Hermann Josef Vollmer

Ehrlichkeit kann so grausam sein

66% Übereinstimmung, das traf mich wie der Schlag – und ich hielt Sie für einen Eisblock; eine Frau die mit Gefühlen arbeitet, die auf geschickte und höfliche Art die Mitarbeiter „ihrer“ Firma umgarnt, diese in ihren Bann zieht und wie die Spinne im Netz nicht mehr los - oder sollte sie diese nicht mehr brauchen, fallen lässt. Sie konnte ja so ein Biest sein… Aber ich mit meiner Erfahrung! Ich hatte sie doch schnell durchschaut. Mir machte es doch nichts aus mit einer solchen Frau zu arbeiten. Ich hatte keine Befürchtungen mich nicht durchsetzen zu können. Wenn ihr erst einmal meine beruflichen Qualitäten bekannt sind, dann wird sie merken mit wem sie es zu tun hat und dass sie als Chefsekretärin gegen einen erfahrenen Meister keine Schnitte bekommt. Außerdem kann mir doch so ein Eisblock auf keiner Wiese gefährlich werden.
 
 „Hallo Meister! Träumen sie noch?“ erkundigte sie sich, als ich in Gedanken vertief so da saß.
 „Wenn Sie jetzt einen Moment Zeit für mich hätten?“ fragte ich sie höflich, aber mit einem arroganten Unterton. Zwischen Telefon und Papierkram schaute sie kurz lächelnd auf und meinte:
 „Ja! Ich mach´ ja schon! Aber heute Morgen ist wieder die Hölle los.“
 Dann klingelte schon wieder der Sabbelapparat und in dem sie die Verbindung herstellte, neigte sie elegant ihr Gesicht zu mir, lächelte mich verführerisch an und argwöhnte mit lieblicher Stimme:
 „Und nich` dass Sie mir weg laufen! – Wir haben noch viel zu tun!“
 Sie hatte erreicht was sie wollte und grinsend sah sie mir in die Augen. Sie hat es einfach drauf... sie kann es, dachte ich mir und ohne Zweifel ist sie eine hübsche junge Frau, die den Männern den Kopf verdreht und noch dazu unverheiratet und intelligent ist.
 „Na so ein Pech aber auch!“ trug sie mir in gespielter Trauer vor, als das Telefon wieder rappelte. „Da werden Sie wohl die nächste Zeit mit mir verbringen müssen“
 So saß ich da, sah in ihr strahlendes Gesicht und bekam wieder das komische Kribbeln in der Magengegend, das ich gestern Abend erstmals verspürte, als ich ihre Partnersuche im Internet lass. Eigentlich hatte ich mich nur aus Neugier und ohne Lichtbild bei der Partneragentur angemeldet, denn ich lebe schon seit Jahren mit einer Frau zusammen. Unter meinen Vermittlungsangeboten fiel mir ihr Foto sofort auf und die Agentur empfahl mir, mich mit ihr zu treffen, aber vorher unbedingt ihre „Sie und ich“ - Seite zu lesen,  was ich mit Neugier und unerklärbarer Hektik auch tat. Je mehr ich die einzelnen Rubriken analisierte, veränderte sich meinen Gedankenbild. Eine innere Wärme stieg in mir auf, der Eisberg schmolz dahin und aus ihm wurde eine rankende Rose, die mehr und mehr mein Herz umklammerte. Es pochte in mir, ich wurde immer nervöser und ein Verlangen überkam mich; in ihre Augen zuschauen, zaghafte Berührungen auszutauschen, sie zu liebkosen und danach besinnlich mit ihr zusammen zu sein. Mit diesen lieblichen Gefühlen begab ich mich zu Bett, wälzte mich von einer Seite auf die andere und machte die ganze Nacht kein Auge zu.
 
 Unausgeschlafen sitze ich ihr jetzt am frühen Morgen gegenüber, immer noch mit dem schmerzhaften Gefühl in der Magengegend und einen Drang nach ihrer Zuneigung.  
„Was ist mit Ihnen los?  So kenne ich Sie ja gar nicht!“  erkundigte sie sich.
 „Ich habe ein Problem mit Ihnen...“
 „Mit mir?“ unterbrach sie mich. „Habe ich was falsch gemacht?“
 „Nein, das nicht! Ich meine mehr Privat.“
 Wie vom Blitz getroffen rannte sie zur Kaffeemaschine und in dem sie ihre Tasse füllte, meinte Sie etwas abweisend:
 „Was wollen Sie von mir?“
 „Ich möchte Ihnen eine direkte Frage stellen!“
 Sie wandte mir den Rücken zu, starte aus dem Fenster und trank ihren Kaffee. Jetzt war ich so weit gegangen, dass es kein Zurück mehr gab und ohne Hemmungen oder Skrupel, getrieben vom meiner unermesslichen Neugier kam ich ohne langen Prolog zum Kern der Sache:
 „Ich möchte gern von ihnen wissen... ob Sie mich gern haben?“
 „Oh, man!“ rief sie erbost. „Sie sind aber knallhart!“
 Dann war es sekundenlang still. Mir erschien die Zeit unendlich. Ich wartete auf eine Antwort. Dann endlich geschah es! Ihr strafgehaltener Körper schien in sich zusammenzufallen, mit leiblicher Stimme und feuchten Augen, die ich nicht erkennen konnte, meinte sie:
 „Sie haben eine liebe Frau und ein kleines Kind...“, sie machte eine kurze Pause, danach hatte sie sich wieder in der Gewalt und sprach bestimmend weiter:
 „...Sie sind wohl nicht verheiratet, aber Sie führen ein eheähnliches Verhältnis. Das heißt: Sie sind für mich Tabu!“
 Wieder herrschte stille, nur der Fernsprechapparat tat seine Arbeit und er rappelte zum wiederholten Mal. Die Zimmertür öffnete sich und vom Stress geplagt betrat der Chef den Raum:
 „Ja, hören Sie denn nicht das Telefon?“ fragte er und stürzte zum Apparat. Doch bevor er den Hörer abnehmen konnte verstummte das Gerät. Erst jetzt bemerkte er, dass ich im Raum anwesend war und kann auf mich zu, schlug mir kumpelhaft auf die Schulter und fragte leicht scherzhaft:
 „Das kann doch nicht ihr ernst sein, dass Sie mir ihre Kündigung auf den Tisch gelegt haben - Oder?“
 Kurz schaute er mich an, lies mich nicht zu Wort kommen und beantwortete seine Frage selber:
 „Nein, Nein! Die Kündigung nehme ich nicht an“, meinte er und in dem er das Büro hastig verließ, bestellte er mich zu sich:
 „Kommen Sie in einer Stunde in mein Zimmer und dann führen wir ein ausgiebiges Gespräch.“
 Schon war er verschwunden und schloss hinter sich die Tür.
 Die Stille im Raum wurde durch die aufschlagenden Regentropfen auf die Fensterscheiben unterbrochen, auch der Himmel weint dachte ich mir und ich führte mit sachter Stimme das unterbrochene Gespräch fort: 
„Ich wusste heute Morgen schon, dass Sie mir auf die Frage eine ablehnende Antwort geben würden. Etwas anderes habe ich auch nicht von Ihnen erwartet. Deshalb kann ich nicht mehr mit Ihnen zusammenarbeiten und werde die Firma verlassen.“
 „Nein!“, rief sie erschrocken und rannte auf mich zu, so dass unsere Körper zusammenstießen und ihr dabei die Kaffeekasse aus der Hand fiel und am Boden zerschellte. Sie stand regungslos da, schaute mich fast bitten an und brachte nur vereinzelte Satzteile hervor:
 „Sie können nicht gehen... Ich meine... Wir brauchen Sie... Was sollen wir ohne Sie machen?“
 Unterdessen hatte ich die Scherben aufgehoben, ging zur Tür und während ich den Raum verließ, rief ich ihr zu:
„Jeder Mensch ist zu ersetzen, ich auch!“
  
Nach Wochen bekam ich von ihr ein langes und ausführliches E-Mail:
 „...Männer merken auch gar nichts!“ meinte sie so beiläufig in ihrem Schreiben, dass mit den Worten endete:
 „...Aber wenn Sie es möchten, dann würde ich Ihnen gerne in die neue Firma folgen.“
 
 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.06.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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