Stefan Wellmann

Free Buddha!

Meinen ersten Buddha erwarb ich irgendwo in den Weiten Ostfrieslands in einem Discounter mit dem Namen „PLUS“. Beschwingt von diesem so affirmativen Namen des Lebensmittelgeschäftes und noch ganz unter dem Einfluß eines sommerlichen Mehrwochentrips auf einer der Ostfriesischen Inseln betrat ich den Laden und sah ihn in der Ecke „Sonderangebote“ sitzen. Er war schwarz, ungefähr neunundzwanzig Zentimeter groß und strahlte in diesem von Neonlicht durchfluteten Ambiente eine Ruhe aus, die dem der Tiefkühlpizza deutlich überlegen schien.

Andererseits verwunderte mich diese Seelenruhe des Buddhas insofern nicht, als er auch noch unter der Rubrik „Spa“ verkauft wurde und schon das schien ihn nicht sonderlich aufzuregen. Vielleicht sagte er so zu sich auch, dass in einer so stark säkularisierten Warenwelt wie der unsrigen man auch als Buddha in Punkto Markteintritt nicht so wählerisch sein sollte. Es tat mir schon leid, wie er da zwischen all den anderen Waren wie Räucherstäbchen, Leuchtlampe, Spa-Handtüchern und diversen anderen Wellness-Devotionalien der diesseitigen Welt fast ein wenig verloren umher saß und tiefes Mitgefühl bemächtigte sich meiner. Ein wenig war es auch Scham, die mich zunächst vorbeigehen und dem hiesigen Teeangebot zuwenden ließ. Fast ein Gefühl wie in der Fußgängerzone das scheinbar selbstbewußte Vorbeigehen an den Bettlern, wo auch dort ein leichtes Unbehagen an der Seele haften bleibt. Doch wie helfen? Was konnte ich tun, um den Buddha aus seiner mißlichen Lage und dem grob unspirituellen Umfeld herauszuhelfen? Nicht dass ich zu übertriebenem Helfertum neige, aber das hier, dass rührte mich schon an. Hier ging es um etwas Grundsätzliches, dass konnte ich tief in mir sehr wahrhaftig spüren. Und es war jetzt nicht die Zeit für innere Einkehr und Sammlung. Nein, hier bedurfte es der geschickten und gezielten Tat. Hier ging es nicht allein um den im deutschen Konsumismus ausgesetzen schwarzen Erleuchteten. Nein, dies hier war weiter und tiefer und höher zugleich. Hier im ostfriesisch-ländlichen Raum bei „PLUS“ tat sich ein Tor zu etwas Neuem, Erhabenen auf. Ich spürte ein kaum merkbares Leuchten im Gebäude und ein Odem der Transzendenz umgab mich.

Und da alles Überirdische seine Wurzel im konkret Alltäglichen hat, machte ich auf dem Boden des Supermarktes, niederknieend, einen Kassensturz. Und fand heraus, dass wenn ich nur eine kleine Packung Ostfriesentee kaufe, ich den gesamten Ladenbestand an Buddhas werde mitnehmen können. Gedacht, getan. Flugs einen zweiten Einkaufswagen organisiert, die Buddhas hineingetan und dann schnurstracks und ohne weiteres Zögern zur Kasse gefahren. Nur noch wenige Meter und die Buddhas erlangen ihre Freiheit wieder.

Allerdings hatte ich die Rechnung ohne die erstaunlicher Weise sehr dienstbeflissene Kassiererin gemacht. Statt sich in ihr Lebensschicksal zu ergeben, glimmte in ihr ob der zwei Wagen mit Buddhas so etwas wie Einhaltung der Geschäftsordnung auf und sie säuselte leise, aber bestimmt: „Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen“. Hm, stimmt, das hatte ich auch gelesen. Und so recht konnte auch ich nicht die zwei Wagen voll von Erleuchteten und das geschäftliche Diktat „haushaltsübliche Menge“ in Einklang bringen. Sollte meine spirituelle Rettungstat hier an der Kasse jäh so profan enden? Sollte ich in Begleitung von zwei Wagen erhabener Wesen so jämmerlich an technokratischen Regeln scheitern? Für einen Moment übermannte mich tiefe Trauer und ein Gefühl, als ob alle Lebenskraft aus mir herausfließen würde. Deutlich hörte ich nun wieder das erbarmungslose Surren der Neonröhren, das wie geomantische Störstrahlen in meine Aura einzudringen schien.

Und als ich nun auch körperlich langsam daniedersank, nur eine Hand noch verzweifelt am Scheckkartenbezahlautomat geklammert, geschah das Wunder. Die Gesichtszüge der Kassiererin wurden plötzlich und unerwartet weich und weicher und es schien als ob die Buddhafiguren den tief in ihr innewohnenden, beinahe letzten Tropfen an Mitgefühl zum Leben erweckt hätten. Ihre vormals so stark distanzierende Geschäftigkeit wich einer nie von mir für möglich gehaltenen Zugewandtheit und sie fragte mich: „In welchen häuslichen Verhältnissen leben sie denn?“. Das war die Rettung. Geistesgegenwärtig und mit seltener Klarheit erwiderte ich: „Ich bin der Diener eines großen Ashrams und ich möchte mehr Frieden in unser Heim bringen und in jedes Zimmer einen Buddha stellen. Zur Beruhigung und zur Ausbalancierung unseres Körper-Geist-Seele-Gleichgewichts. Und natürlich für den Himmel auf Erden.“ Das wirkte. Mit einem einfachen „Ach so, sagen Sie das doch gleich“ entspannte sich die eben noch lebensbedrohliche Situation sofort und ich konnte, nach Zahlung der Rechnung, mit den Buddhas ohne weiteren nenneswerten Zwischenfall ins Freie gelangen.

Dort wartete auch schon meine weibliche Begleitung, die etwas erstaunt wirkte angesichts meines wohl sehr einseitigen Kaufverhaltens. Doch eine kurze und präzise Schilderung der Lage überzeugte auch sie von der Notwendigkeit meines Tuns und gemeinsam verluden wir unsere aus dem Kreislauf der Reinkarnationen ausgestiegenen neuen Mitbewohner. Dass dabei zwei Koffer und ein Schminktäschchen auf dem Parkplatz von „PLUS“ in Ostfriesland zurückblieben, war zwar schmerzlich, aber kein Leben vollzieht sich ohne Opfer. So auch hier.

Wir hatten Schlimmeres verhindert und schwarze Buddhas aus den Klauen der Marktwirtschaft gerettet. Eine befreiende und endlich sinnstiftende Tätigkeit in der ewigen Wiederkehr der Tage. Und so fuhren wir entspannt und der Welt leicht entrückt unserem Zuhause entgegen. Niemals fühlten wir uns dem Nirvana so nah wie heute.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.06.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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