Enno Ahrens

Liebe Bell-in-da, du Aas!!!

„Anti-Liebesbrief“
 
Du hast mich verlassen. Dass der Verlassene die schwerere Bürde trägt, kann ich nicht bestätigen. Ich komme mir vielmehr so vor, als hätte mich ein Floh verlassen, und es kratzt mich nicht. Und, Bellinda, es ist einfach nicht richtig, wenn du behauptest, am Anfang unserer Beziehungskiste hätte ich mehr Gefühl, Leidenschaft, ja Inbrunst gezeigt, als später. Die Wahrheit ist, dass meine Liebesschreie auf deiner Couch weniger Ausdruck meiner Liebe zu dir waren, sondern durch deinen Waldi verursacht wurden, der mir seine Reißzähne hemmungslos in die Zehen geschlagen hatte, was ich rücksichtsvoll bis jetzt verschwiegen habe.
 
Auch ein Kribbeln, das du mir gegenüber verspürt gehabt haben willst, ist mir fremd geblieben; es war mehr ein Juckreiz, wohl weil ich allergisch auf deine Körperlotion reagiert hatte. Trotzdem wäre ich dir bestimmt ein guter Partner geworden, Bellinda. Zwar hatte ich an unseren Wochenenden immer etwas viel getrunken. Aber eine Frau muss in der heutigen leichtlebigen Zeit schon froh sein, wenn ihr Mann mit einem schweren Kater aufwacht, anstatt mit einer Geliebten!
 
Ungern erinnere ich mich allerdings an deine ständige, detektivische und einnehmende Observation. War das Objekt, was ich einst erlegte, eine leidige Fliege, so war ich dein Opfer. Dein dauernder Charme und endloser Kuschelzwang berührten mich wie die Klatsche jene Fliege, treffsicher, aber leider genauso erdrückend. Außerdem mag ich keine Geborgenheit; die ist für mich wie Käseglocken über brennenden Kerzen.
 
Rügen muss ich dich auch, weil du immer wieder dieses Kleid mit den vielen Taftrüschen im Busenbereich bei mir zu Hause getragen hattest, wo du wusstest, dass der Fahrstuhl so eng war und ich mich stets, wenn wir gemeinsam den Müll runter führen, mich gedankenverloren mit meiner Brille in diesen widerlichen Rüschen verfangen würde. In diesem Zusammenhang war ich auch sehr gekränkt, als du einmal sagtest, ich fühlte mich ewig von dir auf den Schlips getreten, lachtest dann noch frech und meintest, es läge wohl daran, das jener ob meiner kurzen Beine wohl auf dem Boden schleife. Dabei weißt du genau, dass in mir das Kluge wuchert, ich einen sehr hohen IQ schon seit meiner Geburt habe, und mein schweres Gehirn so stetig auf den Körper  drückt, wodurch der natürlich nicht so ins Kraut schießen konnte.
Als ich mich auf eine Fußbank stellte, um an die Stubenlampe zu gelangen zum Auswechseln einer Glühbirne, ergötztest du dich daran, weil du mir nun auf einer horizontalen Linie direkt in die Augen schauen konntest und wünschtest dir, dass es für alle Zeiten ohne Hilfsmittel so bleiben sollte; mir aber wurde schwindelig, nicht deinem seligen Blick, sondern der Höhe wegen. Die Natur hat zwingende Gründe für ihre Konstruktionen und Eigenarten. Sie hatte es auch nicht zugelassen, dass du ein Kind kriegtest. Es wäre auch nicht gegangen, denn du hättest dem Kind ständig seinen Schnuller geklaut, weil du selber noch einen brauchtest.
 
Gemein fand ich auch von dir, Bellinda, dass du mich auf dein Wasserbett gelockt hattest, wo du wusstest, dass die Reisetabletten gegen Seekrankheit bereits verbraucht waren, und ohne die mir bei dem wiederholten schaukelnden, schwabbelnden Auf und Ab unpässlich werden würde. Ja, du hast eben ein zweigeteiltes Ich, die eine Hälfte ist ein Schwein, die andere ein kümmerlicher Mensch. Einmal wird das Schwein in dir zum Menschen, ein anderes Mal der Mensch in dir zum Schwein, sowie damals zu Ostern, als du Mutter und mir sämtliche Eier weggegessen hattest. Wärest du etwas wert gewesen, hättest du für uns Trüffel gesucht und gefunden. Ich hatte dir denn auch Ostermontag den Schweinehimmel auf Erden gewünscht, der für die Nutztiere in den eigenen Därmen als Wurst gepresst Erfüllung findet. Du, Bellinda, allerdings bist ungenießbar, denn als du bei einem Zoobesuch deine Hand in den Löwenkäfig stecktest, hatten diese blutrünstigen Fleischfresser nicht einmal versucht, daran zu nagen.
 
Und ich glaube dir auch nicht, dass du an jenem Osterfeiertag die Brille vom Klo aus Versehen mit Schmierseife abgewischt hattest, so dass Mutter in dasselbe mit ihrem Hinterteil hineingerutscht war und wir sie nur mühsam aus dieser misslichen Lage befreien konnten. Es war reine Schikane von dir. Und du hattest Glück, denn wäre ich noch ein zweites Mal mit dir in den Zoo gegangen, hätte ich Mutter gerächt und dich gezwungen, deine Hand diesmal in den Aasfresserkäfig zu halten. Da wärst du bestimmt schlechter weggekommen, als bei den Großkatzen. Ja, Bellinda, es ist dir vor längerer Zeit denn auch recht geschehen, wo du deine Zigarette in Opas Neuerwerbung, den goldenen Spucknapf, ausgedrückt hattest, und Opa und Vater sich wieder ihres gemeinsamen Russlandfeldzuges bewusst wurden und Angriff auf deinen Hosenboden nahmen.
 
Und dann deine Eifersucht, als ich mit deiner besten Freundin Niki ein einziges Mal das Bett geteilt hatte. Es ist doch nichts passiert, ein Gummi hatte uns ja voneinander getrennt gehabt. Wozu also deine helle Aufregung?! Zu meiner Entlastung muss ich auch deutlich sagen, dass kein Mensch Lust haben kann, sonst könnte man sie ja abstreifen, wie du es mit mir getan hast. Nein, die Lust hat einen; man kann sie höchstens mit seinem Willen kanalisieren. Ich bin aber leider kein Kanalarbeiter und sehr willensschwach. Du bist doch auch, bevor du mit mir liiert warst, ein Typ gewesen, der nichts hat anbrennen lassen, wie du zugegeben hattest. Unsere akute Kennenlernphase stellt sich für mich jetzt bildlich so dar, als wäre mein Nebenbuhler Bernd seinerzeit Wasser gewesen und ich eine Schupfnudel. Die Schupfnudel hattest du nicht anbrennen lassen, sondern sie vorher vernascht. Ach, wäre ich doch Bernd, das Wasser gewesen, das sich indessen mit Volldampf verflüchtigte.
 
Ich möchte dir noch mitteilen, ob ich dich jemals geliebt habe. Nein! Zwar hatte ich jedes Mal ja gesagt, aber es war Nötigung von dir, mich dies kurz vor dem Höhepunkt zu fragen. Hätte ich die Frage verneint, wärst du sicher prompt abgesprungen und zu meinem Nachbarn gelaufen. Wie du am Telefon sagtest, hättest du mit ihm schon mal hinter meinem Rücken angebandelt, weil er dir leid tat, so ohne Freundin, und du dich mit der Schuld einer „unterlassenen Hilfeleistung“, wie du es nennst, nicht belasten wolltest. Für diese edle Tat sollte man dir das Bundesverdienstkreuz verleihen.
 
Insgeheim liebte ich sowieso einzig mein Computerchen, den teuren Freund. Schon am Anfang war es schwierig und damit interessant gewesen, den Rechner überhaupt anzumachen; bei dir, Bellinda brauchte ich mir leider keine Mühe zu geben. Der PC diente mir auch brav, wie selbstverständlich, wogegen du dich obligatorisch sträubtest. Deine Software war hoffnungslos veraltet, und natürlich nicht so einfach auswechselbar. Bei ihm tauschte ich sie flugs mit einem Handgriff aus; mal gab es dann Kochrezepte französisch, mal asiatisch, bei dir nur Hausmann.
 
Mein Computerchen hatte auch sehr verwinkelte Verstecke potentieller Optionen, denen man irgendwann, vielleicht zufällig, begegnen würde, im Gegensatz zu dir, bei der absolut nichts Überraschendes aufzuspüren ist. Deine Seele hat keine geheimen Nischen. Sie ist platt und plump wie die Pfannkuchen, die du alle drei Tage bäckst. Für dich hatte ich mir denn auch in unserem Hochgebirgs-Urlaub einen Absturz erträumt. Leider ist der nun meinem geliebten Computerchen  widerfahren.
 
Dein Duftwässerchen „Chanel Nr. 5“, welches ich dir jüngst geschenkt habe, steht noch bei mir im Bad, und du erhältst es umgehend per Post zugestellt. Eine neuere wissenschaftliche Untersuchung hat übrigens ergeben, dass Männer mehr durch Garten- und Küchengerüche  anzuheizen sind, so z. B. durch Kräuter auf der Pizza; und weil Männer nun mal laut der wissenschaftlichen Studie derartigen Gerüchen hoffnungslos verfallen, kannst du mir nicht böse sein, dass ich mich in unserer gemeinsamen Zeit mit einer Pizzabäckerin eingelassen hatte. Damals kannte ich die besagte Kräutergeruchswirkung noch nicht, sonst hätte ich in der Anwesenheit jener Frau natürlich dir zuliebe eine Atemschutzmaske übergestülpt.
 
Für deine weitere Zukunft, liebe Bellinda, wünsche ich dir alles Gute. Aber da hast du ja schon beflissen vorgesorgt, indem du einen Esel gefunden hast, der für dich mitarbeiten geht. Ich sorge mich nur darum, was du inzwischen die ganze Zeit treibst. Aber in eurer Gegend soll neuerdings ein hübscher Briefträger unterwegs sein.
 
Ich tröste mich am Busen der Natur – der ist am größten.
 
 
Viele Grüße und tausend letzte, kalorienfressende, innige Küsse.
 
Dein . . .
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.05.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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