Enno Ahrens

Beliebiges über unsere Sprache

Ein Sprachsystem einer Epoche ist auch immer geprägt durch ihre Kultur. Umgekehrt kann ein Sprachsystem aber auch die Kultur beeinflussen. So geschehen im 4. Jahrhundert, als Wulfila, der dem germanischen Stamm der Goten angehörte und Bischof der oströmischen Kirche war, die Bibel vom Griechischen ins Gotische übersetzte und so das älteste überlieferte germanische Schriftstück entstand.

Nur wenige Goten beherrschten zu jener Zeit Griechisch und Latein. Die Sprache der Goten entsprach ihrer konkreten, handfesten Lebensweise und bezog sich hauptsächlich auf Nahrung, Wohnstatt, Kleidung, Jagd und Kampf. Für die moralischen und abstrakten Werte der Bibel reichte ihr Wortschatz nicht aus, im Gegensatz zu dem der Griechen, die damals schon in einer Hochkultur lebten. So mussten neue Worte her und Wulfila bediente sich der Lehnübersetzung, d. h., er zerlegte den zusammengesetzten, abstrakten Begriff des griechischen oder lateinischen Bibeltextes in seine Bestandteile und suchte für diese entsprechende Wörter aus dem Gotischen und fügte sie nach dem fremden Vorbild zu für die Goten verständliche, neuen Begriffe zusammen. Das schuf natürlich Ausdrucksmöglichkeiten für bis dahin unbekannte Bereiche und veränderte auf fruchtbare Weise die Welt der Goten.

Die Habenorientierung unserer Gesellschaft wird nicht eindeutig in unserem Sprachsystem ausgedrückt und mich ärgert es jedes Mal, wenn etwa gesagt wird, jene habe einen Mann und jener eine Frau. Fragt man die Betreffenden, ob sie ihre Frau bzw. ihren Mann besitzen, will es keiner so recht wahrhaben. Doch würden wir etwa aus der hebräischen Sprache die indirekte Form „es ist zu mir“ für „ich habe“ benutzen, so passt dies zum einen schlecht in unseren Satzbau, zum anderen würde es die ja längst tief in uns manifestierte Habenmentalität verschleiern.

Wenn wir die Sprache eines Individuums objektiv und logisch in Beziehung zu seinem Aussagewert- und -zweck setzen, kommen wir manchmal zu einfachen, aber überraschenden Einsichten. Einer, der über Menschen schreibt, kommt nicht umhin, sich mit deren Psyche zu beschäftigen. Das große Feld der Psychologie bietet im Gegensatz zu dem der exakten Wissenschaften, einen Riesenspielraum für unterschiedliche Ansichten und so auch Möglichkeiten für eigene kritische Schlussfolgerungen.

Ein Psychiater, zum Beispiel, bescheinigt seinem Patienten einen kranken Geist oder Seele. Wie kommt er dazu? Am Gehirn lässt sich nichts Krankhaftes entdecken. Der Patient drückt seine Gedanken und Gefühle durch sein Verhalten und mittels seiner Sprache aus. So spiegelt das Gebilde der Sprache seinen Geisteszustand wider und ist Untersuchungsgegenstand. Ich analysiere das Gesagte vielleicht als unlogisch, wirr oder im Ganzen als irrational usw., aber als krank lässt es sich beim besten Willen nicht klassifizieren, außer in dem Sinne, wie ich etwa die angeschlagene Wirtschaft als „krank“ bezeichnen könnte, also krank als Metapher.

Hält sich jemand für Adolf Hitler, so hat das Leben ihn vielleicht schmerzlich in diese Rolle gedrängt. Hitler zu sein, bedeutet mächtig und stark zu sein, vielleicht sein letzter Ausweg, sein Leben zu meistern. Unter diesem Aspekt verblasst plötzlich meine Analyse des Irrationalen seiner Sprache. Nun leidet dieser Mensch irgendwann unter seinem selbstbetrügerischen Verhalten und möchte sich aus dieser bereits fleischgewordenen Hitlerverkörperung befreien. Er geht zum Psychiater, der jedoch die Sprache des Mannes nicht verstehen kann, weil er sie vom medizinischen Standpunkt aus betrachtet und moralische und soziologische Zweckgebundenheit von vornherein ausklammert. Er behandelt das Hitlerverhalten als Krankheit, die wir ja als Metapher entlarvten.

Welch’ Schicksalsgemeinschaft. Wir haben es mit einem Psychiater zu tun, der eine Krankheit behandelt, die es gar nicht gibt und mit einem, der Hitler mimt, es aber nicht ist. Letzterer mag vom Leben in diese Rolle gedrängt worden sein, der Seelenarzt aber hat seine Rolle freiwillig und bewusst gewählt, also halte ich ihn für den verrückteren von beiden. In diesem Zusammenhang sei auch die ungeheuer komplexe und vielfältige Fachsprache dieser Leute erwähnt, die angesichts der Ratlosigkeit ihren sog. Psychopathen in der Praxis gegenüber, zum Selbstzweck entartet, und ich verweise wieder einmal auf den weisen Grundsatz von Albert Einstein: Höret nicht auf ihre Worte, sondern haltet Euch an ihre Taten!

Mitteilung durch Sprache an mein Gegenüber stößt oft auch an Grenzen, und zwar immer dann, wenn das, was ich vermitteln will, mit individuellen Erfahrungen verknüpft ist. So stapfte ich einst über eine feste Schneedecke, die Wellen aufwies wie die Wüste und über die auch der eiskalte Wind Pulverschnee wie Wüstenstaub vor sich herfegte. Die Luft war beißend und klar, und ich war erfüllt von einer unheimlichen Lebenskraft, und plötzlich auf dem Gipfel dieses Glücksgefühls der Stärke und Lebenslust überkam mich eine Todessehnsucht, die mir zuflüsterte, lege dich in den Schnee, das Gesicht dem peitschenden Wind und dem über die weiße Landschaft dahinjagenden Pulverschnee zugewandt. Aber es währte nur einen Moment, denn das Leben hing wie eine Klette an mir und ließ es nicht zu. Ich glaube, Erich Fromm war es, der gesagt hat, Wörter sind Gefäße. Das Wort Todessehnsucht ist für mich ein großes Gefäß, das wohl nur der füllen kann, der etwas ähnliches erlebt hat.

Innerhalb unseres Sprachsystems wurden Übereinkünfte getroffen, die auch ein Fremder, der unsere Sprache lernt, neben den Regeln von Satzbau, Flexion usw., kennen muss, um nicht in sprachliche Fallstricke zu geraten. So bezeichnen wir eine sechzigjährige Frau mit „ältere Dame“, während eine Achtzigjährige für uns eine „alte Dame“ ist. Das ist unlogisch und außerhalb der Regel, aber „ältere“ hört sich eben auf sympathische Art jünger an. Eine Menge Spielsachen bezeichnet in der Alltagssprache auch etwas anderes, als in der Mengenlehre der Mathematik. Viele weitere Beispiele wären hier anzuführen.

Was nun die Dichtkunst angeht, da habe ich in meiner frühen Jugend mit Begeisterung Gedichte von Goethe, Schiller, Claudius, Lenau usw. gelesen, die realistisch und naturalistisch sind. Sie sind von einer einfachen, lebendigen Sprache geprägt, und sie enthalten meist Naturmotive. Lieblich war die Maiennacht, Silberwölklein flogen, ob der holden Frühlingspracht freudig hingezogen..., so der Anfang von Nikolaus Lenaus Gedicht „Der Postillion“. Die Übereinstimmung vom Rhythmus der Reime mit dem des Geschehens, was sie beschreiben, hat meine Seele bei der Lektüre angenehm zum Schwingen gebracht.

Die Lektüre von modernen Lyrikpoeten bedeutet für mich häufig Rätselraten. Aber vielleicht ist es mit der modernen Lyrik so wie mit der abstrakten Malerei; man muss ein Vorwissen, eine Art Gebrauchsanweisung mitbringen, um sie entschlüsseln, verstehen und dann sogar eventuell mögen zu können.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.07.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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