Klaus-D. Heid

Marlene - Teil III

Antworten

Während ich mich völlig entgeistert in meiner Wohnung umsah und dabei feststellte, dass ich kein Problem damit hatte, diese ‚neue Ordnung’ zu akzeptieren, begann ich, meine Klamotten zu suchen. Normalerweise lagen sie immer neben dem Bett. Meistens schaffte ich es gerade noch so, aus meinen Sachen zu klettern, bevor ich ins Bett fiel. Aber neben meinem Bett lag nichts. Es lag überhaupt nichts in der Wohnung herum. Dann fiel mein Blick auf den Nachtschrank, auf dem säuberlich und geordnet, eine Unterhose und ein Paar Socken lagen. Ich sah ein frisches Hemd, das auf einem Bügel hing. Ich hatte völlig vergessen, dass ich überhaupt Bügel besaß! Auf einem zweiten Bügel hing eine Hose, die ich nie zuvor gesehen habe. Es war eine dunkelblaue Hose aus leichtem Material. Wenn – wovon ich ausgehen konnte – Marlene für diese Taten verantwortlich war, musste sie also auch wissen, dass Blau meine Lieblingsfarbe war.

Ich nahm die Unterhose und die Socken in die Hand und tapste ungläubig ins Bad. ‚Bad’ ist eigentlich der falsche Ausdruck für dieses winzige Kabuff, in dem man auf engstem Raum eine Minidusche, ein Miniwaschbecken und ein Klo untergebracht hatte.

Die Kacheln, deren ursprünglich weiße Farbe sich längst in ein übel aussehendes dunkles Beige verwandelt hatte, strahlten wie neu. Die Duschwanne glänzte nur so. Selbst das Klo sah so sauber aus, dass ich Hemmungen hatte, hineinzupinkeln.

Irgendwie erschien mir alles seltsam unwirklich.

Sollte das Mädchen mit den schmutzigen Beinen, den abgekauten Fingernägeln und den dreckigen Klamotten dies hier ‚inszeniert’ haben? Und was sollte das alles? Ich hatte sie eben erst kennen gelernt – und schon wirbelt sie in meinem Leben umher, als sei sie bereits ein fester Bestandteil von ihm.
Angesehen davon, das es mich natürlich freute, was sie aus meiner ‚Bude’ gemacht hatte, blieb doch ein unangenehmer Nachgeschmack zurück. Wenn ich auch zugeben musste, dass ich mit Marlene den besten Sex seit Langem hatte, war sie mir eine Menge Antworten schuldig. Sie konnte nicht so einfach in mein Leben platzen und so tun, als gäbe es keine Alternative zu ihr. Marlene war ein tolles Mädchen. Sie war süß, sexy und hatte etwas, von dem ich magisch angezogen wurde. Gleichzeitig meldete sich aber wieder das ‚Gute’ in mir, das mich eindringlich vor Marlene warnte.

Die wichtigste Frage, die sie beantworten musste, lautete: Was wusste sie von Kathrin?

Sollte Marlene nicht bereit sein (falls sie überhaupt wieder auftauchte), würde ich sie bitten, zu gehen. Meine Erinnerung an Kathrin war mir noch immer tausendmal wichtiger, als es Marlene jemals sein konnte.

Nachdem ich mich gewaschen und rasiert hatte, kochte ich mir einen Kaffee. Wie immer öffnete ich meinen ‚Jack-Vorratsschrank’, um den Kaffee mit dem dringend benötigten ‚Kick’ zu versehen.

Der Schrank war leer!

Jemand wie ich, der den Alkohol zum Leben brauchte, wie ein Fisch das Wasser braucht, wird richtig nervös, wenn der Stoff ausgegangen ist. Ich kenne das aus vielen Situationen, in denen ich vergessen hatte, rechtzeitig für Nachschub zu sorgen. Wenn ich jetzt nicht meinen morgendlichen kleinen Spritzer Whiskey in den Kaffee füllen konnte, hatte ich ein echtes Problem. Bereits jetzt zitterten meine Finger wie die Finger eines 90jährigen, der sich in eine Peepshow verlaufen hatte.

Gestern war das Zeug noch da! Ich war mir ganz sicher! War dies nun auch ein Späßchen von Lena, die versuchte, mich mit einer Gewaltkur vom Trinken wegzubekommen?

Ich brauchte jetzt was zu trinken. Jetzt! Nicht erst in einer Stunde – oder wann immer Marlene hier auftauchte, um noch mehr durcheinander zu wirbeln. JETZT!

Im gleichen Moment, als ich mich stinksauer auf den Weg machen wollte, um mich am Kiosk um die Ecke mit ‚Jack’ zu versorgen, klingelte es an der Wohnungstür. Sollte es die sein, von der ich dachte, dass sie es war, gab’s gleich ein paar klärende Worte! Lena hatte kein Recht, sich in meine ‚inneren Angelegenheiten’ einzumischen. Sie muss gestern gemerkt haben, wie abhängig ich von dem Zeug bin. Außerdem war sie selbst nicht gerade ein Musterbeispiel für Abstinenz.

„Hallo, Roger...!“

Sie war’s. Und wie sie’s war.

„Nicht böse sein, Roger! Schau mal, was ich Dir mitgebracht habe...!“

Marlene stellte vier Flaschen Jack Daniels auf den Tisch. Triumphierend grinste sie mich an, während sie mir mit einer Handbewegung zu verstehen gab, dass ich zwei Gläser holen sollte. Konnte es sein, dass sich Lena bereits ‚wie zu Hause’ fühlte?

Nachdem mein erster Ärger verflogen war, da mich vier ‚Jack’s’ locker zufrieden stellen konnten, fiel mir auf, dass die Marlene von gestern kaum noch etwas mit der Marlene von heute gemein hatte. Äußerlich jedenfalls, denn statt ihrer dreckstrotzenden Jeans trug sie eine hautenge Satinhose. Statt ihres klebrig stinkenden T-Shirts verhüllte eine weitsitzende weiße Bluse Marlenes zuckersüße Brüste. Ihre kleinen Füßchen steckten nicht mehr in tausend Jahre alten Latschen. Stattdessen bewegte sich Lena auf hochhakigen silberfarbenen Schuhen durchs Zimmer, als wäre sie es von Kindheit auf gewohnt, nichts anderes zu tragen. Lenas Haare hatten einen etwas dunkleren Ton bekommen. Ein paar Strähnchen und die offenkundig glücklichen Hände eines Coiffeurs hatten Marlenes Hippieschopf in ein Bild bezaubernder Schönheit verwandelt.

Ich verzichtete darauf, ‚Jack’ mit Kaffee zu mischen und genehmige mir gleich zwei randvolle Gläser.

„Du musst mir ein paar Dinge erklären, Lena! Du siehst wirklich atemberaubend aus; aber wenn ich jetzt nicht sofort Antworten auf meine Fragen bekomme, musst Du gehen. Verstehst Du? Ich will endlich wissen, was für ein Spiel Du mit mir spielst! Also...?“

„Womit soll ich anfangen?“ säuselte sie mir zu, während das halbvolle Whiskeyglas ihre vollen Lippen streichelte.

„Warum hast Du hier aufgeräumt?“

„Ich finde es so viel hübscher als vorher.“

„Was weißt Du über Kathrin?“

Die Antwort, die nun folgte, ließ mich kreideweiß werden:

„Alles, was man von seiner Schwester wissen muss, Roger...!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.09.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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