Claudia Lichtenwald

Zukunft ?!

aus: Generation 3000, erschienen im dtv Verlag

Der Kleine saß im Schneidersitz auf dem weichen Boden seines Zimmer. Eigentlich hätte er nicht mehr wach sein dürfen, um diese Zeit. Aber eigentlich hätte er auch überhaupt niemals hier sitzen dürfen, vor diesem Kasten. Denn was er tat war nicht ganz legal. Dabei saß er doch nur da und sah sich sein Experiment an, das er vor nicht allzu langer Zeit begonnen hatte. Er hatte schon immer für sein Leben gerne experimentiert. Was war gerade an diesem Versuch so schlimm ?

Vor ihm stand eine großes, durchsichtiges Behältnis auf dessen Oberfläche sich das Licht seiner Lampe widerspiegelte. In diesem luftleeren Behälter hatte er einige verschiedene runde , durch das magnetische Vakuum schwebende Tonklumpen angebracht, doch nur auf einem , der ihm besonders gut gelungen war , hatte er die kleinen Wesen, die er vor kurzem heimlich aus dem Versuchslabor seines Unterrichtszentrums mitgenommen hatte, angesiedelt. Nur durch das auf höchster Stufe eingestellte Vergrößerungsgerät konnte er die Winzlinge erkennen. Auf diese Weise beobachtete er seit einiger Zeit täglich, was sich in dem Terrarium abspielte. Dafür ging er sogar das Risiko ein, einmal von seinen Eltern dabei erwischt zu werden , was zweifellos eine Katastrophe bedeuten würde . Er wußte, lange würde er das Experiment nicht fortführen können. Denn die winzigen Wesen, waren nach Ansicht der Anderen Ungeziefer, Krankheitserreger, Parasiten - eine Gefährdung für die Allgemeinheit.

Doch der Kleine wußte, daß es nicht ganz so war. Er hatte eine Beobachtung gemacht, die er sich nicht erklären konnte. Er hatte ihr Verhalten lange genug studiert, um festzustellen, daß ihre explosionsartige Vermehrung und rasante Entwicklung , die alle für so gefährlich hielten, die Degeneration ihres Sozialverhaltens zur Folge hatte. Ja er hatte sogar festgestellt, daß sie nach einiger Zeit aus unerklärlichen Gründen begannen, sich selbst auf schreckliche Art und Weise auszulöschen. Sie entwickelten Verhaltensstörungen, die sich darin äußerten , daß sie statt der arttypischen Höhlenbauten plötzlich unförmige und im Verhältnis zu ihrer Winzigkeit riesige Nisthöhlen an allen Stellen des Terrariums errichteten, was dessen natürliches Gleichgewicht, daß er durch ein ausgefeiltes System entwickelt hatte, durcheinander brachte. Auch kamen sie auf einmal ohne ein seltsames Fortbewegungsmittel nicht mehr aus , das an eine Kiste mit je einem runden, rollfähigen Gebilde an jeder Ecke erinnerte. Sie lenkten sie mit unsichtbaren Befehlen. Doch diese Gefährte hatten einen großen Nachteil. Sie stießen schädliche Gase aus, die nicht nur die Winzlinge krank machten, sondern auch die schützende Schicht zerstörten, die den Ball auf dem sie lebten umgab.

Die Wärmelampe, die er installiert hatte, gab durch das Fehlen des Schutzfilters nicht nur die notwendige Wärme, sondern auch schädliche Strahlung ungehindert auf ihren Lebensraum frei, durch die sie reihenweise getötet wurden. Außerdem verflüssigten sich durch die entstandene Hitze an manchen Stellen der Tonkugel, die durch Kälte erstarrten Wassermassen und drohten die trockenen, bewohnbaren Teile zu überfluten. Er konnte sich einfach nicht erklären warum sie den ehemals üppigen Bewuchs der Tonkugel zerstörten, den er eigens gepflanzt hatte um sie mit einem für sie lebenswichtigen Gas zu versorgen, um statt dessen Schneisen zu schlagen, über die sie mit ihren Kisten rollten. Warum sie sich in Laken hüllten, so daß ihre natürliche Behaarung sich zurückbildete und sie nackt und schutzlos waren. Warum sie mit für sich selbst giftigen Stoffen ihre Nahrungsmittel und die Flüssigkeit vergifteten, ohne die sie nicht auskommen konnten. Warum sie hinnahmen, daß sich durch den Bewegungsmangel ihre natürlichen Fortbewegungsmittel zurückbildeten und aus diesen ehemals langen beweglichen Körperfortsätzen unbrauchbare Stummel wurden. Soviel er auch darüber nachdachte, er konnte keinen plausiblen Grund finden.

Alles deutete für ihn darauf hin, daß diese primitivsten aller Lebewesen eine Art Selbstzerstörungstrieb entwickelten, dem sie unweigerlich zum Opfer fallen würden. Die Anwohner brauchten sich also keine Sorgen zu machen, von den Winzlingen ging keine wirkliche Gefahr aus.

Doch es fiel ihm trotzdem nicht leicht sich einzugestehen, daß seine kleine Kolonie zum Untergang verurteilt war. Immerhin hatte er auch erkannt, daß sie sich durchaus untereinander verständigten. Er hatte sogar in mühevoller Kleinarbeit einige wenige Laute ihrer Sprache identifiziert. Sie mußten also, wenn auch schwer vorstellbar, irgendeine Art von Gedanken , vielleicht sogar gefühlsähnliche Regungen haben.. Und auch Ungeziefer waren sie nicht. Denn Ungeziefer, dachte sich der Junge, war eine Lebensform, die sich durch eine besondere Überlebenskunst auszeichnete.

Doch es war nicht abwendbar. Ihr Lebensraum war bereits so zerstört, daß er das Gleichgewicht darin ohne einen massiven Eingriff nicht wiederherstellen konnte. So beschloß der Kleine, die mutierten Wesen von ihrem Leid zu erlösen.

Er legte bedächtig die Hand auf den Schalter. Der letzte Blick der über das mit soviel Mühe erschaffene System streifte ließ ihn zögern. Dann knipste er die Wärmelampe aus.

Das Wort, daß die kleinen Wesen für ihren Lebensraum benutzten, sollte nie mehr erklingen. „Erde".

Claudia Lichtenwald 1998

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Claudia Lichtenwald).
Der Beitrag wurde von Claudia Lichtenwald auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.07.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Rico sucht seine Farben von Marika Thommen



Erzählt wird ein fantastisches Abenteuer, in dem ein Schmetterling sich auf die abenteuerliche Suche nach seinen verlorenen Farben begibt.
Zusammen mit seinem neuen Freund dem Storch überwinden sie Gefahren und lösen schwierige Rätsel.

Für Kinder ab 5 geeignet.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (5)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Einfach so zum Lesen und Nachdenken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Claudia Lichtenwald

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der Schiffbrüchige von Claudia Lichtenwald (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Regen auf dem Fenster von Eric Beyer (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Der verschwundene Schnuller von Ingrid Drewing (Wahre Geschichten)