Hier gibt es nicht nur ganz besondere Menschen, sondern auch ganz besondere Dinge.
Beispielsweise Sportarten, von denen im Allgäu oder im Ruhrgebiet noch nie jemand etwas gehört hat, die aber trotzdem unverschämt viel Spaß machen. Auf jeden Fall den Akteuren, und häufig auch ihren Zuschauern, je nach Verlauf der Veranstaltung.
Da wäre zum Beispiel Ringreiten: Voraussetzung ist, dass man sich auf einem Pferd einigermaßen aufrecht halten und dabei eine Stange balancieren kann, also erfordert das schon ein gewisses Geschick. Ziel ist es, mit dem Pferd eine Bahn entlang zu galoppieren und auf halber Strecke mit Hilfe einer Lanze (hat was von Ritterspielen) einen kleinen Ring zu treffen, etwa in der Größe der Ring-Pull-Blechringe, die auf den Fischkonserven thronen und beim Öffnungsversuch immer abbrechen. Die zweite Hälfte der Bahn dient dann zum Ausbremsen des Pferdes. Wer die meisten Ringe trifft, wird am Ende König und bekommt eine Kette mit Silbertalern um den Hals gehängt, und die Krönung der Majestät wird dann im Anschluss gebührend gefeiert. Das Zeremoniell wirkt auf die Zuschauer recht würdevoll, denn die Reiter werfen sich an den Tagen ihrer Wettbewerbe traditionsbewusst in Schale. Die Ringreitergruppen heißen „Gilde“, manche legen mehr Wert auf den sportlichen Aspekt der Reiterei (bei denen dürfen häufig sogar Frauen mit reiten), anderen geht es eher um die Tradition und – nicht zu vergessen – das Training der Standfestigkeit. Zu Übungszwecken werden dort zahlreiche Runden Korn gekippt, begleitet von kernigem Männergesang.
Zuschauen lohnt sich also auf jeden Fall und wird um so lustiger, je näher das Ende der Veranstaltung rückt.
Dann hätten wir noch die Sportart Boßeln. Das ist echter regionaler Spitzensport, obwohl wir uns nicht einbilden, dass es jemals olympische Disziplin wird.
Beim Boßeln geht es darum, eine Holzkugel mit einem beschwerten Kern (aufgrund hohen Gewichtes und guter Flugeigenschaften für anarchistische Einsätze geeignet, so was machen wir aber nicht) so weit wie möglich über den Sportplatz zu keulen. Während dieses Wurfs dreht der Sportler sich schwungvoll mit gestrecktem Arm um die eigene Achse. Das Geheimnis liegt darin, im richtigen Moment loszulassen. Ich persönlich habe es bis heute nicht herausgefunden und bin fürs Boßeln denkbar ungeeignet, da ich bestenfalls einen grabenden Maulwurf direkt vor meinen Füßen steinige.
Das wiederum ist kein allgemeingültiger Maßstab, ich bin einfach von Natur aus antisportlich.
Zurück zum Wesentlichen.
Es gibt also viele unterhaltsame Sportarten, und die richtig netten haben ein gemeinsames Kennzeichen: Man trifft, das ist erwiesen, sein Ziel besser nach der Betankung mit einer bestimmten Menge Zielwasser. Ernstzunehmende, ehrgeizige Sportler tanken notfalls nach dem Wettbewerb, man kann ja aufholen.
Bestandteil des geselligen Vereinslebens ist auch das alljährliche Vereinsfest. Dieses findet im örtlichen Gasthof statt, denn es gibt hier in jedem Ort eine Gaststätte, sozial gerecht verteilt sozusagen.
Der Kegelklub Nattelbeck feiert sein Fest immer Ende Januar im dortigen „Ulmenhof“ bei Dieter und Maren, deren Wirtschaft bekannt ist für besonders schmackhafte Aal-Satt- und Grünkohlessen. Außerdem sind die Pötte mit den Mischungen ziemlich preiswert, und Cola-Whisky oder Sprudel-Korn erfreut sich auf diesen Festen großer Beliebtheit. Nur falls Sie es suchen: Der Ulmenhof liegt an der Hauptstraße, Gaststätten liegen immer an der Hauptstraße oder an der Dorfstraße, der Name der Ortschaft spielt dabei keine Rolle.
Nun hatte der Kegelklub beim letzten Mal auch noch sein zwanzigjähriges Vereinsjubiläum, und das ist ja ein echter Anlass, aus der Sache eine besondere Party zu machen. Das muss sich auch Werner, der Kassenwart, gedacht haben, und zur besseren Vorbereitung beschäftigte er sich gleich zu Beginn des Abends mit einem der braunen Pötte. Gehen wir davon aus, dass es sich um Cola-Whisky gehandelt hat, mit richtiger Cola, denn Cola Light verabscheuen die Leute im Allgemeinen wie die Pest.
Er begann damit gegen acht Uhr, denn da beginnt so ein Fest eigentlich immer, und war auf jeden Fall um neun Uhr damit fertig, denn da haben Augenzeugen den leeren Pott gesehen. Dieses Verhalten nennt man bei uns „Druckbetankung.“
Dieter legte schon eifrig Platten auf, die Leute tanzten recht aktiv, obwohl der Gipfel der Fröhlichkeit normalerweise erst ab Mitternacht zu erwarten ist, und als nächstes wurden die jungen Damen der Jazztanzgruppe des TSV Nattelbeck erwartet. Wenn man schon Jubiläum feiert, dann will man ja auch etwas zeigen, und die Damen warteten schon in einheitlichen roten T-Shirts in einem Hinterzimmer auf ihren tanzenden Einsatz. Werner hatte von seinem Platz aus bereits bemerkt, dass sich nebenan irgendwelche jungen Frauen umkleideten, und somit war sein Interesse geweckt. Er zögerte eine Weile, aber dann konnte er einfach nicht mehr widerstehen. Nur einmal durch den Türschlitz linsen, dachte er voller diebischer Freude, und vielleicht einen nackten Busen sehen oder etwas anderes Anregendes...
Schwerfällig quälte er sich von seinem Stuhl hoch und hoffte, dass seine Tischnachbarn – insbesondere seine Gattin, die seit einer Stunde an einem Selterglas nuckelte und daher noch zu aufmerksamer Beobachtung in der Lage war – sein Verschwinden nicht weiter beachteten.
Zu seinem Leidwesen kämpfte Werner nicht nur mit den Blicken der anderen, sondern auch mit leise aufsteigender Übelkeit. Man hat es an einigen Tagen wirklich nicht leicht.
Langsam, ganz langsam schälte er sich also aus dem Stuhl – ach ja, das hatten wir ja schon – und machte ein paar vorsichtige Schritte. Beim dritten wurde ihm plötzlich ganz seltsam im Magenbereich. Hilfe suchend irrte sein gehetzter Blick durch den Saal – die Toiletten befanden sich (wie könnte es anders sein) auf der gegenüberliegenden Seite. Nun ist Werner ja ein Kegler, das gilt als Sport, und todesmutig setzte er zum Sprint an, quer durch den Saal, diagonal über den blanken Parkettboden der beleuchteten Tanzfläche. Interessiert folgten ihm die Blicke der anwesenden Gäste. Beim Hundertmeterlauf hätte er glatt eine Olympiamedaille gewonnen, das wäre doch nun ein echtes Argument gewesen. Leider war es nur ein Kurzstreckenlauf, und dieser endete genau in der Mitte unter der glitzernden Diskokugel, die den Saal mit tanzenden Lichtpunkten verschönte. Er stoppte abrupt, breitete seine Arme aus wie ein Adler und beugte sich nach vorne. Wissen Sie, wie ein Düngerstreuer im Einsatz aussieht?
Es war ein wirklich gelungener Vortrag, in seinen schwungvollen Entladungen befanden sich noch kleine Stückchen vom Abendessen, die die Stuhlreihen am Ende des Saales mühelos erreichten.
Dieter hat dann ein paar Minuten ganz langsame Musik gespielt und Maren im Saal aufgewischt, damit die Damen der Jazztanzgruppe nicht ausrutschten.
Das nächste Mal, dass man Werner wieder gesehen hat, war schon weit nach Mitternacht. Als die ersten nach Hause gingen, fanden Freunde ihn vor der Gaststätte im Rinnstein liegend, dort schlief er lächelnd und ließ sich von Dieters Hund das Gesicht abschlecken. Sie haben Werner zurück in den „Ulmenhof“ transportiert, obwohl er gar nicht gut roch, aber leider war der Erfolg nicht von Dauer. Als die nächsten Leute gingen, lag er in etwa der gleichen Haltung an exakt derselben Stelle. Auch der Hund war wieder da.
Nun könnte man das alles ziemlich unangenehm finden, allerdings erwischten die Gäste gegen zwei Uhr morgens Edith und Sandra auf dem Damenklo, wie sie auf dem Boden sitzend mit den Fingern eine Sahnetorte verzehrten. Die hatte Georg am Abend bei der Tombola gewonnen, und er war darüber ziemlich sauer. Und der Solistin der Jazztanzgruppe war mitten in der Darbietung der Büstenhalter geplatzt, in Anbetracht ihrer Konfektionsgröße eine bemerkenswerte Detonation. So betrachtet fiel Werners Entgleisung im Nachhinein nicht weiter ins Gewicht.
Und wenn man bedenkt, dass die Mitglieder des Kegelclubs ihr Jubiläumsfest bis heute als eine wirklich gelungene, dem Anlass angemessene Feier einstufen, dann hat Werners kleiner Ausrutscher dem Erfolg letztlich auch keinen Abbruch getan. Obwohl – erkältet war er schon, vom Kopfweh ganz zu schweigen. Aber zu einem anständigen Fest gehört schließlich auch ein ausgewachsener Kater, sonst hat es nichts getaugt.
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Birgit Wolf).
Der Beitrag wurde von Birgit Wolf auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.06.2007.
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