Gönna Dasouki

Die Sekte

Noch heute, zwanzig Jahre nach meiner Flucht aus der Sekte, höre ich in meinen Alpträumen das Schreien und Wimmern kleiner Jungen, die von unserem Sektenführer sexuell missbraucht wurden. Wenn sie sich der Misshandlung widersetzten, hörte man sie auch Schreien, weil sie geschlagen wurden – solange, bis sie gefügig waren. Aus diesen Träumen wache ich dann weinend und schweißgebadet auf und brauche manchmal minutenlang, bis ich wieder weiß wo ich bin und vor allem, dass ich in Sicherheit bin. Zehn Jahre meines Lebens hatte ich in jenem Sektenlager in Südamerika verbringen müssen, weil meine Eltern mich und meinen kleinen Bruder Ralf dorthin verschleppten. Ich war damals zehn Jahre alt, Ralf sieben. Es war 1975, als sich meine streng religiösen Eltern entschlossen, Deutschland zu verlassen, um ihrem Sektenguru nach Südamerika zu folgen. Es war die Zeit, in der die freie Liebe propagiert wurde, in der die Jugend gegen ihre konservativen Eltern protestierte. Eine Zeit, in der sich meine Eltern nicht zurechtfanden und nach ihren alten Idealen suchten. Sie waren total verblendet von den Predigten ihres Gurus und Anführers, der sie aus Deutschland weglockte in eine kleine Exklave, die von außen aussah wie ein blühendes Paradies und in der drinnen der Teufel persönlich die Herrschaft übernommen hatte. Meine Eltern unterwarfen nicht nur sich selbst den strikten Anforderungen des Sektenführers, sondern auch mich und meinen Bruder. Das Gelände, auf dem die Sekte lebte, war riesig groß. Es bestand aus Ackerfeldern, begrünten Wiesen und von außen sauberen weißen Häusern, in denen Frauen und Mädchen strikt getrennt von Männern und Jungen lebten. Gegessen wurde gemeinsam in einem riesigen Speisesaal. Das gesamte Gelände war umzäunt und an dem riesigen Eingangstor, das elektronisch geschlossen und geöffnet wurde, befanden sich Überwachungskameras. „Damit keine Störenfriede eindringen können“, wurde uns gesagt. Viel später begriff ich, dass all diese Vorkehrungen eher getroffen wurden, damit wir – die Bewohner – nicht abhauen konnten. Meine Eltern durften gemeinsam ein Haus bewohnen. Mein Bruder und ich wurden jedoch nicht nur von unseren Eltern sondern auch voneinander getrennt. Ich spürte bald, dass wir Mädchen hier weniger wert waren als die Jungen. Alles, unsere gesamte Erziehung wurde nur im Rahmen der Nützlichkeit für die Sekte ausgerichtet. „Wie kannst du deiner Gemeinschaft dienen?“ das war der Leitsatz, den wir tagtäglich eingebläut bekamen. Merkwürdigerweise litt ich nicht so sehr unter der Trennung von meinen Eltern wie mein Bruder. Anfänglich empfand ich sogar so etwas wie Freiheit und Unabhängigkeit. Meine Eltern waren nie besonders liebevoll gewesen. Zu Hause hatten streng religiöse Regeln gegolten, bei deren Nichtbefolgung harte Strafen erteilt wurden. Da ich über einen aufmüpfigen, widerspenstigen Charakter verfügte, trafen diese Strafen zumeist mich. Mein kleiner Bruder war viel folgsamer und traute sich nicht, sich gegen die Eltern und später gegen die Führungsriege der Sekte aufzulehnen. Alle Kinder mussten bei der Feldarbeit helfen. Im Sommer schwitzten wir unter der heißen Sonne Südamerikas, während wir Steine oder Unkraut vom Feld beseitigen mussten. Manchmal so lange, bis eine von uns in Ohnmacht fiel vor lauter Durst und Hitze. Denn Trinken durften wir während der Arbeit nicht. Tat man es doch – so wie ich mehrmals heimlich auf der Toilette – und wurde dabei erwischt, gab es körperliche Züchtigung und am Abend im Gemeinschaftsraum wurde man vor allen anderen als Schwächling und Verräter angeprangert. Letzteres war manchmal schlimmer als die Schläge. Im Winter hingegen froren uns die Finger steif und die Füße spürte ich manchmal am Abend gar nicht mehr. Viele der Mädchen nahmen ihr Dasein als Gott gegeben hin, so wie es uns vom Sektenführer und den eigenen Eltern vermittelt wurde. Andere, zu denen auch ich gehörte, fingen an, aufzumucken, je älter wir wurden. Als ich vierzehn Jahre alt war, flippte ich eines Abends total aus. Ich hatte den ganzen Tag auf dem Feld helfen müssen und war sehr hungrig, als wir uns alle zum Essen zusammen fanden. Meine Portion reichte mir nicht und ich erbat eine weitere. Sofort bezichtigte mich die Frau, die das Essen austeilte, der Völlerei und der Undankbarkeit. Ich spürte, wie jahrelang unterdrückte Wut in mir aufstieg. Mein Gesicht lief knallrot an, weil die Frau so laut gesprochen hatte, dass alle anderen im Speisesaal mich strafend ansahen. „Ich hab den ganzen Tag lang diese Drecksarbeit auf dem Feld gemacht, bin auf den Knien rumgekrochen, hab mir die Finger wund gearbeitet und das alles umsonst! Verdammt noch mal, ich will jedenfalls genug zu essen!“ kreischte ich wie von Sinnen und riss mit einer heftigen Armbewegung sämtliche Teller vom Tisch. Ich sah, wie meine Mutter weinend die Hände vors Gesicht schlug. Nicht etwa, weil ich ihr leid tat, sondern weil sie sich so für mich schämte. Mein Vater sprang von seinem Stuhl auf und funkelte mich zornbebend an. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der Sektenführer einem Mann an seinem Tisch zunickte, der daraufhin mit großen Schritten auf mich zukam, mich am Arm packte und mich aus dem Speisesaal schleppte. Unsanft wurde ich über einen kleinen Hof gezerrt und in ein kleines steinernes Haus ohne Fenster gestoßen, das wir den „Bau“ nannten. Dort landete man, wenn man sich ungebührlich verhalten hatte. Wie lange, hing ab von der Schwere des Vergehens. In meinem Fall verbrachte ich die Nacht und den darauf folgenden Vormittag in totaler Dunkelheit und Einsamkeit. Hältst du dich nicht an die Regeln, bist du keine von uns und bist ganz allein auf der Welt, so wurde es uns beigebracht. Dass jenseits des Zaunes, der das Sektengebiet umgab, noch eine andere Welt existierte, konnte man hier im Laufe der Jahre fast vergessen. Kurz nach diesem Zwischenfall sah ich meinen inzwischen elfjährigen Bruder Ralf morgens zu seinem Unterrichtsraum schleichen. Er hatte den Kopf eingezogen und wirkte bleich und verwirrt. Ich beobachtete ihn einen Moment, dann rannte ich zu ihm hinüber, obwohl ich eigentlich selbst zum Unterricht musste. „Hey, kleiner Bruder, was ist los?“ fragte ich ihn leise und blickte vorsichtig um mich, ob uns auch niemand beobachtete. „Es… es ist nur… der Onkel hat mir letzte Nacht so wehgetan“, stammelte er und ich sah, wie sich Tränen in seinen Augen bildeten. Als „Onkel“ mussten wir Kinder den Sektenführer bezeichnen. „Wie meinst du das?“ hakte ich nach. „Hat er dich geschlagen?“ flüsterte ich. Ralf schüttelte verneinend den Kopf. „Ach, vergiss es einfach“, wiegelte er plötzlich ab und rückte etwas fort von mir. „Du machst bloß wieder Ärger und bringst uns in Teufels Küche“, setzte er verbissen hinzu und rannte vor mir weg zum Unterrichtsraum. „Da sind wir doch schon“, flüsterte ich resigniert hinter ihm her, doch er konnte es nicht mehr hören. Nach diesem Vorfall entfernte sich mein Bruder mehr und mehr von mir. Ich spürte, wie er sich innerlich von mir distanzierte und stets versuchte, unseren Eltern und dem Sektenführer ein „guter Junge“ zu sein. In seinem Kopf hatte sich anscheinend die Vorstellung gebildet, wenn er nur angepasst und artig genug war, würden sie ihm nichts Böses tun. Welch Trugschluss! Fast jede Nacht hörte ich das Weinen und Wimmern eines Jungen aus den Räumen des Sektenführers, Nächte, in denen ich schlaflos dalag und mich fragte, ob das ganze Leben nur Quälerei und Unterdrückung war. Aber ich konnte mich an die Jahre in Deutschland erinnern, wo alles ganz anders gewesen war. Zwar nicht zu Hause bei meinen Eltern, aber bei Freundinnen und Schulkameraden, zu denen ich manchmal heimlich nach dem Unterricht ging. Meine Eltern verboten mir damals den Umgang mit Kindern außerhalb ihrer religiösen Gemeinschaft. Ein Verbot, dass ich wie viele andere brach. Als ich sechzehn oder siebzehn Jahre alt war, begann ich die gleichaltrigen Jungen in unserer Kolonie mit anderen Augen zu sehen. Fand ich sie bisher alle hässlich und langweilig, betrachtete ich inzwischen einen ganz besonderen Jungen mit Neugier und einem Gefühl, das mir bisher unbekannt war. Der Junge hieß Moritz und war neunzehn Jahre alt. Er war seit sieben Jahren in der Gemeinde und wurde mindestens genauso oft bestraft, geschlagen und weggesperrt wie ich. Über die Köpfe der anderen hinweg, tauschten wir interessierte Blicke miteinander. Wir mussten dabei sehr vorsichtig sein. Denn zu enge Kontakte zwischen Jungen und Mädchen, besonders in unserem Alter, waren strikt verboten. Hochzeiten gab es fast kaum in der Kolonie. Nur wenigen engen Gefolgsleuten des Sektenführers wurde erlaubt zu heiraten. Die anderen hatten sich in Enthaltsamkeit zu üben. Auch wer Kinder bekommen durfte, entschied der allgegenwärtige Guru, der inzwischen an die sechzig Jahre alt war und sich noch immer an kleinen Jungen verging. Moritz und ich schafften es dennoch, uns manchmal spät in der Nacht heimlich zu treffen. Mit Fingersprache zeigten wir uns Uhrzeiten an, zu denen wir uns dann auf eines der Gemüsefelder schlichen, um miteinander zu reden. Wir waren beide der Ansicht, dass das Leben hier in der Kolonie ein schreckliches, unnormales war und dass der „Onkel“ ein Tyrann und Kinderschänder war. Einmal sprach ich Moritz darauf an, ob auch er früher zum „Onkel“ gebracht wurde. Sein Gesicht verdunkelte sich umgehend, was ich im Licht des Mondscheins erkennen konnte. „Darüber möchte ich lieber nicht reden“, bat er, was ich respektierte. „Was glaubst du, warum kümmert sich niemand von draußen um uns? Warum kann er hier machen und tun was er will?“ lenkte ich unser Gespräch wieder auf andere Bahnen. „Der Alte hat überall seine Kontakte“, meinte Moritz verschwörerisch und blickte sich in der Dunkelheit um, ob uns auch keiner von der Aufsicht, die abends über das Gelände patrouillierte, beobachtete. „Hast du noch nie die Militärfritzen gesehen, die manchmal abends in die Kolonie kommen? Ich wette, der Alte ist ihnen auf irgendeine Weise gefällig und dafür lassen sie ihn hier sein Unwesen treiben!“ Mit geweiteten Augen lauschte ich seinen Erörterungen. „Also, wenn ich hier abhaue, dann direkt nach Argentinien und dort in die Deutsche Botschaft“, setzte er fest hinzu. „Du planst eine Flucht?“ fragte ich aufgeregt und musste mich zwingen, meine Stimme leise und gedämpft zu halten. „Aber woher weißt du, wo es zur Argentinischen Grenze geht, wie lange es bis dahin dauert?“ Moritz grinste mich triumphierend an. „Als meine Mutter mich damals hierher verschleppt hat, habe ich einige Schulbücher mitgenommen. Unter anderem einen Atlas“, begann er mir zum ersten Mal darüber zu erzählen, wie und wodurch er überhaupt hier gelandet war. „Ich wollte nicht aus Deutschland fort. Ich war bereits zwölf Jahre alt, fühlte mich auf meinem Gymnasium sehr wohl und wollte meinen Vater nicht verlieren. Bis dahin war ich jedes zweite Wochenende bei ihm gewesen. Er hatte meine Mutter verlassen, weil sie in ihrer Religiosität immer fanatischer wurde und nur noch auf die Lehren dieses Sektenführers hörte. Deshalb wollte er auch das Sorgerecht für mich beantragen. Aber Mutter ist bei Nacht und Nebel einfach mit mir hierher abgehauen.“ „Aber hier sind doch gar keine Schulbücher aus Deutschland erlaubt?“ hakte ich nach. Wieder grinste er schelmisch. „Mein Vater ist Erdkundelehrer. Und er hat mir schon als kleiner Junge beigebracht, dass man bei Fernreisen immer einen Kompass und eine Landkarte dabei haben sollte. Ich hab kurzerhand den Teil für Südamerika aus dem Atlas gerissen, bevor sie mir die Bücher hier abnahmen. Es hat nie einer gemerkt. Und einen Kompass habe ich in einem sicheren Versteck. Wenn du das, was ich dir jetzt anvertraue, jemals weitersagst, Thea, bin ich geliefert…“ Seine Augen blickten mich unsicher und fragend an. „Moritz, das würde ich nie tun, nicht mal unter Folter“, erwiderte ich fest. Und zum ersten Mal fanden sich unsere Lippen zu einem sanften, vorsichtigen Kuss. Das Gefühl, das meinen ganzen Körper durchrieselte, war einfach unbeschreiblich. Ein Jahr lang trafen Moritz und ich uns mindestens einmal in der Woche nachts auf irgendeinem der Ackerfelder, ohne dass uns jemand auf die Schliche kam. Wir planten unsere gemeinsame Flucht, machten Zukunftspläne weit ab von der Tyrannei, in der wir hier unsere Tage fristeten und verliebten uns immer tiefer ineinander. Doch eines Nachts zersprang unser kleines, heimliches Glück in tausend Scherben. Irgendein Junge aus Moritz´ Schlafsaal musste Wind von unseren Treffen bekommen haben und verpfiff uns beim Sektenführer. Er reagierte nicht sofort, sondern informierte die Wachdienste, die uns daraufhin auflauerten und uns sozusagen „auf frischer Tat“ ertappten. Wochenlang sahen wir uns nicht mehr. Getrennt voneinander wurden wir in Steinzellen eingesperrt, bekamen nur soviel zu essen, dass wir nicht verhungerten und mussten Prügel über uns ergehen lassen. Das einzige, was mich in diesen Wochen am Leben erhielt, war der Gedanke, dass sie glaubten, einfach nur eine Liebelei aufgedeckt zu haben, nicht aber ahnten, dass wir konkrete Fluchtpläne hatten. Tagsüber wurden wir beide gezwungen, knallrote Kleidung zu tragen, damit wir überall optisch herausragten und uns nirgendwo ungesehen aufhalten konnten. Nachts musste es schneeweiße Kleidung sein. Auf Dauer konnten sie jedoch nicht verhindern, dass Moritz und ich uns zumindest am Tag irgendwo von weitem auf den Feldern oder im Speisesaal sahen. Schon vor langer Zeit hatten wir uns eine geheime Zeichensprache beigebracht, die eine Kombination aus Finger- Augen und Bewegungsabläufen zwischen Nase und Ohren war, durch die wir uns unbemerkt verständigen konnten, selbst wenn sich hundert Leute um uns herum befanden. Es machte uns diebische Freude, so in aller Öffentlichkeit kommunizieren zu können, ohne dass es jemand bemerkte. Kurz vor meinem zwanzigsten Geburtstag war es dann soweit. Die Auflagen gegen Moritz und mich hatten sich zwangsläufig etwas gelockert, wir konnten wieder normale Kleidung tragen und durften ungestraft aneinander vorbeigehen. Miteinander reden war uns jedoch immer noch verboten. Meine Eltern und mein jetzt fast siebzehnjähriger Bruder Ralf hatten sich mir inzwischen völlig entfremdet. Für meine Eltern war ich mehr als das schwarze Schaf der Familie. Sie betrachteten mich nur noch abfällig als völligen Fehlschlag, umso wohlwollender schauten sie auf meinen Bruder, der bedingt durch sein Alter nicht mehr abends zum „Onkel“ gebracht wurde und sich nun voll und ganz auf die Organisation der Sekte konzentrierte mit dem Ziel, eines Tages einen wichtigen Posten hier einzunehmen. Ich hatte längst aufgegeben, ihn von dem Unrechtssystem hier zu überzeugen. Ich glaube, dass er durch die Misshandlungen so schwere psychische Schäden davongetragen hatte, dass er diesen Teil seines Lebens einfach total verdrängte und an einer Art Schizophrenie litt. Vielleicht hätte er das alles auch gar nicht anders überleben können. Moritz, der aufgrund seines rebellischen Charakters in die Abteilung der Wurstzubereitung in der Sekteneigenen Metzgerei Zwangsarbeit verrichten musste, machte mir an jenem schicksalhaften Morgen eindeutige Zeichen, dass wir gegen Mittag flüchten würden. Ich spürte, wie Aufregung in mir aufstieg. Ich war wild entschlossen zur Flucht. Schon lange konnte ich es hier nicht mehr aushalten. Als wir kurz vor dem Speisesaal aneinander vorbeigingen, steckte er mir ungesehen einen kleinen Zettel zu. Ich verdrückte mich auf die Toilette und las seine Fluchtanweisungen so lange, bis ich sie auswendig konnte. Danach traute ich mich nicht mal, die Zettelschnipsel in der Toilette wegzuspülen, sondern stopfte sie mir einfach in den Mund und aß sie. Kurz nach dem Mittagessen war es soweit. Moritz lud kistenweise Wurstwaren in einen Kühlwagen, in dessen Fond der Fahrer ungeduldig darauf wartete, dass er fertig wurde. Die Wurstwaren sollten anschließend in die nächst größere Stadt an verschiedene Supermärkte geliefert werden. Nach der letzten Kiste, winkte Moritz dem Fahrer in den Rückspiegel, dass er fertig sei. Als der Motor gestartet wurde, sprang Moritz blitzschnell hinter der letzten Kiste her in den Kühltransporter. Die Tür ließ er einen Spalt breit offen. Der Kühlwagen fuhr hinter der Metzgerei entlang und kurz hinter der Ecke des Gebäudes lauerte ich, sprang hinter Moritz in den Kühlraum, woraufhin er eilig die Tür schloss. Wir gaben keinen Ton von uns, während wir in dem kalten Anhänger bei totaler Dunkelheit in einer Ecke hockten und uns gegenseitig wärmten. Wir spürten, wie die Räder unter uns rollten, immer weiter, immer weiter. Irgendwann waren wir sicher, dass wir das Lager längst verlassen haben mussten. Über eine Stunde später verlangsamte sich der Transporter und begann um Kurven zu biegen und nicht mehr so ruckelnd zu fahren. Wir wussten, dass wir jetzt auf ebenen Straßen in der Stadt fuhren. Die Fahrt verlangsamte sich so stark, dass wir begriffen, der Wagen würde gleich irgendwo halten. Schnell öffneten wir die hintere Klappe und kniffen die Augen schmerzhaft zusammen. Gleißende Sonne blendete uns nach der absoluten Dunkelheit unseres Verstecks. Noch während der Wagen rollte, sprangen wir auf die Straße. Einige Passanten sahen uns davon rennen, waren aber zu überrascht, um zu reagieren. Wir rannten und rannten so lange, bis uns die Lungen zum Hals herauszukommen schienen. Hektisch um uns blickend drückten wir uns in einen schwach beleuchteten Hauseingang. Wir brauchten Minutenlang um wieder zu Atem zu kommen. Dann erlaubten wir uns ein erleichtertes Lächeln. Moritz zog seine Landkarte und den Kompass aus der Hosentasche und markierte unseren Fluchtweg. Unser Weg durch die Anden bis nach Argentinien war lang, mühsam und nur zu schaffen durch Lebensmittelspenden von mitleidigen Bauern oder indem wir auf einem Karren oder einem Pickup zumindest Streckenweise mitgenommen wurden. Völlig zerrissen und abgemagert erreichten wir irgendwann unser Ziel. Mit letzter Kraft schleppten wir uns in die Deutsche Botschaft. Noch nie hatte mich ein Anblick glücklicher gemacht, als der der wehenden deutschen Fahne über dem Botschaftsgebäude. Über die Botschaft gelangten Moritz und ich zurück in unser Heimatland. Wir standen am Flughafen Frankfurt/Main nach unserer Ankunft da wie zwei Flüchtlingskinder, die zwar der Hölle entkommen waren, aber nicht so recht wussten, wo es zum Paradies ging. Doch die deutschen Behörden waren sehr hilfreich. Wir bekamen eine Wohnung und genügend Geld, um solange zurechtzukommen, bis wir beide einen Arbeitsplatz fanden. Am Anfang begnügten wir uns mit einfachen Arbeiten, die uns finanziell über Wasser hielten. Erst später holten wir an Abendschulen unsere Abschlüsse und ich ein Studium nach. Moritz machte eine Tischlerlehre und ich wurde Grundschullehrerin. Wir lebten jetzt ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung, aber die Schatten der Vergangenheit ließen uns noch lange nicht los. Wir mussten beide Therapien in Anspruch nehmen, um unsere traumatischen Erlebnisse verarbeiten zu können. Aber sowohl für Moritz wie für mich fehlte das entscheidende Puzzlestück für unseren Seelenfrieden: Die Zerschlagung des Reiches unseres einstigen Sektenführers und die Befreiung so vieler anderer Kinder und Jugendlicher, die nie einer gefragt hatte, ob sie dort leben wollten oder nicht. Genau dieses Puzzlestück fanden wir schließlich im März 2005, als wir lasen, dass unser einstiger Peiniger endlich festgenommen werden konnte, nachdem er mehrere Jahre zuvor abgetaucht war, aufgrund des Haftbefehls gegen ihn wegen Missbrauchs von kleinen Jungen. Moritz und ich fassten uns an den Händen, nachdem wir von seiner Festnahme gelesen hatten und weinten Tränen der Erleichterung. Zwar bestand die Kolonie weiterhin – jetzt unter einem anderen Namen als früher – aber wer jetzt noch dort blieb, tat es freiwillig. Kinder wurden nicht mehr missbraucht, junge Leute durften heiraten und als Familie zusammen leben. Die erste Generation, die damals direkt mit dem Sektenführer nach Südamerika gegangen war, fand sich ohnehin in der Welt außerhalb der Kolonie kaum mehr zurecht. Die Alpträume aus jener Zeit werden mich mein Leben lang begleiten, davon bin ich überzeugt. Aber ich glaube fest daran, dass sie immer schwächer und seltener werden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.05.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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