Pierre Heinen

50 Jahre Sandkasten

 

Es war Mitte August. Einer der wenigen sonnenverwöhnten Sommertage dieses Jahres. Gegen Abend ging ich noch ein bißchen hinter unserem Haus spazieren. Es war noch etwas schwül, aber nach einem Gewitter sah es nicht aus. Die Kirchenglocke schlug ein Mal, also war es halb sieben. Ich schritt, die letzte fliehende Schwüle genießend auf dem Pfad hinab, denn unser Garten neigt sich leicht nach unten hin. Bei den über meinem Kopf hinauswachsenden Sonnenblumen blieb ich kurz stehen und betrachtete die gigantischen Ausmaße dieser so bescheiden genannten „Blume“. Plötzlich hörte ich das entfernte Bellen eines Hundes und bummelte wieder auf dem parallel laufenden Pfad zum Haus zurück. Vorbei am Walnußbaum, an den Kartoffelstauden, am Salat und an den frisch gepflanzten Erdbeersetzlingen. Bei dem, aus dunkelblauen Kunststoff bestehenden Sandkasten in Form einer Muschel geschah das Unfaßbare.

Ich vernahm einen weit entfernt klingenden und kaum hörbaren Hilferuf. Zunächst ging ich verdutzt weiter und glaubte mir das nur eingebildet zu haben. Aber gleich darauf folgte ein zweiter Hilferuf. Ich blieb stehen und beugte mich nieder. Zwischen den Spielsachen der Enkelkinder hörte ich deutlich den dritten Ruf. Ich entfernte die Schaufel, den Eimer und das Sieb. Ich lauschte, doch hörte nichts mehr und richtete mich auf. Wie gelähmt blieb ich stehen. Ich befand mich in einer riesigen Wüste.

Wo war der Garten, das Haus und der Sandkasten geblieben?

„Hallo“, sagte eine etwas zögernde Stimme hinter mir.

Erschrocken drehte ich mich um. Eine schätzungsweise dreißigjährige Frau in einem bunt getupften Badeanzug stand hinter mir und lächelte.

„Ich bin Rachel.“

Sie reichte mir die Hand und mit einem leichtem Zögern schüttelte ich sie.

„Ich bin ...“
„Ich weiß“, unterbrach sie mich noch immer lächelnd, nahm meine Hand und führte mich zu einem rechteckigem aufgehäuften Sandhaufen.

„Ich habe nur wenig Zeit dir alles zu zeigen.“, meinte sie noch, ehe sich der „Sandteppich“ wie durch Zauberhand in die Luft erhob und wir über die schier endlosen Dünen huschten.
„Wo ...“
„Ich werde dir alles erklären. Gleich“, unterbrach sie mich erneut.

Ich schwieg und sah mich um. Soweit ich blicken konnte sah ich diesen hellgelben Sand, nur hin und wieder schien es, als würde ich bis in den Himmel hineinragende Säulen erkennen. Wo war ich? Im Sandkasten? Entweder träumte ich, oder ...? Ich stand mit dieser Frau auf einem Eimer voll Sand und flog durch eine grenzenlose Einöde, die wie durch Zauberei aus dem Nichts um mich herum entstanden war.

Aber zu meinem Erstaunen verspürte ich weder die Hitze noch den Fahrtwind. Ich zwickte mich in den Arm um mir Gewißheit zu verschaffen, doch ich spürte den Schmerz nicht. Wo war ich bloß? Der „Teppich“ verringerte die Geschwindigkeit und wir setzen zur Landung an. In einer etwas flacheren Mulde gingen wir zu Boden. Rachel stieg eine nahegelegene Düne hinauf und blickte nach oben. Ein leises Bersten und Donnern war zu hören und ein Hauch von feinen Sandkörnern regnete zu Boden. Sie streckte die Hand über dem Sand aus und sogleich bildete sich ein Haufen, der ständig wuchs und schließlich schoß wie aus dem Nichts eine Säule aus dem Boden und zischte in die Höhe. Rachel senkte den Arm, drehte sich um und kam wieder zu mir hinunter.

„Setzen wir uns doch, ich werde dir alles erklären“, sagte sie und deutete hinter mich. Verblüfft stand ich vor einer Parkbank, aus Sand natürlich. Wir nahmen Platz.

„Vor genau fünfzig Jahren wurde ich genauso aus meinem Leben gerissen wie du. Ich lag mit meinem Mann und meinen beiden Söhnen am Strand, als ich plötzlich einen Hilferuf hörte, der aus dem Sand neben meinem Gesicht herrührte und als mich umsah war ich hier“, fing Rachel das Gespräch an.
„Und wo ist hier?“, wollte ich wissen.
„Das wußte der Typ vor mir auch nicht. Es ist auch nicht sehr einfach zu erklären.“
„Und wie kannst du Sandsäulen, Parkbänke und fliegende Teppiche erklären?“

Rachel lachte und klopfte mir auf meine Schulter.

„Das wirst du auch bald können. Also das Ganze ist so. Du wirst während der nächsten fünfzig Jahre hier für das Gleichgewicht sorgen und dort wo es nötig ist, Säulen errichten.“
„Was? Wie bitte?“, hinderte ich sie entrüstet am Aufklären der Situation.
„Laß mich bitte ausreden. OK?“, erwiderte sie.
„Tut mir leid“, entschuldigte ich mich.
„Hier werden es fünfzig Jahre sein, aber in deinem Leben wird es eine Sekunde einnehmen. Der Typ der mich hier eingewiesen hat, hat gesagt daß man an den Ort wieder zurückkehrt an dem man entnommen wurde, nur eine Sekunde später.“
„Wieso überhaupt gerade ich?“
„Wieso ich? Das weiß keiner genau. Aber du mußt über eine gute Vorstellungskraft verfügen. Damit sind wir auch schon bei der Zauberei mit dem Sand.“

Rachel stand auf und ging einige Schritte vorwärts. Kurz darauf wurde die Bank auf der ich noch saß wieder zu Sand und zerfiel. Ich fiel zu Boden und der weiche Untergrund fing mich auf. Rachel drehte sich um und fing an zu lachen.

„Verzeihung.“, brachte sie noch prustend heraus ehe sie noch herzhaft weiterlachte.

Ich stand und stapfte zu ihr hin. Als ich neben ihr stand, nahm sie meine Hand.

„Schließ die Augen und stell dir einen Baum vor“, flüsterte sie mir zu.

Ich entspannte mich und mußte an die Sonnenblumen aus unserem Garten denken.

„Öffne die Augen“, murmelte Rachel und ließ meine Hand los.

Langsam machte ich sie auf. Über mir schwebte der große Kopf der Sonnenblume, komplett aus Sand. Erstaunt fragte ich mich wie so etwas möglich ist und just in dem Augenblick fiel die Blume in sich zusammen und war nur noch ein Haufen Sand.

„Das war zwar kein Baum, aber ein guter Anfang“, meinte Rachel lachend und klopfte mir den Sand ab, der auf mich herabgefallen war.
„Und wann weiß man wo eine Säule hingehört und zerfällt sie nicht, wenn ich ihr den Rücken drehe?“
„Man entwickelt einen siebten Sinn für solche Fälle. Die Säulen zerfallen übrigens nicht. Sobald sie stehen, sind sie in der Deck verankert und sobald sie nicht mehr von Nöten sind, zerfallen sie wieder zu Sand. Ansonsten wären überall welche.“
„Was ist denn überhaupt da oben?“, fragte ich und deutete auf die himmelfarbene Decke des unbeschreiblichen Raumes.
„Das ist schwer zu verstehen. Meiner Meinung nach ist da oben das Böse und wir müssen dafür sorgen, daß das Gleichgewicht nicht kippt. Die fünfzig Jahre sind ja im wirklichen Leben nur eine Sekunde, in der jedes Verbrechen, jede Greueltat, Quälerei, Mord, Terroranschlag oder Krieg die in der Sekunde stattfindet die Decke zum Einstürzen, den Weltfrieden gefährden würde. Wir sind die wahren Schutzengel oder so etwas in der Art.“

Ich blickte nach oben. Rachel sah sich um.

„Komm schnell“, forderte sie mich auf und wir liefen zu dem Teppich hin, der aus dem Boden auftauchte. Wir schossen in die Höhe.
„Jetzt kannst du probieren eine Säule zu zaubern.“

Wieder flitzten wir mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit über die Sanddünen. Wir hatten uns nicht einmal hingesetzt und ich verspürte wie vorhin keine Kraft die mich von diesem Sandhaufen wegfegen sollte. Hier mußten unsere Körper vollkommen anders reagieren. Ich verspürte ebenso wenig Durst, Hunger oder die Hitze, die sonst in den Wüsten herrscht.

„Hat dieser Raum eigentlich Grenzen?“, fragte ich wißbegierig.
„Nein. Ich bin bis jetzt noch auf keine gestoßen“, entgegnete sie mir.

Schon von weitem konnten wir die herabstürzenden Fluten Sand erkennen, die sich aus einem riesigen Loch in der Decke auf den Boden ergossen. Wir landeten und liefen so schnell wir konnten zur Unglücksstelle.

„Das hat bestimmt Tote gegeben“, schrie sie mir entgegen.

Das Krachen und Bersten nahm zu und immer mehr Sand drängte sich wasserfallartig aus dem Riß.

„Versuch es!“, brüllte Rachel.

Nervös und etwas in Panik fing ich an mir allerlei mögliche Säulen und Stützen vorzustellen, wobei ich meine Hand ebenso wie Rachel vorhin über den Sand hielt. Doch als ich die Augen öffnete, sah ich nur noch mehr feinkörniges Sedimentgestein von der Decke herabfallen.

„Denk an die Sonnenblume!“, schrie Rachel.

Ich beruhigte mich und stellte mir erneut die Blume aus unserem Garten vor.

„Gut so!“, sagte Rachel erleichtert.

Ich schloß die Augen auf und konnte eine kolossale Sonnenblume sehen, die sich zur Decke streckte. Sobald sie oben den Riß verdeckt hatte, zerfiel sie zu einer uniformen Säule.

Ruhe kehrte wieder ein. Rachel stand neben mir und beglückwünschte mich zu meinem ersten Säulenbau.

„Hast du noch eine Frage, ehe ich wieder an den Strand zu meiner Familie zurückkehre und die Sekunde schnell vergessen werde“, fragte Rachel, „Jetzt kann ich dir noch Rede und Antwort stehen.“
„Ich werde nie müde, hungrig oder durstig sein?“
„Nein, das kann ich nach dieser langer Zeit bestätigen.“
„Das ist ja unglaublich.“
„Es ist nur eine Sekunde, die sich über fünf Jahrzehnte hinzieht.“
Ich schritt die Hände in den Taschen auf und ab und dachte nach, was ich noch alles fragen könnte.“
„Woher hast du meinen Namen gekannt?“, wollte ich noch wissen.
„Kurz ehe du ankamst hat eine Stimme deinen Namen gerufen“, erwiderte sie noch ehe sie wie eine Seifenblase platzte.

Sie wird sich nicht mehr an mich erinnern und alles vergessen, was sie in der Zeit gemacht hat. Nun stand ich da, wie ein Eisbär in der Sahara. Ich wußte so ungefähr, was auf mich zukommen würde, aber so genau nun auch wieder nicht.

Ich blickte zur Decke hinauf und ging auf meine erste Säule zu. Ich berührte sie. Sie war hart wie Stein und doch sah sie so porös und zerbrechlich wie Teegebäck aus, welches beim bloßen Anfassen in der Hand zerbröselt. Ich drehte mich um und sah den fliegenden Teppich. Ich schmunzelte bei dem Gedanken daran, wo ich gelandet war. In einer Welt die so unrealistisch erschien und so unglaubhaft, daß sie unmöglich existieren konnte.

Ich fing an zu lachen, bis ich plötzlich etwas verspürte. Ein leichtes Ziehen, ein ungutes Gefühl. Wie von selbst schritt ich auf den Teppich zu. Wie mußte man den bedienen? Das hatte ich vergessen zu fragen. Aber sobald ich ihn betreten hatte, erhob er sich automatisch und ohne daß ich etwas befahl oder dachte flogen wir. Es war noch kein Riß in der Decke zu sehen, aber man konnte das leise Donnern hören, schließlich war es sonst mäuschenstill. Ich stellte mir schon fast routinemäßig eine Säule vor und sofort hörte das Grollen auf. Ich öffnete die Augen und senkte die Hand, die Säule stand bombensicher und erstarrt an der gewünschten Stelle.

„Hätte ich ein Bett würde ich mich, wenn ich müde wäre, was je nicht vorkommen kann, hineinlegen“, räsonierte ich laut vor mich hin. Das Lachen von vorhin war mir irgendwie gründlich vergangen.

„50 Jahre!“, fluchte ich in die Wüste hinein und rannte mit meinem rechten Fuß mit Wucht in einen Sandhaufen, daß der Sand nur so herumspritzte.

„50 Jahre Sandkasten.“, fügte ich noch brummend hinzu und legte mich schmollend auf das Himmelbett.

Keine Sonne, keine Nacht, kein Tag, kein Essen, kein Trinken, keine Gesellschaft, nur meine Vorstellungskraft, Säulen und ein unerschöpfliches Potential an Sand. Damit konnte man ganze Burgen bauen, oder Weltwunder, Es waren mir keine Grenzen gesetzt. Ich konnte Wolkenkratzer bauen, den Eiffelturm oder den Turm zu Babel fertigstellen. Und doch würde alles wieder zu Sand zerfallen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.07.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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