Jessica Idczak

Die Bahn kommt

Die Bahn kommt
und bringt mich immer weiter weg von dir.
Was mach ich hier?
Die Notbremse flüstert:
"Zieh mich doch und fahr zurück zu ihr!
Was machst du hier?"
(die Bahn kommt)
und ich fahr immer weiter weg von dir...

(WiseGuys - Die Bahn kommt)
 

„Sehr geehrte Damen und Herren, auf Gleis Acht erhält Einfahrt IC Nummer…“
Ich grabe mein Gesicht tiefer in deine Jacke, möchte die Ansage nicht hören. Sie zu hören, sie wahr zu nehmen würde nur bedeuten, dass ich tatsächlich gehen muss, dass ich in diesen Zug steigen und wegfahren muss. Wohin fahren muss, wo du nicht bist.
Deine Arme schließen sich wieder enger um mich, deine Umarmung wird fester und du atmest tief ein. Ich spüre, wie du deine Lippen auf mein Haar drückst, schließe die Augen und unterdrücke ein Seufzen. Eine Weile stehen wir so da, halten einander fest, keiner sagt ein Wort. Wir genießen die letzten Minuten, die wir zusammen haben. Als der Zug schließlich einfährt und der Fahrtwind an unserer Kleidung zerrt, löse ich mich leicht von dir und hebe den Kopf, um dich anzuschauen. Der Ausdruck in deinen Augen erschreckt mich und mein Herz beginnt wie wild zu schlagen, als wolle es zerspringen. Mein Versuch zu lächeln scheitert, stattdessen spüre ich, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Du siehst mich an, schweigend, mit ebenfalls feuchten Augen, und ich verstehe auch ohne dass du etwas sagst.
Den Kopf wieder an deine Brust gelehnt atme ich tief ein und aus, versuche, den Tränen Einhalt zu bieten, die mir die Kehle zuschnüren und den Hals schmerzen lassen. Ich verliere den Kampf, kann ein lautes Aufschluchzen nicht unterdrücken und presse mich an dich. Während meine Tränen deine Jacke benetzen, streichelst du beruhigend meinen Rücken.
„Schscht, nicht weinen, mein Engel“, flüsterst du mit brüchiger Stimme, „nicht weinen. Dadurch kannst du auch nicht hier bleiben.“
Eine Hand verlässt meinen Rücken und legt sich vorsichtig unter mein Kinn. Sanft zwingst du mich aufzusehen und dich anzuschauen. Zärtlich streicht dein Daumen eine Träne von meiner Wange.
„Du bist viel hübscher, wenn du nicht weinst“, flüsterst du erneut, mit einem Lächeln auf den Lippen. Erneut schließe ich die Augen, schmiege meine Wange in deine Handfläche, genieße deine sanfte Berührung.
„Ich möchte ganz einfach nicht fahren“, sage ich leise.
„Ich weiß. Und ich möchte dich auch nicht fahren lassen. Aber es ist nun mal, wie es eben ist. Schau, in zwei Wochen bist du schon wieder hier.“
„Zwei Wochen ohne dich sind eine verdammt lange Zeit.“
„Nein“, erwiderst du kopfschüttelnd, „du wirst sehen, sie gehen schnell vorbei.“
Mit einem Seufzen schüttele ich nun meinerseits den Kopf. Im selben Moment dringt wieder die penetrante Frauenstimme aus dem Lautsprecher:
„Werte Fahrgäste, bitte steigen Sie ein. Vorsicht an den Türen und bei der Abfahrt des Zuges.“
„Na los, du kannst nicht hier bleiben. Dein Urlaub ist vorbei, du musst zurück.“ Mit diesen Worten löst du deine Umarmung und nimmst meine Tasche, die neben uns auf dem Bahnsteig steht.
„Es klingt fast ein wenig, als wolltest du mich loswerden“, protestiere ich schwach, während du mich sanft, aber bestimmt Richtung Zug schiebst. „Aber du hast ja Recht. Leider.“
Ich atme tief durch, greife nach der Einstiegshilfe am Zug und ziehe mich schwerfällig hoch. Dann drehe ich mich zu dir um und du reichst mir die Tasche. Während ich diese neben mir abstelle, greifst du nach meiner Hand und ziehst mich, soweit es eben geht, wieder zu dir. Einen Fuß auf dem Absatz streichst du mir ein letztes Mal über die Wange, küsst mich liebevoll und flüsterst: „Bis in zwei Wochen, mein Engel. Komm gut heim.“
Der Schaffner will vorbei und wir müssen uns wieder voneinander lösen. Er pfeift und da ertönt auch schon das Türschließsignal. Jetzt kann ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten, mit jedem lauten Pfeifen fließt eine neue über die Haut, die du eben noch berührtest. Du drückst zärtlich meine Hand, dann müssen wir uns loslassen. Die Tür schließt sich und durch das schmutzige Glas sehe ich dich dort stehen, mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen. Allein auf diesem Bahnsteig. Ich hebe meine Hand, lege sie auf die Fensterscheibe und im nächsten Augenblick tust du selbiges auf der anderen Seite der Tür. Es ist absurd, dass uns nur dieses Stück Blech mit Glaseinsatz voneinander trennt. Mit dem Handrücken der anderen Hand fahre ich mir über das Gesicht, wische die Tränen beiseite und schicke dir einen Luftkuss. Du fängst ihn ein und legst die Hand auf deinen Brustkorb. Diese Geste lässt mich lächeln und erneut in Tränen ausbrechen. Jedes Mal das gleiche Ritual, die gleichen Worte, die gleichen Gesten. Der gleiche Schmerz.

Der Zug setzt sich in Bewegung, du gehst neben ihm her und beschleunigst deine Schritte mit dem Tempo des Fahrzeugs. Doch ich weiß, dass du nur bis zum Ende des Bahnsteiges mitlaufen kannst. Drei Sekunden später ist dieses erreicht, deine Hand löst sich vom Glas und du bleibst schwer atmend stehen. Hebst die Hand, winkst und verschwindest aus meinem Blickfeld.
Wie benebelt suche ich meine Fahrkarte, um nach meiner Platznummer zu sehen. Die Zahl 105 lacht mich an. Immerhin kann ich am Fenster sitzen, diesen Platz hatte ich auf der Herfahrt ebenfalls. Doch jetzt fahre ich nicht zu dir, sondern immer weiter weg von dir. Ich nehme meine Tasche und kämpfe mich durch die Gänge zu Platz 105. Dort verstaue ich die Reisetasche auf der Gepäckablage über dem Sitz, in welchen ich mich anschließend fallen lasse. Krame nach meinem MP3-Player, auf dessen Musik ich mich sowieso nicht konzentrieren können werde. Mein Handy vibriert und leuchtet, ein Blick auf das Display zeigt mir, dass eine neue Kurzmitteilung eingegangen ist.

„Kaum hat der Zug den Bahnhof verlassen, schieben sich die Wolken vor die Sonne und es beginnt zu regnen. Weil du weggefahren bist und die Wärme mitgenommen hast.“ 

Was soll ich darauf antworten? Ich wollte nicht fahren, du wolltest mich nicht gehen lassen, doch beide wussten wir, dass es nicht anders geht. Die aufsteigenden Tränen niederringend stecke ich das Handy zurück in die Tasche und nehme den MP3-Player heraus. Laute Musik dröhnt aus den Ohrstöpseln, als ich den Playknopf drücke. Bevor sich jemand beschweren kann, stecke ich sie in meine Ohren, erhöhe die Lautstärke noch ein Stück und lehne mich, mir auf die Lippen beißend, zurück.
Erst wenige Minuten sitze ich in diesem Zug, und es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, die ich bereits von dir getrennt bin. Mehrere Stunden Fahrt warten auf mich. Stunden, die mich körperlich immer weiter von dir weg bringen, mich gedanklich noch mehr an dich binden werden.
Draußen dämmert es, die Sonne hat sich tatsächlich hinter Wolken versteckt, die Welt ist in ein sanftes Orange getaucht, das am Horizont in ein leuchtendes Rot übergeht. Wie ein Flammenmeer, in dem die Welt versinkt. Ich sinke tiefer in den Sitz, ziehe die Beine an und lasse meinen Blick über die Landschaft gleiten, die an mir vorbei fliegt. Geflogen ist auch die Zeit, die ich bei dir war und mit dir verbringen durfte. Viel zu schnell war sie wieder einmal vorbei, viel zu schnell mussten wir uns auf Wiedersehen sagen, und viel zu lange wird es dauern, bis ich wieder bei dir sein kann.
Während ich aus dem Fenster starre, wandern meine Gedanken zurück zu den vergangenen Tagen. Zurück zu deinen mich willkommen heißenden Armen, deinem warmen Atem an meinem Ohr, als du mich festhieltest. Zurück zu deiner leisen, tränenerstickten Stimme, als du sagtest, wie sehr ich dir gefehlt hätte. Zurück zu deinen unendlich sanften Küssen, deinen zärtlichen Händen. Zurück zu Tagen voller Glück und Liebe, in denen Zeit für uns keine Rolle spielte, weil wir uns hatten und beieinander waren.
Die vorbei fliegende Landschaft verschwimmt in meinem Blick, wieder kann ich meinen Tränen keinen Einhalt gebieten. Lasse ihnen freien Lauf, lausche dem Rauschen in meinen Ohren, fühle meinen Herzschlag in der Brust. Alles in mir verlangt, dass dieser Zug anhält, mich aussteigen und zu dir zurück fahren lässt. Wie viel Zeit mag mittlerweile vergangen sein, seit du mich loslassen musstest? Habe jegliches Zeitgefühl verloren über dem tauben und betäubenden Verlangen, bei dir zu sein.
„Zwei Wochen“, flüstere ich, ohne dass ich es selbst hören kann.
Zwei Wochen. Eine Ewigkeit.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.07.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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