Walter Raasch

Der Kastor Transport

 

„Puuh, das war ein schönes Stück Arbeit,“ sagte Doggie zu Chap, als sie Kastor endlich auf die Weide zu den Rindern getrieben hatten. Kastor war wie sein Freund Pollux auf dem Hof geboren worden. Die beiden jungen Bullen waren zusammen aufgewachsen und nie getrennt worden, aber jetzt waren sie alt genug, um die Damenwelt zu beglücken und für Nachwuchs zu sorgen. Der Mann hatte beide behalten, um keinen teuren Zuchtbullen mehr bezahlen zu müssen. Einer von beiden würde sich schon bewähren. Während die beiden Hütehunde sich auf den Heimweg machten, stand Kastor jammernd am Zaun. „Was soll ich denn hier? ich möchte zurück zu meinem Freund! Das Gras schmeckt hier nicht, es zieht, es ist dreckig und überall sind Frauen, die ich gar nicht kenne!“
„Ja, bist du denn ganz bescheuert, so weit das Auge reicht, willige Mädels und du stehst doof rum? Worauf wartest du denn noch?“ Dog drehte sich kopfschüttelnd um „Es zieht, hat er gesagt, auf der Weide zieht es ihm“, murmelte er, während er neben seinem Freund her trottete. Unterwegs kamen sie an der Weide von Pollux vorbei.
„Mein Gott, stehst du auch nur am Tor und wartest auf deinen Kumpel? Geh doch grasen, nutz’ das schöne Wetter, jetzt kannst du die besten Büschel für dich haben!“ Chap blieb am Tor stehen und sah dem riesigen Bullen in die Augen. „Du bist traurig, was?“ Ein bestätigendes Nicken. „Weil du allein bist, nicht wahr?“ Noch viel festeres Nicken. „Komm endlich, du kannst morgen noch mit dem Fleischberg Pfötchen halten. Ich habe Kohldampf.“ rief Dog, der schon weitergegangen war.
„In 3 Tagen kommst du zu den Damen, dann bist du nicht mehr alleine, die Zeit vergeht wie im Flug, sollst mal sehen. So, ich muss los, ich komme dich bald wieder besuchen. Tschühüss!“
Chap holte Doggie ein, der loswetterte „Kannst du dir so etwas vorstellen: die beiden Kasper sehen aus, als wenn sie Godzilla bezwingen könnten und ein Unentschieden gegen King Kong herausholen würden, aber sie kriegen die Sinnenkrise, wenn sie getrennt sind.“
„Als wenn das Eine was mit dem Anderen zu tun hätte.“
„Klar, du hast natürlich auch für die Koffeinfreien Verständnis! Ist das nicht langweilig, nie Farbe zu bekennen?“ „Tu ich doch – jetzt! Du benimmst dich nämlich wie ein Armleuchter. Ist es so besser?“
„Ja, doch, eigentlich schon.“

Am nächsten Tag gingen Chap und Doggie mit dem Mann nachsehen, ob Kastor sich einge-wöhnt hatte. Aber der stand immer noch am Zaun und sah aus, als hätte er sich keinen Zen-timeter bewegt. Chap beobachtete den Mann, der ratlos die Arme ausbreitete, sich den Hunden zuwandte und ihnen anzeigte, den Bullen wieder zurück zu bringen und gegen Pollux auszutauschen.
„Au, Gnade, das war ja noch mehr Arbeit als gestern! Ich werde Pansen mit ganz anderem Genuss verspeisen als früher.“ Doggie war fertig, als sie die Stiere endlich an den richtigen Plätzen hatten .
„Komm futtern, und dann nichts wie ab in die Koje.“ Chap war genauso groggy wie sein roter Partner.

Als sie am folgenden Morgen zusammen mit dem Mann nach Pollux sahen, stand der genauso verloren da wie gestern sein Freund. Nachdem sich in den folgenden Tagen nichts geändert hatte, entschied der Mann sich dafür, Kastor zu verkaufen. Während der Bulle von Doggie auf den Hänger getrieben wurde, rief der noch einmal verzweifelt nach seinem Freund. Durch den aufziehenden Nebel wurde die traurige Antwort schauerlich verzerrt.
„Heh, sei doch nicht so unglücklich, eine neue Umgebung, neue Freunde, das ist doch ein klasse Abenteuer.“ Chap versuchte tröstende Worte zu finden.
„Ach ja, ihr bringt mich doch zum Schlachthof, aber das ist mir auch egal, ohne Pollux will ich sowieso nicht leben, dann lass ich mich lieber zu Hundefutter verarbeiten, ihr Mörder.“
„Prima, ich werde besonders Acht geben, ob eine Mahlzeit nach einem wirklich einfältigen Hornochsen schmeckt, das warst dann du.“
„Mann Dogger, lass ihn in Ruhe.“
„Klar, du bist wieder voller Mitgefühl, nur leider nie für mich, obwohl ich mir schon die Ballen abgelaufen habe, um den Trottel zu bewegen.“
„Ja ja, du leidest furchtbar. Kastor, wir bringen dich doch nur auf einen anderen Hof, da wirst du dich schnell eingewöhnen und neue Freunde finden, und wir werden dich bestimmt besuchen.“
Als sie angekommen waren, ließ sich Kastor ohne Widerstand zu seinem Platz bringen. Mit hängendem Kopf wie ein zum Tode Verurteilter stand er in seinem Stall. Als der Mann auf-brechen wollte und die Hunde zu sich rief, warf Chap noch einen letzten Blick auf Kastor und war erschüttert, wie klein und zusammengefallen der noch vor einer Woche so imposante und kraftstrotzende Bulle jetzt aussah.
Eine Woche mit viel Arbeit für beide Hund verging, doch obwohl es kaum Verschnaufpausen für Chap gab, musste er immer wieder an den unglücklichen Kastor denken. Als der Border Collie abends Pollux auf der Rinderweide einen Besuch abstattete, fand er auch diesen geknickt und elend vor.
Später, als Chap auf seinem Lieblingsplatz lag, kam Dog angeschlendert. „Heh Mann, was machen wir heute abend? Sollen wir mal bei Winnie vorbeischauen, oder vielleicht schwimmen gehen?“
„Halt die Klappe, ich muss nachdenken.“
„Das wird ja zur Gewohnheit. Nun übertreib es aber nicht. Das soll gar nicht gut für die Verdauung sein.“
„Jetzt ist mir klar, weshalb du kein Bauchweh kennst und immer Glanz auf dem Köttel hast.“
„Genau, zum Denken habe ich ja dich, du wandelnde Diarrhöe.“
„Au großartig, ein Fremdwort aus dem Mund der cholerischen Kraftkreatur. Genug gequasselt, los komm mit.“ „Prima. Wohin?“
„Erklär ich dir unterwegs.“

Am folgenden Morgen, als der Mann mit den Hunden zur Rinderweide kam, um Pollux einzufangen und ihn auf den Hänger zu verladen und wegzubringen, bestieg dieser unter lautem Geschnaufe gerade eine hübsche Hornträgerin, während Kastor am Tor stand und ihn anfeuerte. Der Mann schüttelte erstaunt den Kopf, dann öffnete er das Tor und ließ Kastor zu seinem Freund auf die Koppel, der sich sofort ebenfalls ans Werk machte und sich der ihm am nächsten stehenden Färse widmete. Der Mann schloss das Tor wieder, ging auf Chap zu, legte die Hand unter dessen Kinn, hob seinen Kopf an und zwang ihn, ihm in die Augen zu gucken. Einige Sekunden starrten der Mann und der Hund sich an, dann fing der Mann an zu lachen und streichelte dem Hund zärtlich über den Kopf, pfiff nach Doggie und ging zurück zum Hof.

Abends, als die Hunde zusammengerollt im Stroh lagen, fragte Dog: 
 „Chap, die Nummer heute morgen mit Kastor und Pollux, das war doch Show oder?“
„Ist das wichtig?“
„Nein, du hast recht, es ist nicht wichtig. Es ist nur wichtig, dass sie zufrieden sind. Gute Nacht.“
„Gute Nacht .“

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.07.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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