Claudia Lichtenwald

Ali

Ich kann nicht leugnen, daß meine Gedanken nicht immer ganz vorbildlich waren. Sie waren im Gegenteil oft ziemlich makaber, was mir heute oft ein schlechtes Gewissen einjagt, nachdem was geschehen ist. Aber er war ja wirklich ein scheußlicher Kerl. Wenn er da so in der Ecke des Pausenhofs stand, mit seinem obligatorischen Wurstbrot, das ihm wohl jeden Morgen seine Mami in die Schultasche packte. Seine Mami. Ich weiß nicht, wie sie heißt, aber ich kann mir vorstellen, daß sie Aishe oder so heißt, denn so heißen sie ja alle. Ich weiß auch nicht, wie er heißt, Ali wohl. Aber das ist ja auch egal. Nachdem was geschehen ist.

Ich bin nicht ausländerfeindlich. Nein, ganz und gar nicht. Ich finde nur, sie sollten da bleiben, wo sie herkommen. Ihr wißt was ich meine, Arbeitsplätze und so. Es ist ja allgemein bekannt. Mein Vater hat schon recht. Der ist seinen Job auch nicht umsonst los. Die Ausländer... sagt er immer. Und er hat wohl recht.

Und Ali, der war ja auch ein ganz besonders lustiger Kauz. Wie er immer in seiner Ecke stand, sein Wurstbrot in der einen Hand, die rote Plastikdose, in der es Aishe wohl einzupacken pflegte in der anderen. Es war lustig, ihm im Vorbeigehen einen kleinen Schubs zu geben, so daß es neben ihm lag, in seiner Ecke im Pausenhof. Das war ja auch nur als Spaß gemeint. Noch lustiger war Alis Gesicht, wenn er dann neben seinem Brot in seiner Ecke stand. Nicht weil er Ausländer ist. Nein, einfach so, zum Spaß. Dafür muß doch jeder Verständnis haben. Da wo er herkommt, machen die Leute doch auch Spaß, oder ?

Mit Ali erlebten wir so manches. Wenn man ihm in der S-Bahn Kaugummis in die Haare klebte, was die anderen Leute meist auch zum schmunzeln brachte, saß er wie versteinert da und tat so, als wäre nichts. Das machte die Sache für uns ja gerade so lustig. Ali schien es gar nichts auszumachen, wenn man kleine Späße mit ihm trieb. Unsere Phantasie gab uns schon bald bessere Ideen, als beispielsweise den Schulranzen im Mädchenklo zu verstecken. „Mei so sind halt die Buben", pflegte mein Vater zu sagen, wenn die Lehrerin ihn gelegentlich auf solche Aktionen aufmerksam machte. Daheim klopfte er mir lobend auf die Schulter. Mein Vater verstand eben Spaß. Alis wahres Gesicht zeigte sich erst zwei Jahre später, als einer seiner Landsleute neu auf unsere Schule kam, mit dem er sich von da an seine Ecke teilte. Mein Vater sagt heute, daß er nur auf sowas gewartet hat. „So sind sie eben", meinte er trocken, als er erfuhr, daß Ali mit seinem Freund einen Mitschüler mit dem Messer bedroht hat.

„Ein enormes kriminelles Potential", hörte ich einen Lehrer sagen. „Abschieben sollte man sie alle", meinte meine Oma.
Ich weiß nicht recht, was ich davon denken soll. Eigentlich vermissen wir Ali ein bißchen, es war ja immer so lustig mit ihm. Aber wer weiß, was er uns mit seinem kriminellen Potential noch angetan hätte.

Claudia Lichtenwald, 16.07.00

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