Claude Peiffer

Mick Yann und der Schatz im Grottensee

1. Der Ausflug

„Los aufstehen, du Schlafmütze! Wir wollen doch zur Grotte von Hanglos fahren!“

Mit diesen Worten scheuchte Micks Mutter ihren Sohn am frühen Morgen aus dem Bett. Die Sonne strahlte schon durch das Dachfenster unter dem Micks Bett stand. Für den zehnjährigen Jungen, war halb acht an einem schulfreien Tag, jedoch noch mitten in der Nacht. Nur schwerfällig kam Mick aus den Federn, rieb sich die Augen und wankelte verschlafen ins Badezimmer. Nach einer Katzenwäsche und mit zuviel Gel in den braunen Haaren betrat er ein paar Minuten später das Wohnzimmer, wo auf dem Tisch ein ausgiebiges Frühstück stand.

Plötzlich war Mick hellwach. Am Tisch saßen sein großer Bruder Klaus und dessen Frau Franzi. Freudig umarmte er die beiden seltenen Besucher.

„Fahrt ihr auch mit zur Grotte?“, fragte er sofort und stieß einen begeisterten Jubelschrei aus, als die beiden bejahten. „Klasse! Ich fahre bei euch ihm Auto mit“, stellte er umgehend klar. Klaus fuhr einen schnellen Sportwagen und keine so lahme Ente wie sein Vater Heinz. „Wir sind sicher viel früher an der Grotte als unsere Eltern.“

Klaus grinste sichtlich zufrieden als er antwortete:

„Wären wir bestimmt. Doch leider müssen wir Vater mit seinem Laubfrosch im Auge behalten. Du weist doch, dass er sich in letzter Zeit immer verfährt.“

„Ihr seit zwei Kunstbanausen“, knurrte ihr Vater und biß herzhaft in ein belegtes Brötchen. Ein paar Brotkrümel blieben an seinem dichten grauen Vollbart hängen, worüber sich seine Frau aufregte. So ergab ein Wort das andere und schließlich endete das gemeinsame Frühstück in einer hitzigen Diskussion, so wie jedesmal, wenn die ganze Familie zusammen an einem Tisch saß.

Eine halbe Stunde später saßen sie alle gutgelaunt in den Autos und waren unterwegs nach Hanglos.

Die Fahrt dorthin dauerte fast zwei Stunden. Unterwegs fuhren sie am Space-Center vorbei. Aus dem Auto heraus konnte Mick das kleine Model eines Shuttles bewundern. Klaus mußte ihm versprechen, ihn einmal dorthin mitzunehmen.

Das fiel seinem großen Bruder leicht. Als begeisterter Anhänger von allem, was mit Sternen und Raumfahrt zu tun hatte, kannte Klaus das Center ziemlich gut. Als er vor zwei Jahren während seiner Amerikareise das Raumfahrtzentrum der NASA in Florida besuchte, hatte er sogar den Start eines richtigen Shuttles miterlebt.

Mick würde seinen Bruder einmal nach Amerika begleiten. Doch bis dahin mußte der aufgeweckte Junge sich mit der Grotte von Hanglos begnügen.

2. Die Grotte

Endlich hatten sie ihr Ziel erreicht. Klaus bog mit seinem roten Flitzer auf den Parkplatz, gefolgt vom Wagen seines Vaters. Kaum hatten sie die Autos verlassen, entdeckte Mick auch schon den alten roten Dieseltriebwagen, der auf dem einzigen Gleis des kleinen Bahnhofs neben dem Parkplatz stand.

„Fahren wir auch mit dem?“, wollte Mick von Klaus wissen.

„Na klar“, grinste sein Bruder, der Micks besonderes Interesse an alten Zügen genau kannte. „Der bringt uns hinauf zur Grotte.“

„Du spinnst ja!“, behauptete Mick, der den Zug nicht so richtig mit der Grotte in Verbindung bringen konnte.

„Warte ab!“, lachte Klaus und versuchte den aufgedrehten Jungen zu beruhigen.

Doch dazu war Mick viel zu aufgeregt. Er rannte gleich zum Bahnsteig, wo der Triebwagen stand und musterte ihn genau. Klaus und Franzi folgten ihm, während ihre Eltern sich um Fahrscheine und Eintrittskarten kümmerten.

Sie waren gerade zum richtigen Zeitpunkt angekommen. Der nächste Zug zur Grotte würde in zehn Minuten abfahren. Mick war von der ratternden Fahrt hoch zur Grotte begeistert. Eine gute Viertelstunde dauerte das Vergnügen. Aus dem Zug heraus konnte Mick die wilden Tiere des Safariparks sehen, der gleich neben dem Dorf Hanglos lag.

Plötzlich ertönte ein lauter schriller Pfiff. Der Lokführer kündigte die Ankunft des Zuges am Grotteneingang an. Noch bevor der Zug zum Stillstand kam, befand sich Mick bereits bei der Ausgangstür. Schnell hatte er sich an den anderen Fahrgästen vorbei gedrängt und wartete nun ungeduldig auf seine Familie. Als die endlich kam, erschien aus dem Grotteneingang ein Mann, der fast wie ein Bergsteiger gekleidet war und sie durch die Grotte führen würde.

Mick war etwas enttäuscht. Er hatte sich vorgestellt, mit seinem großen Bruder alleine, die geheimen Gänge der Grotte zu durchstöbern. Und nun waren all diese Leute dabei. Mürrisch folgte er seiner Familie und dem Führer in die Grotte hinein.

Schon nach den ersten paar Meter war Mick wieder hell begeistert von ihrem Ausflug. Die Grotte war nur schwach beleuchtet und der freundliche Führer, der den Namen Edi trug, erklärte ihnen, wie sie sich in ihr verhalten sollten. Er deutete noch auf verschiedene andere Sachen hin, aber die interessierten ihn nicht.

Erst als Edi auf die Bewohner der Höhle zur sprechen kam, wurde Mick wieder hellhörig. Ratten, Fledermäuse, riesige Spinnen und anders Kriechzeug konnten einem hier über den Weg laufen, beziehungsweise fliegen, hüpfen oder springen.

Nachdem Edi seinen Vortrag beendet hatte, ging es endlich los. Die ganze Gruppe setzte sich in Bewegung und schon nach wenigen Minuten stiegen sie in die unheimliche Tiefe der Grotte hinab.

Plötzlich schrie eine junge Frau auf und auch Franzi zuckte zusammen. Eine ziemlich große Fledermaus war nur knapp an ihrem Kopf vorbei geflogen.

„Beißen die auch?“, fragte Mick seinen Bruder.

Bevor dieser antworten konnte, erklärte ihm Edi bereits, dass Fledermäuse nur harmlose Zeitgenossen wären. Die Menschen waren Eindringlinge in ihre natürliche Unterkünfte und wahrscheinlich hatten die Fledermäuse mehr Angst vor uns, als wir vor ihnen.

3. Eine wundersame Welt

Nach diesem kurzen Zwischenfall setzte die Gruppe ihre Besichtigungstour fort. Sie kamen in eine ziemlich große Höhle, die von Edi als kleiner Dom bezeichnet wurde. Er erklärte ihnen auch den Unterschied zwischen Stalagtiten und Stalagmiten. Beides waren Gesteinsformen. Stalagtiten wuchsen aus der Decke heraus und tropften im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende allmählich zu Boden. Aus ihren Tropfen entstanden die Stalagmiten.

Mick hatte das schon irgendwo gehört. Dafür schenkte er seine ganze Aufmerksamkeit einem fernen Geräusch.

„Hörst du dieses Rauschen auch?“, fragte er seinen großen Bruder aufgeregt.

„Das ist ein unterirdischer Fluß“, klärte ihn Klaus auf.

„Ein Fluß mitten in diesem Berg?“

Mick war verblüfft. Die Führung ging weiter und führte durch einen schmalen Stollen, der gleich hinter einer Biegung an einer Schlucht endete. Gut dreißig Meter tiefer brauste der von Klaus angekündigte Fluß unter einer alten Brücke hindurch. Einige Meter weiter verschwand er wieder mitten in einer breiten Felswand.

Der Lärm, den die Strömung verursachte, war so laut, dass es unmöglich war, sich miteinander zu verständigen. Feuchtigkeit hatte sich an den Planken der Holzbrücke niedergelassen. Mick mußte gut aufpassen, dass er nicht ausrutschte und in den Fluß hinab stürzte. Mick erinnerte diese Situation an einen alten Indianerfilm, in dem eine Gruppe von Bleichgesichtern in einer Höhle nach einem verschollen Schatz suchte.

Nachdem sie die Brücke überquert hatten, kamen sie in eine andere große Höhle, in deren Mitte ein paar Reihen mit Holzbänken standen.

„Was passiert jetzt?“, versuchte Mick seinen Bruder auszuquetschen. Er wußte, dass Klaus schon ein paarmal, die Tour durch die Grotte mitgemacht hatte und über alles genau im Bilde war.

„Jetzt kommt ein Lehrer, der uns in Grottenkunde unterrichtet“, verkündete Klaus todernst. „Du mußt jetzt ganz gut aufpassen. Nachher bekommen alle Kinder der Gruppe Fragen gestellt. So eine Art Prüfung, verstehst du?“

„Sei doch nicht blöd“, meinte darauf hin seine Frau Franzi. „Es kommt bestimmt kein Lehrer“, beruhigte sie Mick, der deutlich erleichtert aufatmet.

Edi forderte sie auf, sich hinzusetzen und erzählte ihnen irgend etwas über Akustik. Mit dem Wort konnte Mick nichts anfangen und er fragte Franzi, was er damit meinte.

„Wenn ein Raum oder ein Saal eine gute Akustik hat, ist er zum Musik hören bestens geeignet“, erklärte sie ihm.

Weiter kam sie in ihren Erläuterungen nicht.

Plötzlich gingen die Lichter in der Höhle aus und von überall her ertönte laute, aber angenehme Musik. Die völlige Dunkelheit wurde ab und zu von farbigen Lichtprojektionen an den glatten Höhlenwänden unterbrochen. Das Ganze wirkte fast gespenstisch, aber zugleich auch wunderschön.

Leider dauerte das Spektakel nur fünf Minuten. Viel zu kurz für solch eine Superschau. Nach dieser kurzen Pause ging der Marsch durch die

Grotte mit ihren zahlreichen Wundern weiter.

4. Typisch Mick

Es dauerte nicht lange, bis ihnen das nächste Schauspiel geboten wurde. Sie erreichten gerade die größte Höhle der Grotte, als wiederum die Lichter ausgingen. Ganz oben, gut hundert Meter von ihnen entfernt entzündete jemand eine Fackel, die nur als schwacher Lichtpunkt zu erkennen war. Dann bewegte sich die Fackel plötzlich von einer Seite zur anderen und kam immer näher.

Die staunenden Besucher bekamen erklärt, dass vor langer Zeit, bereits vor der Erfindung der Gaslaternen, die Menschen so die Höhlen von Hanglos erforscht hätten. Sehr oft waren die Höhlenforscher auf Spuren von früheren Höhlenbewohnern gestoßen. Während dem letzten Krieg zum Beispiel hatten sogar viele Leute aus dem Dorf ihre Wertsachen hier vor Plünderern versteckt.

Seit dieser Zeit existierte auch das Gerücht, ein reicher Kaufmann hätte sein ganzes Gold hier versteckt und es nicht mehr wiedergefunden. Einige Schatzsucher hatten ihr Glück versucht, doch keiner hatte etwas gefunden.

Als die Gruppe ihre Besichtigung fortsetzte, kreiste in Micks Kopf immer noch die Sache mit dem Schatz herum. Es konnte doch nicht so schwer sein, ihn zu finden. Mick hörte nun den Erklärungen von Edi gar nicht mehr zu. Seine ganze Aufmerksamkeit schenkte er nur seiner Umgebung. Vielleicht konnte er irgendwo den Schatz entdecken.

Kurz bevor die Führung endete erreichte die Gruppe einen steilen Abhang. Eine steinerne Treppe führte hinab zu einem seichten See, in den der unterirdische Fluß - der vor kurzen wieder aus den Felsen aufgetaucht war - mündete und anschließend aus der Grotte führte. Unten am Seeufer lagen drei lange Holzboote.

„Mit denen werden wir die Grotte auf dem Fluß verlassen“, teile Klaus seinem kleinen Bruder mit.

Mick hört ihm jedoch nicht zu. Seine Adleraugen hatten ein merkwürdiges Schimmern im See entdeckt. Die Gruppe stieg die Treppen hinab, wo sie in die Boote einstieg. Mick hielt immer noch nach dem komischen Schimmern im Wasser Ausschau. Als sich die Boote im Mitten des Sees befanden erhob sich Mick und deutete mit seiner Hand an eine bestimmte Stelle im flachem Wasser. Gerade als er die Leute auf seinen Fund aufmerksam machen wollte, gab es in der Hölle einen gewaltigen Knall. Mick verlor vor Schreck das Gleichgewicht und stürzte ins Wasser.

„Mick!“, schrie seine Mutter besorgt auf.

Edi stand bereits im Boot und hielt dem Jungen eine lange Metallstange hin. Anscheinend war dies nicht der erste Vorfall dieser Art. Mick griff nach der Stange und Edi zog in ans Boot heran, wo Micks Vater und Klaus ihm hinein halfen.

Einige Leute aus der Gruppe lachten. Der laute Knall war nichts anderes gewesen, als ein Schuß aus einer alten Kanone, der die Besucher von ihrer Tour verabschieden sollte. Ein Jux, um die Leute zu erschrecken, und durch den Mick ins Wasser gefallen war.

„Ist dir nichts passiert“, erkundigte sich seine Mutter erleichtert. „Mit dir hat man aber nichts als Ärger.“

„Ich habe den Schatz gefunden“, strahlte Mick trotz der eisigen Kälte des Wassers über das ganze Gesicht. Seine zitternde Hand hielt einen goldenen Kelch fest umklammert.

Den staunenden Grottenbesuchern hatte es die Sprache verschlagen. Der kleine Junge hatte doch tatsächlich einen Teil des seit über 50 Jahren vermißten Schatzes gefunden. Selbst Edi fand keine Worte.

Inzwischen hatten die Boote das andere Seeufer und somit den Grottenausgang erreicht. Dort wurde Mick in eine dicke warme Decke gewickelt und schnell ins Besucherzentrum gebracht, wo sich ein Sanitäter um ihn kümmerte. Der konnte aber keinen Verletzungen entdecken. Eine leichte Erkältung würde er sicher davon tragen, aber das war die Sache Wert gewesen.

Nach knappen Stunde verließ er zusammen mit seiner Familie das Besucherzentrum. Auf dem Parkplatz kam ihnen Edi in Begleitung eines aufgeregten Pfarrers entgegen.

Edi erklärte ihnen, dass Mick einen, seit dem letzten Krieg verschollen Kelch der hiesigen Kirche aus dem Wasser gefischt hätte. Das Stück war sehr wertvoll. Mick würde bestimmt eine Belohnung erhalten. Im Auftrag des Pfarrers begleitete der Führer Mick und seine Familie in ein Restaurant, wo sie auf Kosten der Kirche eine üppige Mahlzeit zu sich nahmen. Anschließend fuhren sie nach all der Aufregung heim.

Zwei Tage später erschien bei ihnen zu Hause ein Kamerateam von TV-Wort, das den kleinen Mick interviewte. Erst als die ganze Sache im Flimmerkasten gezeigt wurde, kauften ihm seine Klassenkameraden das Abenteuer um den Schatz im Grottensee ab und feierten ihn als Helden.

E N D E

Micks Abenteuer gehen weiter in:

Mick Jann und die Blauen Bienen

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.08.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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