Anna Jansen

Keynya- Die Träume des Nebelberges (2)

 
 
Die Flucht durch den Sturm
 
Noch immer das Bild ihrer toten Mutter vor Augen, rannte Keynya weiter in Richtung des Sternenwaldes. Die Männer lagen ein ganzes Stück hinter ihr, da sie sich nicht so schnell bewegen konnten wie die kleine Elfe. Während Keynya fast spielerisch über Büsche und Steine sprang, verfing sich immer wieder einer ihrer Verfolger in dem dornigen Gestrüpp oder fiel über einen plötzlich auftauchenden Stein. Die Natur war ihr kein Hindernis. Seit dem sie vier Jahre alt war rannte sie wie toll durch das Unterholz und zog sich dabei seltenst Kratzer zu. Ein Vorteil, der nicht mehr lange von Nutzen sein sollte. Bald würde das dichte Gestrüpp  endlosen Feldern weichen und ihren Verfolgern würde es dann viel leichter fallen, sie zu fangen.
Keynya konnte den Anfang der Felder sehn. „Wenn mir nicht schnell was einfällt, bin ich verloren.“ Als sie hinter sich sah, konnte sie ihre Verfolger nicht mehr sehen. Lediglich einige Rufe ermöglichten es ihr einzuschätzen, wie weit die Männer hinter ihr waren. Vielleicht noch fünfzig Schritte entfernt. Viel zu nah!
Wie sie das Feld erreicht hatte, rannte sie so schnell los, dass sie glaubte bei einem einzigen falschen Tritt hinzufallen. Sie spürte kaum noch den Boden unter ihren Füßen.
Als sie einen Blick nach hinten warf, erkannte sie einige Schatten im Gebüsch. Gleich wäre es vorbei. Dann könnte sie auch gleich aufgeben. Auf offener Fläche war sie ihren Verfolgern nicht gewachsen.
Gerade, wie sie daran dachte, einfach stehen zu bleiben, rannte sie direkt in einen Busch, den sie völlig vergessen hatte. Die knapp einen Meter hohe Buschwand, die jedes Feld einzeln umringte und sie etwas vor Wind schützen sollte, brachte sie auf eine Idee. Sie sprang schnell über sie weg und kroch auf allen Vieren an der Hecke entlang. „So bleibt mir wenigstens noch etwas mehr Zeit.“ Doch schon bald bereute sie ihre Idee. Ihre lange Fellhose hielt zwar Steine und Schnee davon ab ihre Haut zu berühren, doch die Kälte kam fast ungehindert durch und bald glaubte Keynya, ihre Knie wären zu Eiszapfen erstarrt.
In Windeseile kroch sie an der Buschwand entlang in der Hoffnung, dass die Männer sie noch nicht entdeckt hatten. Immer wieder hielt sie kurzzeitig an, um nachzusehen wo ihre Verfolger waren. Mehrere Male waren sie nur einige Schritte von ihr entfernt und hätten sie sehen müssen, doch sie drehten sich immer wieder um, um woanders nach ihr zu suchen.
Es schienen Ewigkeiten zu vergehen, bis die ersten großen Bäume wieder auftauchten. Keynya hatte es, auf ihr wundersame Weise, geschafft bis an den Rand des Sternenwaldes zu kommen und huschte leise durch das dünne Gestrüpp. Doch die Männer schienen keineswegs ängstlich vor den geglaubten Gefahren in diesem Wald. Ganz im Gegenteil, sie schienen immer gründlicher zu suchen und schreckten nicht zurück hinter jedes Gebüsch zu springen.
Keynya hockte hinter einem Busch und war müde, endlos müde, doch zum Ausruhen blieb keine Zeit. Wenn sie auch nur einen Moment nicht aufpassen würde, wäre es vielleicht um sie geschehen. Elfen vertragen Kälte auf lange Zeit nur sehr schlecht. Außerdem könnte einer von ihren Verfolgern sie entdecken und auf Tendas Befehl hin töten. „Tenda...“ Sie spürte etwas in sich auflodern. Sie spürte wie sehr sie ihn verachtete. „... du wirst dafür büßen, was du getan hast.“ Sie würde ihn umbringen, das wusste sie. Sie würde ihm alles heimzahlen, selbst wenn es das Letzte wäre, was sie tun würde.
Keynya schrak zusammen. „Was soll das?“, fragte sie verzweifelt. „Wieso denke ich so was?“ Sie konnte normalerweise keiner Fliege was zuleide tun. „Etwas verändert sich... nur wieso?“ Sie sah auf ihre Hände hinab. Sie konnte mit diesen Händen keinen Mord begehen.
Etwas kaltes berührte ihre Hand. Schnee fiel vom Himmel. Viel Schnee würde noch kommen. Ein Sturm zog auf.
„Habt ihr sie?!“, schrie plötzlich eine Gestalt kaum fünf Schritte von ihr entfernt. Keynya hielt die Luft an und sah sich fast panisch nach vorne. Am liebsten hätte sie laut aufgeschrieen, um dieses Gefühl in sich loszuwerden, doch sie konnte nicht. Die Angst saß ihr wie ein Kloß im Hals fest. Sie fühlte ihr Herz. Es raste so schnell, dass sie glaubte es könne jeden Moment zerspringen.
„Sie ist nicht hier!“
„Sie muss hier sein!“
„Sagen wir dem Priester einfach, dass sie uns davongelaufen ist?“
„Niemals! Der wird uns umbringen, wenn wir ihm nicht versichern können, dass sie tot ist!“
„Sucht weiter!“
Es wurde still. Keynya atmete aus Angst, dass man sie findet, nicht mehr – oder versuchte es zumindest.
Plötzlich bemerkte sie, dass sie in der Falle saß. Sie hatte sich in einen Busch gesetzt der mitten in einer kleinen Lichtung stand. Wie konnte sie nur so tollpatschig sein! Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis man sie finden würde.
Es wurde kälter und der Wind verstärkte sich. Während Keynya versuchte so ruhig wie möglich in ihrem Versteck zu hocken, fühlte sie, wie die Kälte sie, wie einen Kuchen Stück für Stück, auffraß. Lange würde sie das nicht mehr durchhalten. Entweder würden ihre Verfolger sie finden, oder sie würde vorher erfrieren. Sie war müde und nachdem sie die Augen schloss, war sie auch schon eingeschlafen.
 
Ein nahes Rascheln weckte Keynya. Ihr war eiskalt. Sie konnte kaum ihre Augen öffnen und wenn doch flog gleich eine Schneeflocke hinein. Sie zitterte am ganzen Körper.
Als sie es endlich schaffte die Augen halb offen zu halten und die Flocken mit der Hand abzuwehren erkannte sie eine Gestalt vor sich auf der Lichtung. Ihre Verfolger waren nicht zu sehen.
Keynya atmete langsam ein und kuschelte sich tief in ihren dünnen Mantel. Sie hatte nicht damit gerechnet sich in die Eislandschaft flüchten zu müssen. Die Luft war so kalt geworden, dass ihr das Atmen schon wehtat. Ihre Vermutung, dass ein Sturm aufzog, hatte sich bewahrheitet. Fast alles im Umkreis von einigen Metern war hinter einem eisigen, kalten Vorhang verschwunden und das sollte nur der Anfang sein.
Sie fing an mit den Zähnen zu klappern. Ihre Gedanken beschränkten sich auf zwei Worte: kalt und Flucht.
Die Gestalt auf der Lichtung, ein in einen einfachen, dicken Fellmantel gehülltes Wesen, drehte sich langsam zu ihr um. Es schien so, als ob es wüsste, dass sie dort saß und sich zu Tode fror.
Dann, ganz plötzlich, lief die Gestalt davon, während Keynyas Verfolger auf der Lichtung erschienen.
„War sie das?“
„Nie im Leben. Keynya ist erst sieben. Da kann sie doch nicht so groß sein.“
„Und wer war das dann?“
„Keine Ahnung.“
„Wir sollten uns langsam mal beeilen sie zu finden.“
„Was glaubst du denn tun wir hier?“
„Blöd im Schnee stehen und Hasen hinterher jagen!“
Die Männer teilten sich erneut auf und gingen in unterschiedliche Richtungen davon. Sie konnte ihren Augen nicht trauen. Das war die Gelegenheit loszurennen und ihnen ein für allemal zu entkommen! Doch Keynyas Beine verweigerten ihren Dienst.
Schnell versuchte sie ihre Beine aufzuwärmen. Sie musste sich beeilen, denn jedes mal, wenn sie eine Bewegung machte, raschelten auch die trockenen, noch nicht abgefallenen Blätter des Busches.
Nach endlosen Momenten schaffte sie es schließlich wieder auf die Beine zu kommen.
Der Schneevorhang wurde immer dichter, die Kälte immer schlimmer. Lange würden selbst ihre Verfolger das nicht mehr mitmachen.
Sie wagte sich dann doch aufzustehen und sich umzusehen, was sich als fataler Fehler herausstellte.
„Da ist sie!“
Mit einem Ruck drehte sich Keynya in die Richtung, aus welcher der Ruf gekommen war. Gleich zwei Gestalten kamen mühsam durch den Schnee stapfend auf sie zu, beide erheblich langsamer als sie eigentlich hätten sein können.
Mit einem Satz sprang sie aus dem Busch und lief so schnell ihre Füße noch laufen konnten weiter auf den Wald zu. Die Bäume wurden zahlreicher, doch auch der Schneesturm wurde keineswegs milder, ganz im Gegenteil. Jeder noch so kleine Windstoß entfachte einen tödlich kalten Schauer in ihrem Körper.
Die Männer hinter ihr wurden langsamer, als sie selbst vor Erschöpfung stehen blieb. Jeder Atemzug hinterließ das Gefühl von tausend kleinen Eisnadeln in ihrem Hals. Ihre kleinen Atemwölkchen konnte sie nicht sehen. Der Wind hatte die ganze Luft in ein einheitliches Schneemeer verwandelt.
Plötzlich vernahm Keynya erneut die letzten Worte ihrer Mutter, wie ein leises Flüstern im doch laut um sich schlagendem Wind: „...Verschwinde Keynya... lauf... weg...“
„Ich kann nicht mehr...“, stöhnte sie leise gegen den Sturm, „...ich kann einfach nicht mehr...“
Ihre Beine hielten sie nur noch mit Mühe aufrecht, ihre Augenlieder wurden taub und schwer.
Durch die Stimme von einem der Männer wurde sie wieder wach. Sie standen direkt hinter ihr.
„Bitte lauf weiter und versteck dich vor Tenda. Wenn er dich findet, werden wir alle sterben. Er wird es wissen, wenn wir dir helfen.“
„Lauf weiter in den Wald. Dort bist du vielleicht sicher.“
„Wir wollen dich nicht töten, Keynya, und wir beten, dass die Geister dein Leben beschützen.“
„Bitte, verzeih uns...“
Stille.
„Was nützt das jetzt noch? Ich halt es nicht mehr aus... diese Kälte...“
Doch es war niemand mehr da, der ihre Worte hören konnte. Die Männer waren gegangen und bereits hinter der dichten Schneewand verschwunden.
Das Rauschen des Sturmes verschwand aus ihrem Gehör, nur noch ein dumpfes Pochen in ihren Ohren, ihr Herzschlag, blieb zurück.
Die Arme um ihren Körper geschlungen schaffte sie es irgendwie sich weiter zu schleifen. Wohin, dass sah sie nicht mehr. Auch war die Zeit völlig aus ihrem Bewusstsein verschwunden.
Sie rutschte aus. Die Oberfläche war hart wie Stein und durch den Aufprall wurde ein Schmerz in ihr entfacht, der beinahe alle ihre Sinne betäubte.
Sie konnte sich nicht mehr rühren. Ihre Augen wurden erneut schwer wie Steine und das letzte, was sie noch sehen konnte, war ein Schatten über ihr.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.05.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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