Klaus-D. Heid

Folienkartoffeln

Einen Tag, nachdem Iris mich verlassen hatte, lag ich langausgestreckt auf den Bahngleisen der Strecke Braunschweig – Magdeburg. Irgendwo, wo mich niemand entdecken konnte, bevor es zu spät war, wartete ich auf den Intercity. Meinen Kopf hatte ich vorsorglich so platziert, dass es unter keinen Umständen zu fürchterlichen Verstümmelungen kommen konnte, die ich dann doch überlebte. Ich wollte wirklich ganz sicher gehen, dass ein paar Tausend Tonnen Stahl der Deutschen Bundesbahn meinem trostlosen und enttäuschten Dasein ein Ende setzten.

Wenn die Bahn sich nicht verspäten würde, blieben mir noch acht Minuten, in denen ich den wunderschönen Zeiten mit Iris hinterher trauern konnte. Acht Minuten durfte ich also noch an diese Frau denken, die vielleicht nicht mal eine Träne vergießen würde, wenn sie von meinem Freitod erfuhr. „Miststück...!“ schoss es mir durch den Kopf. „Liebste...!“ konterte mein Verstand umgehend.

Natürlich schloss ich nun meine Augen. Wenn ich schon von den mächtigen Rädern des Intercity zermalmt werden sollte, musste ich mir ja nicht noch ansehen, wie der Zug auf mich zurast. Ich würde schon bald das Rattern der Räder hören, das sich auf dem kalten Eisen der Schienen in meine Ohren bohrt. Wenn ich es hörte, war’s auch bald zu Ende. Wahrscheinlich würde ich gleich anfangen, zu zittern und zu jammern. Garantiert würde ich überlegen, ob es wirklich richtig war, ein noch so junges Leben wegzuschmeißen. Es war alles so irrsinnig entgültig, was ich da tat. Gleich gab’s kein Zurück mehr.

„Es geht einfach nicht mehr mit uns...!“ hatte Iris gesagt. „Du musst verstehen, dass ich in Peter einen Mann gefunden habe, der viel besser zu mir passt. Warum können wir denn nicht wenigstens Freunde bleiben?“

Weil das nun mal nicht geht! Ende und aus! ES GEHT NICHT! Und weil’s nicht geht, muss ein Strich gezogen werden. Konsequent und – zumindest für mich – überaus schmerzhaft. Entgültig. Soll sie doch meinetwegen mit diesem Arsch von Peter glücklich werden. Offenbar kümmert es sie ja einen Scheiß, was in mir vorgeht, oder? Oder ist sie gerade jetzt bei mir, um mich von meinem Vorhaben abzuhalten? Nein! Zerrt sie an meinen Beinen, um mich von den Schienen zu ziehen? Nein! Tröstet sie mich zumindest in meiner schwersten Zeit? Nein! Und wo ist sie gerade jetzt? Natürlich wird sie mit Peter, Hand in Hand durch die Stadt bummeln und keinen einzigen Gedanken an mich verschwenden.

Gleich musste es soweit sein.

Mit meinem Tod werde ich ein Zeichen setzen. Jawohl! Ich werde ein Zeichen des ‚Ich kann Dir niemals verzeihen, was Du mir angetan hast!’ setzen. Auf meinem Grabstein soll stehen, dass SIE es war, die meinen Tod zu verantworten hatte. Sie alleine – und sonst niemand! Nicht einmal diesem Hanswurst von Peter kann ich Vorwürfe machen. Er hat nur in dem Moment zugegriffen, als Iris sich auch greifen lassen wollte. Wäre er’s nicht gewesen, wär’s eben irgendein anderer Idiot gewesen, dem sie ihr Herz geschenkt hätte.

Ich glaube, ich höre etwas...

Die Schienen vibrierten unter meinem Kopf. Ratatatatatata. So. Das war’s dann. Leb wohl, Du wunderschöne Welt! Leb wohl, Du Welt voller wunderschöner Frauen, die ich nun nie kennen lernen werde, weil ich mich ja unbedingt umbringen muss. Leb auch Wohl, Du Sommer, den ich liebte, wenn die Sonnenstrahlen mich wärmten. Adieu, Du Urlaub, Du Kunst, Du Literatur, Du Schönheit der Welt. Auch Dich werde ich vermissen, Du Natur farbenprächtiger Pflanzen. Es war schön mit Euch, Ihr herrlichen Meere und Berge.

Und Iris? Iris darf weiter genießen. Während ich zermanscht und in Stücke gerissen an der Rädern des Intercity klebe, lässt Iris sich wahrscheinlich ein saftiges Rumpsteak mit Folienkartoffel schmecken.

Rumpsteak wäre jetzt nicht schlecht. Am besten ‚englisch’ mit etwas Kräuterbutter. Leckerer Quark zur Kartoffel. Ein bisschen Schnittlauch auf dem Quark...

Eine Stunde später saß ich im argentinischen Steakhaus und ließ mir das essen schmecken. Iris saß mit ‚ihrem’ Neuen am Nebentisch. Na und? Ich lächelte ihr freundlich zu, während ich das zarte Fleisch auf der Zunge zergehen ließ. Ich muss wirklich lernen, nicht immer so spontan zu reagieren. Beinahe wär’s ins Auge gegangen.

Dabei gibt’s doch so wahnsinnig viel zu erleben, oder?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.09.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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