Kerstin Langenbach

ER ... (Kapitel 1 und 2)

 
Kapitel 1
 
 
Lucy wischt sich den Schweiß von der Stirn. Ihre Hände zittern, aber nur ein bisschen. Das muss der Stress sein, ich arbeite einfach zu viel, beruhigt sie sich, obgleich sie genau weiß, dass es aus anderen Gründen dazu kam.
Sie schaut auf die Uhr, noch zehn Minuten dann ist ihre heutige Schicht beendet.
Lucy nimmt sich fest vor, es heute nicht zu tun. Sie will stark sein, widerstehen und einen ganz normalen Abend verbringen, vielleicht ins Kino gehen oder einfach nur ein Buch zur Hand nehmen und dann morgen wach und ausgeruht zum alltäglichen Spätdienst antreten. Doch sie spürt ihre trockene Kehle und wie ihr, in Gedanken an den allabendlichen Exzess, das Wasser im Mund zusammen läuft, um ihre trockene Kehle vorweg zu ölen, für das, was danach wie schon seit geraumer Zeit zuvor noch folgen will.
Sie versucht sich die letzten Minuten noch auf ihre Arbeit zu konzentrieren.
Der Chef der Wäscherei, in der sie arbeitet, würde ihr sofort, abgesehen von einer Standpauke, zusätzlich noch ihr Gehalt kürzen, wenn er in den gemangelten Wäschestücken nur die kleinste Falte oder einen Fleck zu Gesicht bekäme.
Endlich, der kreischende Summer ertönt und für heute kann Lucy Abstand von dem ihr
so verhassten Job nehmen. Sie zieht sich schnell um, nimmt ihre Handtasche und öffnet die Tür.
Die Sonne ist bereits untergegangen und kühle, klare Luft schlägt ihr entgegen. Sie atmet tief ein und ihren Körper durchströmt ein Frösteln.
 
So, und jetzt ab nach Hause, sagt sie leise und versucht ihr übliches Handeln zu ignorieren. Ich brauch das nicht, ich will das nicht! Doch ihr Verlangen wird sie auch heute wieder dorthin führen, wo sie das bekommt, was ihre Seele zu brauchen scheint.
Ich schaff es einfach nicht. Mein Gott, bin ich schwach!
Nervös und mit zittrigen Händen zündet sie sich eine Zigarette an. Sie nimmt ein paar Züge und kommt etwas zur Ruhe.Ach, was sollìs, morgen ist auch noch ein Tag !
Mit bestimmten Schritten macht sie sich also auch heute wieder wie üblich auf den Weg zu dem kleinen Lebensmittelhändler zwei Straßen weiter, um sich dort von ihrem geringen Monatsgehalt, wie jeden Abend, ihre zwei Flaschen billigen Wein und eine Tüte Chips zu kaufen. Und auch heute wird sie wieder etwas verschämt und mit leicht gesenkten Blick bezahlen und den Laden wieder verlassen.
 
Sie öffnet die Tür zu ihrer kleinen Wohnung, die sie genauso erwartet, wie sie sie am Morgen zuvor hinterließ. Lucy seufzt leise.Und wieder diese Stille, Totenstille und Einsamkeit die sie begrüßt und ihren Schmerz immer wieder aufìs Neue schürt.
Auf dem Tisch im Wohnzimmer befinden sich immer noch die Flaschen des Vorabends. Lucy nimmt sie, geht in die Küche und verstaut sie in der Speisekammer neben dem Kühlschrank. Dann nimmt sie sich einen gelben Plastikbecher. Es kommt nicht darauf an woraus man trinkt, sondern was man trinkt, murmelt sie leise vor sich hin.
Mit einem sarkastischen Grinsen setzt sie sich hin und entkorkt die erste Flasche. Na dann, Lucy, wohl bekomms!
Den ersten Becher trinkt sie für gewöhnlich auf ex, dann knallt es schneller, weiß sie aus ihrer eigenen Erfahrung.
Die erste Flasche ist schnell geleert und langsam beginnen ihre Gedanken wieder zu schwimmen und im Selbstmitleid und Hass aufzuleben, weil sie ihr Leben bis zum Tode verflucht. Sie hat die Augen geschlossen und genießt dieses Spüren von Leid und Schmerz, was sie sich im nüchternen Zustand sonst nicht zugestehen kann.Sie lässt ihren Tränen freien Lauf und ihre ganze Qual im Weinen laut werden.
Wie in Trance wird auch die zweite Flasche geköpft. Sie ist sich im Klaren darüber, dass sie hierdurch noch in tiefere Gefilde ihrer Selbst herabsinken wird, aber wer sich hasst, der quält sich gern, sagt sie sich.

Kapitel 2

Die letzten Tage hatte sie während dieser Phase mehrfach Visionen gehabt, für die sie im realen Zustand keine Zuordnung, geschweige denn eine Erklärung hat.
Auch jetzt ist sie wieder in der Lage Dinge zu sehen, wahr zu nehmen, die sonst mehr im Verborgenen, Versteckten verweilen, weil sie sich Realisten nur schwerlich zum Ausdruck bringen könnten.
Im Geheimen erhofft sie sich, wieder dorthin zu gelangen wo unerklärliche Dinge für sie irgendwie erklärlich und wohltuend erscheinen.
Sie sah ihn bereits seit einigen Tagen,, beobachtete ihn, fühlte ihn als real und doch ist er ihr am Tage nur verzerrt bekannt.
Sie, die so einsam ist, keinen Funken Liebe in sich tragen will und sich dies Gefühl von Geilheit verbietet, vernimmt ihn doch, der sie anzieht, wenn auch nicht wirklich greifbar, vielleicht sogar manipuliert, um eines Tages in ihre Wärme einzudringen, die sie für sich schon lang unterdrückt, verneint.
Irgendwas bringt sie dazu ihre Augen zu öffnen. Mit schweren Lidern schaut sie sich um.Irgendwie spürt sie auch heute wieder seine Anwesenheit.
Nein, sie ist nicht allein und heute will sie ihren Mut zusammen nehmen, um, wie auch immer, mit ihm in Kontakt zu treten.
Sie fühlt ein Zucken in ihrem Schoß. Es ist so wohlig und voller Verlangen.
Verlangen nach dem, der sich ihr unwiderruflich seit einigen Nächten schemenhaft zeigt.
Sie spürt ihn , will ihn und sein Fleisch mit sich vereinen.
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.06.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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