Pierre Heinen

Regen auf der Patronenhülse


Die dunkle Wolkendecke über ihren Köpfen aus Stahl lag John schwer im
Magen. Regen wäre das letzte was dieser zerfetzte Haufen gebrauchen
könnte. Denn die Moral hatte seit ihrer Landung vor gut drei Wochen
eine Talfahrt hinter sich, die man wohl auch vom Mount Everest erwarten
würde.

Nicht weit von ihrer jetzigen Position entfernt hörte man
Artillerieeinschläge und John umklammerte seine Garand wieder fester.
Wie immer wenn sie der Front näher kamen fing sein Herz an wie verrückt
zu schlagen. Er drückte sich fester an die Ziegel in seinem Rücken. Zu
oft hatte er schon dem Tod in den Lauf geschaut und zu oft war ein
Kamerad neben ihm zerfetzt worden.

Wie damals als sie zum ersten Mal den französischen Boden berührt
hatten. Roger, mit dem er seit der Einschiffung in Großbritannien
gesprochen hatte, war neben ihm von Maschinengewehrsalven in Stücke
gerissen worden. Damals hatte John das Fleisch und Blut für
aufgespritzen Sand gehalten und war losgerannt ohne zu Verstehen. In
Panik hatte er versucht dem Kompanieführer zu folgen um bloß nicht den
Anschluß zu verpassen. Erst als er sich über das Gesicht gefahren war
und seine Garand voller Blut war, wurde es ihm bewusst. Er schmiss sich
zu Boden und wagte dann einen Blick zurück. Er hatte etwas getan was er
nie hätte tun dürfen. Und diese Ohnmacht spürte er immer wieder in sich
aufkommen, sobald sich der Krieg näherte. Der Blick in diese Grabkammer
hatte ihm zum ersten Mal die Augen geöffnet.

Erste Tropfen ließen John nach oben blicken. Mehr würden sicher folgen.
Zwischen dem grauen Wolkenhimmel drängte ein monotones Brummen hervor.
Jagdflieger und Bomber bei dem Wetter draußen?

Eine Granate schlug einige Meter hinter der Mauer ein, hinter welcher
sich die gesamte Truppe seit einer Stunden verschanzt hatte.
Aufgewühlte Erde rieselte auf die Soldaten hinab und Steine prasselten.
Jemand fluchte. Wahrscheinlich der Captain, der fluchte eh ständig.
Nach zwei weiteren Einschlägen in ihrer Nähe blieb es kriegsstill.

Kriegsstill nannte es John. Denn nie war es wirklich still. Irgendwo in
der Ferne hörte man immer Explosionen und das Gebrumme der Flugzeuge,
das Biepsen des Funkgerätes, was Bob auf dem Rücken trug, die Geräusche
der Wachablösung, das Summen oder Pfeifen eines Soldaten, der sich
beruhigte oder das Kritzeln von Briefen nach Hause.

Keiner rührte sich. Jemand legte einen neuen Ladestreifen in sein
Gewehr und hustete. John hatte am Morgen als man ihnen kurz die Mission
des Tages erklärt hatte nicht zugehört. Wie so oft. Die Missionen
glichen sich sowieso alle und egal wie das Schlachten auch heute wieder
verlaufen würde, verletzte, verstümmelte und tote Menschen wären das
Ende.

Bill fing ganz leise an mit beten und umklammerte dabei sein kleines Kreuz
welches an einer silbernen Kette um seinen Hals hing.

John blickte zum Captain hinüber. Dieser lugte zögernd über das
Mauerwerk und zog den Kopf blitzschnell wieder ein. Er entfernte die
Klappen an seinem Fernglas und wagte einen detaillierteren Blick zum
Feind.

Gleich würde es wieder losgehen. John konnte es spüren. Sein Blut
wälzte sich rhyhtmisch durch die Adern und er schien keine Luft mehr zu
bekommen.

Die gesamte Truppe erhob sich jetzt und stürmte in geduckter Haltung
die Mauer entlang. Erste Schüsse peitschten durch die Luft und eine MG
fing an mit spucken. Jetzt war John dort angelangt wo der Captain durch
die Lücke gestürmt war. John lief.

Vor ihnen lag ein großes Gehöft und aus der Scheune und dem Haupthaus
blitzten Schüsse auf. Irgend jemand lag stöhnend am Boden und John lief
auf die Bäume zu. Zwischen den dutzend Kirschbäume, die schon arg unter
dem Krieg gelitten hatten, waren die Kameraden in Deckung gegangen.

John schmiss sich auf den Boden und richtete sein Gewehr in Richtung
Ziel, jedoch ohne abzufeuern. Um ihn herum kroch jeder langsam
vorwärts. Der Captain fluchte. John bemerkte Blut an seinem linken Arm.
Ein Streifschuß. Wo waren die Schmerzen?

John's Kopf schien zu kochen. Jemand brüllte. Das war nicht der
Captain, oder? Jeder stürmte auf die Behausungen zu. Kugelhagel.
Laufen. Ein Deutscher taucht oben auf dem Scheunendach auf, seinen
Karabiner im Anschlag. Kimme und Korn. John blieb stehen. Der Schütze
zögert. Drückt ab. Die Patronenhülse kullert vom Dach, hopst über die
Dachrinne und landet auf der blutigen Erde.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.07.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Pierre Heinen, Jahrgang 1979, ist seit frühester Jugend begeistert von Geschichtsbüchern und Verfasser unzähliger Novellen. In Form des zweiteiligen „Payla – Die Goldinsel“ veröffentlicht er seinen Debütroman im Genre Fantasy. Der Autor lebt und arbeitet im Großherzogtum Luxemburg, was in mancher Hinsicht seine fiktive Welt beeinflusst.

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