Jeremias war ein trauriger, kleiner Junge von fünf Jahren.
Vorgestern kam seine Großmutter in den Kindergarten und sah
ihn mit verweinten Augen an, nahm ihn fest in den Arm und
Sagte: “Kleiner Jerry… du musst jetzt ganz tapfer sein….”
Er dachte: na …so schlimm kann‘s ja nicht sein. Oma weint
schließlich schon, wenn sie ein trauriges Lied im Radio hört oder
eine schöne Blume sieht - wahrscheinlich freut sie sich nur so sehr
wie ich, dass Mama und Papa heut von ihrer großen Reise wieder
zurückkommen…
Mit tränenerstickter Stimme sagte sie dann: “Mein Kleiner… Mama
und …Papa… sie kommen nicht wieder…” Sie drückte ihn noch fester…
fast als würde sie sich an dem kleinen Mann festhalten wollen.
Jerry verstand das nicht. Wieso sollten seine Eltern nicht wiederkommen?
Sie würden ihn doch nie allein lassen!
Zu Hause erzählten ihm die Großeltern dann von dem großen Unglück,
dass das Flugzeug über dem großen Wasser abgestürzt ist, dass keiner
der Menschen in dem Flugzeug jemals wiederkommen würde…
Er weinte. Er weinte den ganzen Tag, den ganzen Abend, die ganze Nacht.
Er weinte solange bis er keine Tränen mehr hatte und vor Erschöpfung einschlief.
Großmutter Elli und Großvater Rupert saßen gebeugt und wie erschlagen am
Esstisch in der kleinen Küche als Jeremias mit einem strahlenden Lachen zu ihnen
hereinkam.
In seinem bunten Schlafanzug mit dem Teddybären im Arm zauberte er für einen
kurzen Augenblick ein Lächeln auf Ellis erschöpftes Gesicht. Wie sehr er doch
seiner Mutter ähnelte…
“Oma! Opa! Macht euch keine Sorgen mehr! Mama und Papa waren bei mir!
Sie sind ja gar nicht weg… Mama und Papa sind immer noch hier!
Sie haben mir gesagt, dass sie jetzt immer bei mir sind und nie wieder fortgehen!
…ist das nicht schön? Sie haben mir auch gesagt, dass ich sie nicht sehen kann,
aber dass ich sie fühlen kann! Und wenn ich meine Augen zu mache…dann kann
ich sie sogar auch sehen…”
Elli und Rupert sahen sich erschüttert an. Sie würden für Jerry gleich heute noch
einen Termin beim Kinderpsychologen ausmachen müssen.
Er hatte wohl von seinen Eltern geträumt und glaubte nun, dass dieser Traum wahr
wäre… der arme kleine Kerl.
Sie ließen ihn den ganzen Tag nicht aus den Augen. Er schien tatsächlich glücklich
zu sein. Ab und zu sprach er mit seinen Eltern als würden sie direkt neben ihm stehen…
Beunruhigt über diese plötzliche Wandlung ihres Enkels gingen Elli und Rupert erst
spät in der Nacht Schlafen.
Um Punkt 3 Uhr wachte Elli auf und sah, dass auch ihr Mann plötzlich wach wurde.
“Elli”, sagte er zu ihr “ich hatte einen sehr merkwürdigen aber schönen Traum…”
“Ich auch”, erwiderte Elli und fragte: “Was hast du geträumt?”
“Melinda und Frank waren hier. Sie standen direkt vor unserem Bett!
Sie sagten, dass es nicht nötig wäre mit Jerry zum Psychologen zu gehen,
denn er hätte uns die Wahrheit gesagt! …ist das nicht verrückt? Ich glaube,
mein Unterbewußtsein hat mir da einen ganz schönen Streich gespielt, weil ich
einfach nicht wahrhaben will, dass die beiden für immer von uns gegangen sind…”
Erst jetzt sah Rupert die strahlenden Augen und das Lächeln seiner Frau.
“Weißt du, Rupert, wir sollten den Termin für Jerry bei dem Therapeuten wieder
absagen”, sagte sie immer noch mit einem jetzt sehr sanften Lächeln, “ich hatte genau
den gleichen Traum wie du…!”
Plötzlich ging die Tür auf und Jeremias stand mit großen Augen vor ihnen:
“Oma, Opa?… Mama hat gesagt ich dürfte heute zu euch ins Bett kommen”
dabei schaute er die beiden fragend an.
“Na, dann hüpf mal schnell zu uns ‘rein” sagten die beiden fast gleichzeitig
und mussten lachen, denn sie hatten beide den gleichen Wunsch, ihren kleinen Enkel
heute Nacht ganz dicht bei sich zu haben.
War es wohl ihre Idee gewesen?
© Regine Stahl