Sarolta Németh

Im Visier

Sie sind überall. All die bunten Lichter. Ihre Lautsprecherstimmen: „Wir möchten doch nur mit ihnen Reden!“ Immer wieder Sirenenheulen. Es wimmelt nur so von ihnen. An jeder Ecke, an den Dächern, vor uns, hinter uns, überall um uns. Nur in diesem Raum nicht. Nein, hier sind wir ganz alleine. Erdrückende, fast vollständige Dunkelheit. Nur winzige Sonnenstrahlen können sich durch die Löcher der Rollläden hindurch schleusen. Ich sehe dich kaum, eher Konturen. Nur wenn die Lichter auf Partien deines Gesichts prallen, sehe ich dich klarer. Wie ein Puzzle, setzte ich die erhaltenen Bilder in meinem Kopf zusammen und versuche dein Gesicht als Ganzes vorzustellen. Die Ungewissheit quält mich. Habe ich das Puzzle richtig zusammengesetzt? Magst du wohl wirklich so aussehen, wie ich dich mir vorstelle? Ich wünschte, ich dürfte die Rollläden hochziehen und dich ansehen. Das kann ich aber nicht, denn sie sind überall. Deine Aufmerksamkeit widmet sich der Tür. Immer wieder schaust du nach, ob sie geschlossen ist. Du befürchtest, sie kommen hier rein. Machen sie aber nicht, sie reden nur draußen. Du blickst auch oft auf die Fenster, hast aber panische Angst, nah an sie heranzutreten. Es ist dir bestens bewusst, dass eine falsche Bewegung dein Ende bedeuten könnte. Ich stehe fast regungslos da, bin relativ ruhig. Du gehst manchmal hektisch auf und ab, dann bleibst du stehen. Du siehst mich an, ich sehe dich an. Du sagst kein Wort, ich schweige ebenfalls. Wir verstehen uns anscheinend gut. Nonverbalität ist unsere Sprache. Zehn Stunden sind mittlerweile vergangen. In solchen Augenblicken erscheint diese Zeit, wie eine Ewigkeit. Als hätten wir Jahre hier drin verbracht. Nur zehn Stunden, aber ich bin mindestens um zehn Jahre älter geworden. So vieles ist geschehen, und alles lief so schnell ab. Ein paar Sekunden, vielleicht Minuten und dein ganzes Leben hat sich verändert. Jetzt warten wir hier. Nichts geschieht seit langer Zeit. Was willst du tun? Ewig hier warten? Das wird nicht gehen. Etwas muss passieren, oder etwas wird passieren. Du hast die Wahl. Es gibt keinen Ausweg aus diesem Raum. Diesmal kommst du nicht davon. Von Glimpflichkeit kann keine Rede sein. Doch du wanderst auf und ab. Türcheck. Fensterblick. Du bleibst stehen, siehst mich gefühllos an. Du weißt es ist aus, ich sehe es in deinen Augen. Sie glitzern trügerisch wegen der Sonnenstrahlen, als würdest du dich im siebten Himmel fühlen, dabei ist das eher die Hölle auf Erden. Ich bin kaum nervös, du rast förmlich. Wir sind beide bedrückt. Schweißperlen brechen das Licht immer wieder auf deinem Kopf. Etwas geschieht draußen. Bewegungen. Autos. Krach. Die Stimmen verstummen. Du realisierst es auch. Dein Blick verändert sich. Sehe ich da etwa Furcht? Kann das sein? Mach das nicht! Schau mich nicht so hoffnungslos an! Ich werde auch panisch, wenn du mich so verzweifelt anglotzt. Verbalität deinerseits: „Es kommt, was kommen muss!“ Jetzt bekomme ich wirklich ein mulmiges Gefühl. Meine Lockerheit schwindet mit jedem Schritt, den du in meine Richtung setzt. Du kommst immer näher, du bist ganz nah, du bist da. Wenige Zentimeter trennen unsere Körper von einander. Du hältst deine Knarre an meinen Kopf. Mein Herz rast vor Aufregung. Nach all den Stunden, die ich wie gelähmt verbracht habe, muss ich jetzt meine Starre lösen. Wird alles so schnell enden, wie es angefangen hat? Du stellst dich hinter mich, schiebst mich sanft zum Fenster. Unsere Bewegungen sind vollkommen synchron, als wärst du ein Teil von mir. Ich bin dein lebendiger Schutzschild. Soll mir diese Rolle eine Ehre sein? Du benutzt mich. Und wieder sprichst du zu mir: „Zieh die Rollläden hoch!“ Es hört sich an, wie eine innere Stimme. Ich verstehe diese Bitte nicht. Das ist doch ein Scherz, oder? Wieso soll ich sie denn hochziehen? Das ist keine gute Idee. Sie sind doch da draußen. Wenn ich sie hochziehe, dann. Nein, dass kann ich nicht verantworten! Obwohl mein sehnlichster Wunsch, dich in voller Pracht zu bewundern, in Erfüllung gehen würde, wäre der Preis dafür viel zu hoch. Die Waffe knackt über mein Ohr. Die Situation wird also schärfer und du meinst deinen Aufruf wohl ernst. Gut, wie du möchtest. Ich strecke meine Arme aus, und ziehe die Rollläden hoch. Die plötzlich eindringende Lichtmasse blendet uns beide. Nach all der Dunkelheit tut jeder einzelne Sonnenstrahl weh, als wenn er die Augen verbrennen möchte. Es vergehen einige Sekunden, bis wir uns wieder fangen. Die Geräusche und Bewegungen draußen haben auf einen Schlag aufgehört. Eine Durchsage: „Lassen sie sie gehen! Dann passiert auch nichts!“ Ich sehe sie! Ich sehe sie klar. Oh Gott, es sind viel mehr, als ich gedacht habe! Blaue und rote Lichter tanzen um die klaren Strahlen der Sonne. Dein Atem wird immer schneller, du ziehst mich weg, immer weiter in die Mitte des Raumes, schön langsam, unsere Synchronität immer beibehaltend. Du drehst mich um zu dir, ich stehe mit dem Rücken zum Fenster. Du bist in Sicherheit, ich decke dich. Ich sehe endlich dein Gesicht, es ist wunderschön. Deine Mimik, komisch, nicht der Situation entsprechend. Ein süßes Schmunzeln kommt zum Vorschein. Meine Mundwinkel formen sich auch zu einem Lächeln. Für einen Augenblick vergessen wir alles um uns herum. Du nimmst die Waffe runter, lässt sie fallen. Ziehst mich an dich heran, ich bin dir ganz nah. Ich spüre deinen Atem an meinem Gesicht. Ruhige, gelassene Atemzüge. Du drückst deine Lippen an meine, küsst sie ganz langsam und innig. Ein Moment voller Zauber. All die Gefühle, die sich während des Tages in mir aufgestaut haben, explodieren plötzlich. Der schönste Moment meines ganzen Lebens. Du drehst mich zur Seite, während du mich küsst. Ich merke es gar nicht, bin dir so verfallen. Du stehst halbwegs mit dem Rücken zum Fenster. Ein Geräusch von ganz nahe, es muss von dir kommen. Plötzlich Schmerzen in meinem Bauch. Der Kuss hört auf, der beste Augenblick meines Lebens, wird zur schlimmsten. Mein Gesicht verzieht sich vor Leid zu einer Fratze. Was hast du getan? Deine Hand an meinem Bauch, nur ein Griff ist zu sehen. Ein kleiner, roter Fleck an meinem weißen T-Shirt. Blut. Ich blute! Nicht schlimm, aber ich blute. Der Fleck wird größer. Deine Hand zieht am Griff. Diese Schmerzen, hör auf! Warum tust du das? Ich sehe die Klinge, ein Jagdmesser, es ist raus aus meinem Körper. Ich blute! Ich blute sehr stark! Ich sehe nichts, als mein Blut am Shirt. Ein lauter Knall! Ein Schuss! Sehr laut für einen Schuss! Ich habe mich erschrocken. Alles voller Blutspritzer, mein ganzes Gesicht, die Wände, alles um uns herum. Woher denn? Von mir sicherlich nicht. Du siehst mich an, lächelst kurz und fällst zu Boden. Ein riesiges Loch an deinem Brustkorb, Blut stürmt heraus. Meine Schmerzen sind vergessen, ich sehe nur noch dich. Ich lasse meinen Körper neben deinen sinken. Du atmest sehr schwer, warte, ich richte dich ein wenig auf. Du hustest. Blut kommt aus deinem Mund. Mein rotes Shirt fühlt sich so ekelhaft warm und feucht an. Du atmest kaum noch. Deine Augenlieder schließen sich langsam. Ich halte dich in meinen Armen. Dein Stich? Vergessen! Schmerzt kaum noch, blutet zwar sehr, aber das ist jetzt unwichtig. Dein Atem, ich spüre ihn nicht mehr. Dein Herz wird immer schwächer, ich spüre es kaum noch schlagen. Das Schlagen wird immer mehr zum Streicheln. Ich werde auch schwächer, halte dich dennoch. Alles rot und schmierig um uns herum. Mein Blut verschmilzt mit deinem. Ich kann die Augen nicht mehr offen halten, die Lieder drücken so. Ich höre sie kommen. Sie sind ganz nah. Sie kommen gleich herein. Ich kann nicht mehr, ich verliere mein Bewusstsein. Dunkelheit. Licht! Grelles Licht! Ein ständiges piepen neben mir. Was ist geschehen? Wo bin ich? Wo bist du? Ich sehe dich nicht. All diese Menschen um mich herum. Ich kenne sie gar nicht. Ärzte, Schwestern, Polizisten, was wollen all diese Leute? Wo bist du? Ich bin verstört. Der Polizist fängt an zu reden. „Ist alles in Ordnung? Wissen sie was passiert ist?“ Ich frage nur „Wo bist du?“ Er fragt: „Wer?“ Ich sage: „Was ist los? Eben lagst du noch in meinen Armen.“ Der Polizist: „Gestorben. Unser Scharfschütze wollte kein Risiko eingehen. Er war sehr präzise.“ Jetzt verstehe ich. Du bist in meinen Armen gestorben, aber dein Herzschlag hielt sich, bis ich mit vollem Bewusstsein bei dir war. Als ich Ohnmächtig wurde, bist du von mir gegangen, für immer. Meine Augen werden feucht, Tränen rollen von meinem Gesicht herunter. Immer mehr, mein Hemd wird nass, wie mein Shirt vom Blut. Es tut mir so Leid! Wieso habe ich die Rollläden hochgezogen? Das hätte nicht so enden müssen, hätte ich geahnt, was du vorhast. Du hast mich verletzt, damit sie es dir einfacher machen und dich erledigen. Die Tränen fließen, es tut  mir alles so Leid, es tut mir so schrecklich Leid!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.06.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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