Hermann Josef Vollmer

Hassliebe

„Mein Name ist Reuter, Doris Reuter!“ begrüßte sie mich am frühen Morgen und lächelte mich an. Ein süßes und charmantes Lächeln, mit strahlenden hellblauen Augen, blondem schulterlangem Haar, mit einer lieblichen Stimme und zauberhaftem hessischen Akzent, höflich und zuvorkommend, aber distanziert. Sie war schlank und groß gewachsen, hatte eine sportliche Figur und sah trotz ihrer Arbeitskleidung beeindruckend aus. Sie war zur Fortbildung in unsere Stadt gekommen und wollte auf ungewisse Zeit bleiben, um danach wieder nach Griesheim, einem kleinen Ort im Rhein-Main-Gebiet zurück zukehren. Als sie mir das erzählte, fiel mir ein, dass ich diesen Ort auch kennen gelernt hatte und einen herrlichen Eindruck vom Marktplatz und der Wilhelm-Leuschner-Straße mit der strahlenden Blütenpracht in Erinnerung hatte.

In den nächsten Wochen lernte ich sie besser kennen, war überrascht von ihrem handwerklichen Talent, ihrer Genauigkeit und schnellen Auffassungsgabe. So wurde sie nach kurzer Zeit zu einer unserer wichtigsten Mitarbeiter, was auch unserem Chef nicht verborgen blieb. Nach einer Betriebsbesprechung meinte er so ganz nebenbei zu mir:
„Ach, Herr Vollmer, was ich Ihnen noch sagen wollte, in Ihrer Abteilung haben Sie eine attraktive und bemerkenswerte Mitarbeiterin, deren Tätigkeit in diesem Haus vielversprechend ist. Die Dame soll durch einen erfahrenen Meister in ihrer Fortbildung gefördert werden. Da sind Sie gerade der richtige! Also enttäuschen Sie mich nicht!“, meinte er lächelnd. Ich war überrascht! Es war sonst nicht seine Art seinen Meistern so konkrete Anweisungen zu geben. Normalerweise sprach er erst mit ihnen, debattierte oder diskutierte kurz und gab dann seine Anordnung. Doch dieser „Befehl“ musste befolgt werden, was mir gar nicht gefiel, den eine ähnliche Frau hatte schon mal mein Privatleben zerstört; den ich hatte sie geheiratet und wurde von ihr geschiedenen.

Dieser Typ von Frauen legt ein bemerkenswertes, gesundes Selbstvertrauen an den Tag. Wahrscheinlich ist es das, was sie so stark macht. Obwohl sie zu den emanzipiertesten Frauen gehört, ist sie eine treue und fürsorgliche Partnerin. Auf freiwilliger Basis natürlich! Denn das tatkräftige und optimistische Naturell versetzt diese überaus aktive und stürmische Dame durchaus in die Lage, mit den Härten des Lebens auch ohne männlichen Beistand fertig zu werden. Wer solch eine Frau unterschätzt, ist selber Schuld. Mit ihr kann man die berühmten Pferde stehlen und durch dick und dünn gehen, aber man kann auch manch blaues Wunder erleben. Zum Beispiel dann, wenn ein Partner diese selbstbewusste und eigenwillige Dame zu steuern und zu lenken versucht. Nur das nicht! Denn dann sieht sie rot! Aber sie braucht die Erfahrung, auch wenn es mal Beulen gibt. Wenn sie liebt, dann möchte sie gern - trotz aller Eigenständigkeit und persönlicher Stärke - zu Ihrem Partner aufblicken können. So hat es die Männerwelt nicht leicht, jedenfalls nicht auf Dauer. Man sollte ein "ganzer Mann" sein, zugleich aber auch ein wenig nachgiebig und anpassungsfähig.
Und das wird mein Fehler sein, denn mit Verboten, Vorwürfe und Kritik ist bei mir nichts zu erreichen, aber mit weiblichem Geschick, Liebenswürdigkeit und Gefühl werde ich weich wie Butter. Zieh ich mit einer solchen Frau an einem Strang, so können wir ein abwechslungsreiches und abenteuerliches Leben führen. Wir würden uns ergänzen: im Alltag, bei leidenschaftlicher Liebe, aber auch in ruhigen Stunden vor dem heimischen Kamin oder auf abenteuerlichen Reisen.

Als kurzes Resumé : Mein Herz sagte „Ja“ und mein Verstand „Nein“ und ich hatte regelrecht, durch meine schlechte Erfahrung, eine Antisympathie ob im Privat- oder Berufsleben zu diesen weiblichen Wesen. Bevor mein Herz mich beeinflussen und ich Sympathien entwickeln konnte, baute mein Verstand - teilweise unterbewusst - ein „Mauer“ zwischen diesen Frauen und mir. Ich will nicht ihnen die Schuld geben! Es war und ist ganz alleine meine Schuld, meine Reaktion oder meine Abwehrmaßnahme. Trotz aller Vorsicht bemerkte ich immer wieder, meisten dann wenn es zu spät ist, das mein Herz schon wieder Einfluss auf mich genommen hatte oder nahm.

Die Mauer hatte sich schon nach wenigen Tagen gegen die neue Mitarbeiterin gestaltet. Es war in kurzer Zeit durch den Betrieb, das Frau Reuter und ich nur das Notwendigste miteinander sprachen, sie natürlich mit Schimpf und Schande am mir nicht sparte und auch jede Gelegenheit wahrnahm diese zu verbreiten. Was mir eigentlich nichts aus macht, da sie meinen wenigen Anweisungen folgte, meine Autorität im Betrieb nicht gefährdet war und auch die Mitarbeiter die launenhafte Diva mittlerweile kennen gelernt hatten. Ihre Meinung bezog sich auch nur auf meine persönliche Art und Weise. Es war keine Kritik an meiner Arbeit oder an der Leitung des Betriebes. Im Gegenteil: diese imponierte ihr sogar. Nur unserem Chef ging es gegen den Strich und er bestellte mich zu sich ins Büro:
„Wir sind beide Personen die kein Blatt vor dem Mund nehmen“, begann er, „und darum komme ich direkt zur Sache. Ihr schlechtes persönliches Verhältnis zu Frau Reuter ist betriebsbekannt, beruht wohl auch auf Gegenseitigkeit, könnte aber auf Dauer dem Betriebsklima schaden. Das muss sich ändern! Sie sollen sie ja nicht heirateten!“ zog er das Thema ins lächerliche und meinte dann ernsthaft:
„Sie haben Schwierigkeit mit der emanzipierten Dame, aber da gebe ich Ihnen die Hauptschuld. Sie lassen sie auch gegen die Wand fahren, wohl nicht in betrieblicher Hinsicht, aber sonst in jeglicher Art.“
„Ich unterscheide berufliches von privatem eindeutig auf der Arbeit“, antwortete ich ihm. „Das ist auch richtig!  Aber auf beruflicher Ebene sollten Sie mehr Kollegialität beweisen. Sie verstehen mich! “ sagte er, stand auf und reichte mir die Hand, was eine Beendigung des Gesprächs darstellte.
„Ich werd´ es versuchen! Aber ich kann keine Garantie übernehmen“, erwiderte ich ihm und verließ das Büro.
Das war mal wieder typisch für mich; bloß kein Zentimeter nachgeben. Dabei hatte er recht! Ich war es, der die betriebliche Situation hervorgerufen hat und das noch aus privaten Gründen. Also entschloss ich mich etwas für die allgemeine Stimmung zutun und etwas entgegenkommender zu sein. Sogar eine Entschuldigung zog ich in betracht, doch lies ich den Gedanken schell wieder fallen, weil sie es nicht verstehen - und eventuell nach einer Begründung meines Verhaltens forschen würde. Der Zufall war es, der mir die Gelegenheit bot, mich auf eine Art der Aussöhnung zu begeben. Einer unserer Mitarbeiter hatte im März Geburtstag und da ich das Sternzeichen von Frau Reuter kannte, fragte ich sie:
„Sie sind Widder! Dann müssten Sie doch auch bald Geburtstag haben?“                         
„Ja!“, sagte sie lächelnd und fügte hinzu: „Am ersten April!“                                           
„Das ist der nächste Sonntag!“ erwiderte ich ihr. „Da kann ich Ihnen nicht persönlich gratulieren, weil keiner von uns beiden arbeitet.“                                                                       
Sie lächelte höflich und zuckte nur mit der Achsel. Aber wofür gibt es den die altmodische Post?, dachte ich mir und sendete ihr eine Geburtstagskarte im neutralen Briefkuvert an die Firmenadresse.  An dem Tag vor ihrem Geburtstag, also Samstagmorgen,  war ich in der Firma um einige Sachen aufzuarbeiten. Auch Frau Reuter erschien für einen kurzen Moment, wollte gerade den Betrieb verlassen, als unsere Sekretärin in den Raum stürmte und ihr meinen Brief gab:
„Der ist für Dich, Doris!“ meinte sie und verschwand wieder.
Frau Reuter war überrascht, laß den Brief und kam verlegen zu mir und meinte beglückt:
„Danke Ihnen, Herr Vollmer! Hierfür!“ und zeigte auf die Geburtstagskarte. In welch ein schönes Antlitz schaute ich; die Freude war ihr buchstäblich ins Gesicht geschrieben, ihre blauen Augen funkelten wie Sterne und ihr Lächeln war so verführerisch, das ich am liebsten von meinem Arbeitsplatz aufgesprungen wäre und sie gefühlvoll an mich gedrückt hätte. Doch reagierte ich ganz anders; etwas verärgert und sagte ihr:
„Den Brief hätten Sie heut´ noch gar nicht bekommen sollen. Der war erst für Montag vorgesehen!“
„Das macht doch nichts!“ meinte sie behutsam und ich dachte nur, wenn ihre lieblichen Blicke töten könnten, dann wäre ich wohl auf der Stelle gestorben, den diesem Anblick konnte kein Mann widerstehen. Trotzdem äußerte ich mich fast schroff und gab nur eine lapidare Antwort:
 „Bitte schön!“
 Sie wünschte mir einen schönen Sonntag und verließ den Betrieb. Oh, wie ärgerte ich mich über mein Verhalten; über meinen Starrsinn, meine Dummheit und meinen Stolz. Das Schicksal gibt mir eine solche Chance und ich nutzte nicht die Gunst des Augenblicks. Alles hatte ich klären können! Jedes Missverständnis wäre beseitigt worden... Ich konnte mich selbst Ohrfeigen, trat mit dem Fuß gegen meinen Arbeitsstuhl und schrie vor Schmerz und  Wut:
„Du Esel! Du saudummer Esel!“ 
In mir tobte ein Kampf, ein Gefecht zwischen Herz und Verstand, Hass gegen Liebe. Aber keiner konnte siegen. Es war Hassliebe.
Ich sank ermattet in mich zusammen und brauchte einige Minuten der Besinnung und Ruhe.

Die nächsten Arbeitstage vergingen ohne nennenswerte Ereignisse. Bis zu jenem Morgen im Wonnemonat Mai. Es war ein schöner heißer Frühlingstag, eigentlich viel zu schön um zu arbeiten, als Frau Reuter mit einigen Papieren zu mir kam:
„Herr Vollmer! Ich habe einen Kundenauftrag in Düsseldorf und da Sie keinen Termin heut´ Morgen haben, sollen Sie mich beleiten.“
Ich muss wohl sehr überrascht ausgeschaut haben, denn sie fügte, fast entschuldigend hinzu:
„Die Anweisung kommt vom Chef!“

Auf der Fahrt führten wir ein angenehmes Gespräch und als sie das Firmenfahrzeug über die Rheinkniebrücke zur Innenstadt steuert, hatte ich meine Abneigung mit ihr zu fahren vergessen und empfand den kleinen „Betriebausflug“ als recht angenehm. Den Auftrag erledigte sie zur Zufriedenheit des Kunden und ihre Arbeit imponierte mir. Gegen zwölf Uhr begaben wir uns auf den Rückweg und ich schlug vor, bei dem schönen Wetter die Mittagspause am Rhein abzuhalten, womit sie einverstanden war.
Hinter der Düsseldorfer- Neußer Brücke liegt die Rheinallee, von der aus wir nach wenigen Metern zu den Rheinauen gelangten.
„Es ist eine schöne Gegen hier“, meinte sie. „Sie erinnert mich an meine Schulzeit, da hat sich unsere Klasse zum Kunstunterricht auf den Wiesen am Rhein versammelt und Aquarelle gemalt.“ 
Ja, sie hatte recht! Ein wunderschönes natürliches Panorama lag vor uns; der große Fluss, eingebunden in saftiggrüner Wiese auf der einige Laubbäume ihr Blätter im Wind baumeln ließen. Wie an einer Perlenkette reihten sich farbenprächtige Frachtschiffe aneinander, die ihre Ladung über die Wasserstraße zu ihrem Ziel brachten. Über alldem ragte majestätisch der grandiose Bau der Rheinbrücke, über die rastlos der innerstädtische Autoverkehr fuhr. Aus der Hektik des Alltag entflohen, ruhten wir nebeneinander sitzend am Wiesengrund. Ich hätte noch stundenlang neben ihr sitzen können, um sie einfach nur mit fantasievollen Gedanken zu betrachten. Meine Zuneigung zu ihr ist etwa vergleichbar mit einer prächtigen Praline: Ich sehne mich nach ihr, ich vermisse sie, ihre beruhigende Aura und ihren betörenden Duft. Ich kann mich meist nicht lange zurückhalten und mache ich mich über sie her. Ich habe sie sprichwörtlich zum Fressen gern und wenn ich sie vernascht habe, macht sich in mir ein Glücksgefühl breit und zufrieden kuschele ich mich an.

Oh, wie liebe ich sie!

Aber jetzt beginnt ihr Rachefeldzug! Der Gegenschlag ist unausweichlich! Die Rachsucht beginnt still und heimlich und befällt meinen egoistischen Körper. Sie sendet ihre „Liebesfeile“ aus, entsendet Armeen von Kohlenhydraten in den Stoffwechselkreislauf: zum Herz, zur Leber, zum  Darm und in die Muskulatur.  Besonders der Bauch, der Po und die Oberschenkeln erfreuen sich ihrer „Liebkosung“. Eine Horde von Hautunreinheiten baut ihre Pickel- und Mitesserschlösser in meinem Gesicht und es wird eine Weile dauern, bis ich alle Invasoren vertrieben habe. So steht mein Entschluss fest: Nie mehr werde ich sie anfassen.

Oh, wie hasse ich sie!

Frau Reuter strich sich sacht über das schimmernde blonde Haar und ihre Schönheit wird mit der sagenhaften Loreley vergleichbar gewesen sein, die unzählige Männerherzen höher schlagen ließ – Aber nein, ich wollte doch nicht wieder an sie denken!

Ein paar Wochen danach hatte ich Sommerurlaub und als ich gut erholt aus den Ferien wieder zu meinem Arbeitsplatz zurückkehrte, wurde mir mitgeteilt, dass Frau Reuter die Firma verlassen hatte. Ich weis nicht warum, aber es war für mich ein Schock. Ich lies ihre Zeit im Betrieb Revue passieren und stellte fest, dass ich sie sehr vermissen werde, denn auch der Hass hat etwas mit Gefühlen zu tun. Wo keine Liebe ist, kann auch kein Hass entstehen.

Ob sie wohl weiß, wie sehr ich sie liebe?
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.06.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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