Rainer Tiemann

Zwei Mann in einem Bett

Wer kennt es nicht, eines der meistgelesenen Bücher der Weltliteratur von Jerome K. Jerome "Drei Mann in einem Boot"? Der Reiz dieses Buches liegt in den unwahrscheinlichen, heiteren Anekdoten, die drei Männer auf der Themse bei London erlebten.

Daran musste auch R im Nachhinein prompt denken, als er mit F ein kleines Bett teilen musste, um nicht die ganze kühl-feuchte Septembernacht draußen in der Nähe von London zu verbringen. Aber der Reihe nach:

Eine wichtige Geschäftsreise führte R nach London, oder besser gesagt, nach Richmond, in den Südwesten der englischen Hauptstadt. Es waren gefühlte Temperaturen wie im Winter. Dazu kam neben der eisigen Kälte noch neblige Londoner Feuchtigkeit. Gegen 23 Uhr checkten R und sein Vorgesetzter F im erstklassigen "Richmond Hill Hotel" ein, ein schönes Hotel unweit der Themse und in der Nähe des morgigen, frühen Meetings.

Beim Check-in trat jedoch das erste Problem auf. Nach langem Hin und Her stellte man fest, dass die Zimmer erst ab dem nächsten Tage für R und F gebucht seien. Ein Fehler des Sekretariates? Wahrscheinlich.

Mittlerweile tickte die Uhr gegen Mitternacht. In Richmond selbst waren keine Hotelzimmer mehr für eine Nacht zu bekommen. In London schien es ebenso schwierig zu sein. Verschiedene Ausstellungen im Messemonat September sorgten für Vollbelegung in praktisch allen Hotels. Was also tun? Die Uhrzeiger liefen und liefen...

Schließlich kamen die "Good News" von der reizenden, hilfreichen Dame an der Rezeption, die schon minutenlang nach einem Hotelzimmer-Ausweg für uns suchte. "Ein Zimmer für 100 Pfund Sterling inklusive englisches Frühstück, nur knapp fünf Gehminuten von hier entfernt. Der Pferdefuß: Ein Einzelzimmer mit Waschgelegenheit, kein Bad, keine Dusche."

Die Zeit rannte weiter. Eine Entscheidung war unumgänglich; denn mittlerweile mochte es wohl 0,30 Uhr geworden sein. Und die so wichtige Konferenz stand um 9,30 Uhr auf der Agenda. Hier in Richmond, nur etwa 200 Meter vom Hotel entfernt. R bekniete daher F und man war sich einig. Für knapp sechs Stunden würde es wohl gehen, zwei Mann in einem Bett. Damit wäre das zweite Problem weitestgehend gelöst.

Eine freundliche, etwa sechzig Jahre alte Engländerin mit rosa Morgenmantel, rosa Hausschuhen und gleichfarbigen Lockenwicklern öffnete uns nach wenigen Minuten unser Stunden-Domizil. Alles, aber auch alles war rosa. Das Bett war rosa bezogen, die Vorhänge des Fensters passten sich harmonisch diesem Traum in Rosa an. Nur das kleine Waschbecken leuchtete als weißes Porzellan-Element aus der heimeligen rosafarbigen Welt wie ein Fremdkörper heraus. Nach dem Wunsch für eine gute Nacht verabschiedete die Dame sich von R und F. Zwei Männer waren allein.

"Sagen Sie mal", fragte der 1,63 Meter große, streng katholische F seinen engsten Mitarbeiter R, der immerhin 1,85 Meter groß war, "haben Sie eigentlich einen Schlafanzug dabei?" R entgegnete: "Na klar, warum?" Daraufhin erklärte F, dass er grundsätzlich nackt schlafe. Aber was jetzt tun? Also bot R seinem Chef an, dass er seine eigene Schlafanzugshose anließe und F logischerweise dann das Oberteil bekäme. So musste ein Schlafanzug für zwei taugen. Wegen der Größenunterschiede eben. Und damit der Kleinere nicht über die längeren Hosenbeine stolpere.

Das Bett mochte vielleicht 90 Zentimeter breit und etwa 1,90 Meter lang sein. Problem Nr. 3: Wie sollte man sich betten? Einer mit dem Kopf auf dem Kopfkissen, der andere mit dem Kopf zum Fußende hin? Man würde sehen.

Zunächst ging es ans Zähneputzen und Waschen, nicht leicht bei der Größe des Waschbeckens! Nachdem R fertig war, bat der ältere F doch das Licht zu löschen und erst wieder anzumachen, wenn er fertig sei. Er könne sich sonst nicht waschen. Gesagt - getan. Nach dieser Prozedur - es mochte mittlerweile 1,30 Uhr geworden sein - einigte man sich darauf, nebeneinander zu schlafen. Der Schlaf jedoch wollte sich nicht einstellen. Noch heute streiten beide darüber, ob die Kunstfaserbettdecke aus Nylon oder Perlon - ebenso wie die Vorhänge - war. Nur eines blieb in Erinnerung: Niemals im Leben hatten sie so transpiriert wie in diesem warmen, rosa Bettchen.

Nur eines entschädigte: Das beste englische Frühstück am nächsten Morgen. Was sollte bei der Morgenkonferenz jetzt noch schief gehen, fragten sie sich? Und die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Der so sehr erhoffte Geschäftsabschluss wurde getätigt.

Dieses so wichtige Geschäft wurde später immer in Verbindung gebracht mit den zwei Männern in einem rosa Bett.

Hätte dies nicht auch Jerome K. Jerome schreiben können?


RT 2007

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.06.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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