Kristina Korus

Willkommen

"Sonne!"
Jubelnd hüpfte sie durch's Zimmer.
"Schau mal," wollte sie seinen Blick auf das Fenster ziehen, "Sonne!"
Mal wieder war er bei ihr eingekehrt und trocknete sich nun die Haare, weil es draußen schüttete wie aus 34.932 Badewannen.
"Du bist ja verrückt", meinte er, "es regnet doch!"
"Klar, aber hinter den Wolken ist doch die Sonne," entgegnete sie starrköpfig.
"Schön."
Mit seinem typischen Blick eines Schalks schmiss er das Handtuch auf den Tisch.
"Dann lass uns rausgehen und in den Wolken nach der Sonne graben!"

Der reißende Strom, der sich noch vor 10 Minuten vom Himmel ergossen hatte, war nun ein leise plätscherndes Rinnsal, angenehm kühl im heißen Juli.
So liefen sie durch die Straßen, Hand in Hand, ihre Münder weit offen um Regentropfen zu fangen. Dann kamen sie an den See und beobachteten, unter der alten Eiche sitzend, wie die Tropfen ihre feinen Kreise auf der Wasseroberfläche zogen und wie diese sich ineinander verwoben. Sie retteten eine Hummel vor dem sicheren Ertrinken und bemerkten nicht, wie die Zeit verging.
Irgendwann, als es schon dämmerte, nahm er sie bei der Hand und führte sie nach Hause.
Auf dem Weg dorthin, mussten sie über den Marktplatz laufen, beide pitschnass. Die Leute, die trotz des immer noch anhaltenden Regens noch unterwegs waren, staunten nicht schlecht.
Mitten auf dem Marktplatz stand der alte Brunnen. Der Wasserspeiher in der Mitte sah im spröden Licht der Laternen geheimnisvoll lebendig aus. Sie blieb stehen und schaute ihn staunend an. Dann zeigte sie mit dem Finger drauf und öffnete den Mund um etwas zu sagen.
Doch er kam ihr zuvor - und ehe sie es sich versah, war jede Möglichkeit zu sprechen in seinen Lippen verschwunden. Erstaunt und verdattert stand sie nun da und wusste sich nicht anders zu helfen, als einfach in seine Arme zu sinken und ihn in ihrem Reich willkommen zu heißen.
Ihr war als würde jemand einen Vorhang um sie und ihn herumziehen und zumachen. Eine Welt entstand, die nur aus ihr und ihm bestand, in die kein Eindringling reinkommen würde, und kein Blick von den Vorübergehenden. Es störte sie nicht, dass ihr Kleid die Knie entblößte.
Niemals hatte sie etwas schöneres erlebt, nie war sie so selig versunken.
Als sie sich lösten, war ihr Haar zerwühlt. Im Licht der Lampen erschien es ihm wie ein Heiligenschein. Sie war ihm das Heiligste.
Der Regen hörte auf.
Ein letzter Tropfen platschte auf das Marktplatzpflaster, und besprenktelte ihre Fußknöchel.
Der geblümte Vorhang umhüllte sie noch immer, als sie den Weg zu ihr nach Hause fortsetzten.
Nichts bekam sie mit von dem, was um sie herum passierte. Zu glücklich war sie, um sich die griesgrämigen Gesichter der Anderen anzuschauen.
Doch durch den Vorhang hindurch blitzte der Blick des Wasserspeihers, der ihr verschmitzt zuzwinkerte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.09.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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