Es ist Sonntag.
Der Tag, an dem Menschen ausschlafen, im Wald spazieren gehen, vor der Glotze Eis mit heißen Himbeeren schlabbern oder Oma und Opa ins Auto laden und mit 70 km/h über die Landstraße eiern, denn man muss ja mal raus.
Oder sie tun das, was alle neunjährigen Jungen am Sonntag tun: Fußball spielen.
Und es versteht sich von selbst, dass eine anständige Mama keines dieser sensationellen Spiele verpasst. Das käme für uns Mamas auch gar nicht in Betracht, denn es ist mörderisch spannend, hin und wieder bewegen wir uns am Rande des kollektiven Herzinfarkts, wenn unsere Sprösslinge ein hauchdünnes Unentschieden über die Restspielzeit quälen.
Vorletztes Wochenende war es wieder mal bedrohlich knapp, ich hatte eine Gesichtsfarbe wie eine überreife Tomate dabei. Und hinterher, als sich die Mannschaften dann artig aufstellten, sagte der Schiedsrichter: „Ich bedanke mich bei Euch für das faire, sportliche Spiel, das war wirklich toll. Nur die Eltern waren ein bisschen laut.“
Am vergangenen Sonntag ging es nun richtig um die Wurst: Morgens gegen halb neun pressten wir uns in die Autos der fahrbereiten Mütter und machten uns auf den Weg zu unserer ersten Teilnahme an einer Kreismeisterschaft. Na ja, also, zur Ausscheidung um die Teilnahme an derselben. Ein ernst zu nehmendes Turnier, mein Großer war – dem Anlass angemessen - äußerst aufgeregt und textete uns im Auto derart zu, dass ich eine Blase am Ohr wachsen fühlte.
Die erste Stunde verlief zunächst ganz freundlich, unser schlagkräftiges Team konnte sogar ein Spiel gewinnen, das war schon beachtlich. Allerdings wurden wir auf den schmalen Zuschauerbänken recht unbequem zusammengepresst, denn in dem schmalen Gang, der zum Hin- und Herlaufen angelegt war, hatten die geschäftstüchtigen Veranstalter einen Verkaufsstand aufgebaut. Also, sagen wir, sie hatten zwei Tische quer gestellt und boten Wurstbrötchen und Schokoriegel an, man kam auf diese Weise nicht an dem attraktiven Angebot vorbei. Und so ein Sportverein soll ja auch von irgendwas leben. Die Folge der Blockade war, dass alle Kinder, die gerade nicht spielten (und das waren viele. Viele!), zwischen uns über die Bänke turnten. Man kann durchaus damit leben, dass einem kleine Jungs auf die Füße treten, ins Genick fallen oder sich auf unseren breiten Schultern abstützen, um zwischen uns durch zu hüpfen. Auch ist es nicht weiter tragisch, dass trotz verzweifelten Festhaltens mein Kaffeebecher schon in der ersten Minute auf dem Rücken lag. Ist ja sowieso nicht gesund, das Zeug.
Aber es gibt etwas, das macht Zuschauer gereizt, ja, geradezu gefährlich aggressiv: Ein mieser Schiedsrichter.
Im dritten Spiel fiel er uns deutlich unangenehm auf. Ein junger Mann in weiten Jeans und Karohemd lehnte gelangweilt mit dem Rücken an der Wand, etwa in der Mitte der Halle, gelegentlich wechselte er ein paar Worte mit einem anderen Kerl im Trainingsanzug, der in der Nähe stand. Wir wären gar nicht auf die Idee gekommen, dass es sich hier um den Schiedsrichter handeln könnte, wäre da nicht dieses blanke Ding in seiner Hand gewesen. Eine Pfeife. Genau genommen gleich zwei Pfeifen, eine große und eine kleine.
Der Unparteiische machte keinerlei Anstalten, dem Spielgeschehen zu folgen, geschweige denn sich auf Höhe des Balls zu begeben. Wozu? Richtig interessant wurde es dann, als ein Tor fiel. Plötzlich bewegte er sich, hob einen Arm und schlich sehr gemächlich in Richtung Strafraum. „Das Tor zählt nicht“, erklärte er lapidar. „Ich hatte schon gepfiffen.“
Gepfiffen? Wann? War das blanke Ding schon mal weiter oben als auf Hüfthöhe???
Versteinerte Gesichter, hängende Unterlippen und geballte Kinderfäuste um ihn herum.
Wir wurden lauter. „Eh, Schiri, bist Du nicht dicht oder was?“ brüllte Lene neben mir. Er schien es nicht zu hören. Nach einer Gedenkminute ging der kompetente Mann ein paar große Schritte nach hinten, drehte sich wieder zurück und entschied: Freistoß.
Ah ja. Wofür? Warum? Das sind die Fragen nach dem Sinn des Lebens. Wir haben diesen seltsam anmutenden Entschluss nicht verstanden, aber uns wieder auf die harten Bänke fallen lassen, sozusagen in Erkenntnis unserer elterlichen Ohnmacht. Sylvie hinter mir kicherte hysterisch, und Lene zeterte wie eine aufgebrachte italienische Waschfrau.
Während dessen lehnte der Schiedsrichter wieder an der Wand und ließ den Rest des Spiels gelangweilt an sich vorüber ziehen. Zwischendurch drehte er sich mal eine Weile um und debattierte mit einem Kollegen durch eine Glastür. „Schiri, dreh‘ dich gefälligst um!“ Lenes Stimme überschlug sich.
Kopfschüttelnd beobachtete ich das merkwürdige Geschehen. Was für eine Sauerei, dachte ich, der gibt sich kein bisschen Mühe. Es sind ja auch NUR Kinder.
Unsere Jungs erreichten einige Minuten später mühsam kletternd und unter Einsatz sämtlicher körperlichen Fähigkeiten unsere Sitzplätze, enttäuscht und am Ende ihrer Nerven. Natürlich kostet so etwas neben dem erforderlichen Trost auch mindestens einen Schokoriegel oder eine Handvoll Chips.
„Wenn der unser nächstes Spiel pfeifen soll“, erklärte unser Bundestrainer, dessen Blutgefäße an den Schläfen gefährlich pochten, „dann treten wir nicht an. Nein. Nein, das machen wir nicht.“
Es blieb uns nicht erspart – schon wegen der schwierigen räumlichen Verhältnisse – den weiteren Verlauf des denkwürdigen Turniers mit anzusehen, und gerechterweise muss man zugeben, dass die Entscheidungen des Unparteiischen in allen Spielen gleichermaßen unlogisch ausfielen. Vielleicht war der Mann ja zum ersten Mal zum Fußball, hatte tatsächlich akute Sehstörungen und motorische Probleme, oder möglicherweise hatte er morgens eine Katze angefahren und stand noch völlig neben sich. Manche Dinge bleiben für immer im Dunkeln.
Am frühen Nachmittag hatte das Drama schließlich ein Ende. Unsere hoch motivierte F-Jugend war leider nicht für die Endrunde qualifiziert, und unter anderen Umständen hätte diese bittere Pille noch einen Umweg zu McDonald’s gekostet. Aber glücklicherweise hatten wir ja einen Sündenbock der Sonderklasse, und so pressten wir uns wieder in unsere Fahrzeuge und fuhren Witze reißend nach Hause. Unterwegs habe ich dann noch so ein paar Autos überholt, in denen vier Leute saßen, davon mindestens zwei mit Hut, und die bei 70 Sachen zufrieden aus den Fenstern guckten. Das, überlegte ich mir, sollte ich auch mal probieren am nächsten Sonntag. Aber vermutlich wird es daran scheitern, dass ich nicht weiß, in welchem Gang ich kontinuierlich 70 fahren soll, ohne dass mein PKW hopst wie ein Karnickel.
Gut, dass man abends noch die Sportschau gucken und dabei ungestraft über den Schiedsrichter pöbeln kann.