Gina Grimpo

Verschollen

Klatsch! Und schon wieder hatte eines dieser Blut saugenden Ungeheuer den schnellen Tod unter meiner noch schnelleren Hand gefunden.
Im Grunde war es keine große Leistung, einen Moskito zu erschlagen, aber irgendwie muss ich diese Erzählung ja gefahrenvoll und spannend machen.
Dschungelsafari! Vier Wochen mit einer Expedition durch einen Urwald Südamerikas reisen und nach möglicherweise noch unerforschten Tierarten suchen. Ein Traum, der sich vor einigen Monaten für mich erfüllte. Mein Vater hat mir die Reise zu meinem 18. Geburtstag geschenkt. Er ist ein wichtiger Sponsor der Expedition. Das ist auch der Grund, warum ich als Nichtforscher überhaupt daran teilnehmen durfte.
Und nun war es soweit. Ein ganzer Monat voller Spannung, Abenteuer und gefährlicher Tiere – so hatte ich jedenfalls gedacht. Aber weit gefehlt. Ich war jetzt gerade Mal zwei Tage hier und schon begann der Dschungel, mir gehörig auf die Nerven zu gehen. Die schwüle Hitze war unerträglich, unzählige Moskitos attackierten uns und das gefährlichste Tier, das ich bisher entdeckt hatte, war eine Riesenschlange gewesen, die sich bei näherem Hinsehen als grüner Ast entpuppte.
Mit der ‚hochinteressanten Vegetation’, von der alle Expeditionsmitglieder so begeistert waren, konnte ich nichts anfangen. Mich interessierten Orchideen und anderes Gewächs nun mal nicht.
Professor Andrews, Leiter der Expedition, versuchte eifrig, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Minutenlang schwadronierte er nun schon über irgendein Grünzeug.
Ich sah mich gelangweilt um. Von den eigentlich fünfzehn Expeditionsmitgliedern war im Moment nicht viel zu sehen. Fast alle waren mit Lupen und Messgeräten zwischen den Bäumen verschwunden.
Hinter mir hörte ich ein Geräusch. Ich drehte mich um. Patricia Andrews, die Nichte des Professors, marschierte geradewegs auf mich zu.
„Jerome Parker! Wir bauen jetzt das Lager auf und es wäre äußerst hilfreich, wenn du mitmachen und nicht nur Löcher in die Luft starren würdest.“
Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, überlegte es mir dann aber doch anders. Pat widersprach man einfach nicht und wenn ich sie ansah, brachte ich ohnehin keinen vernünftigen Satz zustande. Pat hatte eine Wahnsinnsfigur und ihre braune Haarmähne und ihre intensiven Augen brachten mich jedes Mal um den Verstand, wenn ich sie sah.
Genau wie jetzt. Ich wurde knallrot und stotterte vor mich hin. Pat sah mich auffordernd an.
„Also, Jerome, kommst du jetzt?“
„Ich…äh…also…okay“, stotterte ich und mein Gesicht nahm immer mehr die Farbe einer reifen Tomate an.
Pat lächelte mich hochmütig an und lief betont langsam an mir vorbei zu dem allmählich Gestalt annehmenden Lager. Ich trottete hinterher und ärgerte mich über mich selbst. Ich war verrückt nach ihr und das wusste sie. Genauso wie sie wusste, dass ich den Namen Jerome hasste. Für alle anderen war ich einfach nur Jerry. Jerry und nicht Jerome Parker, der Typ, der nur mit durfte, weil sein Daddy viel Geld hatte.
Ich begann, mein Zelt aufzubauen. Plötzlich hörte ich lautes Geschrei, das von einer Lichtung ganz in der Nähe des Lagers kam. Ich ließ alles stehen und liegen um nachzusehen, was dort los war.
Als ich auf die Lichtung trat, bot sich mir ein erstaunlicher Anblick. Fünf Männer standen dort im Halbkreis und zielten mit ihren Gewehren auf etwas, das neben einem Baum stand, dessen Namen ich vergessen hatte.
Ich trat näher und hob erstaunt die Augenbrauen. Das ‚Etwas’, auf das die Männer zielten, war ein etwa sechzehnjähriges Mädchen. Ich hatte noch nie einen so seltsam aussehenden Menschen gesehen. In den schwarzen, verfilzten Haaren hingen Blätter und die knapp bemessene Kleidung schien aus einer Art grünem Leder zu bestehen. Über ihren linken Oberarm zog sich eine große Narbe und auch der Rest ihres Körpers war von Kratzern und Schnitten nicht gerade verschont geblieben.
Die Lichtung wurde langsam voller und die dunklen Augen des Mädchens schwirrten feindselig umher. Ich erkannte, dass sie einen kleinen Dolch vor sich hielt und hätte fast aufgelacht. Sie hatte offenbar noch nie in ihrem Leben ein Gewehr gesehen, denn sonst wüsste sie, dass sie mit ihrer Waffe nichts dagegen ausrichten konnte.
Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich Pat neben mir auf. Sie stellte sich zu einem der bewaffneten Männer.
„Was ist hier los?“
Ich verstand nicht, was der Mann antwortete, aber es schien ihr zu gefallen. Mit einem zufriedenen Lächeln wandte sie sich zu mir um.
„Jerry“, begann sie, „du gehst doch bald aufs College nicht wahr?“
Ich nickte irritiert und Pats Lächeln wurde noch breiter.
„Und du hast Verhaltenspsychologie belegt, oder“
Wieder nickte ich. Was wollte sie nur von mir?
„Weißt du, die Kleine da ist eine Tierschützerin. Sie will verhindern, dass wir hier lagern.“ Sie drehte ihren Finger neben der Schläfe. „Sie ist nicht mehr ganz dicht. Aber ich dachte, dass du ihr als angehender Verhaltens-Student doch zureden könntest. Überzeug sie davon, uns in Ruhe zu lassen.“
Ich weiß nicht, woran es lag. Daran, dass Pat es war, die mich um diesen Gefallen bat oder daran, dass ich ihr endlich beweisen wollte, dass ich kein kompletter Vollidiot war. Jedenfalls setzte ich mich langsam in Bewegung und ging vorsichtig auf das Mädchen zu. Warum hat Pat nur so einen großen Einfluss auf mich? Das Mädchen war unter Garantie keine Tierschützerin. Ich vermutete, dass sie tatsächlich hier im Dschungel lebte.
Etwa anderthalb Meter vor ihr blieb ich stehen. Ich hätte es nie zugegeben, aber der Dolch flößte mir doch einen gehörigen Respekt ein. Doch wenn ich jetzt klein bei gab, wäre ich bei Pat endgültig unten durch.
Ich hob beschwichtigend die Hände und das Mädchen beobachtete jede meiner Bewegungen. Dadurch wirkte sie wie eine menschliche Raubkatze und das beunruhigte mich noch mehr.
„Ganz ruhig“, murmelte ich, „Ich tu dir nichts.“ Ich kam mir dabei total bescheuert vor. Sie sprach wahrscheinlich noch nicht einmal meine Sprache. Vielleicht konnte sie auch gar nicht sprechen.
Ich zeigte auf mich und sagte „Jerry“, dann wies ich auf sie. Das Mädchen starrte mich nur verständnislos an. Ich zeiget erneut auf mich, wiederholte meinen Namen und wies dann wider auf sie.
Ich hätte nicht damit gerechnet, doch nach einigem Zögern antwortete sie: „Tari.“
Ich redete weiter auf sie ein, obwohl ich immer noch nicht wusste, ob sie mich verstand. Nach einer Ewigkeit, wie es mir vorkam, konnte ich sie davon überzeugen, dass von mir keine Gefahr ausging. Unendlich langsam ließ sie den Dolch sinken und im selben Moment sprangen zwei Männer auf sie zu und packten sie an den Armen. Sie zerrten Tari an mir vorbei zum Lager und sie sah mich dabei hasserfüllt an.
Ich sah mich verwirrt um. Was war hier los.
Pat kam lächelnd auf mich zu und legte ihre Arme um meinen Hals.
„Ich danke dir“, säuselte sie, „Diese Expedition wird in die Geschichte eingehen.“
Ich starrte sie nur verwirrt an. Pat deutete mit ihrem Kopf in Richtung Lager.
„Verstehst du nicht? Ein Mädchen, das seit Jahren abgeschieden von jeglicher Zivilisation im Dschungel überlebt hat. Das ist eine Sensation.“
Ich schüttelte den Kopf. „Unsinn“, sagte ich, „Jetzt übertreib mal nicht. Wir sind schließlich nicht die erste Expedition, die einen Urwaldbewohner entdeckt.“
„Aber wir werden die Erste sein, die einen Urwaldbewohner mit nach New York bringt.“
„New York?“, entfuhr es mir, „Ihr könnt sie doch nicht nach New York bringen. Sie ist schließlich keine Pflanze, die man eintütet und mitnimmt.“
Pats Gesicht nahm wieder ihren hochmütigen, mich verachtenden Ausdruck an.
„Das ist nicht mein Problem“, sagte sie kalt, „Die Kleine wird uns allen viel Geld und auf die Titelseiten der angesagtesten Magazine bringen. Ruhm und Reichtum – was braucht der Mensch mehr?“
Wütend lief ich zum Lager zurück. Niemand war zu sehen. Wahrscheinlich waren gerade alle damit beschäftigt, Tari zu untersuchen, als wäre sie irgendein Zootier.
Es wurde allmählich und hielt es für besser, mein Zelt aufzubauen und darin zu verschwinden. Ich war unglaublich müde und konnte keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen. Morgen würde ich mit Prof. Andrews reden. Er konnte Tari nicht allen Ernstes mit nach New York nehmen wollen.
Aus dem erhofften Schlaf wurde nichts. Ich wälzte mich unruhig hin und her und zog mich schließlich entnervt wieder an. Dann würde ich eben schon jetzt mit dem Professor reden. Als ich sein Zelt betrat, wandte er mir den Rücken zu. In einer Ecke entdeckte ich Tari.
„Professor“, begann ich. Er drehte sich um. Er sah ziemlich erschöpft aus und tupfte sich mit einem Taschentuch über die Stirn. Er lächelte.
„Sie ist stärker als ich dachte. Ich musste ihr ein Beruhigungsmittel geben.“
Er hielt eine Spritze hoch. Ich sah zu Tari. Sie warf mir einen bösen Blick zu und begann dann, in einer fremden Sprache auf mich einzuschimpfen.
Das Beruhigungsmittel hatte kaum gewirkt. Jeder Muskel von Taris Körper war angespannt und sie zitterte. Ob vor Wut oder Angst ließ sich nicht sagen.
Prof. Andrews betrachtete sie glücklich.
„Wir werden ihr Englisch beibringen, dann wird sie uns alles über sich und ihr Leben erzählen können.“
Ich seufzte. Prof. Andrews meinte es bestimmt nicht böse, aber ich musste ihm trotzdem ins Gewissen reden. Ich öffnete den Mund und im selben Moment brach draußen die Hölle los. Ich hörte lautes Gebrüll, einen Schuss und schließlich einen Schrei. Die Stille der Nacht wurde von einem unerträglichen Lärm erfüllt.
Prof. Andrews trat zum Zelteingang.
„Was zum…“ Weiter kam er nicht, denn eine riesige Hand packte in an der Schulter und zerrte ihn nach draußen. Ich wollte hinterher, doch etwas Großes, Muskulöses versperrte mir den Weg. Ich blickte auf und sah in das Gesicht eines grimmig dreinblickenden Mannes, dessen schwarzer Bart beinahe sein ganzes Gesicht bedeckte. Die Kleidung, die er trug, sah der Taris sehr ähnlich. Die beiden schienen sich zu kennen, denn der Mann redete in der fremden Sprache auf sie ein und sie antwortete, wobei sie mit auf mich zeigte. Ich sah sie unsicher an. Was ging hier vor?
Aus dem Augenwinkel bemerkte ich auf einmal, wie der Mann hinter mir zum Schlag ausholte. Ich duckte mich, doch es war zu spät. Ein harter Gegenstand krachte auf meinen Hinterkopf und ich verlor das Bewusstsein.
Wach wurde ich durch meine rasenden Kopfschmerzen. Ich stöhnte und öffnete blinzelnd die Augen. Verwirrt sah ich mich um. Wo war ich hier?
Ich untersuchte den winzigen Raum, in dem ich mich befand. Viele Möbel hatte er nicht. Ich selbst lag in einem schmalen Holzbett, neben dem ein kleiner Holztisch stand. An der gegenüberliegenden Wand stand ein voll gestopftes Regal, das ebenfalls, wie der komplette Raum, aus Holz bestand. Der Raum hatte einen Eingang, aber keine Tür. Draußen war es taghell und der gleißend blaue Himmel blendete mich. Ich kniff die Augen zusammen, als eine Gestalt den Raum betrat. Es war Tari. Sie stellte eine mit Obst gefüllte Schale auf den Tisch neben meinem Bett und wandte sich dann wieder zum Gehen. Ich richtete mich auf und ignorierte das Pochen in meinem Hinterkopf.
„Tari, warte! Wo bin ich hier?“
Tari reagierte nicht. Ich schwang mich aus dem Bett und folgte ihr nach draußen.
„Warte“, rief ich – und blieb abrupt stehen. Ich stand auf einem schmalen, umzäunten Holzweg, der um das Haus, das ich gerade verlassen hatte, führte. Dahinter befand sich nichts. Nichts, bis auf einen hunderte von Metern tiefen Abgrund.
Mit pochendem Herzen sah ich mich um und entdeckte, dass das Haus an einer Felssteilwand gebaut war. Die ganze Felswand war übersät mit diesen Holzbauten und die einzelnen Häuser waren durch wackelige Hängebrücken und Strickleitern miteinander verbunden. Auf einer dieser Hängebrücken stand Tari, die sich gar nicht daran zu stören schien, dass sie hunderte von Metern über dem sicheren Boden stand.
Ich trat auf die Brücke und bemühte mich, nicht nach unten zu sehen und das leise Knacken zu überhören.
„Tari, warte. Du kannst mich doch nicht einfach hier lassen.“
Sie ging weiter, den Blick stur geradeaus gerichtet.
„Tari, bitte“, flehte ich. Die Brücke schwankte bedrohlich, „Ich habe Angst.“
Tari blieb stehen.
Sie drehte sich um. „Dann weißt du ja, wie ich mich gefühlt habe.“
Ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen.
„Du kannst mich verstehen?“ Eine mehr als überflüssige Frage.
Sie nickte und blickte dann über ihre Schulter nach hinten.
„Geh zurück in die Hütte. Keran würde es nicht erlauben, dass du hier herum läufst.“
“Wer ist Keran?“
„Der Krieger, der dich niedergeschlagen hat“, sagte Tari, als wäre es das Normalste der Welt. Dann bugsierte sie mich zurück in die Hütte und steckte mich ins Bett.
„Da bleibst du jetzt“, befahl sie und wandte sich wieder zum Gehen. Ich griff nach ihrer Hand, um sie zurückzuhalten und sie zuckte zusammen, als hätte ich ihr einen Elektroschock verpasst. Sie wirkte jetzt wieder, wie ein Raubtier, das sich jeden Moment auf mich stürzen würde. Leiser als beabsichtigt fragte ich: „Was ist mit Professor Andrews und den anderen passiert?“
Tari zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Vielleicht irren sie irgendwo im Dschungel herum. Ein paar sind, glaube ich, tot.“
Tot! Diese Expedition entwickelte sich immer mehr zu einem Albtraum.
„Sie haben es verdient“, sagte Tari grimmig, „Sie wollte mich hier wegbringen und sie haben unsere Krieger angegriffen.“ Als sie mein schockiertes Gesicht sah, fügte sie hinzu: „Merk dir eins: Entweder du tötest – oder du wirst getötet. Halte dich daran, oder du wirst die Sonne nicht mehr oft aufgehen sehen.“
Sie drehte sich um und ging. Dieses Mal versuchte ich nicht, sie zurück zu halten. Ich starrte aus dem Fenster und überlegte mir, wie ich aus dieser Lage wieder herauskommen konnte. Diese Verrückten waren gefährlich und schreckten selbst vor Mord nicht zurück.
Die Stunden vergingen und ich wurde immer hungriger. Die Früchte sahen von Stunde zu Stunde verlockender aus, aber ich rührte sie nicht an. Tari war wütend auf mich, vielleicht sogar wütend genug, um mich zu vergiften.
Draußen war es schon lange dunkel, als ich es endlich schaffte, mit knurrendem Magen einzuschlafen.
Mein Hunger war es auch, der mich wenige Stunden später wieder weckte. Ich stieg aus dem Bett und warf dem Obst einen sehnsüchtigen Blick zu. Dann wandte ich mich dem Eingang zu. Ich musste hier weg, doch ich kam nicht weit. Tari versperrte mir den Weg.
„Hast du keinen Hunger?“, fragte sie mit einem blick auf die Früchte.
„Nein“, log ich und sprach dabei möglichst laut, um meinen knurrenden Magen zu übertönen.
Tari zuckte mit den Schultern.
„Dann eben nicht“, sagte sie, ging auf die Schale zu, nahm eine Frucht heraus und biss hinein.
„Sie sind nicht vergiftet?“
Tari hob erstaunt die Augenbrauen. „Würde ich sie sonst essen?“
Ich biss mir auf die Lippe. Offenbar hatte ich laut gedacht. Tari zog ihren Dolch aus einem Gürtel, den sie um die Hüfte trug und setzte ihn mir auf die Brust.
“Glaub mir, wenn ich dich hätte umbringen wollen, dann hätte ich es längst getan.“
Ich glaubte ihr aufs Wort. Der Dolch stach unangenehm in meine Haut und ich wollte ihre Hand packen und sie von mir wegschieben, doch als ich nach ihrem Handgelenk griff, zuckte sie zurück und verließ eilig den Raum. Ich starrte ihr verwundert hinterher. Was hatte ich jetzt davon zu halten? Einerseits bedrohte sie mich, andererseits schien sie Angst vor mir zu haben.
Ich grübelte nicht lange über Taris seltsames Verhalten und machte mich über das Obst her. Nachdem ich mich endlich gesättigt hatte, beschloss ich, mich draußen umzusehen. Höhenangst hin oder her, ich musste einen Weg hier raus finden.
Als ich das Dorf erkundete, stellte ich fest, dass es keinen Weg nach oben über die Felswand gab. Ich saß in der Falle. Resigniert machte ich mich auf den Weg zurück zu der Hütte. Unterwegs begegneten mir einige Krieger des Dorfes, die mich nicht gerade freundlich ansahen. Allerdings versuchten sie nicht, mich festzuhalten. Warum auch? Ich konnte hier nicht weg und das wussten sie.
Tari kam mich bald wieder besuchen und brachte mir eine neue Schale Obst. Sie schien mit einem Mal bester Laune zu sein und ich nutzte die Situation, um etwas aus hier herauszubekommen, das mir vielleicht weiterhelfen könnte.
„Woher kannst du eigentlich so gut Englisch?“, fragte ich sie.
„Als ich noch klein war, kam durch Zufall ein Mann namens Smith in dieses Dorf. Wie konnten ihn nicht mehr gehen lassen, weil er sonst unsere Existenz verraten hätte.“ Sie warf mir einen strafenden Blick zu. „Ihr Forscher habt einfach keinen Respekt vor dem Fremden. Alles müsst ihr untersuchen und der Öffentlichkeit preisgeben. Ich hatte Smith oft besucht, er interessierte mich und er brachte mir seine Sprache bei.“
„Wo ist dieser Smith?“, wollte ich wissen.
„Er ist nicht mehr hier.“
Ich schöpfte Hoffnung. Vielleicht gab es ja doch noch eine Möglichkeit zu entkommen. Doch dann sagte Tari: „Er ist letzten Winter gestorben.“
Mein Herz sank mir in die Hose. Das waren ja schöne Aussichten. Ich würde also den Rest meines Lebens hier bleiben müsse. Auf ewig im Dschungel verschollen. Warum wollte ich auch unbedingt an dieser Expedition teilnehmen?
Tari kam mich jeden Tag besuchen. Sie brachte mir Essen und Trinken und erzählte mir alles, was ich wissen wollte. Ich freute mich jedes Mal, wenn sie vorbei kam. Sie war die Einzige, mit der ich reden konnte.
Tage vergingen und ich verlor jegliches Zeitgefühl. Ich wusste nicht, wie lange ich nun schon im Dorf lebte, aber ich begann es zu hassen! Es machte mich wahnsinnig zu wissen, dass ich nie wieder hier herauskommen würde. Es hinderte mich niemand daran, im Dorf herumzulaufen und trotzdem war ich ein Gefangener. Als ich eines Tages wieder die Zeit damit totschlug, auf meinem Bett zu liegen und die Decke anzustarren, kam Tari zu mir.
„Komm mit“, sagte sie knapp und ging voraus. Ich folgte ihr neugierig und sie führte mich quer durch das Dorf zu einer Stelle, an der die Felswand mit Kletterpflanzen überwuchert war.
Tari sah mich eindringlich an. „Keran darf nicht erfahren, dass ich dir das zeige. Versprich mir, dass du es niemandem erzählst.“
Verspochen“, sagte ich und wurde immer neugieriger. Tari griff nach den Pflanzen und zog sie zur Seite. Dahinter befand sich nicht, wie erwartet, eine Felswand, sondern ich sah einen schmalen, dunklen Gang, der ins Felsinnere führte.
Tari stieg in den Gang und ich folgte ihr mit einem leicht mulmigen Gefühl.
Je weiter wir in den Fels eindrangen, desto dunkler wurde es. Es ging bergauf und ich orientierte mich an Taris Schritten. Nach einigen Minuten konnte ich meine Umgebung wieder einigermaßen erkennen. Es wurde heller und Sekunden später standen Tari und ich wieder im Tageslicht. Ich sah mich um.
„Wo sind wir?“, fragte ich, doch meine Frage beantwortete sich von selber. Ich blickte hinter mich und sprang erschrocken zurück, weg von dem Abgrund. Wir standen auf der Felsklippe, unter uns lag das Dorf.
„Ich darf dir diesen Geheimgang eigentlich nicht zeigen. Die anderen befürchten, dass zu flüchten würdest.“
„Woher weißt du, dass ich es jetzt nicht versuche?“
Sie lächelte mich traurig an. „Du würdest im Dschungel keine zwei Tage überleben.“
Womit sie Recht hatte. Es war wieder dasselbe Prinzip. Ich konnte gehen, wohin ich wollte und war trotzdem noch ein Gefangener. Es war zum Verzweifeln. Und trotzdem dankte ich ihr dafür, dass sie mir den Gang gezeigt hatte. Es war eine willkommene Abwechslung. Tari und ich schlichen uns von nun an fast täglich aus dem Dorf und durchstreiften das Unterholz. Ich erzählte Tari dabei mehr, als ich meinem eigenen Tagebuch anvertraut hätte, wenn ich eins geführt hätte.
Die Tage vergingen und ich hatte es eigentlich nicht schlecht im Dorf. Ich wurde gut behandelt, hatte keine Verpflichtungen und die Erkundungen im Urwald brachten Abwechslung in meinen Alltag. Dennoch spielte ich jeden Tag mit dem Gedanken, zu flüchten. Warum ich es nicht tat? Aus zwei Gründen: Selbst wenn mir die Flucht gelang, ich hatte keine Ahnung, wohin ich gehen sollte. Alleine war ich im Dschungel aufgeschmissen. Der zweite Grund war, dass Tari erhebliche Schwierigkeiten bekommen würde und das wollte ich ihr nicht antun. Also blieb ich.
An einem dieser Tage, wo Tari und ich wieder den ganzen Tag außerhalb des Dorfes verbracht hatten, dämmerte es schon, als wir uns wieder durch den Geheimgang zurück schlichen.
Es erstaunte mich immer wieder, dass die anderen Dorfbewohner wegen unserer ständigen Abwesenheit nicht misstrauisch wurden. Keiner schien es zu merken, dass wir oft Stunden nicht im Dorf waren und das wunderte mich. Doch solange keiner misstrauisch wurde, konnte ich wenigstens gehen, wohin ich wollte.
Wir betraten den Tunnel. Es war wie immer stockdunkel, doch dieses Mal übernahm Tari nicht die Führung. Ich kannte den Tunnel mittlerweile so gut, dass ich allen Stolperfallen mühelos ausweichen konnte.
Mit einem Mal prallte ich gegen etwas Großes, Schweres. Hinter mit stieß Tari einen erstickten Laut aus. Ich tastete den Felsen verwundert ab. Der war doch vorher noch nicht dagewesen?!
War er auch nicht, denn plötzlich packte mich der Felsen und zog mich ins Licht. Es war Keran!
Habe ich mich gewundert, dass die Dorfbewohner nicht misstrauisch wären? Tja, ich wünschte, sie wären es wirklich nicht. Seitdem Keran mich erwischt hatte, war das Leben im Dorf nicht gerade das, was man ein Leben nennen konnte. Seit drei Tagen saß ich schon ind er Hütte fest und wurde bewacht. Von Tari hatte ich in der Zeit nichts gehört. Ich hoffte, dass sie wegen mir keine Schwierigkeiten bekam, doch wahrscheinlich hoffte ich umsonst. Wieder einmal verfluchte ich mich dafür, dass ich überhaupt auf diese dämliche Expedition mitgekommen war.
Während ich vor mich hingrübelte, legte sich plötzlich eine Hand auf meinen Mund. Ich wirbelte herum. Tari stand hinter mir und legte ihren Finger auf die Lippen.
„Sei still“, flüsterte sie, „Ich darf eigentlich gar nicht hier sein.“
Ich war so überglücklich sie zu sehen, dass ich sie spontan umarmte und dieses Mal zuckte sie vor der Berührung nicht zurück. Dennoch merkte ich, dass sie sehr angespannt war. Ich ließ sie los und sah sie an.
„Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Hat Keran dir was getan?“
Sie schüttelte energisch den Kopf, doch der blaue Fleck auf ihrer Wange erzählte eine andere Geschichte. Ich streckte meine Hand danach aus, doch sie wich mir aus.
„Was willst du hier?“, fragte ich sie.
Tari lief zur Tür. „Dich hier wegbringen. Komm mit!“
Ich zögerte. „Was ist mit den Wachen?“
“Die schlafen. Als ich ihnen Essen brachte, ist mir aus Versehen einen Pflanze mit betäubender Wirkung hiningefallen.“
Ich folgte ihr und stellte fest, dass die Wachen tatsächlich schnarchend auf dem Boden zusammengesunken waren.
Es war Nacht und wir kamen unbemerkt durch den Geheimgang aus dem Dorf heraus. Tari drängte mich immer mehr zur Eile und ich verstand erst nicht warum, bis ich Stimmen hörte.
„Die Expedition“, stieß ich hervor.
Tari schüttelte den Kopf. „Ein Suchtrupp.“
Sie sah mich an. Ihre Augen glänzten mehr als sonst und sie blinzelte verdächtig oft.
„Und jetzt verschwinde, bevor ich es mir anders überlege“, sagte sie mit brüchiger Stimme.
„Aber was ist mit Keran?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Was soll schon mit ihm sein? Dir ist eben durch Zufall die Flucht gelungen. Was habe ich damit zu tun? Die Wachen werden nie zugeben, dass sie geschlafen haben?“
Plötzlich stand sie nicht mehr neben mir, sondern verschwand zwischen den Bäumen. Der Grund dafür kam mit wehenden Haaren auf mich zumarschiert.
„Jerry, Gott sei Dank, da bist du ja. Ich bin fast krank geworden, vor lauter Sorge um dich.“
Unglaublich aber war, das kam von Pat, die offenbar alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um mich zu finden. Wie es aussieht bin ich jetzt kein Loser mehr für sie. Es ist echt erstaunlich, wie schnell Menschen ihre Meinung ändern. Lass dich von ein paar Dschungelbewohnern entführen und schon liegen dir die Frauen zu Füßen.
Ich sah zögernd zu Tari hinüber. Sie hatte sich hinter einem Baum versteckt und legte beschwörend den Finger auf die Lippen. Pat scharwenzelte immer noch um mich herum.
„Jerry, ist alles in Ordnung? Du bist so komisch.“
Ich schüttelte nur den Kopf und ging dem Suchtrupp entgegen. Nicht, um endlich nach Hause zu kommen, das war mir jetzt nicht mehr wichtig. Ich wollte nur nicht, dass Tari entdeckt wurde.
Nach der Rettungsaktion aus dem Dschungel dauerte es nur noch wenige Tage, bis meine Familie mich am Flughafen in New York überglücklich in Empfang nahm. Ihnen, und auch allen anderen, erzählte ich, dass ich nach dem Angriff aus dem Lager gelaufen wäre und mich im Dschungel verlaufen hätte. Alle kauften mir diese Geschichte ab, alle bis auf Pat, doch das war mir egal. Sogar Pat selber war mir mittlerweile egal.
Ich traf sie einige Wochen später, als sie mit ihren Freundinnen Einkaufen ging. Lächelnd kam sie auf mich zu und die Mädchen, die bei ihr waren, kicherten. Wer weiß, was Pat ihnen über mich erzählt hatte.
„Hi Jerry“, säuselte sie zuckersüß, „Wie fühlst du dich nach diesem schrecklichen Erlebnis?“
Normalerweise wäre ich in den 7. Himmel abgehoben und hätte angefangen zu stottern. Stattdessen antwortete ich: „Viel zu gut für dich.“ Und ließ sie mit ihrem dummen Gesicht und den noch dümmeren Freundinnen stehen.
Zufrieden machte ich mich auf den Weg nach Hause. Verhaltenspsychologie würde ich auf jeden Fall abwählen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.08.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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