Warten, warten, warten..........
Lichtjahre unseres Lebens gehen dahin, während wir unproduktiv in Kaufhausschlangen, Wartezimmern oder Behördenfluren herumgammeln. Könnte man diese vertane Zeit straffen,
wären wir locker in der Lage, täglich nebenbei noch Zeitungen auszutragen oder anderen Nebentätigkeiten nachzugehen, also Kugelschreiber zu montieren oder etwas mit 0190-...
Leider bleibt in der Praxis alles beim Alten, und wo wir gerade bei der Praxis sind – in einer solchen, nämlich bei einem HNO-Arzt, hockte ich eines Tages mit meinem kleinen Bengel. Junior war damals 5 Jahre alt, und wir warteten darauf, dass Herr Dr. einen fachmännischen Blick in seine Ohren werfen würde. Nach einer guten Stunde im brechend vollen Wartezimmer gesellte sich ein gut gekleideter Herr zu uns (aus der Gattung Anzugträger) und nahm schweigend auf einem gerade frei werdenden Klappstuhl Platz.
Sohnemann verfolgte das Geschehen aufmerksam. Es vergingen keine 5 Minuten, da spähte die Sprechstundenhilfe um die Ecke und forderte „Herrn Baumann, bitte“ auf, ihr zu folgen.
Nachdenklich beobachtete mein Kurzer den Vorgang, setzte sich dann mit seinem kleinen Hintern auf mein Bein und wisperte in mein Ohr: „Das hab‘ ich gleich gewusst, das der vor uns drankommt. Das war nämlich der Bürgermeister, der hatte einen Schlips um.“
Ist es nicht erschreckend, wie voreingenommen Kinder sind?
So auch gestern, im Supermarkt an der Kasse, mal wieder eine Warteschleife beachtlicher Länge, und mein Kind (diesmal das andere) laut nörgelnd neben mir. Kurz vor dem rettenden Ende ertönte die Vermutung: „Böh, und wenn wir da sind, stellen die wieder das doofe Schild auf, und alle rennen `rüber zur anderen Kasse, dann sind wir wieder Letzter.“
Eigentlich ist es eher unwesentlich, dass die Kassiererin den Plastikaufsteller mit der Aufschrift „Diese Kasse ist geschlossen“ gerade dann nach hinten durchreichte, als ich nach der ersten Konservendose griff, um sie auf das Laufband zu stellen. Erst wollte ich mich mit einem amüsierten Grinsen widersetzen, aber dann sagte die Königin der Tasten „Hier ist jetzt zu!“, und der schneidende Tonfall überzeugte mich. Die Leute hinter mir waren leider schneller gewesen, und so stellte ich mich brav erneut an. Selbst mein dreister Sprössling verkniff sich jeglichen Kommentar, grinste aber so breit, dass eine Videokassette quer in den Mund gepasst hätte.
Was die Krönung der Warterei angeht, so kommt es primär darauf an, wer wartet.
Für Kinder ist der Gipfel das Warten auf den Weihnachtsmann.
Teenies kriegen die Krise, wenn sie darauf lauern, dass das andy klingeltHh
Handy klingelt und der Typ von gestern Abend dran ist.
Männer warten auf die Sportschau oder auf den Brief von der Kreisordnungsbehörde, in dem steht, wie hoch die Strafe fürs letzte Blitzen ausfällt.
Und Frauen warten auf Männer.
So wie Janina aus der Marktstraße.
An einem Freitag vor einigen Wochen trottete ich nichts ahnend die besagte Straße hinunter, einen leeren Einkaufskorb in der Hand, denn ich hatte Altglas zum Container gebracht. Also, leere Gemüsegläser und Apfelschorleflaschen, nicht dass Sie denken, ich hätte nur Weinbrandpullen zu entsorgen.
„Huhu!“ flötete es mir aus dem Obergeschoss eines Hauses entgegen, und noch einmal „Huuu-huuu!“. Ganz eindeutig galt dieser Annäherungsversuch mir, ich verrenkte also mein Genick und spähte nach oben, wo Janinas Brust und alles, was sich darüber befindet, über die Fensterbrüstung hing.
„Hast du es eilig?“ fragte sie in diesem gefährlichen Ton, der unmissverständlich ankündigt, dass man zu einer Hilfeleistung verdonnert werden soll.
„Na ja – nicht sehr. Ein bisschen vielleicht“, antwortete ich vorsichtig, um mir den Fluchtweg offen zu halten.
„Würde es dir etwas ausmachen, einen Augenblick auf mein Telefon zu achten? Mein Handy ist platt, ich muss ganz dringend in die Apotheke, gleich ist es sechs, und wenn dann der Anruf kommt...“
„Ach so“, ich nickte erleichtert, „na klar mache ich das, äh - wer ruft denn da an?“
„Ein Freund von mir.“ Janina verschwand vom Balkon, und Sekunden später stand sie vor mir und schob mich in den Hausflur. „Wenn es klingelt, schreib‘ bitte die Nummer auf und sag‘ ich ruf‘ sofort zurück.“ „Okay.“ „Ich bin gleich wieder da.“ „Ist gut.“ Janina hopste in ihr Auto und hinterließ eine Staubwolke, während ich mich artig in ihr Wohnzimmer setzte und aufmerksam das Telefon beobachtete.
Gierig wartete ich auf das Klingelzeichen, denn eines stand für mich felsenfest: Der Anruf würde garantiert während Janinas Abwesenheit kommen. Das ist immer so, eine Art Naturgesetz. 15 Minuten lang passierte zu meinem Ärger überhaupt nichts, und auch Janina schien sich in der Apotheke fest gequatscht zu haben – oder wo auch immer sie wirklich war.
Allmählich überkam mich eine seltsame Stimmung, ungefähr der Art, wie sie Kinder peinigt, die sich entsetzlich langweilen. Ich war drauf und dran, in Janinas Kühlschrank oder ihrem Schreibtisch herumzuschnüffeln, als endlich das erlösende Klingeln ertönte. Das musste er sein, der heiß erwartete Anruf ihres neuen Lovers. Neugierig riss ich den Hörer an mich und meldete mich mit einem rauchigen „Hallo!“.
„Schönen guten Tag, mein Name ist Fiedler vom Otto-Versand. Spreche ich mit Frau Christiansen?“
Wortlos legte ich auf. Nein, das konnte es nicht gewesen sein, das überaus bedeutende Gespräch. Grimmig starrte ich das Gerät an, aber es geschah nichts.
Unzufrieden tigerte ich auf und ab, ich wünschte mir, ein Staubsaugervertreter würde klingeln, einer von denen, die den Fuß in die Tür klemmen und dann unter einem Redeschwall eine Tüte Dreck auf den erstbesten Teppich entleeren. Es hätte mich irgendwie befriedigt, ganz gelassen ein miefendes Inferno zu dulden und später achselzuckend zu verduften. Vielleicht hätte ich auch ein paar von diesen netten Leuten mit den religiösen Heftchen hereinbitten und sie zu einem Schwätzchen mit Getränken einladen können. Auch einer von den Leuten mit den spottbilligen handgemalten Grußkarten (5 Stück nur 39,90) wäre eine nette Alternative, oder Timmy aus der Bahnhofstraße, der den ganzen Tag vor dem Haus fegt, aus allen Knopflöchern nach Schweiß müffelt und jeder Frau sowohl ferkelige als auch grammatisch verhunzte Sprüche hinterher grölt.
Angeödet lehnte ich mich aus dem Fenster, aber niemand war zu sehen, die Marktstraße war leer und blank wie ein Kinderpopo. Ein gereinigter, versteht sich.
In diesem entspannten Augenblick meldete sich das Telefon erneut. Mit einem diabolischen Grinsen grapschte ich nach dem Hörer und flötete unerschrocken „Null-hundertneunzig ! Neunsechs, neunsechs...“ hinein. „Ach du liebe Güte!“ Am anderen Ende zuckte eine ältere Dame zusammen. „Da muss ich mich wohl verwählt haben!“
Damit war die Verbindung unterbrochen. Völlig frustriert, dass ich keine Chance bekam, mein wirklich hörenswertes Repertoire an den Mann zu bringen, steckte ich dem dämlichen Telefon die Zunge heraus und schnitt eine Reihe äußerst abschreckender Grimassen. Als ich sämtliche Finger in Nasenlöchern, Ohren und Mundwinkel gesteckt hatte und wie ein wütender Irokese das Telefon anrülpste, hörte ich neben mir die Wohnungstür ins Schloss fallen.
Langsam, ganz langsam ließ ich meine Hände in die Hosentaschen wandern, wo sie hingehören, und tat, als wäre nichts geschehen, was ja im Grunde den Tatsachen entsprach.
„Alles klar, ich geh‘ dann mal!“ erklärte ich Janina, die sich mit aller Kraft auf die Unterlippe biss. Den Kerl neben ihr hätte ich mir schon gerne näher angesehen, aber in Anbetracht seines fassungslosen Kopfschüttelns mit offenem Mund hat er noch blöder ausgesehen, als ich es jemals könnte. Also nicht.
Geistesgegenwärtig griff ich nach meinem Einkaufskorb und flitzte davon, ich habe mich auch nicht umgesehen, aber ich gehe jede Wette ein, dass Janina und ihr Cowboy aus dem Fenster geglotzt und über mich gelästert haben. Und darüber haben sie bestimmt vergessen, die Packung Kondome zu benutzen, die Janina so hastig aus der Apotheke geholt hat, so viel habe ich ja doch mitbekommen.
Jedenfalls musste ich danach nie wieder auf ihr Telefon aufpassen, und sie hat mich um keinerlei Gefälligkeiten mehr gebeten. Aber das nehme ich nicht persönlich, wahrscheinlich hat sie inzwischen wieder ein funktionstüchtiges Handy, das ist ja unverzichtbar.
Obwohl – es macht viel weniger Spaß.