Kathrin Mullis

Der Karussellmann

 

Es war ein Sonntagnachmittag im Herbst. Es würde nicht mehr lange dauern, bis es dunkel und kalt wird. Der Wind blies die ersten bunten Blätter über die Wiesen und mitten im Park drehte sich ein altes Karussell. Seine Musik wurde vom Wind ebenso wie die Blätter umher geblasen und zog die Kinder aus allen Ecken des Parks an.
 Der Karussellmann hob die Kinder auf die Pferde, setzte das Karussell in Bewegung und die Musik erklang. Altertümliche Musik, die nur noch von den alten, schönen Karussells gespielt wird.
 Die Kinder jauchzten, die Eltern, die zusahen, lächelten und sie fotografierten und die Augen des Karussellmannes glänzten wie die der Kinder.
 Er war schon alt, hatte weisses Haar und ein faltiges Gesicht. Die Baskenmütze war ihm ins Gesicht gerutscht und seine Hände hatte er tief in der Jackentasche vergraben. Seine Kleidung wirkte altertümlich, wie aus einer längst vergangenen, glücklichen Zeit.
 Minutenlang dauerte das Schauspiel. Die Musik, die bunten Pferdchen, fröhliche Kinder und mittendrin der Karussellmann wie ein Wesen aus einer anderen Zeit.
 Dann war die Runde zu Ende, die Kinder wollten noch mal, doch die Eltern froren und wollten nach Hause.
 Der Karussellmann sah ihnen eine Weile nach, dann begann er aufzuräumen. Bald wird es dunkel und es kommt niemand mehr.
 „Du, Karussellmann, darf ich die Pferde streicheln?“
 Er drehte sich um. Hinter ihm stand ein kleiner Junge. Er war bestimmt noch keine vier Jahre alt und war vom Spielen von Kopf bis Fuss schmutzig.
 „Natürlich darfst du. Soll ich dich hochheben?“
 Er hob ihn hoch und setzte ihn auf ein schneeweisses Pferd mit rotem Sattel.
 „Wenn du willst, kann ich es auch einstellen.“
 „Ich habe aber kein Geld und meine Mama sagt, dass man ohne Geld nicht Karussell fahren kann.“
 „Doch, sicher kann man das.“
 Das Karussell setzte sich in Bewegung, der Kleine jauchzte und der Karussellmann lehnte sich gegen ein Pferd und fuhr mit glänzenden Augen Runde um Runde mit.
 Eine Frau kam durch den Park geeilt.
 „Simon! Ich habe dich gesucht! Was machst du denn hier?“
 Sie hob das Kind vom Karussell, das mittlerweile still stand.
 „Ich wollte doch die Pferde besuchen!“ verteidigte sich das Kind.
 „Pferde besuchen… Ich habe dir doch gesagt, dass man ohne Geld nicht Karussell fährt! Entschuldigen Sie meinen Sohn. Was bin ich Ihnen schuldig?“
 „Nichts“ antwortete der Karussellmann.
 „Was nichts?“ fragte sie verwundert.
 „Setzen Sie sich, ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen.“
 Immer noch erstaunt sah ihn die Frau an, setzte sich dann aber auf den Karussellrand.
 Der Blick des Karussellmannes ging eine Weile in die Ferne, dann zum Kind und schliesslich begann er zu erzählen. „Es war einmal ein kleiner Junge der mit seinem Vater in die Stadt durfte. Sie kamen an einem Park vorbei wo sich ein wunderschönes Karussell drehte. Der Junge wollte natürlich mitfahren, doch der Vater hatte kein Geld dafür. Es waren arme Zeiten damals, vor bald achtzig Jahren während der Weltwirtschafskrise. Der Vater war arbeitslos und hatte mit seinem Geld Wichtigeres im Sinn als Karussellfahrten für seinen Sohn zu bezahlen. Der Kleine quengelte ein bisschen und wurde vom Vater mitgeschleift. Als dieser einen Fahrschein für die Strassenbahn kaufte, rannte das Kind davon, zurück in den Park und bat den Karussellmann, mitfahren zu dürfen. Dieser wies ihn erst ab, als er aber die Tränen sah, erbarmte er sich und hob den Kleinen aufs Pferd. Nach ein paar Runden kam der Vater, schimpfte den Sohn aus und wollte die Fahrten bezahlen. Der Karussellmann aber sagte, er würde dem Kind die Fahrt schenken, wenn er ihn nicht bestrafen würde, weil er abgehauen ist.“
 Die Frau sah den Karussellmann erstaunt an.
 „Sie waren dieses Kind, nicht wahr?“
 Der Karussellmann nickte.
 „Der Mann hat mir grossen Eindruck gemacht. Und von diesem Tag an war mein grosser Wunsch, ein eigenes Karussell zu haben. Eins, auf dem alle Kinder kostenlos so oft fahren können wie sie wollen. Dieser Gedanken hielt sich während meiner ganzen Kindheit. Dann kam der Krieg, die Arbeit, die Familie. Ich wurde Hausmeister in einem Schulhaus und konnte endlich den Kindern eine Freude machen. Ich machte ihnen im Winter eine Eisbahn und bot ihnen im Sommer immer neue Spielmöglichkeiten. Eines Tages wurde ein altes Karussell zum Verkauf angeboten. Ich kaufte es und begann mit der Renovation. Und so wurde ich zum Karussellmann. Jetzt bin ich über achtzig Jahre alt und immer, wenn sich das Karussell dreht, werde ich wieder zum Kind.“
 Sie sassen eine Weile schweigend da.
 Dann stand die Frau auf.
 „Wir müssen nach Hause, der Kleine muss ins Bett. Vielen Dank, dass Sie mir Ihre Geschichte erzählt haben. Simon, bedank dich beim Karussellmann, dass du mitfahren durftest.“
 „Danke.“ murmelte das Kind schläfrig.
 „Danke Simon, du hast mir heute etwas geschenkt.“ sagte der Mann leise. „Du hast mich an mich selber erinnert als du zu mir kamst und mich batest, auf ein Pferd sitzen zu dürfen obwohl du kein Geld hattest.“
 Er sah ihnen nach, wie sie davongingen.
 Dann setzte er das Karussell ein letztes Mal in Bewegung, lehnte sich an ein Pferdchen und fuhr zufrieden lächelnd Runde um Runde.
 
Als der Parkgärtner am Morgen zur Arbeit erschien, klang die Musik des Karussells durch den Park.
Erstaunt folgte er den Klängen.
 Das Karussell drehte sich langsam und zu Füssen eines Pferdes lag der Karussellmann. Er atmete nicht mehr.
 Auf seinem alten, faltigen Gesicht war ein Lächeln. Das Lächeln eines kleinen, zufriedenen Kindes, das Karussell fährt.

Der Kindheitswunsch meines Grossvaters war ein eigenes Karussell auf dem alle Kinder umsonst fahren dürfen. Der Wunsch ging nicht in Erfüllung doch er sagte nie nein, wenn ich auf ein Karussell wollte...Kathrin Mullis, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.05.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Meine Gedanken bewegen sich frei von Andreas Arbesleitner



Andreas ist seit seiner frühesten Kindheit mit einer schweren unheilbaren Krankheit konfrontiert und musste den größten Teil seines Lebens in Betreuungseinrichtungen verbringen..Das Aufschreiben seiner Geschichte ist für Andreas ein Weg etwas Sichtbares zu hinterlassen. Für alle, die im Sozialbereich tätig sind, ist es eine authentische und aufschlussreiche Beschreibung aus der Sicht eines Betroffenen.

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