinem freien Tag. Gerade heute. Mir war zum heulen zu mute. Das würde bald aufhören. Tat es aber nicht. Müde und völlig zerschlagen schleppte ich mich zur Tür. Meiner speziellen Tür, der das Glas fehlte, dass durch ein simples Holzbrett ersetzt worden war - von mir und vielen kleinen Nägeln. Dieser Tür, in der das Schloß verkehrt herum eingebaut worden war und ich das immer vergass, wenn ich schnell rein oder raus wollte. Diese Tür hatte auf einmal eine funktionierende Klingel? Hat mein Vater sich also doch mal blicken lassen und die Klingel repariert? Na danke.

"Wer ist da?" Ich brauchte Kaffee!

"Ich bin’s." Ich brauchte ihn dringend!

"Wer ist ich?" Am besten intravenös!

"Samson." Samson? Ich kannte keinen Samson. Trotzdem öffnete ich die Tür.

"Hey, Blondie. Schon wach?" Er drückte sich an mir vorbei in meine Wohnung. In meine unaufgeräumte Wohnung, wie mir mit Schrecken auffiel. Aber, was? Wer?

"Blondie?" KAFFEE!

"Ich mach mal Kaffee." Mein Held!

Momentmal...

"Du schon wieder." Zischte ich, aber nicht halb so bissig, wie ich wollte. Der Kaffee tat einfach zu gut.

"Ich dachte, ich schau mal bei dir vorbei." Samson...

"Samson? Blöder Name." Zufrieden schlürfte ich den heißen Kaffee.

"Heiß ja auch nicht so. So verrückt, wie du nach Käse bist, paßt ein Samson wohl am besten zu dir." Bitte was?

"Chip und Chap, richtig?" Der Groschen ist nun endlich auch bei mir gefallen.

"Braun, ja das macht dich gleich schlauer." Bei diesen Worten nahm er eine dunkle Locke von mir in seine Hand und ließ sie sich durch die Finger gleiten.

"Arroganter Großkotz." Jetzt hatte ich es ihm gegeben.

"Bissig wie eine Katze." Katzen sind nicht bissig, sie kratzen nur, du Dummkopf.

"Was willst du in meiner Wohnung?" Hätte ich DAS nicht schon früher fragen sollen?

"Dich sehen." Er lächelte.

"Hast du ja jetzt." Ich stand auf, noch immer in Schlafsachen und zog mir einen Pulli über.

"Bist du immer so kratzigborstig?" Jetzt hatte er’s. Katzen sind kratzig.

"Bei dir schon." Konnte ich noch böser gucken?

"Bin übrigens der Neue von deinem Vater." HÄ?

"Neue Mitarbeiter. Bin jetzt in seiner Abteilung und er hat mich zum Essen zu euch eingeladen." Aber nicht zu mir. Das war MEINE Wohnung, nicht das Haus meiner Eltern.

"Deine Eltern sagten, du kommst bestimmt auch und da dacht ich mir, ich hol dich dazu." So dachte er also... Kaffee, mehr! Ich bekam Kopfschmerzen.

"Ich mach mich nur schnell fertig." Raus, Luft!

"Ok, ich wart dann hier." Er sah sich zufrieden mein Chaos an. Mein Wohnzimmer hatte wirklich schon bessere Tage gesehen und die Sonnenstrahlen schienen auf jede Staubflocke aufmerksam machen zu wollen.

"Hier?" Panik!

"Ja, dauert doch nicht lang, oder?" Jetzt lächelte er eindeutig boshaft.

"Klar, komm doch mit in die Badewanne." Gereizt schnappte ich mir meinen Bademantel und verschwand.

Leise vor mich hin grummelnd wusch ich mir die Haare. Was dachte der sich nur. Und was dachten sich meine Eltern nur. Und warum, Himmel Herr Gott nochmal, hatte ich bloß diese Tür geöffnet?

Hatte ich ihn nicht gehört oder wollte ich es nicht?

Plötzlich stand er hinter mir, sah mich prüfend von oben bis unten an und zog sich aus, ganz langsam. Er stieg zu mir in die Badewanne und setzte sich mir gegenüber hin. Dann lächelte er mich an, schnappte sich eine Shampooflasche und wusch sich auch die Haare. Ich ließ alles geschehen, starr vor Schreck, tat nichts und sah ihm zu. Einfach so.

Verlieben, hatte ich das wirklich schon einmal getan? So wirklich? Konnte ich das von mir behaupten? Ich hatte mir die Haare blond gefärbt und traf ihn. Hätte ich es nicht getan, ja, was dann? Hätte er mich nicht angesprochen? Oder hätte er mir gleich freiwillig meinen Käse überlassen?

Nun war ich wieder ich selbst. Nur ich. Mea.

Und er? Er war da. Bei mir.

Verliebt, ja, das hatte ich mich. Mal wieder.

Die Farbe Blond? Sie verfolgt mich noch immer. Ein Fluch? Ein Segen? Es ist mir egal geworden. Es ist doch nur eine Farbe, nicht wahr?

Danke jedem, der sich die Zeit genommen hat, meine "Kurz"-Geschichte durchzulesen.

Um Missverständnisse auszuräumen: Es gibt kaum Paralelen zwischen dem Hauptcharakter "Mea" und mir, nur manche... *schmunzel*
Mea Klein, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.04.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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