Eleonore Görges

Lea´s Liebe

Da war dieser Mann, den Lea im Internet kennen lernte, vor einigen Wochen schon - und der sie, wenn sie ehrlich wahr, immer mehr gefangen nahm.
Sie verbrachte immer mehr Zeit im Internet, da ihr Mann, mit dem sie schon die gemeinsame Silberhochzeit gefeiert hatte, ihr keine Beachtung mehr schenkte, er war viel zu viel mit sich selbst beschäftigt. Außerdem kam er abends oft sehr spät aus seinem Büro und war dann nur noch müde, ging baldigst zu Bett, so dass Lea sich oft in den Schlaf weinte, weil sie einsam war in einer Ehe, die eigentlich seit Jahren schon keine mehr war.  Es war der tägliche Alltagstrott, der ihre Wege leitete, ohne Höhen und Tiefen, davon abgesehen, dass sie sich selbst seit Jahren in einem Tief fühlte, einem einsamen, freudlosen, dahinplätschernden Ehe-Tief. Sie hatte immer und immer wieder versucht, mit ihrem Mann zu reden, die Geschicke umzulenken – er hat sie einfach nicht verstanden, oder auch nicht verstehen wollen.
 
Nun war da Silberfuchs, wie sich ihre Bekanntschaft in dem Internetforum nannte und er nahm Lea wahr, plötzlich gab es sie wieder, sie war existent, wurde beachtet. Er interessierte sich für alles, was sie ihm schrieb, ging auf ihre Worte ein, auf ihre Gefühle und sie spürte immer mehr, wie ihre Lebensgeister wieder geweckt wurden, wie sie aufblühte.
Da war plötzlich jemand, der ihr Auftrieb gab, alleine dadurch, dass er sie als Mensch mit ihren Gefühlen sah, ihre Probleme ernst nahm, mit ihr darüber im Forum schrieb, sie wurde wieder wichtig für jemanden  – Lea fühlte einen großen schützenden Arm um sich gelegt und dieses Gefühl tat ja so unendlich gut, das kannte sie schon Jahre nicht mehr.
Wie sehr vermisste sie Geborgenheit und Wärme, wie sehr zweisame Gespräche, Lachen, fröhlich sein, zusammen ausflippen, einfach nur, weil das Leben schön ist – sie vermisste Liebe so sehr, Liebe, die sie doch nur von ihrem Mann geschenkt bekommen wollte, Liebe die er ihr früher so gerne gab.
 
Jetzt war sie mittlerweile so weit, dass sie die fast täglichen Treffen mit Silberfuchs im Forum freudig erwartete. Lea ertappte sich des Öfteren dabei, wie sie auf die Uhr schaute, um die Zeit nicht zu verpassen, zu der er sich für gewöhnlich einloggte – ja sie spürte Schmetterlinge in ihrem Bauch, die aufgeregt hin und her zu flattern schienen, denn es kribbelte verdammt stark und schön.
 
„Was ist mit mir los?“  Das fragte sie sich nun öfters, denn die Schmetterlinge wurden immer stärker, sie konnte sie gar nicht mehr beeinflussen, sie tanzten nach Herzenslust in ihrem Bauch und gaben ihr ein wohlig warmes Gefühl, welches sich über ihren ganzen Körper ausbreitete. Verschämt spürte sie, dass sie noch rot werden konnte – „wenn das nur mein Mann mal nicht sieht“ – dachte sie sich.
 
Überhaupt musste sie immer aufpassen, dass er sie nicht ertappte, denn sie fühlte, dass da mehr war, das etwas aufkam, was nicht sein durfte.
Da Lea’s Mann aber meist sehr spät nach Hause kam – in letzter Zeit noch später als sonst , was sie im Moment aber gar nicht störte – konnte sie sich doch ausgiebig mit Silberfuchs im Forum unterhalten. Wie ein Teenager fühlte sie sich in seiner virtuellen Gesellschaft.
 
Dann, eines Tages, fragte Silberfuchs, ob sie sich nicht einmal persönlich kennen lernen konnten, denn wie sie festgestellt hatten, wohnten sie in der gleichen Stadt.
Das traf Lea wie ein Blitz, er wollte sie sehen, aber sie durfte doch nicht, schließlich gab es da noch ihren Ehemann, schließlich all die vielen Jahre……..aber sie konnte nicht mehr zurück, viel zu weit waren ihre Gefühle schon ausgeschweift, ausgebrochen aus dem Alltag – es musste sein, sie musste Silberfuchs sehen.
Er hatte ihr aber doch erzählt, dass er auch verheiratet sei, dass seine Ehe ähnlich verlief, wie die ihre – alles untergegangen im alltäglichen Trott.
„Wie schade“, hatten sie gemeinsam im Chat festgestellt, schade für beide Ehen, die doch einmal so hoffnungsvoll begonnen hatten.
 
Ein paar Tage überlegte sie immer wieder was sie machen sollte, sie hatte Angst vor dem, was kommen könnte, Angst vor ihrer eigenen Courage, aber es gab kein zurück mehr – und so sagte sie Silberfuchs, dass sie mit einem Treffen einverstanden wäre.
Was würde geschehen, wenn sie sich gegenüber standen? Würden die Gefühle Bestand haben, oder wären sie sich vielleicht doch unsympathisch? Irgendwo hoffte sie es sogar, denn damit wäre ihre Welt wieder in Ordnung – oder doch nicht?
Sie wusste nichts mehr, schließlich war ihr nur noch eines klar: sie musste ihn kennen lernen, musste ihm in die Augen schauen, musste spüren, ob sie diese warmen Empfindungen auch hatte, wenn sie seine Nähe spürte, ob sie dann vielleicht sogar in diese großen beschützenden Arme eintauchen konnte……
 
Heute wird es gut passen, wie Silberfuchs vorgeschlagen hatte, denn heute Abend kommt ihr Mann gar nicht nach Hause, er ist geschäftlich bis morgen unterwegs, also sollte es heute sein.
Sie trafen sich noch einmal im Forum und vereinbarten einen Treffpunkt. Silberfuchs schlug ausgerechnet das Restaurant vor, in welchem sie ihren Mann vor vielen Jahren kennen gelernt hatte. Dieser Vorschlag versetzte ihr doch einen Stich in ihr Herz, denn da war immer noch die Liebe zu dem Ehemann – aber „da muss ich durch“  sagte sie sich und stimmte zu.
Silberfuchs wird einen kleinen Strauß gelber Rosen auf den Tisch legen, als Erkennungsmerkmal, sagte er ihr – da, schon wieder ein Stich, denn gelbe Rosen bekam sie immer von ihrem Mann, weil sie diese so sehr mag. Ach ja, vielleicht hatten sie ja im Forum einmal darüber geredet, kann gut sein.
 
Lea machte sich chic für das abendliche Treffen, sie wählte ihre Kleidung mit Bedacht, denn sie wollte gut aussehen. Dann noch etwas Lippenstift, den sie mit zittrigen Fingern auftrug, sie war in einem Zwiespalt der Gefühle, hin- und hergerissen und uneinig mit sich selbst.
Dann fuhr sie mit ihrem Auto zu dem Restaurant, parkte, stieg aus, wollte gar vor der Eingangstür noch einmal umdrehen, weil sie die Angst fast umbrachte, Angst vor ihrem eigen Tun, doch sie ging durch diese Tür und betrat den Raum. Sie schaute geradeaus, direkt auf einen kleinen Strauß gelber Rosen, blickte über die Rosen hinweg und sah in ein ihr so vertrautes und geliebtes Gesicht – in das Gesicht ihres Mannes.
 
                                                           *****
 
EG
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.07.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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