Karl Bednarik

Die nicht ganz so lange Reise der R. P. Feynman, Teil 6

  
  Teil 5 ist hier zu finden:
  https://www.e-stories.de/view-kurzgeschichten.phtml?18831
  
    Willkommen zu Hause
 
  Wie sich Graf Hombug gedacht hatte, war Konteradmiral Hunter
  noch immer Chef der Raumflotte. Bei dem nun folgenden
  informellen Treffen einigten sich Hunter und Hombug darauf,
  einen zweiten Versuch zu starten das Universum zu umrunden,
  koste was immer es wolle. "Charly Catcher hat mir vor vier
  Jahren gesagt, daß Sie bald erfolgreich zurückkommen würden,"
  erklärte Konteradmiral Hunter. Charly Catcher war Chef der GWA,
  der geheimen wissenschaftlichen Abwehr, sein echter Name war
  natürlich auch streng geheim. In der Raumflotte agierte sein
  SSS oder 3S genannter Space Safety Service, natürlich
  einvernehmlich (denn sie hatte ohnehin keine Wahl). Die GWA
  wurde schon im dunklen zwanzigsten Jahrhundert von Karl Herbert
  von Scheer gegründet (KHS), um als Die Dritte Macht (DDM) in
  das Duell der beiden Supermächte einzugreifen (damals USA
  versus UDSSR). Im Gegensatz zu Ron Hubbards Verein, der nur
  rein merkantil orientiert war, konnte sich die GWA als
  weltweiter Geheimdienst etablieren. Die Spezialagenten der GWA
  zur besonderen Verwendung (ZBV) wie zum Beispiel Thor Konnat
  (HC-9) oder Hannibal Othello Xerxes Utan (MA-23) trugen
  wesentlich zur Einigung der zerstrittenen Menschheit bei
  (Kommandosache HC-9 (KSH), Codezeichen Großer Bär (CGB),
  Gegenschlag Kopernikus (GSK) ). Bei allen durchschnittlichen
  Terranern, ob Raumflotte oder nicht, ging das Sprichwort um:
  "Die GWA macht alles." Das hatte natürlich ganz verschiedene
  Bedeutungen, je nach Stellung des Betroffenen. Hombug überlegte
  zuerst rein physikalisch: "Siebenunddreißig Lichtjahre hin und
  zurück, das kompensiert sich natürlich. Aber der Umweg von zwei
  mal zwei Lichtjahren zum Neutronenstern hin und zurück, das hat
  Zeit gekostet. Wer hat der GWA gesagt, was also im System des
  roten Zwergsterns geschehen ist?" In der Raumflotte, und nicht
  nur dort, ging ein alter Witz um. Zwei Todeslegionäre trinken
  Kaffee. Sagt der eine: "Die Kaffeemaschine ist kaputt, in
  meinem Kaffe ist jede Menge Bodensatz." Antwortet der andere:
  "Das sind doch nur die MRS des GWA." (MRS = Mikro-Robotische
  Spionage-Sonden) Graf Hombug war klar, daß die GWA seit
  Jahrhunderten ihre MRS in den Raum katapultierte. Diese MRS
  bestanden vorwiegen aus monokristallinem Eisen, Kupfer und
  Siliziumdioxid. Billige Werkstoffe, leistungsfähig, und
  Monokristallinität war bei ihrer Kleinheit gar nicht schwierig
  herzustellen. Als ferromagnetische Mikropartikel konnte sie ein
  magnetischer Linearbeschleuniger im Vakuum des Weltraums leicht
  auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen. Diese Idee hatte sich
  Fürst Klaus von Irrwitz sicher abgeschaut als er seinen Mirg-
  Locher erfand. Die GWA hatte wahrscheinlich lächelnd dazu
  geschwiegen, wie es so ihre Art war. Wenn man nun diese MRS in
  regelmäßigen Zeitabständen in den Weltraum schoß, dann
  entstanden ganz von selbst Relais-Stationen-Ketten, die ihre
  Signale mit Impuls-Auffrischung und Zwischen-Verstärkung bis
  hin zur Erde weiterleiten konnten. Da die GWA aber ihre MRS in
  praktisch alle Raumrichtungen verschoß, entstand dadurch ein
  galaktisches Nachrichten-Netz von nicht nur ungeheurer Größe,
  nein auch von hoher Zuverlässigkeit, denn punktuelle Ausfälle
  wirkten sich praktisch nicht nachteilig auf dieses MRS-Netz
  aus. Selbstverständlich hatte die GWA auch den Einsatz von
  autoreproduzierenden Nanomaschinen in Erwägung gezogen, aber
  trotz deren scheinbar hohen Effizienz, waren der GWA die
  Risiken viel zu hoch, daß mutierende Nanomaschinen ein eigenes
  Robot-Imperium aufbauen würden. "Die GWA möchte lieber alles
  selber machen", dachte sich Graf Hombug. "Physikalisch gesehen,
  sind diese MRS der GWA erst lange nach der R.P.FEYNMAN aus
  unserem Sonnensystem heraus geschossen worden. Da aber
  Menschen, und auch die R.P.FEYNMAN, lieber mit zwei g als mit
  fünfhundert g abfliegen, haben uns diese MRS erst beim roten
  Zwergstern eingeholt. Später gestartet, aber schneller
  geflogen. Dann haben sie unsere Aktionen mit
  Lichtgeschwindigkeit (abzüglich ihrer Relais-Verzögerungs-Zeit)
  zur Erde gefunkt. Und wir haben insgesamt vier Lichtjahre
  Entfernung und auch vier Jahre Zeit zum Umkehren benötigt. Die
  GWA kann also auch physikalisch Kenntnis von der Schlacht beim
  roten Zwergstern haben, also mich stört das wirklich nicht!" Er
  knirschte mit seinen Zähnen, was sicher eine Aktivität seines
  Unterbewußtseins war. Konteradmiral Hunter riß Graf Hombug aus
  seinen Überlegungen: "Der gewaltige Gamma-Ausbruch war
  allerdings zwei Wochen vor der GWA-Warnung da, da die MRS der
  GWA eine Relais-Verzögerungs-Zeit besitzen, was leider die
  Gamma-Strahlung nicht betrifft. („Also zwei Wochen auf
  siebenunddreißig Jahre sind gar nicht schlecht,“ überlegte Graf
  Hombug, „wenn man bedenkt, daß diese MRS sowohl die Impuls-
  Auffrischung wie auch die Zwischen-Verstärkung durchführen
  müssen. Andererseits sind ihre relativen Abstände sicher auch
  sehr groß, was Zeitverluste wieder verringert.“) Wir schickten
  die gesamte Zivilbevölkerung für zehn Tage in die Atombunker."
  Graf Hombug lächelte milde, denn ihm war klar, daß das
  Oberkommando der Raumflotte, und natürlich auch die GWA, vor
  allen Andern ihre sicheren Atombunker aufgesucht hatten.
  (Selbstverständlich im galaktischen Gesamtinteresse.) "Einige
  Oberflächen-Organismen zeigten in den Jahren danach
  hochinteressante Mutationen. Immerhin kam etwa ein hundertstel
  der tödlichen Dosis bis zu uns durch
  ( ( 3.7 Lichtjahre / 37 Lichtjahre ) zum Quadrat ). Nur die
  Känguruhs und die Pinguine blieben ständig im Erdschatten, da
  der rote Zwergstern am nördlichen Himmel zu sehen ist. Jetzt
  haben wir zum Beispiel rosa Schwäne und blaue Rosen. Die
  Bevölkerung gewöhnte sich bald an sie, und gab ihnen neue
  Bezeichnungen, wie zum Beispiel Schwamingo oder Blause. Auch
  Eigenschaftsworte wurden neu geschaffen, wie zum Beispiel
  blausa für himmelblau und gelbsa für blaßgelb. Als sehr
  nützlich erwies sich der Neue Zwerg-Elefant (NZE). Kinder
  hielten dieses Tier gerne anstelle eines Meerschweinchens, und
  den NZE gab es auch in blausa. Der NZE war so friedlich, daß
  man ihn auch zusammen mit Mäusen halten konnte. Auch die
  terranische Kultur erhielt neue Impulse. (Neuterranisches
  Volkslied: „Die Rose ist rot, die Blause ist blau, ich lieb nur
  Dich, meine Frau.) Nach dem wir dann noch das Gift-Weizen-
  Problem gelöst hatten (vierhunderttausend Tote) stabilisierte
  sich unsere Lage wie von selbst." "Es ist doch völlig
  unmöglich, daß durch zufällige Mutationen ein so großer Anteil
  an giftigem Weizen entsteht", protestierte Graf Hombug. "Das
  ist zwar richtig", erklärte Hunter, "aber das Gift zeigte sich
  erst in der dritten Generation des sorgfältig selektierten
  Saatweizens, da dieses Gen offenbar doppelt rezessiv ist. Das
  schwer verträgliche Weizen-Gluten war zum noch viel schwerer
  verträglichen Glutoxin mutiert. Wahrscheinlich haben wir nach
  Merkmalen selektiert, die insgesamt eher kontraproduktiv waren.
  Selbstverständlich haben wir ständig den Gluten-Gehalt des
  Weizens gemessen. Aber unser altes Testsystem reagierte auf
  Gluten fast genau gleich wie auf Glutoxin, kein Wunder, denn
  diese Proteine unterscheiden sich auch nur in ein paar
  Aminosäuren voneinander. Dazu kam noch, daß man den Gift-Weizen
  mindestens sechs Monate lang konsumieren mußte, um daran auch
  zu sterben. Das Immunsystem des Menschen zerstörte dann in
  einer wilden Autoimmunreaktion die gesamte Dünndarmschleimhaut,
  in der sich das Glutoxin eingelagert hatte. Im Volksmund wurde
  diese Krankheit daher auch „bloody shit illness (BSI)“ genannt.
  Wahrscheinlich wurde dieser explosive Krankheitsverlauf durch
  eine minimale Darmentzündung rein zufällig gestartet, nachdem
  sich eine ausreichend große Glutoxin-Menge in der
  Dünndarmschleimhaut angereichert hatte. Das verlängerte
  natürlich die Vorwarnzeit erheblich. Unsere heutigen
  Biosensoren können selbstverständlich schon eine einzige
  falsche Aminosäure fehlerfrei nachweisen, obwohl auch
  Supercomputer die Konsequenzen einer solchen Modifikation nur
  sehr schwer abschätzen können. Durch die Opfer der Glutoxin-
  Katastrophe, und durch die konsequente Anwendung pränataler
  Diagnostik, die ja nun durch den Gamma-Ausbruch legitimiert
  war, konnten wir den Zuwachs der Erdbevölkerung etwas
  verringern. Jetzt liegen wir bei etwa 1.1 relativen
  Reproduktionseinheiten (RRE). ( “Also zwei Eltern haben 2.2
  Kinder. Das sind immer noch 0.2 zu viel“ dachte Graf Hombug,
  der genau wußte, was eine exponentielle Katastrophe war.
  Vermutlich war es gesetzlich vorgeschrieben, daß Unsterbliche
  keinen Nachwuchs haben durften. Denn sie beanspruchten ja
  dessen Platz, und die lebensverlängernden Nanomaschinen konnten
  neben sich unkontrolliert vermehrenden Krebszellen auch
  ebensolche Keimzellen eliminieren. Den Angehörigen der
  geistigen und biologischen Elite gestand man dafür sicher eine
  erhöhte Vermehrungsrate zu. Erstens waren das nur wenige, und
  zweitens lag das ganz im Interesse der Menschheit. ) Immerhin
  haben bei uns Negativ-Mutanten überhaupt keine Chance auch nur
  zu entstehen." Hunter sah Hombug prüfend an und setzte fort:
  "Sie brauchen sich aber wegen des Gamma-Ausbruchs keine
  Vorwürfe zu machen, denn wenn diese Mirgs vom roten Zwergstern
  bis zu unserem Sonnensystem vorgedrungen wären, dann hätte es
  mit Sicherheit vier Milliarden Tote gegeben, selbst dann, wenn
  unsere Raumflotte diese Schlacht am Ende doch gewonnen hätte."
  „Das hätte sie bestimmt“ dachte sich Graf Hombug, „denn wir
  besitzen ja Ultraschlachtschiffe der Dragon-Klasse. Aber das
  Sonnensystem hätte sicher seine schönen kleinen Planeten
  eingebüßt.“ Irgendwie hatte er aber das Gefühl, daß das eine
  echt tolle Raumschlacht geworden wäre. „Immerhin war die
  Raumschlacht beim roten Zwergstern auch wie eine zweite
  Schlacht bei den Thermopylen (Sparta versus Perser), denn zwei
  Terraner haben sich unerschrocken (dazu hatten sie auch
  überhaupt keine Zeit) einer gewaltigen Übermacht von drei
  Milliarden Mirgs gestellt (die keine Ahnung hatten, was da auf
  sie zukommt) und unter Aufopferung von allem was sie besaßen
  (die R.P.FEYNMAN hatte den terranischen Steuerzahlern fünf
  Milliarden Solar gekostet, dazu kommt noch ein ZB-732 mit
  lumpigen eins-komma-fünf Milliarden Solar) listenreich den
  übermächtigen Gegner (wir jagen ihnen alles hinein, was wir
  haben) in die Knie gezwungen haben (überflüssig zu erwähnen,
  daß Mirgs auch keine Knie besitzen)“ sinnierte Graf Hombug
  weiter, „das klingt schon ganz gut nach einem neuen Mythos.“
  Graf Frederik von Hombug erinnerte sich durch die BSI-Krankheit
  an das Filzlaus-Speichel-Hormon-Syndrom (FSH). Im dunklen
  zwanzigsten Jahrhundert war man stolz darauf, solche Parasiten
  wie zum Beispiel Flöhe, Läuse, Wanzen, Zecken und auch Gelsen
  bzw. Moskitos restlos ausgerottet zu haben. Bemerkenswert war
  aber allerdings, daß der Rückgang an Filzläusen exakt mit der
  Zunahme der Krebserkrankungen parallel ging. Im dritten
  Jahrtausend entdecken dann die Biochemiker, daß im Filzlaus-
  Speichel Proteine vorhanden waren, die isomorph zu menschlichen
  Tumor-Antigenen waren. Jeder Filzlaus-Besitzer war also
  automatisch gegen Krebs geimpft. Streng genommen war also das
  Zusammenleben zwischen Mensch und Filzlaus eine Symbiose. Der
  Mensch ernährte die Filzlaus, und die Filzlaus aktivierte sein
  Immunsystem gegen krebsartige Erkrankungen. „Wahrscheinlich
  sind auch andere sogenannte Parasiten in Wirklichkeit
  Symbionten, wie zum Beispiel diese kleinen Darm-Würmchen, die
  gegen Allergien schützen.“ überlegte Graf Hombug, wobei er über
  die komplizierte Situation der IgE-Synthese nachdachte.
  Natürlich waren auch einige Parasiten sehr nachteilhaft, denn
  der Rattenfloh übertrug die Pest, die Moskitos übertrugen die
  Malaria, und die Zecken übertrugen FSME und Borreliose. Ganz
  allgemein hätte man aber alle nichtschädlichen Parasiten noch
  einmal auf ihre Nützlichkeit testen sollen. Immerhin war Graf
  Hombug schon in jungen Jahren mit DWP (Darm-Wurm-Protein) und
  FSH (Filzlaus-Speichel-Hormon) geimpft worden, natürlich war
  dieses DWP und FSH gentechnologisch aus E. Coli erzeugt worden,
  und nicht aus Würmern und Läusen gewonnen. Konteradmiral Hunter
  riß Graf Hombug aus seinen Überlegungen: „Kurz zuvor hatte die
  Menschheit ihre erste Nano-Katastrophe überstanden. Ein
  Ceylonesisches Forscher-Team erzeugte autoreproduzierende autarke
  Nanobots. Als die GWA merkte, was da im Gange war, hatte sich
  halb Ceylon in grauen Staub verwandelt. Um die Erde zu retten,
  mußte man Ceylon thermonuklear einschmelzen. Es war ein Glück,
  daß die Nanobots nicht meerwassertauglich waren, sonst hätten
  wir auf dem Mars weitermachen können.“ Hombug philosophierte:
  „Telomerase macht unsterblich und erzeugt auch Krebs, Nanobots
  reparieren das alles und laufen dann Amok. Irgendwie müssen wir
  die Entropie doch unter Kontrolle kriegen können.“ 
  
 


Sechster Teil von sechs Teilen.

Das hier beweist meine erstaunliche Weitsicht:

Zeckenspeichel tötet Krebszellen:

http://www.pressetext.at/news/090828029/zeckenspeichel-toetet-krebszellen/


Karl Bednarik, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.05.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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