Pierre Heinen

Live dabei - Teil I

I 
 
Dicke Schneeflocken segelten, nur leicht angestoßen vom Wind zu Boden. Die Temperatur lag knapp über dem Gefrierpunkt und auf den Straßen hatten sich vereinzelt Eisplatten gebildet. Nur mühsam und mit äußerster Vorsicht schleppte Ben seine beiden Koffer vom Parking zum Hotel hinüber. Nachdem er die gläserne, mit einem Goldrahmen verzierte Drehtür hinter sich gelassen hatte, wehte ihm eine aufwärmende und wohlriechende Atmosphäre entgegen. Er betrat die Lobby und ging zielstrebig zur Rezeption. Die wohlaussehende junge Dame setzte bei seinem Anblick sofort ein freundliches Lächeln auf. Ben setzte seine beiden Koffer vor die Theke.

„Was kann ich für sie tun?“, fragte sie ihn freundlich.

„Mein Name ist Ben Grant, ich gehöre zu der Fernsehshow >Live<.“

Die Rezeptionsdame suchte nach seinem Namen auf einer Liste, welche sie sofort bei Hand hatte und hob wieder lächelnd den Kopf.

„Die Veranstalter warten in der Bar, Mr Grant.“

Sie lehnte sich etwas über die Theke, streckte den linken Arm und zeigte mit einem perfekt manikürten Finger auf den Eingang eines Raumes.

„Gleich dort drüben werden sie sie finden.“

Als sie sich zu ihm umdrehte, war sein Blick auf ihren üppigen Ausschnitt fixiert. Sie richtete sich lächelnd auf.

„Dankeschön“, brachte er noch in einem schmeichlerischen Ton heraus, ehe er den leicht rötlich anlaufenden Kopf abwandte, seine Koffer nahm und ohne zu wissen wo die Bar sich nun schlußendlich befand, ging. Der ihm bekannte Produzent der Fernsehshow, kam ihm entgegen.

„Mr Grant, willkommen in Trappely!“

Beide schüttelten sich die Hände und der Produzent begleitete ihn in die hoteleigene Bar. Diese war geräumig, in der Mitte befanden sich schwere gläserne Tische, umgeben von modern aussehend, gut gepolsterten Sitzmöbeln, auf denen sich für diesen späten Nachmittag schon ungewöhnlich viele Leute befanden, die wahrscheinlich alle darauf aus waren, die Kandidaten für diese umstrittene Show hautnah zu sehen. Aufdringliche Presseleute waren auf jeden Fall keine anwesend, notierte Ben mit Zufriedenheit.

Der Produzent führte Mr Grant zu einem Tisch um den einige Personen saßen, von denen Ben aber nur den wiedererkannte, der für das Casting der Kandidaten verantwortlich war. Den Namen des etwas korpulenten Mannes war ihm entfallen.

„Jetzt sind fast vollständig. Hier ist übrigens Ben Grant“, stellte ihn der Produzent den anderen am Tisch sitzenden vor. Nachdem man sich miteinander bekannt gemacht hatte, gönnten sich alle noch einen Drink. Ben zog seinen Wintermantel aus und blickte bei dieser Gelegenheit nach draußen. Die Bergspitzen wurden wieder mit Sonne verwöhnt, es hatte aufgehört mit schneien.

„Jetzt fehlt eigentlich nur noch Karl Wals, der Schriftsteller. Der einzige, der ohne Tests als Kandidat aufgenommen wurde. Wenn er die hundert Tage übersteht, will er einen Roman über die Show schreiben, seinen Gewinn einer karitativen Hilfsorganisation zukommen lassen und der Roman wird von unserem Sender verfilmt. Ich hoffe daß sie seinen Aufenthalt nicht übelnehmen. Im Vorfeld war viel über seine Teilnahme spekuliert worden und das wollte ich an dieser Stelle klar stellen“, sagte der Produzent und nahm, sobald er fertig war eine Schluck des hauseigenen Lion-Cocktails.

„Ich hoffe er hält die zehn Wochen aus“, meinte eine der Kandidatinnen, „schließlich gewinnen wir nur, wenn niemand aufgibt“

„Jeder glaubt aber, daß sie ihn angeheuert haben, um die Einschaltquote zu erhöhen. Wer will den kamerascheuen Menschen nicht einmal vierundzwanzig Stunden am Tag beobachten“

„Das stimmt, aber er hat sich bei uns freiwillig gemeldet, und wir waren an seinem Projekt äußerst interessiert“, konterte der Regisseur.

Eine witzig aussehende Comicfigur erschien auf dem linken Bildschirmrand und ging auf leisen Sohlen in die Mitte des Schirmes. Er blickte nach links, nach rechts, nach unten und oben. Unbemerkt näherte sich eine Kamera von hinten. Die Figur kramte in einer Tasche, zog eine Zigarette und ein Feuerzeug hervor. Er steckte sich die mit Tabak gefüllte Papierhülse in den Mund und wollte sie anzünden, als sein Blick auf die immer näher rückende Kamera fiel. Der Schirm wurde schwarz. Anschließend hörte man eine leise Hintergrundmusik und das Logo des Senders erschien in der linken oberen Ecke. In einer schönen rundlichen Schrift erschien der Name der Show >Live< in der Mitte, unterlegt mit einem hellblauen ovalen Hintergrund. Nun konnte man einen fröstelnden Moderator mit einem hellblauen Mikrofon sehen.

„Einen schönen guten Abend, liebe Zuschauer. Mein Name ist Jim Reeve und ich werde sie die nächsten hundert Tage jeden Abend hier live auf diesem Sender durch >Live< begleiten. >Live< ist eine neuartige Show, in der es darum geht, daß zehn Personen, hundert Tage lang in dieser Bergstation ausharren müssen, umgeben von unzähligen Kameras und Mikrofonen. Sie können dies am Fernsehen mitverfolgen, oder aber auch im Internet unter www.the-live-show.com. Noch nie hat es einen solchen Rummel um eine Fernsehshow gegeben wie bei >Live<. Wir sollten zunächst aber mit einem Rundgang durch den Komplex beginnen, in dem die Kandidaten, die wir ihnen im Laufe der Sendung noch vorstellen werden, ihre Zeit verbringen müssen, obwohl sie jederzeit frei sind zu gehen.

Es handelt sich um eine einzigartige Bergstation auf fast zweitausend Metern Höhe, in der Umgebung der wunderbaren Stadt Trappely. Die Station steht aber, aufgrund der mangelnden Touristen und der hohen Unterhaltskosten seit Jahren leer. Unser Sender hat das Gebäude von den örtlichen Behörden ausgeliehen und mit der modernsten Überwachugstechnik ausgestattet“

Der Moderator ging nun von der schneebedeckten Terrasse mit dem einzigartigen Bergpanorama zu einer gläsernen Schiebetür und öffnete sie. Er betrat den ehemaligen Speiseraum der Station und stellte sich vor die Bar. Der Kameramann drehte sich um seine eigene Achse.

„Wie sie sehen wird jeder Blickwinkel der gesamten Anlage von Kameras beobachtet. Die Spinnweben die von der Decke über dem Tisch schweben sind Mikrofone, damit sie alles mitbekommen, über was die Teilnehmer hier sprechen werden“, kommentierte der Moderator, nutzte die Zeit, in der keine Kamera auf ihn gerichtet war und hauchte sich kurz zur Erwärmung etwas heißen Atem auf seine fast gefrorenen Finger.

Lange hatte er draußen in der Kälte gestanden, ehe er anfangen konnte. Als die Kamera wieder zu ihm herüberschwenkte, hatte er sein Lächeln wieder aufgelegt und seine vorherige, lässig, lehnende Position an der Bar wieder eingenommen.

„Gehen wir jetzt ins Kaminzimmer!“

Der Moderator wandte sich von der Bar ab und ging einen Gang entlang. Er stieg anschließend eine hölzerne Treppe hinab und nahm auf der Couch vor dem Kamin Platz.

„Die Kandidaten ihrerseits haben keinen Kontakt zur Außenwelt. Sie müssen ohne die uns geläufigen Medien wie Handys, Fernsehen, Internet, Zeitungen und Radio auskommen. Wie sie die Zeit verbringen werden, ist ihnen frei überlassen. Nahrungsmittel stehen ihnen natürlich zur Verfügung ebenso wie sonstige lebensnotwendige Artikel. Die nähere Umgebung dieser wundervollen Natur können sie natürlich auch erforschen, sie müssen aber immer im Bereich der Markierungen bleiben.“

Der Moderator stand von der mit Leder gepolsterten Couch auf und ging wieder einen ähnlich aussehenden Gang entlang wie vorhin. Dieser führte zu einer breiten Treppe.

„Nun wird es langsam Zeit die wagemutigen fünf Kandidatinnen und fünf Kandidaten kennenzulernen, die sich aus über achtzigtausend Bewerbern herausgeschält haben. Der Reihe nach werden sie in alphabetischer Abfolge hier mit dem Helikopter der Bergwacht eingeflogen, direkt auf den, der Station angehörenden Landeplatz“

Der Moderator stieg die steinerne Treppe hinab und ging auf eine schwere gläserne Tür zu. Vor dieser blieb er stehen und drehte sich erneut zur Kamera um.

„Nach der kurzen Unterbrechung werden wir hier den ersten Kandidaten begrüßen. Also bleiben sie dran!“

Der Moderator zog sich seine Mütze wieder an, die er beim Verlassen der Terrasse eilig in eine Tasche seiner Daunenjacke gepackt hatte, hielt die Tür für den Kameramann auf und beide gingen zum Landeplatz.

„Warum kommen sie eigentlich nicht mit der Seilbahn an?“, fragte der Kameramann und wies auf die Seilbahn hin, die im Untergeschoß der Station angeschlossen war.

„Das war geplant, aber die Reparatur hätte zuviel Zeit gekostet“, antwortetet Jim.

Ein eiskalter Wind strich über die Bergspitzen und einige Schneeflocken mischten sich darunter. Ein leises, immer lauter werdendes Flattern näherte sich aus dem Tal. Beide blickten hinunter und konnten ein Objekt identifizieren, wobei die Umrisse sofort auf einen Helikopter schließen ließen.

„Es geht los!“, meinte der Kameramann und schulterte wieder seine Kamera.

„Noch zehn Sekunden, Jim“, gab die Stimme aus dem Funkgerät in Reeve’s Ohr bekannt.

Im Kopf zählte er den Countdown mit, räusperte sich kurz und war wieder auf Sendung.

„Der erste Kandidat wird nun hier eingeflogen. Seine Name ist Walter Allison und alles weitere ..“

Der rot-weiß gestreifte Helikopter schwebte nun fast zehn Meter über dem Landeplatz, wobei er einen solchen Lärm verursachte, daß Jim nur noch brüllend weitersprach:

„Alles weitere wird er ihnen jetzt persönlich mitteilen“

Die Kamera wurde auf die langsam sinkende Flugmaschine gerichtet, die eine enorme Quantität Schnee aufwirbelte.

Die Schiebetür des, mit orangenen Warnleuchten ausgestatteten Helikopters mit dem Signet der Bergwacht Trappley auf der Seite wurde aufgeschoben und ein mittelgroßer Mann in einem schwarzen Regenmantel stieg mitsamt seinen zwei Koffern aus. Gebückt lief er zum Moderator hinüber, während der Helikopter langsam abhob und der Kopilot die Tür wieder verschloß.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.08.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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