Viktor Prieb

Die Bajonettattacke

 

oder
über deutsch-deutsche Verhältnisse

(Aus dem Buch "Der Zug fährt ab"
www.literatur-viktor-prieb.de

Als die Rote Armee ihre Familien in Polen überrollte und diese von Scylla zu Charybdis „rettete“, war der Krieg für die Männer noch lange nicht vorbei – für sie begann er jetzt erst richtig.

Für die Männer, die diesen Krieg auf keiner Seite entfesselten, keine ruhmreichen Siege erlebten und keine Sünden und Verbrechen begangen, kam die Zeit, für ihre all dies entfesselten, erlebten und begangenen Landsleute im Dritten Deutschen Reich zu büßen, die Folgen dieses Krieges auszulöffeln und die vernichtende, dem Untergang der ganzen Nation und ihres deutschen Landes gleichkommende Niederlage zunächst aufzuhalten zu versuchen und dann mitzuerleiden.

Viel Auswahl hatten sie dabei auch nicht – entweder in Kämpfen zu fallen oder nach der Niederlage von Stalin als Verräter zur Rechenschaft gezogen zu werden. Umso mehr, da sie in seinem Erlass vom 28. August 1941 als „sowjetische Bürger der deutschen Nationalität“ schon im voraus zu Spionen und Verrätern abgestempelt und zur Verbannung verurteilt worden waren.

Unter diesen aussichtslosen Bedingungen hatte der Vater sein der Mutter gegebenes Wort zu halten, zu ihr durch die Hölle durchzukommen. Und er tat und machte alles dafür mit all seinem Überlebenstalent und mit seiner ganzen Überlebenserfahrung.

Nur einmal vergaß er für einen kurzen Augenblick sein Wort und seine Vernunft und dachte danach „Das war es!..“. Doch es passierte nicht in kriegerischen Handlungen. Es passierte in seiner Waffen-SS Militärschule bei Passau an der Donau.

*

Aus den Männern der dreihundertfünfzigtausend am Anfang des Krieges in die deutsche Besatzungszone geratenen Volksdeutschen Russlands wurden in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 neue Truppeneinheiten der Wehrmacht und auch einige Waffen-SS-Divisionen formiert. In einer davon war der Vater mit seinen Kameraden. Sie mussten jetzt in einem abgekürzten Schnellkurs die Kunst des Krieges üben und hatten damit noch Glück gehabt, denn manche anderen waren gleich dran – zum Beispiel gegen Amerikaner in Italien eingesetzt –, ohne mal schießen zu lernen[1].

Ihre Ausbildung bedeutete so viel wie fast ununterbrochen exerzieren, schießen, exerzieren, Sport üben und weiter exerzieren. Ein dicker Feldwebel aus Bayern drillte sie.

Eines Tages trieb er Vaters nur mit Bajonetten bewaffnete Abteilung, auf dem Exerzierplatz im Kreise zu laufen. Hin und wieder unterbrach er ihren Lauf mit dem Befehl „Hinlegen!“. Der Befehl kam immer wieder dann, wenn die Soldaten eine große und schlammige Pfütze überquerten.

Auf die inzwischen laut gewordene Unzufriedenheit in den Männerreihen reagierte er mit grobem Geschrei:

„Maul halten, ihr russischen Schwarzmeerschweine!“

Vielleicht war er der überlebte Verwundete aus dem russischen Walde, der damals, im ersten Weltkrieg, durch den damaligen Zwischenfall mit dem deutschen Artillerieoffizier der russischen Armee etwas dazu gelernt und es in den falschen Hals gekriegt hatte.

Den Vater interessierte es aber nicht und er wusste nicht, was in ihn gefahren war. Vielleicht kamen in ihm alle Beleidigungen, Erniedrigungen, Verfolgungen seines Lebens hoch, die er von Fremden, von Feinden, von Roten, von Grünen, von Kommunisten und von vielen anderen ertragen musste. Vielleicht hatte er sich zu sehr in den letzten Jahren darauf eingelassen, dass er endlich aus dieser Sklaven- und Viehexistenz heraus war, indem er sich mit seinen Landsleuten unter den ihnen Gleichen befand.

Wie dem auch sei, er sah rot, griff nach seinem Bajonett und attackierte mit dem furchterregenden, verzerrten Gesicht und wildem Schrei diesen satten, blöden und aus unerklärlichen Gründen übermäßig selbstgefälligen und überheblichen Dickwanst. Dieser stand plötzlich hilflos und tatenlos wie gelähmt da und sah mit einem bis zu grau-gelb verblassten Gesicht seinem Tod entgegen.

Sein Tod käme auch unausweichlich, wenn Vaters Kameraden auch nur eine Sekunde gezögert hätten. Sie zögerten aber nicht, wobei sie es nur Vaters wegen taten. Zwei seiner Kameraden und Kumpels, ein Schmied aus Prischib und noch ein Riese aus Blumenort, die in der Reihe neben dem Vater standen, warfen sich hinter ihm her und klammerten sich fest an seinen Schultern.

Dessen unbemerkt schleppte er sie noch ein paar Meter mit, bis sie ihn überwältigten und mit ihren Körpern zum Boden pressten. Der Vater lag mit dem Gesicht im Dreck und wurde gleich ruhig – ihm wurde auf einmal alles so scheißegal. Der Feldwebel drehte sich abrupt um und verschwand.

„Danke, Kameraden.“ – sagte kurz der Vater aufstehend.

„Bedanke dich nicht zu früh.“ – erwiderten die Kameraden nachdenklich und traurig – „Vielleicht hätten wir dich doch nicht aufhalten sollen – du bist ja nun sowieso erledigt, dieses Schwein läge aber jetzt zu unserer aller Zufriedenheit hier geschlachtet, und du wüsstest dann wenigstens, wofür du erschossen wirst.“

Der Vater verstand es genauso wie seine Kameraden – in der Waffen-SS und besonders jetzt, wo der Krieg der Niederlage entgegen eilte, den Vorgesetzten anzugreifen – dafür wird man im besten Falle kurzerhand erschossen, ohne mal vor das Kriegsgericht gestellt zu werden.

Aber gerade diese Schärfe der Militärgesetze am Ende des Krieges rettete den Vater – es gab einen Befehl von Hitler, alle Volksdeutschen aus dem Ausland, die vor kurzem in einem eifrigen Einbürgerungsverfahren zu neuen Reichsdeutschen gemacht wurden, den Alt-Reichsdeutschen gleich respektvoll zu behandeln.

Der Vater würde zweifelsohne erschossen werden, aber neben ihm würde der gleich zu behandeln habende dicke Bayer ebenfalls gleichbehandelt und erschossen werden. Er wusste das besser als der Vater und meldete den Zwischenfall nicht bei seinen Vorgesetzten.

So nah am Tod dran war der Vater noch nie zuvor und nur noch selten danach. Der Dickwanst zog auch seine Lehre daraus – wurde nicht mehr so überheblich und so selbstgefällig und zeigte sogar etwas Respekt den „russischen“ Schwarzmeerschweinen gegenüber. Bald war es aber mit dem Exerzieren sowieso vorbei – die Amerikaner drangen in Bayern ein und für den Vater und seine Kameraden war die Zeit gekommen, fürs Heimatland desselben bayrischen fetten Schweines zu kämpfen und zu sterben.

*



[1] Ingeborg Fleischhauer „Das Dritte Reich und die Deutschen in der Sowjetunion“. Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), Stuttgart, 1983 (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte; Nr. 46)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.05.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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