Wissen Sie, was Lochfraß ist?
Ich schon, und das nicht erst, seit es uns allen in TV-Total erklärt wurde, denn in meinem biblischen Alter von 44 habe ich schon mehrere Waschmaschinen zugrunde gerichtet.
Das kenne ich zur Genüge, erst leckt unten ein bisschen Wasser raus, manchmal schleudert das Ding auch nicht mehr richtig, und dann – Überschwemmung und Ende der Fahnenstange.
Eine hat sogar mal richtig gestunken.
Wenn der Super-GAU eintritt, benötigt man sachkundige Hilfe, da beißt die Maus keinen Faden ab.
In diese unschöne Situation kam eines Tages auch Frau Christiansen, eine ältere, gebildete Dame, die in dem Mehrfamilienhaus schräg gegenüber lebt. Zweiter Stock links, genau genommen.
Natürlich wussten Elfi und ich gleich, dass Oma Christiansens Waschmaschine kaputt war, schließlich haben wir den Wagen der Firma Jacobs vor der Tür gesehen und die zwei Gesellen in blauen Latzhosen. Wenn Jacobs zu zweit anrollt, ist es immer eine Waschmaschine.
Wir verfolgten also den spannenden Vorgang und beobachteten, wie die beiden im Haus verschwanden. Hermann und Sven versuchen ja möglichst, das gute Stück vor Ort zu retten, denn der Transport ist nicht so angenehm. Hermann ist auch nicht mehr der Jüngste, aber er versteht etwas von Waschmaschinen. Jedenfalls hörten wir irgendwann einen lauten Aufschrei aus dem zweiten Stock. „Ich hab‘ dir doch gesagt, das ist die Pumpe!“ Eindeutig Hermanns Stimme.
Oha, dachten wir, jetzt ist sie hin, und nickten voller Mitgefühl.
Es folgte eine gedämpfte Diskussion, deren Inhalt uns leider trotz geöffneter Fenster verborgen blieb, dann war es eine Weile still.
Drinnen hatte Sven die Maschine von der Leitung genommen, und nun gingen die beiden Mechaniker daran, das schwere Objekt hinunter zu transportieren – kein leichtes Unterfangen, denn bei Oma Christiansens Gebrauchsgegenständen handelt es sich durchweg um recht betagte Dinge, und ihre Waschmaschine wog wahrscheinlich so viel wie ein mittelgroßer Elefant. Das Treppenhaus war zu allem Übel auch relativ schmal. Wir hatten inzwischen vor der Haustür Position bezogen, schließlich muss man ja wenigstens ein bisschen was mitbekommen, und vielleicht hätten wir ja auch helfen können, nicht wahr?
Bis auf einige leise Stöhnlaute und langsame, ächzende Schritte auf der Altbautreppe hörten wir eine Weile nichts, und die beiden näherten sich mit ihrer Last dem Erdgeschoss.
Wie gesagt, Hermann ist nicht mehr der Jüngste, und an diesem Tag litt er offenbar auch unter den Nachwirkungen seines Mittagessens. Irgendwas mit Hülsenfrüchten muss es wohl gewesen sein.
In der letzten Kurve auf dem Weg nach unten musste Hermann die Maschine noch einmal kräftig anheben, und da passierte es. Ihm entwich ein trockenes, eindeutiges Geräusch, laut und deutlich, wie es sich für einen ausgewachsenen, hart arbeitenden Mann gehört.
Im Treppenhaus war ja auch keiner, den es gestört hätte, und wir hielten vor der Tür mit roten Köpfen die Luft an.
Zwei, drei Sekunden später öffnete sich die Wohnungstür im zweiten Stock.
„Ist Ihnen was ´runtergefallen?“ klang Oma Christiansens besorgte Stimme von oben.
„Neinnein“ stammelte Sven mühsam, Hermann ließ die Maschine auf die Treppenstufe plumpsen und biss prustend in seinen Hemdsärmel.
Das war der Moment, in dem ich mir eine Faust in den Mund stopfte und davon rannte, Elfi direkt auf den Fersen, kurz vor dem finalen Zusammenbruch.
Deshalb haben wir leider auch nicht mitbekommen, ob Hermann und Sven noch in Würde das Gebäude verlassen konnten.
Blöd war nur, dass ich wochenlang jedes Mal breit grinsen musste, wenn der Firmenwagen von Jacobs an mir vorbei düste. Aber dieser Reflex hat sich zum Glück wieder gelegt, und meine Waschmaschine hört sich momentan noch ganz gesund an.
Noch.