Nina Preilowski

Ein Engel für Jeremy

Ein Engel für Jeremy

 

Hochhäuser, Beton, Autos. Wohin man auch sah. Kein schöner Ort, ehrlich, es hätte mich besser erwischen können. Quietschend kam ein Wagen direkt vor mir zum Stehen. „Was machen sie denn da, mitten auf der Straße?“, blaffte mich der Mann an. „Protestliegen ?“  Dumme Frage. Ich hätte ihm gerne meine Meinung dazu gesagt, aber dann beschloss ich, es lieber sein zu lassen. „Verständnis für eure Klienten, das ist das A und O.“ Bla bla. Die Kopfschmerzen waren unerträglich, warum musste denn alles hier asphaltiert oder betoniert sein? Ich rappelte mich auf und warf schnell einen Blick in die Runde. Kein Kollege in Sicht, Glück gehabt. So, ran an die Arbeit. Zielperson: Männlich, 23 Jahre jung, groß, schlank, dunkle Locken. So. Find den mal, zwischen tausend anderen Menschen. Ach ja, Jeremy hieß er. Jeremy Noah. Schöner Name, aber das half mir auch nicht weiter. Und doch; ich sollte doch noch Glück haben, ich spürte plötzlich, dass er in der Nähe war. Es ist schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn man die Aura seines Menschen wahrnimmt. Beschränken wir es darauf, dass man ein sanftes Kribbeln in den Fingerspitzen fühlt. Suchend hielt ich nach dem Sorgenkind Ausschau. Da! Da war er. Hübscher Junge. Sein Aussehen ließ wirklich nicht erahnen, wie es in ihm aussah. Und glaub mir, wäre es nicht so schlimm gewesen, dann hätte man nicht mich geschickt. Unauffällig folgte ich ihm. Während ich ihm scheinbar durch die ganze Stadt folgte dachte ich darüber nach, was so einen gutaussehenden, jungen Mann zu solch verzweifelten Gedanken brachte. Ich tippte auf  das altbekannte Problem: ein Mädchen. Da hatten sie es auch nicht einfacher als wir. Langsam wurde es dunkler und ich hoffte, dass der Junge so langsam irgendetwas Bestimmtes ansteuern würde. Das Glück war mir wohl gesonnen: Er ging gradewegs in einkleines Lokal. Ich wartete einen Moment, dann folgte ich ihm. Er hatte sich einen kleinen Tisch ausgesucht, abseits der anderen Tische hinten in einer Ecke. Gute Wahl. Ich ging auf ihn zu und blieb kurz vor dem Tisch stehen. Der Junge schien in Gedanken versunken gewesen zu sein, doch als er mich hörte hob er den Kopf und sah mich an. „Darf ich mich zu ihnen setzen?“, fragte ich ihn in meinen höflichsten Ton. Ich war auf ein Gespräch angewiesen. Er schien verdutzt, nickte aber. Ich unterdrückte einen Seufzer. So dumm mein Auftrag angefangen hatte, umso besser wurde er mit der Zeit. Ich stellte mich vor. „Mein Name ist Nathanael.“ „Jeremy.“ „Ich weiß.“ Er sah mich ungläubig an. „Woher? Kennen wir uns?“ „Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Auf jeden Fall kenne ich dich. Reicht das?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, woher kennst du mich?“ Ich hatte es befürchtet. „Wenn ich es dir erzähle würdest du mir eh nicht glauben.“ Jeremy legte den Kopf leicht schief. Zwei saphirblaue Augen sahen mich an. „Woher willst du das wissen?“ Er war nicht dumm, der Kleine. „Bis jetzt hat es mir noch niemand geglaubt. Und ich hatte schon Kandidaten die für solche Themen…“, ich zögerte kurz. „…offener waren als du.“ Ich sah den Jungen an und überlegte. „Wenn du mir mehr über dich erzählst, dann werde ich dir vielleicht mehr über mich erzählen. Für den Anfang reicht es, dass du weißt, dass ich dein Freund bin.“ „Mein Freund? Ich habe keine Freunde, Nathanael. Ich bin allein.“ Er stand auf. „Du willst schon gehen?“ Er zögerte. „Ich bin müde, heute war ein anstrengender Tag.“ Na wenn du den ganzen Tag lang durch die Gegend rennst? Kein Wunder. „Treffen wir uns morgen wieder, Jeremy? Hier?“ Er sah mich lange an. „Vielleicht.“ Er Griff nach seinem Mantel und verließ das Lokal. Und ich? Hinterher natürlich. Der Junge wohnte, wie sich herausstelle, in einem hübschen Mietshaus. Ich setzte mich auf die Parkbank auf der anderen Straßenseite und wartete. Es kamen weder Menschen noch Autos vorbei, eine einsame Katze ging ihre Wege. In Gedanken versunken saß ich da, starr wie eine Marmorstatur. Plötzlich wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Ich spürte wie die Aura des Jungen pulsierte. Ich hastete zum Haus, die Treppen rauf bis in den 3. Stock und griff nach der Tür, die sich von alleine öffnete. Da lag der Junge auf dem Boden, umgeben von leeren Tablettenschachteln. Ich kniete mich neben ihm auf den Boden. „Jeremy?“ Er öffnete seine Augen, sein Herz schlug schwach. „Jeremy? Geh nicht, hörst du? Geh nicht!“ „Wer bist du Nathanael? Und was ist das da auf deinem Rücken?“ Ich drehte meinen Kopf. Zwei mächtige weiße Flügel. Es war vorbei, ich konnte ihm nicht mehr helfen. „Nathanael?“ Der Junge sah mich an. Mit seinen Saphiraugen. Ich beugte mich zu ihm vor. „Ich bin dein Engel, Jeremy.“, flüsterte ich.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.07.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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